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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Politik auf der Bühne

Künstler mögen das Kultur- und Kongresszentrum KKL in Luzern. Die Akustik in dem Multifunktionsbau soll großartig sein. Rund 500 Veranstaltungen finden jedes Jahr dort statt. Freunde überirdischen Soprangesangs kommen nun aber nicht wie geplant auf ihre Kosten. Die russische Sängerin Anna Netrebko wurde vor wenigen Tagen ausgeladen. Sie hätte Anfang Juni im KKL auftreten sollen.

Netrebko wird es überleben. In Mailand stehen ihr die Bühnen offen, Salzburg hat sie vor einiger Zeit empfangen. Luzern mag für Schweizer Verhältnisse eine Adresse ein, international fehlt dafür noch ein bisschen. Aber hier geht es nicht um existenzielle Nöte einer einzelnen Künstlerin. Der springende Punkt ist die grassierende Cancel Culture, die in diesem Fall sogar staatlich gefördert wurde.

Druck von Stadt und Kanton

Denn vieles spricht dafür, dass die Betreiber des KKL die Veranstaltung gerne durchgeführt hätten. Irgendwann wurde der politische Druck aber zu groß. Der Kanton und die Stadt Luzern haben diesen in einer koordinierten Aktion ausgeübt. Man habe gegenüber den Verantwortlichen „unmissverständlich die Erwartung geäußert, dass das geplante Konzert abzusagen sei“, sagte der zuständige Regierungsrat gegenüber Medien. Das KKL gäbe es ohne öffentliche Gelder kaum, und entsprechend funktionierte die Drohgebärde tadellos. 

Was hat sich Anna Netrebko zuschulden kommen lassen? Ihr wird eine „Nähe zu Putin“ unterstellt. Dass die bekannteste Sopranistin des Landes auch schon vor dem Präsidenten gesungen hat, scheint dafür ein reichlich magerer Beleg. Deshalb müssen härtere Argumente her. Die Luzerner Regierung hält fest, die Künstlerin – die sich notabene auch schon öffentlich gegen den Krieg gegen die Ukraine ausgesprochen hat – sei „mutmaßlich regimetreu“.

Nun könnte man natürlich fragen, ob die Regierung eines Schweizer Kantons mit rund 400.000 Einwohnern dazu berufen ist, Russland als Staat einzuordnen. Oder auch, wie es „regimetreu“ definiert. Es klingt nach nachgeplapperten Allgemeinplätzen, mit denen die eigentlichen Absichten übertüncht werden sollen.

Ruhe vor der „Friedenskonferenz“

Denn Mitte Juni soll ebenfalls im Kanton Luzern eine „Friedenskonferenz“ in der Ukraine-Sache stattfinden, wobei mit Russland eine der beiden Kriegsparteien fehlt und das Ganze damit etwas absurd anmutet. Man kann aber davon ausgehen, dass die Luzerner Behörden im Vorfeld dieses Anlasses, der globale Beachtung finden wird, schlicht und einfach keine russische Sängerin auf einer ihrer Bühnen haben wollten.

Sicherheitshalber wird auch noch das Argument der „öffentlichen Sicherheit“ ins Spiel gebracht. Was hätte alles passieren können, wenn man Anna Netrebko auf die Bühne gelassen hätte? Vermutlich nichts, wie ihre bisherigen Auftritte zeigten. Möglicherweise wäre der eine oder andere Unterstützer der Ukraine mit einem Plakat vor dem KKL gestanden, aber als öffentliche Gefährdung wären diese kaum wahrgenommen worden.

Zur etwa gleichen Zeit besuchte Julija Nawalnaja, die Witwe des vor wenigen Wochen verstorbenen russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, die Universität St. Gallen. Sie genoss Polizeischutz, aber nirgends war davon zu lesen, dass man sich Sorgen um die öffentliche Sicherheit machte. Dabei müsste doch nach offizieller Lesart ihr Auftauchen eine viel größere Gefahr provozieren, da diese ja von russischer Seite ausgehen soll. Wenn die Ukrainer die friedliche Seite sind, was hätte dann Anna Netrebko drohen sollen?

Ein Schweizer Kanton will Geopolitik spielen

Die Gegenüberstellung zeigt, dass es vorgeschobene Gründe sind. Die Behörden in Kanton und Stadt Luzern wollten schlicht nicht mit einer Künstlerin aus Russland in Verbindung gebracht werden. Sie wollen sich vor der Weltöffentlichkeit als politisch sauberer Ort präsentieren. Bei diesem Unterfangen suggerierten sie ganz nebenbei, dass ein Weltstar den Schweizer Lokalpolitikern gefälligst zuerst eine Distanz zu einem Regime beweisen müsse, bevor er einen Fuß auf die Bühne setzen darf. 

Vielleicht nehmen sich die Luzerner damit ein bisschen zu wichtig. Im besten Fall haben sie bewiesen, dass sie von Themen wie der Raumplanung im Kanton oder den Finanzen der Krankenhäuser gelangweilt sind. Deshalb möchten sie etwas Geopolitik spielen, sind im tiefsten Innern aber nur eines: über alle Maßen provinziell.

 

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Kommentare

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Heinz Ammann
Vor 3 Wochen 2 Tage

Grundsätzlich wieder so ein beschämendes Beispiel, wie erbärmlich alle Behörden und sonstige Machtwürstchen bei uns vor den Kriegstreibern weltweit, der EU und im eigenen Land zu Kreuze kriechen. Einfach nur widerlich!
Aber das mit der "öffentlichen Sicherheit" ist schon etwas verdreht.
Ich gehe darin einig, dass dieses Argument in erster Linie vorgeschoben ist.
Es ist aber durchaus denkbar, dass sich aufgebrachte Personen vor dem KKL formieren könnten ob des "Besuchs" einer russischen Künstlerin. Nur dürften das mit Sicherheit "eigene" Gutmenschen und weitere verblendete Idioten sein, die einfach hinter dem Narrativ unserer Regierung und dem restlichen Westen stehen. Schafe halt.
Also, etwas Hektik hätte schon aufkommen können vor dem KKL!
Aber eben, im Umkehrschluss hätte ja dieser geblendete Mob in St. Gallen Julija Nawalnaja frenetisch zujubeln müssen. Wieso also Polizeischutz? Wegen ein paar "bösen Russen", die, wenn überhaupt, einen Tropfen auf den heissen Stein ausmachen gegenüber der schieren Mehrzahl an Ukrainern, die sich in unserem Land verschanzen, bis der letzte Landsmann im eigenen Land das Leben für einen aussichtslosen Krieg geopfert hat ... resp. opfern musste!
Nein, es hätte schon etwas Unruhe geben können, aber das gibt es ja bei JEDEM Fussballspiel auch, und da fragt keiner nach und wird niemand "ausgeladen". Kein Thema!
Und wenn? Eine neutrale und souveräne Schweiz könnte so ein bisschen "Unruhe" vor dem KKL mit neutraler Souveränität wohl problemlos in den Griff bekommen ... wenn sie eben noch neutral und souverän wäre.
Aber das ist halt wie in der Schule: Wenn man gute Noten durch Abschreiben hat und danach niemanden mehr neben sich hat zum Abschreiben, wird es plötzlich eng ... was da noch auf unsere Politiker zukommt, wenn sie mal nicht mehr "abschreiben" resp. nachplappern können?!

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Heinz Ammann
Vor 3 Wochen 2 Tage

Grundsätzlich wieder so ein beschämendes Beispiel, wie erbärmlich alle Behörden und sonstige Machtwürstchen bei uns vor den Kriegstreibern weltweit, der EU und im eigenen Land zu Kreuze kriechen. Einfach nur widerlich!
Aber das mit der "öffentlichen Sicherheit" ist schon etwas verdreht.
Ich gehe darin einig, dass dieses Argument in erster Linie vorgeschoben ist.
Es ist aber durchaus denkbar, dass sich aufgebrachte Personen vor dem KKL formieren könnten ob des "Besuchs" einer russischen Künstlerin. Nur dürften das mit Sicherheit "eigene" Gutmenschen und weitere verblendete Idioten sein, die einfach hinter dem Narrativ unserer Regierung und dem restlichen Westen stehen. Schafe halt.
Also, etwas Hektik hätte schon aufkommen können vor dem KKL!
Aber eben, im Umkehrschluss hätte ja dieser geblendete Mob in St. Gallen Julija Nawalnaja frenetisch zujubeln müssen. Wieso also Polizeischutz? Wegen ein paar "bösen Russen", die, wenn überhaupt, einen Tropfen auf den heissen Stein ausmachen gegenüber der schieren Mehrzahl an Ukrainern, die sich in unserem Land verschanzen, bis der letzte Landsmann im eigenen Land das Leben für einen aussichtslosen Krieg geopfert hat ... resp. opfern musste!
Nein, es hätte schon etwas Unruhe geben können, aber das gibt es ja bei JEDEM Fussballspiel auch, und da fragt keiner nach und wird niemand "ausgeladen". Kein Thema!
Und wenn? Eine neutrale und souveräne Schweiz könnte so ein bisschen "Unruhe" vor dem KKL mit neutraler Souveränität wohl problemlos in den Griff bekommen ... wenn sie eben noch neutral und souverän wäre.
Aber das ist halt wie in der Schule: Wenn man gute Noten durch Abschreiben hat und danach niemanden mehr neben sich hat zum Abschreiben, wird es plötzlich eng ... was da noch auf unsere Politiker zukommt, wenn sie mal nicht mehr "abschreiben" resp. nachplappern können?!