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Professor Wilhelm Gössmann als Wegweiser in die Freiheit

Über die Literatur der Romantik zum Schöpferglauben gefunden

Im deutschsprachigen Raum wird derzeit der 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann (1926–1973) vermarktet. Das erinnert unweigerlich an den Literaturdidaktiker an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Wilhelm Gössmann (1926–2019).

Während meiner Studienzeit (1989–1996) lernte ich am Lehrstuhl Gössmann wohlwollend, aber kritisch mit der deutschen Literatur umzugehen. In einem seiner Hauptseminare behandelten wir auch Ingeborg Bachmann. Während Bachmann in ihrem Werk die destruktive Sprachgewalt und das weltliche Leiden zelebrierte, lehrte Gössmann die Literatur als ein Werkzeug der Heilung, des Aufbruchs und der aktiven Lebensbejahung.

Weder Bachmann noch Max Frisch sprachen mich an. Wegen ihrer persönlichen Erfahrungen hielt Bachmann Männer für „unheilbar krank“. Leider wurde sie in deren Nähe noch kränker, so dass sie früher starb als ihre bekannten Liebhaber.

Zur geistigen Entgiftung von der totalitären Indoktrination angeregt

Gegenüber Bachmann war Gössmann nicht so kritisch wie ich. Überhaupt war Gössmann als bekennender Kulturchrist viel zu tolerant, um den Roman „Malina“ oder deren Verfasserin zu kritisieren.

Ingeborg Bachmann, 1962

Gössmann war nicht nur mein Doktorvater, sondern auch mein Wegweiser in die Freiheit. Als ich ihm 1995 die erste Fassung meiner Dissertation über die „Frauenbilder der Romantik – Sophie Mereau-Brentano, Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine“ zeigte, verlangte er von mir eine chinesische Prägung. Damit hat er mich nicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb assimiliert, sondern zur geistigen Entgiftung von der totalitären Indoktrination angeregt.

Was für ein Paradox: Dank eines deutschen Professors habe ich meine chinesische Identität in Deutschland gefunden.

Es ist meine Identifikation mit der chinesischen Tradition, die es mir unmöglich macht, jemals wieder in einer totalitären Diktatur leben zu können. Gössmann bescherte mir einen Befreiungsschlag, mit dem ich meine geistige Entwurzelung durch die kommunistische Indoktrination beenden konnte. Er schickte mich auf die Suche nach den chinesischen Wurzeln, die ich dank ihm über die deutsche Sprache finden durfte.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“

Wilhelm Gössmann lebte fast doppelt so lang wie Ingeborg Bachmann. Im Kontrast zu ihm konnte ich Ingeborg Bachmann besser einordnen. Die Namensgeberin des Literaturpreises ist weit von einem solchen Horizont entfernt, auch wenn um sie viel Lärm gemacht wird. Dennoch lernte ich auch die positive Seite von Ingeborg Bachmann kennen. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ lautet ihre berühmte Auffassung. Bei mir dreht es sich im Leben wie im Schreiben ebenfalls nur um die Wahrheitsfindung. Ich schreibe aus Liebe, um den Lügen entgegenzuwirken.

Prof. Dr. Wilhelm Gössmann (1926–2019) im Jahr 2015

Vor Gössmanns Tod im Jahr 2019 war ich intensiv darin eingebunden, die kommunistische Geschichtsverfälschung aufzuzeigen. Als Gössmann starb, war ich gerade für diese Forschungsarbeit als Gastforscher an der Historischen Fakultät der Nationaluniversität Taiwan. Erst nachdem ich zum 30. Gedenktag des Tiananmen-Massakers über Hongkong nach Köln zurückkehrte, erfuhr ich von seinem Tod. Dies löste in mir eine tiefe Reflexion aus.

Ohne Gössmann hätte ich Heines transzendente Dimension nicht begriffen

Gössmanns Heimgang öffnete mir den Blick für Heines (1797–1856) offizielles Testament vom März 1851. Ohne Gössmann hätte ich das Vermächtnis des Namensgebers unserer Universität nicht in seiner transzendenten Dimension begriffen:

„Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele. Ich bedaure, in meinen Schriften zuweilen von heiligen Dingen ohne die ihnen schuldige Ehrfurcht gesprochen zu haben, aber ich wurde mehr durch den Geist meines Zeitalters als durch meine eigenen Neigungen fortgerissen. Wenn ich unwissentlich die guten Sitten und die Moral beleidigt habe, welche das wahre Wesen aller monotheistischen Glaubenslehren ist, so bitte ich Gott und die Menschen um Verzeihung.“

Das ist die Quintessenz von Heinrich Heine, an dem ich die Literatur messe. Diese Erkenntnis konnte ich nur mit Hilfe von Wilhelm Gössmann gewinnen.

Seit seinem Tod bin ich damit beschäftigt, sein Leben und Wirken noch eingehender kennenzulernen. Bei Gössmann haben etwa 35 Literaturwissenschaftler promoviert. Als ich bei ihm meine Magisterarbeit schrieb, war er offiziell schon pensioniert. Dennoch bat ich ihn um Aufnahme, weil er gutmütig, aber scharfsinnig war.

Auf den Schultern Heinrich Heines und der Droste

Gössmann besaß einen feinen, tiefgründigen Humor. Er sagte einmal im Seminar, ich müsse wohl in einem Vorleben schon einmal Deutsch gesprochen haben. Vielleicht deswegen lebe ich in Deutschland inzwischen 14 Jahre länger als in Sichuan. In diesem Jahr feiere ich als deutsche Verfassungspatriotin chinesischer Herkunft mein 30-jähriges Jubiläum in Köln.

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Je älter ich werde, desto mehr weiß ich ihn zu schätzen. Nicht nur ich habe ihm zu verdanken, einen Überblick über die europäische Kultur- und Literaturgeschichte zu gewinnen. Er stritt auch federführend dafür, die Düsseldorfer Universität nach Heinrich Heine zu benennen. Als Gössmann einst vor dem Heine-Denkmal aus Schieferstein das Gedicht „Enfant Perdu“ rezitierte, fand ich ein Stück Schieferstein auf dem Boden. Es begleitet mich bis heute.

Auf den Schultern von Heinrich Heine und Annette von Droste-Hülshoff öffnete sich für mich ein Horizont, der weit über die Literatur hinausreicht und mir endlich den Zugang zum Schöpfer schenkte. Nur im Gottvertrauen bin ich als Exilchinesin kompetent, aus der destruktiven Welt einer Ingeborg Bachmann oder eines Paul Celan Erkenntnisse zu gewinnen und den Lesern zur Verfügung zu stellen.

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„Andere Zeiten, andere Vögel! Andere Vögel, andere Lieder!“ Mit diesen berühmten Worten beschrieb Heinrich Heine einst den unaufhaltsamen Wechsel der Epochen. 1993 erschien eine weibliche Antwort auf den Wortführer seiner Epoche mit meinem ersten Gedichtband „Täglich reitet der Herzog aus“. Danach folgten weitere Veröffentlichungen, die Heine und seinen Lesern eine weibliche Perspektive aus dem Orient zeigen. Heines beide oben zitierten Zeilen habe ich auf die erste Seite meines dritten Gedichtbandes „Affenkönig“ (2002) gesetzt. Doch mit Heines eigenen Worten bringe ich bewusst meinen Weg in die Gegenrichtung zum Ausdruck.

Heines Irrweg

Heinrich Heine kämpfte als geborener Jude im 19. Jahrhundert mit Spott gegen den Missbrauch der Religion im preußischen Machtapparat. In seiner Vision von Freiheit forderte er mit „neuem Lied“ ein irdisches Paradies und verwarf das traditionelle Fundament des Glaubens. An der Seite vom Urheber des Kommunismus, Karl Marx, befeuerte Heine damit unbewusst den aufkommenden Materialismus, Darwinismus und Sozialismus seiner Epoche. Er bereitete den Boden für jene Vögel, deren Zwitschern im 20. Jahrhundert in den mörderischen Diktaturen des Totalitarismus mündete.

Heinrich Heine in einem Porträt von Moritz Daniel Oppenheim, 1831

Heines Wende ab 1848 in der „Matratzengruft“, seine Rückkehr zu einem persönlichen Gott, kam für die Weltgeschichte zu spät.

110 Jahre nach dem Tod Heinrich Heines kam ich in einem vom marxistischen Terror ruinierten Gebiet zur Welt. Dank des chinesischen Widerstandes musste das KP-Regime eine wirtschaftliche Öffnung zulassen. So konnte ich auf Wunsch meiner Mutter Deutsch als Hauptfach studieren und Menschen außerhalb Rotchinas kennenlernen.

Mit ihrer Hilfe kam ich im Alter von 22 Jahren über Ost-Berlin zum Studium nach Düsseldorf. Durch den Kontrast zwischen Ost- und Westberlin, das Tiananmen-Massaker 1989 und den Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Europa konnte ich die blutigen Realitäten mitfühlen und erfahren, die aus Heines unbewusster Weichenstellung hervorgingen.

Mein Erkenntnisweg

Durch meine Promotion 1996 in Heines Geburtsstadt Düsseldorf lernte ich die geistige Freiheit zu lieben. Ich entschied mich für Deutschland als Tankstelle für die Freiheit zur Verantwortung für das Allgemeinwohl. Seit 2004 wirke ich als deutscher Verfassungspatriot chinesischer Herkunft der kommunistischen Propaganda aus Überzeugung entgegen.

Xu Pei in stillem Protest vor dem Helenenturm in Köln

In Heines Geist leiste ich in der Freiheit der schleichenden geistigen und moralischen Verwahrlosung kreativen Widerstand. Sie zeigt sich in ideologischen Sprachregelungen, in der Bequemlichkeit korrumpierter Medien und im Verfall unserer öffentlichen Räume. Wo Heine den Atheismus unbewusst förderte, trete ich von Anfang an bewusst in die Gegenrichtung.

Ich lerne, mit Heines ungebrochenen Waffen das Fundament zu verteidigen, das zeitgenössische Demokraten leichtsinnig verspielen: das Gottvertrauen, den Rechtsstaat und die universellen Grundwerte.

Dies tue ich im literarischen Diskurs, wo ich mit einer Müllzange die konstruierten Scheinbiografien opportunistischer KP-Günstlinge demaskiere, ebenso wie im Alltag auf den Straßen Kölns. Andere Vögel unserer Zeit singen die Lieder der ideologischen Manipulation. Mein Werk aber ist das lebende Zeugnis von der Freiheit zur Eigenverantwortung, zur Wahrheitsfindung und zum Schöpfer.

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