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KOLUMNE „MILD BIS RAUCHIG“

Heilige Familie(n)

In den meisten Kirchen lässt man sich Zeit mit dem Abbau der Krippe. Zu viel Arbeit steckt darin, als dass man sie mit dem Ende der erneuerten liturgischen Weihnachtszeit direkt nach dem Fest der Taufe des Herrn abbauen würde, also in der gerade vergangenen Woche. Die Krippe bleibt in der Regel stehen bis zum Fest Mariä Lichtmess am zweiten Februar.

Hierin erweist sich die Widerstandsfähigkeit der Volksfrömmigkeit gegenüber den Ergebnissen liturgiewissenschaftlicher Planungsbüros. Und das ist gerade in unseren Tagen auch gut so, denn neben dem Idyll der Geburtsszene aus Bethlehem verbirgt sich auch noch eine weitere, in unseren Tagen nicht unwichtige gesellschaftspolitische Aussage in der Botschaft der Krippendarstellungen. Denn Krippen zeigen beim Geschehen der Geburt Jesu Christi nicht nur den menschgewordenen Gott, sondern auch Maria, seine Mutter, und den hl. Josef, seinen irdischen Pflegevater. Sie zeigen also immer auch die Familie Jesu.

Durch die Geburt eines Kindes zur Familie werden

Gott wurde eben ein Mensch auf dieselbe Art und Weise, wie auch wir Mensch werden. Auch wir wachsen nicht auf Bäumen oder auf dem Feld, sondern werden Menschen aus Menschen und werden hineingeboren in ein Nest, das sich Familie nennt. So zeigen unsere Krippen folglich den Sohn Gottes in seiner Familie, umsorgt von Maria, seiner Mutter, und vom hl. Josef, auch wenn er, wie es auf den ersten Blick in die Krippe erscheint, nur ein stiller lampentragender älterer Herr im Hintergrund ist. Jesus ist eben nicht von einer alleinerziehenden Mutter begleitet, sondern er hat einen Pflegevater, der zur Komplettierung dessen notwendig ist, was wir eine Familie nennen.

Sie ist im Fall des neugeborenen Gottes so wie jede Familie. Entsprechend wird sie in unseren Krippen dargestellt. Jeder kann sie als Familie identifizieren. Auch ein gebildetes Marsmännchen, das per Zufall zu Weihnachten neben einer Kirche landen würde, könnte bei seinem Erkundungszug das eine Wichtige feststellen: Diese drei gehören zusammen! Und zwar, weil sie durch die Geburt des Kindes eine Familie geworden sind.

Die Familie ist „heilig“, wenn Gott ihr Mittelpunkt ist

Was das Marsmännchen allerdings nicht auf den ersten Blick erkennen würde, ist die Tatsache, dass diese Familie die „Heilige Familie“ ist. Sie ist es, weil in ihr Gott der Mittelpunkt ist. Allerdings nicht bloß deswegen, weil sie die Familie des menschgewordenen Gottessohnes ist, sondern weil in ihr Gott auf eine darüber hinaus gehende vielfältige Weise präsent ist.

Es beginnt schon vor der Geburt des Kindes. Hier gehorchen Maria und Josef dem Willen Gottes und sagen „Ja“ zu diesem Kind, das von ihnen so nicht geplant war. Sie sind dabei miteinander eine feste Beziehung, die nicht an der Hürde zerbricht, die sie da nehmen müssen. Josef hätte – menschlich gedacht – allen Grund zur Trennung gehabt, als er erfuhr, dass seine Frau ein Kind erwartete, das nicht von ihm war. Und er hätte die Forderung, Maria und das Kind zu sich zu nehmen, auch in den Wind schlagen können. Aber er ist treu.

Bei der Geburt sind Maria und Josef fürsorgliche Eltern – auch als es schwierig wird und sie fliehen müssen. Auch hier erfüllen sie den Willen Gottes und machen sich auf nach Ägypten, ein nicht eben naheliegendes Reiseziel. Im Tempel danken Maria und Josef für die Geburt Jesu. Dort wird ihnen durch zwei alte Menschen mit prophetischer Begabung manches offenbart, dass sie mit Sorge erfüllt. Denn neben dem Lobgesang auf den Retter und das Licht der Welt, der dort von Simeon und Hannah – so heißen die beiden – angestimmt wird, erfahren sie auch, dass auf dieses Kind Leiden zukommen werden.

Die Eltern müssen im Tempel lernen, den Willen Gottes zu akzeptieren, denn das Kind ist – wie jedes Kind – eine eigene Person und nicht das zu modellierende Produkt der Eltern.

In der Krippe geboren, aber nicht in der Krippe erzogen

Später wird in ihrem Familienleben all das wichtig sein, was in einer religiösen jüdischen Familie wichtig ist. Es wird gebetet, es wird gearbeitet, der junge Jesus lernt – wie jeder jüdische Junge – seine Glaubenspraxis von Josef und auch alles andere, was er braucht, um ein reifer Mensch zu werden. Es gibt noch keine Institutionen, keine Kindertagesstätten, keine „Plätze“ zum Parken von kleinen und kleinsten Kindern. Verantwortung zur Weitergabe dessen, was als Mensch wichtig ist, erfolgt in erster Linie in der Familie. Jesus wird zwar in der Krippe geboren, aber nicht in der Krippe erzogen.

Als er heranwächst, wird es einen weiteren Prüfstein für das geben, was der Wille Gottes ist. Die Eltern Jesu vermissen ihn in der Pilgergruppe und suchen ihn verzweifelt. Der Zwölfjährige beginnt seine eigenen Wege zu gehen, und die Eltern müssen sie in diesem Falle als die Wege Gottes bejahen. Sie finden ihn im Tempel und müssen lernen, nun mehr und mehr auf das zu schauen, was Gott mit diesem Kind vorhat, als auf das, was sie als Eltern wollen.

Was auch das Marsmännchen an der Krippe lernen kann

Später, so sagen es fromme Überlieferungen, hat der bereits erwachsene Jesus dem hl. Josef beigestanden, als er alt und sterbend war. Auch hier geht es um Gottes Willen, der im Gefüge einer Familie alle aufeinander verwiesen sein lässt, und zwar in allen Lebensphasen und Altersgraden.

An diesen wenigen Indizien lässt sich erkennen, was diese Familie zu einer heiligen Familie hat werden lassen. Es ist Gott, der der Mittelpunkt geworden war – nicht nur wegen seiner Menschwerdung, sondern auch wegen all der Momente des Gehorsams, den diese Familie lebt und damit mehr wird als eine Entenfamilie. Das kann auch das gebildete Marsmännchen an der Krippe lernen.

Und das ist eine wichtige Botschaft. Denn auch heute sind christliche Familien dazu berufen, heilige Familien zu werden. Nicht weil sie Familien würden, in denen alles perfekt zugeht, sondern weil sie Gott in ihre Mitte nehmen und mit und aus ihm alles leben, was für eine Familie wichtig ist, was für die Kinder förderlich ist und für die Eltern.

Abgelesen am Modell der Heiligen Familie von Nazareth heißt das auf mehrere Kurzformeln gebracht folgendes: Kinder sind Gottes Geschenke, weswegen Eltern zu ihnen ein Ja sagen müssen, auch wenn Gottes Pläne nicht ihre Pläne sind. Das Leben beginnt nicht erst mit der Geburt. Erziehung geschieht in den Anfängen eines menschlichen Lebens in erster Linie in der Familie. Die Bindungen, die dort gelebt werden, übersteigen jedes noch so zertifizierte Bildungswesen und vermitteln auch andere Qualitäten. Vor allem gehen sie in Fleisch und Blut über, wenn sie vom eigenen Fleisch und Blut vorgelebt werden.

Das gemeinsame Gebet ist entscheidend

Im Zusammenspiel der Generationen geht es in einer Familie, die mit Gott lebt, niemals um die Selbstbehauptung der jeweiligen Altersklassen, sondern um das, was die Gebote Gottes nahelegen. Ihnen folgend kümmern sich die Eltern um die Kinder, die Kinder übernehmen Aufgaben je nach Reifegrad, die Alten werden umsorgt, wenn sie es nötig haben, und zwar in erster Linie von denen, denen sie das Leben geschenkt haben.

Die Heranwachsenden bekommen die Freiräume, die sie zur Entfaltung brauchen und – je nach dem – auch schon einmal erkennbare Grenzzäune, wenn sie sich auf Wege begeben, die nicht zum Guten führen.

Und um das alles zu unterscheiden und zu entscheiden, ist es das Gebet, das in einer Familie, die sich aus Gott gestiftet versteht, niemals fehlen darf. Da, wo in einer Familie gebetet wird – und zwar gemeinsam gebetet wird –, wo alle füreinander beten, sich im Gebet gegenseitig verzeihen und motivieren, unterstützen und begleiten, wo sich die Weitergabe des Lebens vollzieht, die Erziehung der Kinder, das Ringen mit den Heranwachsenden, das Vorleben und das gegenseitige Voneinander Lernen, das Pflegen und Ertragen, das Mitleiden und Mitfreuen im Gebet immer wieder vor Gott tragen und von ihm empfangen – da wird aus einer Familie eine „heilige Familie“.

Familie – Ort der Menschwerdung

Sie ist der eigentliche Ort der Menschwerdung – nicht die Praxis des Pädagogen oder sonst eines Erziehungsprofis –, sie ist der von Gott geschenkte Ort, an dem ein Mensch sein Leben beginnt und lebt und darin reift. Diese Ordnung hat er, der Schöpfer selbst, unterstrichen, indem er in eine Familie geboren wurde und in ihr aufwuchs.

Seither dürfen wir nicht nur seine Familie die Heilige Familie nennen, sondern wir dürfen jede Familie, die diesen Namen verdient, als etwas Heiliges empfinden, gerade in unseren Tagen, wo sie es so schwer hat, in einer Gesellschaft, die Gott unter dem Ressentiment gegen alles Patriarchalische, Väterliche mehr und mehr entsorgt, was am Ende – das zeigt die Geschichte – auch zur Vernichtung der Familie führt.

Und da für die Gesellschaft dasselbe gilt wie für einen Organismus, dass sie erfahrungsgemäß nämlich immer nur so gesund ist wie ihre kleinsten Zellen, sollte die Botschaft der Krippen auch nach Weihnachten nicht weggepackt werden: dass die Familie der heilige Ort unserer Menschwerdung ist.

 

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