Stell dir vor, du kommst aus dem Eis – und es ist dir egal, wer regiert
„Judith“, sage ich zu meiner Frau und greife tief in die Poesiekiste, „stell dir vor, du wärst die Prinzessin, die aus dem Eis kommt. Es hat dich großgezogen. Es knirscht unter deinen Stiefeln wie Eierschale zwischen den Zähnen, und manchmal glaubst du, es kennt deinen Namen ein bisschen besser als ich.“
Und weiter: „Du hast dort gelebt, wo das Weiß nicht leer ist, sondern voller Geschichten. Dein Eis war kein Gefängnis, es war dein Gedächtnis. Und wenn der Wind vom Fjord gekommen war, sprach er mit der Stimme deiner Großmutter: streng und liebevoll. Jeden Morgen bist du aufgestanden, bevor das Licht es sich anders überlegt hatte. Du hast auf das Wetter gewartet, beim Fang geholfen, und manchmal hast Du einfach still dagesessen, dem Meer beim Atmen zugeschaut und dem Brechen des Eises gelauscht.
Der Schnaps ist ein schwieriger Verwandter
„Aber“, sagte ich, „der Schnaps dagegen ist ein schwieriger Verwandter. Er kam von weit her, wie viele Probleme und manche Menschen. Einige haben getrunken, um zu vergessen, manche um zu feiern, manche, weil das Dunkel zu lang war. Das Internet kroch auf deine Insel wie ein vorsichtiger Fuchs. Die meisten falteten morgens noch die Zeitung auseinander Sie heißt Sermitsiaq, und sie roch nach Papier und Gegenwart. Du mochtest das Rascheln. Es hat dich daran erinnert, dass die Welt Geräusche macht, die bei dir sonst nicht vorgekommen waren.“
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
„Wenn die Hunde bellten, wusstest du, dass der Tag dich braucht. Hundeschlitten sind kein Postkartenmotiv, sie sind Existenz auf Kufen. Die Hunde kennen den Weg besser als jedes Navi. Deine Insel ist so groß, dass man sich darin verlieren kann. Eis, Berge, Fjorde, Stille. Entfernungen, die nicht in Kilometern gemessen werden, sondern in Geschichten. Manchmal hast Du Dich gefragt, ob das Eis dich trägt oder du das Eis.“
Die Nachrichten entschlossen abdrehen
„Ach, mein Poet“, Judith lächelt. „Wenn ich so eine Eisprinzessin wäre, wie du erzählst, wäre es mir sicher völlig schnurz, wer unter mir gerade der Herrscher wäre“, sagt sie und dreht die Nachrichten über Grönland für heute entschlossen ab.
Kommentare