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Hype um Wal

Ein Störgefühl

„Sonniger Tagesbeginn für Timmy“, macht heute die Bild-Zeitung gut Wetter in ihrem Spezial-Ticker über den vor der mecklenburgischen Ostseeküste gestrandeten Buckelwal. Gestern Abend um 22:28 Uhr die letzte Spätmeldung („Wichtiges Gutachten erwartet“), heute früh um 6:28 Uhr den nächsten Informationshappen: „Timmy weiterhin sehr schwach“. Am Nachmittag eine Pressekonferenz mit Mecklenburg-Vorpommerns Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD): „Die schlimmste Osterphase, die ich in meinem ganzen Leben miterlebt habe“, bekennt Deutschlands neuer Deichgraf mit erschöpfter Stimme.

„Ostsee-Drama im Live-Ticker“. Mit einem untrüglichen Riecher für Klicks und Rührseligkeit fährt die Bild das Thema seit über zwei Wochen, und die Leser fiebern und leiden mit. Stündlich gibt es Aktualisierungen zum Gesundheitszustand des Großsäugetiers, zum Wasserstand in der Ostsee, brandneue Experteneinschätzungen, Politiker-Statements, Behördenmaßnahmen, Polizei-Einsätze, Tierschützer-Demonstrationen, Kommentare von Schaulustigen und Trittbrettfahrern.

„Wir müssen uns mehr um diese wunderbaren Tiere kümmern“: „Bild“ drückt mit dem Gewicht eines Wals auf die Tränendrüse
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Aber es ist keine Bild-Geschichte: Der „Fall“ wird seit der ersten Strandung des Wals vor Timmendorf am 23. März intensiv und deutschlandweit medial begleitet, von den Lokalblättern bis zu den überregionalen Presse-Platzhirschen, von der Ostsee-Zeitung bis in die Tagesschau“. Heerscharen von Journalisten und Wal-Bürgern lugen aufs Meer wie Nis Randers in der Ballade von Otto Ernst. Nur liegt in der seichten See vor Meck-Pomm kein Wrack auf der Sandbank, sondern ein Wal: verletzt, geschwächt, desorientiert, unweigerlich verendend.

Bewegt er die Flosse, bewegt er sie nicht?

Was hat man nicht alles unternommen, um der Kreatur wieder auf die Beine zu helfen: Weil dem Wal die Frühlingssonne auf den Buckel brannte, hat Backhaus die Feuerwehr eine Leitung legen lassen. Die besprüht dem Ungetüm den Rücken. Bis auf die erste Stelle hinterm Komma wird die Maßnahme überwacht: „Da, wo wir benetzen, ist die Temperatur deutlich geringer: 7,8 Grad“, weiß der Umweltminister. An den nicht bewässerten Partien liege die Temperatur bei 20 bis 22 Grad.

Taucher machten Unterwasseraufnahmen rund um das Tier in der Wismarbucht, vermaßen den Meeressäuger (12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch), nahmen Wasserproben – Salzgehalt zu gering. Über zwölf Tonnen soll der Wal wiegen, ist 50 Zentimeter in den Schlick eingesunken, sein Eigengewicht drückt auf Lunge und Leber, ein Kreislaufkollaps nur eine Frage der Zeit.

Ganz Deutschland weiß inzwischen, dass „Timmy“ – Namen vergibt der Mensch seit dem Paradies – alle vier bis fünf Minuten atmet. Wir erfahren, ob Timmy die Flosse bewegt, wir erfahren, ob er sie nicht bewegt. Ein Wiener Experimental-Musiker ist mit Spezialmikrofonen angerückt, um Laute aufzuzeichnen: Einmal habe das Tier die ganze Nacht gesungen, „wie Weinen“ habe sich das angehört.

In Meck-Pomm spielt man bei Krise nicht Tennis

Die Wasserschutzpolizei bewacht 24/7 einen 500-Meter-Sperrkreis, um Gaffer in Schach zu halten und möglichen Wal-Fälschungen von vornherein den Stecker zu ziehen. In jedem Fall solle dem Tier Stress erspart bleiben, ist allenthalben zu hören. Auf frühere ungebetene Annäherungsversuche habe der Wal nämlich mit heftigen Bewegungen und lautem Schnauben reagiert. Auch Walflüsterer Robert Marc Lehmann hatte vormals kein Glück, aber konnte immerhin eine Nebenrolle in dem Drama ausfüllen.

„Walflüsterer“ Robert Marc Lehmann bei seinem gescheiterten Annäherungsversuch zum Buckelwal vor der Niendorfer Hafeneinfahrt bei Timmendorfer Strand, 26. März

Die Flugverbotszone, die wir über Kasernen und Rüstungsbetrieben nicht hinbekommen, hier vor der Insel Poel hat sie im Nu Gestalt angenommen. Von wegen schwacher Staat. Wehe dem Frevler, der seine Stalker-Drohne über dem Wal steigen ließe! Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.

Anders als in Berlin, wird hoch im Norden bei Wasser bis Oberkante Unterlippe jedenfalls nicht Tennis gespielt: Am Karsamstag war unser roter Deichgraf schon um vier Uhr wach, eilte nach der Ostsee Gestade wie Petrus am Ostermorgen ans Grab, Ausschau zu halten – da stößt der Walfisch eine Atemfontäne aus, weithin sichtbar! Halleluja!

„Alle Optionen wurden durchgespielt“

Das Schweriner Innenministerium bekommt Meldung. Das Backhaus-Team sitzt schon wieder zusammen, Abteilungsleiter, Veterinäre, der Naturschutz-Mensch, der Staatssekretär brüten über das weitere Vorgehen, machen sich „einen Kopf“, wie man im Osten sagt, ob Wochenende, ob Feiertag, pah, was gilt’s! Von „Männern, die mit den Tränen kämpfen“ wusste der Spiegel zu berichten. „Wir geben den Wal nicht auf – bis zum letzten Atemzug!“ Schneidig, unser Deichgraf! Findet hier jemand seine Form? Macht erst die Krise den Kerl? Ein echter Mecklenburger Sturkopf jedenfalls!

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Selbst verschüttet Christliches tauchte mit dem Walfisch aus Meerestiefen auf: „Wir stehen vor Ostern, und ich bin evangelisch erzogen“, sprach der SPD-Minister am Mittwoch der Karwoche. Und predigte: „Und Sie wissen, was Ostern ist. Da ist man in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.“ Lebendiger Auferstehungsglaube, in Mecklenburg an der Waterkant. Wer hätte das gedacht.

Vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund und dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung Büsum gab es freilich streng naturwissenschaftliche Beratung. „Alle Optionen wurden durchgespielt“, bekundet der Umwelt- und Landwirtschaftsminister auf der Pressekonferenz heute Nachmittag noch einmal. Wurde vor Timmendorf dem Wal noch eine Rettungsrinne ausgebaggert, so wurde das Weghieven an breiten Bändern mittels Sonder-Katamaran aus Dänemark jetzt verworfen: zu stressig, zu qualvoll für den Wal.

Gutachten und schwerste Entscheidungen

Ein Wechselbad der Gefühle. Ein letztes Gutachten. Ein letzter Superlativ des Staatsmann-in-spe-Umweltministers: „Das ist eine meiner schwersten Entscheidungen, die ich je treffen musste“ – die Rettungsversuche für Timmy einzustellen. Der Gedanke, den Wal einzuschläfern: erwogen – und verworfen. Er soll in Frieden mit der Natur gehen.

Bild textet: „Keine Bergung, keine Sterbehilfe, keine Hoffnung.“ Irgendwann ganz bald wird die Meldung über den Ticker laufen: „Deutschland trauert – Timmy ist tot.“

Aber die Politiker, die Feuerwehrmänner, die Polizisten, Taucher und Tierärzte, die Menschen in Holstein und Mecklenburg – sie müssen sich eines nicht vorwerfen: Für das Überleben des Wals nicht alles gegeben zu haben.

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Punkt und neuer Absatz: Dem Geschehen rund um den Buckelwal vor der deutschen Ostseeküste kann man sich auf verschiedene Weise nähern: unter Naturschutzaspekten, unter meeresbiologischen, unter politischen, einsatztechnischen, medialen, psychodynamischen Aspekten. Man kann die Geschichte auch humoristisch, „satierisch“ zuspitzen. Letztlich handelt es sich um Werden und Vergehen in der Natur.

Doch vom Beginn des Hypes um die Walrettungsversuche schlich sich ein Störgefühl ein. Die Empfindung eines krassen Missverhältnisses.

Wie viel Einsatz, wie viel Engagement, wie viele rührige Hände für das Leben eines Wildtieres. Bald nach Beginn der mehrwöchigen Aktion erfuhr der Buckelwal eine Vermenschlichung und erhielt zum Zeichen dafür einen Namen.

Und wie viel Kaltschnäuzigkeit, Härte und sprachliche Entmenschlichung erfahren ungeboren-ungewollte Menschen oft in unserem Land, und welche falsche Lösung, die Abtreibung, wird den Müttern angeboten. Wie viel herbes Abgefertigtwerden erleben alte, pflegebedürftige Menschen in den Heimen, und ein ums andere Mal wird „Sterbehilfe“ nahegelegt, wo die Triebfeder tatsächlich eine boshafte Rationalisierung ist.

Tierliebe ist schön und gut, und ein maßvoller Naturschutz richtig und notwendig. Aber einfach mal „Wal in Not“ durch „Schwangere in Not“, einmal „Drama um Timmy“ durch „Drama um ungewollte Schwangerschaft“ ersetzen – und jeder spürt, wo der Hase im Pfeffer liegt.

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