Was ist eine Familie? Wo die AfD-Chefs wirklich radikalen Ideen aufsitzen
Ann-Katrin Müller vom Spiegel kam sich selbst ein bisschen blöd vor, als sie im Sender Phoenix sagte, die AfD sei nach ihrem Parteitag am Wochenende wieder einen Schritt nach rechts gegangen. Mariam Lau von der Zeit schrieb: „Ohne ihren Extremismus ist sie nichts.“ Frederik Schindler von der Welt resümierte: „Wer sich als koalitionsfähig inszenieren will, kann nicht gleichzeitig weiteren Rechtsextremisten die Tür öffnen, die ohnehin schon seit Jahren an zentralen Stellen der AfD sitzen und dort kaum noch Widerspruch erfahren.“
Kurz: Die AfD ist in den Augen derer, die die AfD niemals wählen würden, wieder radikaler geworden. So wie nach jedem Parteitag seit ihrer Gründung vor 13 Jahren. Tatsächlich besteht in der AfD eine Gefahr, sich einer radikalen Weltanschauung zu bedienen, und zwar in der Familienpolitik. Radikal und revolutionär war es nämlich, wie all das, was normal ist – Familien bestehen aus Vater, Mutter und Kindern und bringen ihren ungeborenen Nachwuchs nicht um – über den Haufen geworfen und ins Gegenteil verkehrt wurde.
Während die Christdemokraten und Christsozialen in Sachen Familienpolitik viele Punkte abgeräumt haben – man denke nur an die „Ehe für alle“, die nicht mehr zurückgedreht wird, oder den Fokus auf Alleinerziehende –, gab und gibt es mit der AfD die Hoffnung auf eine politische Reform, ein Zurück zum Normalen.
Abtreibung als Privatsache und Adoption für homosexuelle Paare?
In den vergangenen Jahren blitzten jedoch immer mal wieder Vorstöße und Äußerungen auf, die dieser Hoffnung einen großen Dämpfer versetzen. Vor der vergangenen Bundestagswahl hatte etwa der alte und neue Parteichef Tino Chrupalla versucht, die familienpolitischen Äußerungen im Wahlprogramm abzuschwächen. Die Formulierung „bestehend aus Vater, Mutter und Kindern“ wurde daraufhin gestrichen. Zuvor war Chrupalla bereits damit aufgefallen, Abtreibung als Privatsache der Eltern zu verharmlosen und sich pro „Ehe für alle“ und pro Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare zu äußern.
Ein hochrangiger AfD-Funktionär sagte Corrigenda einmal, mit der aktuellen Parteiführung würde die „Ehe für alle“ im Falle einer Regierungsbeteiligung nicht zurückgedreht werden. Dazu passt, was die ebenfalls an diesem Wochenende mit 81,3 Prozent der Stimmen wiedergewählte Parteichefin Alice Weidel sagte.
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In einem Interview wird sie gefragt, was sie dazu sage, dass die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Regierungsprogramm Mann, Frau und Kinder als „normale Familie“ bewerbe. Weidel antwortet zunächst klug, sagt, sie könne sich als Politikerin für ein „gesellschaftliches Zielbild“ einsetzen, das nun mal die klassische Familie sei, auch wenn sie das privat anders handhabe. Weidel ist lesbisch und lebt mit einer Schweizerin mit sri-lankischen Wurzeln in einer eingetragenen Partnerschaft und zieht mit ihr zwei Söhne groß.
Als der Reporter weiter nachhakt, sagt die AfD-Chefin allerdings: „Wir leben mittlerweile in einer ganz anderen Realität. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind gleichwertig zu behandeln.“ Und: „Wir sollten diese Zweiteilung hinter uns lassen.“ Mit Zweiteilung meint sie die Unterscheidung zwischen der traditionellen Familie und anderen Modellen. Dass die „anderen Lebensformen“ inzwischen dieselben Rechte hätten, daran ließe sich „in der heutigen Zeit“ nichts mehr ändern – „und daran wollen wir auch nichts mehr ändern“, betont Weidel.
„Konservative verhindern, dass die Fehler korrigiert werden“
Bei diesen Äußerungen kommt einem ein brillanter Aphorismus von G. K. Chesterton in den Sinn: „Die ganze moderne Welt hat sich in Konservative und Progressive aufgeteilt. Die Aufgabe der Progressiven ist es, immer Fehler zu machen. Die Aufgabe der Konservativen ist es, zu verhindern, dass die Fehler korrigiert werden.“
Der frühere CDU-Generalsekretär und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe antwortete auf die Frage von Corrigenda, ob er nicht nachvollziehen könne, dass sich nach der „Ehe für alle“-Entscheidung viele von der CDU entfremdet fühlen, dass er damals zwar gegen die „Ehe für alle“ gestimmt habe, jetzt aber „mit der heutigen Situation gut leben“ könne und „niemanden sehe, der dies ändern wollte“.
Und jetzt sagt AfD-Chefin Weidel im Prinzip dasselbe, beruft sich auf „die heutige Zeit“ und „eine ganz andere Realität“.
Chance und Aufgabe der AfD
Eine Gesellschaft, die die Familie zerstört, die das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende nicht in seiner vollen Würde wertschätzt, hat keine Zukunft. Aufgabe einer rechten Konkurrenzpartei wäre es, dies zu betonen, egal, wie die gesellschaftliche Mehrheit sich dazu heute verhält. Gerade die jüngeren Generationen sind es nämlich, die mit überragender Mehrheit eine vertrauensvolle Partnerschaft und ein gutes Familienleben mit Kindern möchten. Laut der aktuellen Shell-Jugendstudie spricht sich die Hälfte der unter 25-Jährigen sogar für das „Mann als Allein- oder Hauptversorger“-Modell aus, während die Frau in erster Linie für die Kleinkinder sorgt.
Die AfD Sachsen-Anhalt betont in ihrem Regierungsprogramm mehrmals die Wichtigkeit der Familie und fordert einen weitreichenden Schutz ungeborenen Lebens inklusive der Beibehaltung der Abtreibung im Strafgesetzbuch. Das ist richtig. Und das ist mutig, bedenkt man, dass Abtreibung in der DDR als normale Gesundheitsdienstleistung gesehen wurde und dass dieser Geist bis heute nachwirkt.
Die AfD hat gerade Momentum. Sie sollte vorangehen, Änderungen anstreben, Fehler korrigieren, das Richtige sagen, weil es richtig ist, und keine vermeintlich einbetonierten gesellschaftlichen Sichtweisen „anerkennen“, die noch vor wenigen Jahrzehnten hochgradig progressiv-revolutionär waren. Die klassische Familie ist das beste Lebensmodell. Der Staat sollte Familien deshalb fördern und besserstellen als andere Formen des Zusammenlebens. Wer die normale Familie anderen Modellen rechtlich gleichstellt, relativiert automatisch die Familie.
„Die Freiheit ist nie mehr als eine Generation vom Aussterben entfernt. Sie muss von jeder Generation aufs Neue erkämpft und verteidigt werden“, sagte einmal Ronald Reagan. Dasselbe gilt für die Moral und insbesondere die Sexualmoral. Es gibt keine moralische Evolution. Sie muss auf jedem Parteitag und in jedem Wahlprogramm erkämpft und verteidigt werden.
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