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Einseitiger Kulturkampf in Polen

Polens Rechte will nicht in die Schlacht ziehen

Die Legalisierung sogenannter gleichgeschlechtlicher Ehen, der „Abtreibungsautomat“ vor dem polnischen Parlament, dem Sejm, und weitere Versuche, die Abtreibung zu liberalisieren, lösen bei den polnischen Konservativen und Katholiken überraschend schwache Reaktionen aus. Noch vor wenigen Jahren mobilisierten ähnliche Ereignisse Tausende von Menschen und entfachten eine öffentliche Debatte. Heute stoßen sie immer häufiger auf Gleichgültigkeit. Durchläuft Polen eine moralische Revolution, die es kaum bemerkt?

Am 14. Mai 2026 erfolgte im Standesamt in Warschau die erste Eintragung einer ausländischen Heiratsurkunde für eine gleichgeschlechtliche Ehe in Polen. Sind katholische Wähler auf die Straße gegangen, um massenhaft gegen die durch ein Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union erzwungene Änderung zu protestieren, die im Widerspruch zum traditionellen Verständnis der Ehe und zur polnischen Verfassung steht? Nichts dergleichen ist geschehen.

Am 29. September 2026 wurde neben dem Sejm der weltweit erste „Abtreibungsautomat“ eröffnet – ein Gerät, mit dessen Hilfe Aktivistinnen die polnischen Vorschriften umgehen und Frauen Tabletten zur Frühabtreibung zur Verfügung stellen. Dies war zugleich eine Demonstration des Widerstands gegen das Vorgehen der Mitte-Links-Koalition von Ministerpräsident Donald Tusk, die eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts versprochen hatte, die Abtreibungsbefürworter in dieser Frage jedoch seit drei Jahren hinters Licht führt.

Schwache Reaktion der Konservativen auf Skandale

Hat die offene Missachtung des polnischen Rechts bei den polnischen Katholiken und Konservativen größere Emotionen ausgelöst? Haben die Pro-Life-Kreise große Proteste organisiert? Nichts dergleichen. Einige rechtsgerichtete Medien haben über den Fall berichtet, und damit war die Sache eigentlich auch schon erledigt.

Einige Tage später ließ sich Magdalena Biejat, ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Linken, die bei den jüngsten Wahlen über 800.000 Stimmen erhalten hatte, in einem Sweatshirt der Organisation „Abtreibungs Dream-Team“ fotografieren. Sie soll sich an einer Spendenaktion zur Finanzierung einer Abtreibung für eine Klientin der Organisation beteiligt haben und dafür dieses nette Geschenk erhalten haben. Ein weiteres schockierendes Ereignis – und die Reaktionen auf der anderen Seite des politischen Spektrums sind überraschend rachitisch.

Einer meiner engen Freunde sagte unter Berufung auf Adam Mickiewicz, einen der bedeutendsten polnischen Dichter, dass unsere Gesellschaft wie Lava sei: oberflächlich träge, aber im richtigen Moment bereit zum Ausbruch und zur gesellschaftlichen Mobilisierung. Bislang hatten wir es gerade mit einem solchen Mechanismus in der Frage des Schutzes des ungeborenen Lebens zu tun. Starke Pro-Life-Bewegungen, unterstützt durch die eindeutige Haltung der Bischöfe und der rechten Parteien, konnten die polnische Gesellschaft mobilisieren. Es scheint jedoch, als habe sich etwas geändert.

Vom Sejm verabschiedete Abtreibungsgesetze

Am 20. Oktober stimmte der Sejm über zwei Gesetze ab: eines, das die Möglichkeit einer Abtreibung bei schweren Fehlbildungen des Fötus wieder einführt, und ein anderes, das Abtreibung und die Beihilfe dazu teilweise entkriminalisiert.

Der erste Gesetzentwurf sah vor, Schwangerschaftsabbrüche aufgrund schwerer Fehlbildungen des Fötus wieder zuzulassen, während der zweite die strafrechtliche Haftung für die Beihilfe zu einer Abtreibung einschränken sollte. In der Praxis würde dies sowohl die erneute Zulassung von Schwangerschaftsabbrüchen in den Fällen bedeuten, die unter das Urteil des Verfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 fallen, als auch eine Erleichterung der Tätigkeit für Personen, die bei der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen helfen.

Beide Gesetze wurden im Sejm mit den Stimmen der regierenden liberal-linken Koalition verabschiedet. Für das Gesetz zur Wiedereinführung des sogenannten eugenischen Tatbestands stimmten 233 Abgeordnete, 203 waren dagegen. Das Gesetz zur Entkriminalisierung der Beihilfe zur Abtreibung wurde mit knapper Mehrheit angenommen: 217 Abgeordnete stimmten dafür, 213 dagegen.

Die Führer der rechten Opposition blieben der Abstimmung fern

Aus Sicht der Befürworter des Lebensschutzes ist es empörend, dass ein Teil der rechten Oppositionsführer, die wiederholt ihre Unterstützung für dieses Anliegen bekundet hatten, nicht an der Abstimmung teilgenommen hat. Dazu gehören unter anderem Jarosław Kaczyński, Vorsitzender der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), sowie Sławomir Mentzen, Vorsitzender der Partei „Konföderation“. Sie sind Vertreter der zweit- bzw. drittstärksten politischen Kraft in Polen.

Aus dem Präsidentenpalast kommen Signale, die als Ankündigung eines Vetos von Staatspräsident Karol Nawrocki gegen beide Gesetze gedeutet werden können. Im „Radio ZET“ sagte der Minister des Präsidenten, Rafał Leśkiewicz:

„Wir sollten uns um die Frauen kümmern, die mit diesem Problem konfrontiert sind, wir sollten uns um die Frauen kümmern, die kranke Kinder zur Welt bringen, wir sollten dafür sorgen, dass das Gesundheitswesen sich um Mütter kümmert, die kranke Kinder zur Welt bringen, und nicht darüber nachdenken, ob Abtreibungen bis zur 12. Woche zugelassen werden sollen.“

Eine solche Reaktion sollte nicht überraschen. Nawrocki hat bereits während des Präsidentschaftswahlkampfs keinen Hehl aus seinen Ansichten gemacht und klar zum Ausdruck gebracht, dass er ein Gegner der Abtreibung ist.

Polens Staatspräsident Karol Nawrocki besucht den Marsch für das Leben, Warschau, 19. April 2026

Es scheint, als habe die von zahlreichen Krisen erschütterte liberal-linke Regierungskoalition ein Jahr vor den Parlamentswahlen beschlossen, zu ihren Wahlversprechen zurückzukehren. Sollte der Präsident gegen beide Gesetze sein Veto einlegen, könnte die Koalition diesen Schritt als Beweis dafür darstellen, dass die Rechte, angeführt vom Staatsoberhaupt, den Frauen das Recht nimmt, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Das ist ein typisches Spiel mit Polarisierung und dem Schüren gesellschaftlicher Emotionen.

Abtreibung ist heute kein Aufregerthema mehr – für beide Seiten nicht

Auch wenn die Gesetze dank des Präsidenten in dieser Legislaturperiode nicht in Kraft treten werden, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass der Sejm liberalisierte Abtreibungsgesetze beschlossen hat. Das wird die Befürworter der Änderungen nur zu weiteren Schritten ermutigen. Es dauerte übrigens nicht lange. Am 22. Oktober fanden in 27 Orten in Polen Proteste von Abtreibungsbefürwortern statt, die der Regierung die rote Karte zeigen sollten.

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Die Aktivisten fordern eine legale Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche, also eine vollständige Liberalisierung des Gesetzes nach dem Vorbild vieler westeuropäischer Staaten. Die vom Sejm verabschiedeten Gesetze bezeichnen sie jedoch als „Almosen“. Die Proteste erwiesen sich dabei als Misserfolg: Die Beteiligung war mäßig, und an der größten Demonstration in Warschau nahmen lediglich etwa tausend Personen teil.

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Es ist bezeichnend, dass das Thema Abtreibung in Polen wieder in die öffentliche Debatte zurückgekehrt ist, dabei aber deutlich weniger Emotionen hervorruft als noch vor einigen Jahren. Dies gilt sowohl für die Pro-Life-Bewegung als auch für Abtreibungsbefürworter.

Das Volk: überraschend träge, die Bischöfe: fast unbemerkt

In diesem Zusammenhang ist die Abwesenheit von Jarosław Kaczyński und Sławomir Mentzen bei den Abstimmungen der vergangenen Woche besonders bezeichnend. Alles deutet darauf hin, dass die rechten Politiker zu dem Schluss gekommen sind, dass das Thema Lebensschutz es nicht wert ist, ihre Wähler und ihre politische Basis zu mobilisieren.

Keine mobilisierte Wählerschaft, keine Pro-Life-Demo, nichts: Warschauer Stadtzentrum im Herbst

Wie immer bei solchen Anlässen haben sich auch die polnischen Bischöfe zu Wort gemeldet. Während der 406. Vollversammlung der Polnischen Bischofskonferenz wurde eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt: „Schon allein die Verabschiedung dieser Gesetze (zur Liberalisierung der Abtreibung – Anm. K. P.) trägt dazu bei, in der Gesellschaft die Akzeptanz der Abtreibung als moralisch neutrale Lösung zu fördern, was der Wahrheit widerspricht.“

Es fällt schwer, dieser Schlussfolgerung nicht zuzustimmen. Und doch scheint die polnische Öffentlichkeit in dieser Angelegenheit überraschend träge zu sein, und die Stellungnahme der Bischöfe bleibt fast unbemerkt. Wenn das Treffen der Polnischen Bischofskonferenz im südpolnischen Zakopane überhaupt Aufmerksamkeit erregt hat, dann vor allem wegen der Bekanntgabe des Namens des Vorsitzenden der Kommission, die die Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern durch Geistliche in der Nachkriegszeit aufklären soll. Diese Funktion soll Professor Piotr Franaszak übernehmen.

In der polnischen Gesellschaft hat sich etwas verändert

Um zu verstehen, was in der polnischen Gesellschaft vor sich geht, lohnt es sich, einen Blick auf die Ergebnisse des amerikanischen Pew Research Center zu werfen. Dieses führt regelmäßig umfangreiche Untersuchungen zu den moralischen Werten durch, die in verschiedenen Gesellschaften vertreten werden. Eines der untersuchten Themen ist die Frage, welche Verhaltensweisen und Phänomene die Menschen als moralisch inakzeptabel ansehen.

Im Jahr 2013 hielten 44 Prozent der Polen Homosexualität für moralisch inakzeptabel. Im Jahr 2025 betrug dieser Anteil nur noch 28 Prozent. Ähnlich haben sich die Einstellungen zur Abtreibung verändert: Im Jahr 2013 hielten 47 Prozent der Polen Abtreibung für moralisch inakzeptabel, im Jahr 2025 nur noch 32 Prozent. Für die Scheidung sank dieser Anteil von 22 Prozent im Jahr 2013 auf 16 Prozent im Jahr 2025.

Wir beobachten also seit gut einem Dutzend Jahren eine schrittweise Liberalisierung der polnischen Gesellschaft. Darüber hinaus verläuft dieser Prozess parallel zur Säkularisierung. Die Polen gehen immer seltener in die Kirche und zu den Sakramenten, wodurch natürlich auch der Einfluss der Kirche auf ihre Moral nachlässt.

Nur noch jeder dritte Pole praktiziert seinen Glauben

Heute bekennen sich um einige Prozentpunkte weniger Polen zum Glauben an Gott als noch vor einem Jahrzehnt. Im Durchschnitt praktiziert jeder dritte Pole regelmäßig seine Religion, während dies vor einigen Jahren noch fast die Hälfte der Bevölkerung tat. Auch die Zahl der Priester- und Ordensberufungen ist rückläufig.

In diesem Jahr wurde in meiner Erzdiözese kein neuer Diakon geweiht. Ich halte Vorlesungen am Dominikaner-Priesterseminar. Der Unterricht umfasst zwei Jahrgänge und zwei Orden, und die gesamte Gruppe zählt lediglich zwanzig Personen. Für das Heimatland von Papst Johannes Paul II., das noch vor nicht allzu langer Zeit seine Blütezeit erlebte, ist dies eine enorme Veränderung.

Der kulturelle Katholizismus hält sich nach wie vor: Totengedenken vor Allerseelen auf dem Warschauer Powązki-Friedhof
Mensa der Warschauer Universität: Ein Kruzifix an der Wand – ja, ein Kreuzzeichen vor dem Essen – schon nicht mehr
In einer traditionellen Milchbar in der Warschauer Innenstadt hängt ein Kreuz an der Wand – aber die Kirche bestimmt nicht mehr den Rhythmus des Lebens

Sie zeigt sich in jedem Aspekt des gesellschaftlichen Lebens. Der kulturelle Katholizismus hält sich nach wie vor: Die Polen bestatten ihre Verstorbenen auf katholischen Friedhöfen und pflegen tief verwurzelte religiöse Traditionen im Zusammenhang mit den christlichen Feiertagen. Die Kirche bestimmt jedoch nicht mehr den natürlichen Rhythmus des gesellschaftlichen Lebens. In den Medien hört man vom Katholizismus eigentlich nur noch im Zusammenhang mit Sittenskandalen oder kontroversen Äußerungen einiger medienwirksamer Bischöfe.

Wogegen kämpft eigentlich die neue Rechte?

Die schwachen Reaktionen auf Ereignisse im Zusammenhang mit der Abtreibung zeigen, dass sich die polnische Gesellschaft verändert – auch auf der rechten Seite. Die Rechte hat wichtige legislative Schlachten gewonnen, wofür symbolisch das Urteil des Verfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 steht. Heute durchläuft sie jedoch möglicherweise selbst einen weltanschaulichen Wandel, über den sie nicht gern laut sprechen möchte.

Ein großer Teil der jungen Wähler, die in Polen rechtsgerichtete Parteien unterstützen, hat einfach aufgehört, in die Kirche zu gehen. Für sie sind die Masseneinwanderung und die derzeitige Ausgestaltung der Europäischen Union ein größerer Gegner als die Abtreibungs-Befürworter. Vieles deutet darauf hin, dass die polnische Rechte den Kulturkampf nicht so sehr verliert, sondern vielmehr allmählich beginnt, sich von einigen seiner Fronten zurückzuziehen.

In der stickigen Atmosphäre aus Gelächter, Ironie und Wut – also all dem, was die öffentliche Debatte tagtäglich prägt – gleiten wir in etwas ab, das wir noch vor kurzem für undenkbar gehalten hätten. Wir bewegen uns weg von einer Gesellschaft, in der der Schutz des ungeborenen Lebens und die traditionelle Definition der Ehe rechtliche und kulturelle Selbstverständlichkeiten waren, hin zu einer Gesellschaft, in der diese Werte nicht mehr Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen sind, sondern zunehmend auf Gleichgültigkeit stoßen.

Kein Streiten mehr um die Grundlagen der moralischen Ordnung

Natürlich sind die Polen in der Abtreibungsfrage nach wie vor tief gespalten, und jüngste Umfragen zeigen, dass Befürworter und Gegner einer Liberalisierung des Gesetzes in etwa gleich stark vertreten sind. Umfrageergebnisse sind jedoch nicht alles. Was zählt, sind auch die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen öffentlich zu verteidigen, die Fähigkeit zur Mobilisierung und die Entschlossenheit, die eigenen Werte in politisches Handeln umzusetzen. Und genau daran, so glaube ich, mangelt es mehr und mehr.

Der Wähler der Rechten reagiert heute deutlich lebhafter auf den Kokain-Skandal um Michał Kołodziejczak oder den Skandal mit Dawid Kasprzyk in der Hauptrolle als auf Themen, die noch vor wenigen Jahren die größten Wellen gesellschaftlicher und politischer Mobilisierung auslösen konnten. Spektakuläre Skandale erweisen sich als mitreißender als der Streit um die Grundlagen der moralischen Ordnung.

Dies ist ein wichtiger Prozess – sowohl für den Zustand der polnischen Gesellschaft als auch für die Identität der polnischen Rechten. Dieser Prozess wartet noch immer auf eine eingehende Beschreibung. Die einen nehmen ihn nicht wahr, die anderen wollen vielleicht nicht offen darüber sprechen.

Die permissive Moral ist ohne zu fragen hereingekommen

Beunruhigend ist, dass wir diesem Prozess in Polen so wenig Aufmerksamkeit schenken. Die moralische Revolution vollzog sich schließlich nicht durch lautstarke Demonstrationen oder spektakuläre Gesetzesakte, sondern durch eine allmählich wachsende Gleichgültigkeit. Wir haben den Prozess des Reichwerdens verschlafen; also können wir auch die Revolution der Sitten verschlafen.

Der aus Westeuropa bekannte moralische Permissivismus hat nicht an unsere Tür geklopft. Er ist ohne zu fragen hereingekommen, hat es sich gemütlich gemacht und schließlich begonnen, das Haus zu übernehmen. Seine Dogmen werden nach und nach und fast unbemerkt von jenen übernommen, die sich noch vor kurzem als Hüter einer ganz anderen Ordnung betrachteten.

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