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Kolumne „Ein bisschen besser“

Ganz großes Kino

Ein altes Paar zieht vorüber. Er hat das schneeweiße, lange Haar zurückgekämmt, aber am Ende nicht gebändigt. Die herrschaftliche Nase formt einen imposanten Haken. Die Hände hat er hinter dem Rücken verschränkt. Er trägt sie da hinten fast, als gehörten sie nicht zu ihm. Der feine Leinenanzug schlackert an dem sicher mehr als 80-jährigen Körper. Seine Begleiterin hat einen gekrümmten Rücken, ihr helles Käppchen hat sie nach oben geschoben, damit die Augen freie Sicht haben. Sie hat Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Principe und Principessa taufen Judith und ich das noble Paar.

Wir sitzen an diesem warmen Frühsommertag im Straßencafé einer italienischen Riesenstadt und machen das, was wir am liebsten machen: Menschen ansehen. Ihnen Lebensläufe andichten. Lästern über am Po hängende Hosen, deutsche Sandalen und diese gerade angesagten Ganz-Gesichts-Sonnenbrillen. Oder zu staunen über Beine bis zum Kinn, bei denen ich mir Mühe gebe, haarscharf vorbeizuschauen und auf jeden Fall so, dass Judith es nicht merkt. Sie selbst hat eine Art, italienische Lockenköpfe nicht völlig zu ignorieren, über die ich irgendwann einmal mit ihr reden muss. Nur hat sich das bisher noch nicht ergeben.

Unter dem Hut lächelt es

Ein nicht mehr ganz junger Mann, der zum abgetragenen Schlabberpullover einen schwarzen Künstlerhut trägt, erkennt, dass ich ihn mustere und schaut zurück. Manchmal stelle ich dann meinen Blick auf unendlich, so als würde ich gar nichts wahrnehmen. Diesmal gibt es meine Laune her, dass ich den Mund zu einem Lächeln verziehe, und siehe: Unter dem Hut lächelt es auch. 

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Er eilt einer hübschen Frau mit wallendem Rock hinterher, deren braunes Haar gerade ins Graue übergeht. Ich denke, mit den beiden könnten wir eine Flasche Wein leeren. Oder zwei.

Eine farbige Amerikanerin verwickelt den Kellner in ein Gespräch über die Speisen auf der Karte, die auf einem Gestell aufgeklappt ist, das quer in den Fußgängerstrom hineinragt. Judith und ich finden es immer sehr touristisch, auf solche Karten zu gucken, weswegen wir sie ignorieren und schon manches Mal reingefallen sind. 

Deutsche fühlen sich falsch, wenn …

Andere fühlen sich am falschen Ort, wenn es in der mit Bedacht ausgesuchten Trattoria mal nicht so schmeckt. Deutsche fühlen sich falsch, wenn es teurer ist als gedacht. Dann überlegt sich der Deutsche, ob er dieses Land noch jemals bereisen soll.

Judith und ich finden es an diesem Tag ein bisschen besser, noch zu bleiben. Auch wenn die Mahlzeit so lala und die Rechnung oh, là, là ist. Es ist großes Kino, was hier geboten wird. Es wird gleich wieder jemand unser Kabinett der Charaktere bereichern. Wir werden uns dann zuzwinkern, einen Lebenslauf erfinden und die Gewissheit genießen, dass lange Beine und Lockenköpfe keine Gefahrenquellen mehr für uns sind.

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