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Arvo Pärts spirituelle Musik

Meditieren mit Noten

Musik ist nicht politisch. Oder doch? Die kommunistischen Machthaber sahen in dem estnischen Komponisten Arvo Pärt, Jahrgang 1935, und seiner Musik Formen einer kritischen Kunst. Er bekennt sich zum christlichen Glauben. Bereits 1968 wurde sein Werk „Credo“ für Klavier, Chor und gemischtes Orchester von Kulturfunktionären als Affront, ja als Widerstand aufgefasst. 1980 wurden er und seine Frau Nora vom Sowjetregime unter Androhung von Repressalien zur Ausreise gedrängt.

Pärts Musik – von „Fratres“ über „Für Alina“ bis „Spiegel im Spiegel“ – wirkt wie ein außergewöhnlicher spiritueller Kontrapunkt, der nicht nur damals in der atheistischen Sowjetunion, sondern auch heute im hedonistischen Europa, das seine christlichen Wurzeln vergessen hat oder leugnet, resonanzvoll erklingt. Pärts Musik steht im Gegensatz zu exhibitionistischen Akten und pornografischen Inszenierungen in der modernen Opernwelt. Seine geistliche Ernsthaftigkeit bildet einen Kontrast zu den lärmenden Diskursräumen von Gesellschaft, Politik und Kirche heute. In Pärts Kompositionen geht es um Gott, nicht um Gender.

Von der Gregorianik lernen

Fernab der faden Zwölftonmusik bewegt sich der heute verborgen in Estland lebende Künstler. Die Gregorianik liebt er sehr, sie inspiriert ihn. Im Interview mit Jörg Hillenbrand legt Arvo Pärt dar: „Von der Gregorianik kann man alles lernen, was wir nicht haben. Ich würde sagen, dass wir eigentlich nichts haben. Tatsächlich haben wir nichts. Aber das zu lernen ist nicht so einfach. … Die Bedeutung der Gregorianik hat nichts mit Musik zu tun. Sie hat mit Leben zu tun, mit Denken, mit Glauben.“

Im liturgischen Gesang erkennt er ein kosmisches Geheimnis, das unverstanden bleibt von den Zwölftonkomponisten, die nichts mehr, so sagt er andernorts, als eine sterile Demokratie zwischen den Noten errichten hätten, die jedes lebendige Gefühl abtötet. Musik verkümmert, wirkt steif, hölzern, darbt schulmeisterlich dahin, wenn Kunst – fade demokratisch – arrangiert wird. Dann bleibt eine spröde, unnötig komplizierte Organisation von Tönen statt eines lebendigen Organismus.

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Kritiker tadeln Pärts Kunst als zu schlicht. Der Komponist sagt sinngemäß: Wenn sich die Dinge übertrieben komplizieren, wie es oft in der zeitgenössischen Musik vorkommt, so können die Menschen dem musikalischen Gedanken des Komponisten nicht mehr folgen und sie verstehen nicht einmal die wichtigen Neuerungen in der Klangwelt des Komponisten. Zudem erleben intellektuelle Kritiker die religiöse Dimension in Pärts Kompositionen als verstörend. Von Tod und Leiden erzählt seine Musik, von der Stille. Seine Musik bricht aus der Sphäre des Alltäglichen aus. Er wendet sich auf das Ewige hin, meditiert mit Noten.

Ein Freund der katholischen Kirche

Den „Nobelpreis für Theologie“ empfängt er, der den Namen eines anderen Musikliebhabers trägt, nämlich des päpstlichen Pianisten, der sich nach seiner Wahl Benedikt XVI. nannte und nicht nur Katholiken und Theologen unvergessen bleibt. Der Ratzinger-Preis wurde dem tiefreligiösen Komponisten Arvo Pärt, der Teil der russisch-orthodoxen Kirche ist, im Vatikan verliehen. Auf Benedikts Klavier spielte Pärt 2017 sein „Vater unser“. Schon am 4. Juli 2011 – anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Priesterweihe Benedikts XVI. – hatte der Komponist das dem Papst gewidmete Stück in Anwesenheit des höchst aufmerksamen Jubilars intoniert.

Nicht wenige Musiker bekennen sich zu spirituellen Dimensionen ihrer Existenz, gehen aber zur Kirche auf Distanz. Die Institution erscheint ihnen fremd. Anders verhält sich Arvo Pärt, der bewusst für die katholische Kirche komponiert hat, so etwa die „Berliner Messe“ für den Katholikentag 1990 in Berlin. Auch später hat er sich immer wieder unmissverständlich nicht nur zur Kirche, sondern auch zu ihrer Heiligkeit bekannt. Dieses Heilige gelte es zu suchen, auch wenn es in der Kirche Menschen gibt, die irren – Menschen, die nicht allein Sünder, sondern auch Straftäter sein können. Der Heiligkeit der Kirche täte dies aber keinen Abbruch.

Kunst, die der Gegenwart trotzt

Pärt glaubt an Gott und auch an göttliche Inspiration. So legte er im Gespräch mit Jörg Hillenbrand dar: „Was ein Künstler schafft, hängt davon ab, welche Inspirationsquelle in ihm wirkt, was er sucht, wohin er strebt. Schon im Mittelalter wurde unterschieden zwischen himmlischer, irdischer und höllischer Musik. Wie sehr wir mit der einen oder der anderen Sphäre verbunden sind, wissen wir oft selbst nicht. Wir können aber den Fehler machen, uns besser einzuschätzen, als wir sind. Vielleicht denken wir, dass wir irgendwo zwischen Erde und Himmel fliegen, aber tatsächlich sind wir zwischen Hölle und Erde. Das hindert uns aber nicht daran, an Gott zu glauben. Je tiefer der Mensch gefallen ist, desto mehr braucht er Gottes Hilfe. Hoffnung – das ist wichtig.“

In der hohen und tief berührenden Einfachheit der Kompositionen von Arvo Pärt scheint diese Sehnsucht nach Gott auf. Insbesondere die Einfachheit bringt er mit der Wahrheit Gottes klangvoll in Verbindung. So trotzt er allen Forderungen, alle Kunst müsse auf die Gegenwart bezogen sein. Die Gegenwart, in der Arvo Pärts Musik widerhallt und sich spiegelt, ist die Ewigkeit. In Kompositionen wie „Spiegel im Spiegel“, ein Stück für Klavier und Violine, beginnen die regelmäßig und streng konstruierten Töne zu schweben, man schaut gebannt hörend nach droben und vielleicht noch höher hinauf. Pärts Musik scheint wie ein himmlisch klingender Kontrapunkt zu unserem säkular dröhnenden Zeitalter zu sein.

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