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Kindesmissbrauch im Erzbistum Paderborn

Bökendorf

Meine Großtante war Jahrgang 1907 und stammte aus Paderborn. Die Domstadt in Ostwestfalen war bis in die achtziger Jahre hinein so schwarz, dass der Kohlenkasten keinen Schatten warf. Innerhalb der stellenweise erhaltenen Stadtmauern und Wehrtürme stand ein Dutzend Kirchen, über allen thronte der Hohe Dom, dessen mächtiges Läuten in alle Winkel und Gassen drang. Einerseits zum Angelus und zur Messe rufend, andererseits die Macht der römischen Kirche kündend. In Paderborn brauchte man keine Armbanduhr, denn für die Tageszeiten schlugen ja die Glocken.

Im Vergleich zu meiner geschäftigen, liberalen Heimatstadt Hamburg war das Leben im spießig-katholischen Paderborn ruhiger, gemächlicher. Ordentlicher auch, oder enger, je nach Blickwinkel. In einer Gasse an der Stadtmauer lag ein Bauernhof, hinter dessen hohem Zaun ich als Kind noch die Schweine grunzen hörte. Während wir in Hamburg selbstverständlich fließend Heißwasser hatten, musste man bei Tante Else, so nannten wir sie, obwohl sie ja die Schwester meiner Oma war, erst den Boiler anstellen.

Alles ein großer Klüngel

Die täglichen Wege erledigte man in der Paderstadt zu Fuß. Das Paderborner Brot kaufte Tante Else grundsätzlich auf Vorbestellung beim Bäcker und legte es dann in die Speisekammer. Mein Großonkel trug Hosenträger, rauchte Zigarre, gewann Preise im Schützenverein und ging abends in die „Hölle“ – so hieß eine Eckkneipe im Viertel. Vor dem Mittagessen an dem runden Tisch im Wohnzimmer betete Onkel Bruno, was wir von zu Hause nicht kannten. Das war insofern bemerkenswert, da Onkel Bruno aus Insterburg stammte, wo man die Katholiken mit der Lupe suchen musste.

Ihr Haus in der Kernstadt hatte meine Tante nach dem Krieg so tüchtig wie pfiffig aufgebaut. Gern hätte sie noch ein Stockwerk höher gebaut, aber – Wohnungsnot hin oder her – von der mit der Kirche verklüngelten Baubehörde gab es keine Genehmigung, weil das Dach sonst die Sicht auf den Dom versperre. Noch in hohem Alter wurmte es sie, dass andere Bauherren durchaus hatten höher bauen können, aber die hatten wohl bessere Connections oder warfen mehr in den Klingelbeutel.

Überhaupt schien in Paderborn alles ein großer Klüngel. Gefühlt kannte jeder jeden und war im Bilde: wie es bei Frau Josefs stand, was Mettgens Käthe machte, wie Fleischer Jolmes über die Runden kommt, und dann noch Vonderbecks! Nicht auszudenken. Ich habe sie nie kennengelernt, aber das mussten ganz schlimme Leute sein. Außerdem hatten die höher gebaut. Wenn meine Tante zur Zeitung griff, las sie zuerst die Todesanzeigen: „Ich muss doch eben sehen, wer keine Steuern mehr zahlt.“

Alt-Paderborn: Der Dom in einer Ansicht von 1924

Und der Besitz der Kirche! Die stinken vor Geld! Die Caritas da drüben, die bauen groß neu, die haben’s ja. Tante Else wusste genau: „Hier, dieses da, das gehört alles der Kirche!“, und deutete mit dem Stock eine lange Linie in die Luft über dem betreffenden Grundstück.

Reserve, Spott, pragmatisches Mitmachen

Von unserem Viertel konnte man auf dem Weg in die Stadt die Abkürzung durch den Dom nehmen. Der Weg führte dann am Kreuzgang mit dem berühmten Hasenfenster („Drei Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder Hase zwei“) vorbei direkt durch den Dom und am Hauptportal wieder raus auf den Markt. Ich kann mich nicht erinnern, dass Tante Else im Kirchenschiff dann etwa kurz zum Gebet innegehalten hätte oder dass sie überhaupt zur Messe gegangen wäre; wenn wir zu Besuch waren, jedenfalls nicht. Beim Betreten der nach dem Krieg wiederaufgebauten Kathedrale, wurden da ihre Mundwinkel hart, erschien da ein Anflug von Missmut in ihrem Gesicht?

Dreihasenfenster im Paderborner Dom: „Drei Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder Hase zwei“

Der Postbote brachte zwar den Dom, die örtliche Bistumszeitung – „Es schellt! Sieh doch mal eben nach!“ (im Westfälischen sagt man schellen, nicht klingeln) –, aber vielleicht gehörte sich das Abonnement auch nur so. Was sollten Nachbarn und Bekannte denken, wenn der Dom nicht mehr kommt? Ist die Tante jetzt etwa bei den Sozis?

Für den in Paderborn traditionell mit großem Pomp, Kirmes und Geschäftssinn gepflegten Liborius-Kult („Sei gegrüßet, o Libori, dessen Namen, Ehr’ und Glorie Gott auf Erden großgemacht!“) hatte sie ohnehin nur Spott übrig. „Die laufen da alle hinter dem Kasten her“, und dann, schon mehr halblaut: „Was da wohl drin ist? ’N paar olle Knochen.“ Mitunter war sie auch der Auffassung, dass der Libori-Schrein überhaupt leer wäre. Aber natürlich ist sie mit uns über den Rummel auf dem Liboriberg gegangen.

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Der im Zusammenhang mit der jüngst veröffentlichten Missbrauchsstudie der Universität Paderborn als möglicher Kinderschänder in die Schlagzeilen geratene Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt war mir aus Erwähnungen der Großtante ein Begriff. Schließlich schaltete und waltete der Kirchenfürst fast dreißig Jahre lang nach Gutdünken, und bei Tisch wurde erzählt. Der Bischof bekam manches Mal sein Fett weg, aber um was es ging, kann ich mich nicht erinnern.

Lebensweisheiten bei Tisch

Wenn wir in den Ferien nach langer Bahnfahrt mit Umsteigen in Hannover aus Hamburg zu Besuch kamen, was immer etwas Besonderes war, gab es am Abend erst mal eine kräftige Rindsbrühe mit Fleischknödelchen. Die hatte Tante Else selbst gemacht. Auf den Tisch mit der Wachstuchdecke wurde dann extra die gute Porzellanterrine gestellt.

Und dann gingen eigentlich immer dieselben Geschichten los. Tante Else redete sich dann alles von der Seele. Der Paderborner Tratsch („Die waren auch mit dem alten Nixdorf ganz dicke“). Die Bausünden der Stadtplaner („Vor dem Krieg war es schön, heute ist Paderborn nicht mehr schön“). Wie sich „die Türkenweiber“ auf dem Pottmarkt benehmen („Da stößt die mich doch weg!“), überhaupt die ganzen Ausländer! („Ich werd’ es nicht mehr erleben, Kinder, aber ihr werdet’s erleben, dass das Blut die Heiersstraße herabläuft!“)

Dann vom Krieg („War ja alles kaputt“), von Hitlers Verbrechen („Was hatten uns denn die Juden getan? Meine Schwester machte für eine Jüdin Näharbeiten“), von 1933 („Der schäkerte mit mir. Aber eines Tages seh’ ich den doch am Westerntor bei der SA marschieren! Da wollt’ ich von dem nichts mehr wissen“), vom ersten der zwei Kriege, die sie mitmachen musste („Vater hat immer gesagt, die Welt lebt doch nur von Krieg und Wiederaufbau“), von früher („Ach, als wir noch einen Kaiser hatten …“, und summte die Kaiserhymne, „Heil dir im Siegerkranz“).

„Immer schlugen uns die Nonnen“

Und dann kam Bökendorf. Jedes Mal. Das andere variierte, aber Bökendorf kam immer. Und das war ganz schlimm. Weil die Mutter meiner Großtante früh starb, stand mein Urgroßvater plötzlich mit den zwei Mädchen da. Und wusste sich nicht anders zu helfen, als die kleine Else mit ihrer Schwester vorübergehend in die Obhut von katholischen Nonnen zu geben. Er meinte es sicher gut, sah aber auch keinen anderen Ausweg. Das muss während des Ersten Weltkrieges gewesen sein.

So fand sich das Mädchen mutterseelenallein in Bökendorf wieder. Übrigens eine Konstellation, die Gewalt und Missbrauch aller Art begünstigt: das Kind allein, die Eltern tot oder weit weg und unbesorgt; die Paderborner Studie wie auch die 2018 erschienene MHG-Studie gehen auf diese Umstände ein.

Die Ortschaft im angrenzenden Kreis Höxter ist Germanisten und Leseratten wegen des Bökendorfer Romantikerkreises bekannt, zu dem Annette von Droste-Hülshoff, die Gebrüder Grimm, Ernst Moritz Arndt, Clemens Brentano und weitere gehörten.

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Was das Mädchen dort mitmachte, war allerdings nicht die Spur romantisch, sondern ein Verbrechen. „Und immer wurden wir geschlagen, immer feste geschlagen, immer so, errr“, und dabei verzerrte Tante Else wie in Schmerz und Wut das Gesicht. „Und haben uns hungern lassen, während die Nonnen aßen!“

Tante Else konnte es nicht haben, wenn wir als Kinder oder Jugendliche mal eine Scheibe Brot ohne alles aßen, einfach, weil es gut schmeckte. „Nun iss doch nicht das trocken Brot, das kann doch keiner mit ansehen! Gib doch da eben Butter drauf!“

Aber das Schlimmste neben dem Ausgeliefertsein war wohl die Bigotterie: „Immer schlugen uns die Nonnen, aber sind jeden Morgen an die Kommunionbank. Jeden Morgen an die Kommunionbank!“

Verhältnis zur Kirche schwer beschädigt

Meine Großtante ist sehr alt geworden und war bis zuletzt klar im Kopf. Sie hatte nur die Volksschule besucht, aber damals bereiteten deutsche Schulen ja noch auf das Leben vor und nicht auf Geschwätzwissenschaften: Sie beherrschte die Rechtschreibung aus dem Effeff, rechnete auch schwierige Sachen eben fix im Kopf, war kaufmännisch und geschichtlich auf Draht und kannte Volkslieder und Balladen in Hülle und Fülle auswendig. Ihr Lieblingsgedicht war „Der Postillon“ von Nikolaus Lenau („der eigentlich Strehlenau hieß“, wie sie stets hinzusetzte). Beim Mühle-Spiel ließ sie uns Kinder gewinnen und unterhielt uns mit drolligen Sprüchen: „Hinter Tulpen und Narzissen, / da hat ein großer Hund geschlafen!“ – und das Verb so speziell gedehnt. Wir fanden den Reim und lachten uns kringelig.

Sie war eine patente Frau, die früh den Braten roch, wohin es mit Deutschland noch kommen sollte; sie konnte organisieren und wusste sich in Not- und Krisenzeiten zu helfen („Denn wer sich nicht zu helfen weiß, ist nicht wert, dass er in Verlegenheit gerät.“) Aber was ihr als Kind von den bigotten katholischen Nonnen angetan wurde, das hat ihr irgendwie das Leben getrübt und auch das Verhältnis zur Kirche schwer beschädigt. Wen wundert’s.

Als jetzt die Studie eine noch viel höhere Zahl an Betroffenen im Erzbistum Paderborn als bisher bekannt zu Tage förderte, musste ich wieder an die Kindheitserinnerungen meiner Großtante denken. Von sexualisierter Gewalt in Bökendorf hat sie zwar nie berichtet, aber zum einen wäre es fahrlässig, das bei dem Sadismus der Nonnen von vornherein auszuschließen, zum anderen hätte sie vor Kinderohren davon geschwiegen. Kruzifixe über den Türbalken, Weihwasserschälchen und Dürers „Betende Hände“ als Holzrelief an der Wand sind indessen leise Indizien dafür, dass sie über allem den Glauben nicht verloren hatte. R.I.P.

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