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C. S. Lewis zum 125. Geburtstag

Einer, der mit unerbittlicher Logik nachdachte

Clive Staples Lewis, der heute 125 Jahre alt geworden wäre, gehört nicht zu den vergessenen Autoren, die erst wiederentdeckt werden müssten. Er hatte und hat eine ganz erstaunliche Wirkungsgeschichte, die er sich wohl selbst kaum hätte träumen lassen. Und diese ungeheure Wirkung des anglo-irischen Schriftstellers ist noch nicht vorbei – und sie ist auch nicht auf die englischsprachige Welt beschränkt. Denn seine Werke erreichen ihr Publikum – man muss wohl sagen: verschiedene Formen von Publikum, obwohl sie vielfach unzeitgemäß erscheinen.

Sein Publikum ist deshalb so vielfältig, weil es auch sein Werk war: C. S. Lewis war einerseits Literaturwissenschaftler vom Fach und schrieb zum Beispiel eine voluminöse Literaturgeschichte des 16. Jahrhunderts in England (ohne Drama!), aber er verfasste eben andererseits auch höchst populäre Romane, die Kinder und Jugendliche ansprechen.

Am berühmtesten sind die Narnia-Erzählungen, die „Chroniken von Narnia“. Dieses Roman-Multiversum ist ein Musterbeispiel phantastischer Literatur mit ihren Gegenwelten und allerlei anderen Unwahrscheinlichkeiten, mehrfach verfilmt, zu Hörspielen und Bilderbüchern verwandelt und erstaunlich frisch geblieben.

Die Kraft unvergesslicher Geschichten mit moralischen Prüfungen und Kämpfen für das Gute

Die starke mythologische Komponente dieser Bücher, der Bezug auf archaische Muster des Denkens und Fühlens, auf Werte wie Treue und Zuverlässigkeit, Zuversicht und Kampfesmut, spricht auch Generationen an, die sonst all das für verstaubten Kram aus dem 19. Jahrhundert halten. Aber eben dieses 19. Jahrhundert war keineswegs ein Zeitalter, das man hätte vernachlässigen dürfen. Denn es fanden sich hier wesentliche Inspirationsquellen für Lewis, die auch und gerade seine literarische Phantasie stimulierten. Vor allem die phantastischen Erzählungen George MacDonalds und die berückenden Opernkunstwerke Richard Wagners sind hier zu nennen.

Die Narnia-Bücher haben zwar eine erkennbar christliche Grundlage, aber sie ist nicht in einem propagandistischen Sinne präsent, wie es bei manchen Werken der Literatur der Fall ist, die vor allem christlich sein wollen. Denn Lewis vertraut auf die Kraft unvergesslicher Geschichten mit moralischen Prüfungen und edlen Kämpfen für das Gute, in denen nicht unnötig moralisiert wird. Um so klarer stellen sich den Lesern die Fragen, die von den Geschichten selbst aufgeworfen werden: Was bedeutet Freundschaft? Wie geht man mit der Versuchung um, die vom Glanz nicht der Wahrheit, sondern der Macht ausgeht? Worin besteht die wahre Demut und die wahre Tapferkeit?

Lewis selbst war es keineswegs in die Wiege gelegt, zu einem populären christlichen Schriftsteller zu werden. Sehr lange dauerte der Prozess, in dem er sich zunächst überhaupt von einem erklärten Atheisten zu einem Theisten wandelte, der schlicht anerkannte, dass Gott existierte. Aber dieser Gott war noch sehr unbestimmt, und er war keineswegs Person. Das erkannte Lewis erst in einem späteren Schritt und gelangte schließlich dazu, Jesus als den Christus anzuerkennen. Lewis begleitete seinen Weg der Erkenntnis mit allegorischen und autobiographischen Schriften, und er entfaltete auf der Grundlage seines Christentums eine literarisch bedeutsame Kulturkritik.

Das Teuflische des Teufels: den Menschen nach dem Munde zu reden

Philosophisch geschult, war der Literaturwissenschaftler Lewis auch mit der antiken und mittelalterlichen Literatur bestens vertraut. Er kannte den Sinn allegorischer – uneigentlicher – Rede, durch die es möglich war, mit den Mitteln der schönen Literatur auch auf die philosophische oder theologische Wahrheit hinzuweisen. Er nutzte dieses Mittel selbst in vielfältiger Weise, nicht zuletzt in seiner Science-Fiction-Trilogie – bestehend aus „Out of the Silent Planet“ (1938), „Perelandra“ (1943) und „That Hideous Strength“ (1945). Teilweise auf fernen Planeten angesiedelt, verhandeln diese Romane schwerwiegende theologische Themen wie Sünde und Erbsünde, aber auch die konkreten Bedrohungen der Menschlichkeit des Menschen durch eine Diktatur der (tatsächlichen oder angeblichen) Wissenschaft.

C. S. Lewis in seinem Arbeitszimmer im Jahre 1951: Alle Menschen haben ein Recht darauf, ins Denken zu kommen
C. S. Lewis in seinem Arbeitszimmer im Jahre 1951: Alle Menschen haben ein Recht darauf, ins Denken zu kommen

„Die Abschaffung des Menschen“ (1943), wie eines der berühmten Bücher von Lewis heißt, droht mit der Leugnung eines allen Menschen gemeinsamen Naturrechts. Aber auch mit der so erfolgreichen Propaganda, die dem Menschen einreden möchte, er sei ein sich selbst genügendes Wesen, das keiner Erlösung bedürfe. Lewis greift auch solche Themen in literarisch witziger Form auf, wenn er beispielsweise in seiner „Dienstanweisung für einen Unterteufel“ (1942) vorführt, worin in Tat und Wahrheit das Teuflische des Teufels besteht, nämlich den Menschen nach dem Munde zu reden.

Die Liebe und immer wieder die Liebe – und der Schmerz natürlich

Lewis scheute nicht vor den tiefesten Fragen des Menschseins zurück, wenn er in einem seiner berühmtesten Bücher „Über den Schmerz“ (1940) nach der Realität und dem tieferen Sinn des Leidens in einer Welt fragte, die doch eigentlich für den Menschen wie gemacht sein sollte. Der Schmerz an der Wirklichkeit wirft aber die Menschen immer wieder in den Zweifel hinein, wie ein gütiger Gott so etwas wie das Leiden überhaupt habe zulassen können. Doch ein Gott, der den Menschen die Freiheit schenkte, konnte nicht zugleich ein Gott sein, der alles Leiden von vornherein unmöglich machte.

Für Lewis selbst waren solche Fragen keine bloß akademischen Überlegungen, sondern sie betrafen auch sein eigenes Leben, so wie er auch selbst sich über die verschiedenen Arten der Liebe klar zu werden versuchte – über die er in heute noch faszinierender wie wegweisender Form berühmte Radiovorträge hielt.

So verschränken sich bei Lewis immer wieder theologische und philosophische Überlegungen mit lebenspraktischen Herausforderungen – aber, und das ist entscheidend, Lewis war bereit, seine eigenen Interessen und Wünsche der Suche nach Wahrheit unterzuordnen. Er folgte dem Nachdenken mit unerbittlicher Logik – so wollte er gar nicht unbedingt den Weg zu Christus finden, sondern er wurde gleichsam innerlich gezwungen, Jesus als Christus anzuerkennen.

Sprache von ostentativer Schlichtheit

Schon zu seinen Lebzeiten – als Professor wie als Radiointellektueller – war Lewis ausgesprochen beliebt bei den Zuhörern. An den Universitäten, erst in Oxford, dann in Cambridge, waren seine Vorlesungen stets gut besucht; sein großes Wissen und seine Weisheit strahlten weit über diesen Kreis hinaus. Eng befreundet mit berühmten Schriftstellern wie J. R. R. Tolkien, aber auch mit weniger bekannten wie Owen Barfield oder Charles Williams, gehörte Lewis zu der selbst fast zu einem Mythos gewordenen Gruppe der „Inklings“, die sich zu regelmäßigen Diskussionen trafen und sich gegenseitig inspirierten.

Unter den deutschen Philosophen waren es vor allem Josef Pieper und Helmut Kuhn, die früh die Bedeutung von Lewis auch als literarischer Apologet des Christentums und Popularphilosoph erkannten. Pieper etwa übersetzte, gemeinsam mit seiner Frau, den Essay von Lewis „Über den Schmerz“, den man als eine indirekte christliche Antwort auf Ernst Jüngers Essay „Über den Schmerz“ von 1934 lesen kann, der noch ganz einer gleichsam heidnischen Weltsicht verpflichtet war. Für Pieper war es zudem die ostentative Schlichtheit der Sprache von Lewis in der Philosophie, also Zurückhaltung gegenüber Bombast und abstrakter Theoriesprache, die vorbildlich genannt werden konnten.

Wer ernste Gedanken hat, sollte diese nicht für den kleinen Kreis eingeweihter reservieren, denn alle Menschen haben ein Recht darauf, ins Denken zu kommen über das Eine, das nottut. Lewis bemühte sich, sowohl das Denken als auch die Phantasie seiner Zuhörer und Leser anzusprechen. Er verkörperte selbst jene Elemente der abendländischen Bildung, die heute immer mehr verdunsten.

Das Bildungsgut aus Antike und Mittelalter ist nicht schlechthin veraltet

Aber weil es Gelehrte und Schriftsteller wie C. S. Lewis gab, wissen wir auch: Das Bildungsgut aus Antike und Mittelalter ist nicht schlechthin veraltet und obsolet geworden. Der Respekt vor der Logik, ein heute mehr denn je gefährdetes Bildungsgut, gehörte für Lewis ebenso unabdingbar zur Bildung wie die Fähigkeit, sich von großer Dichtung ansprechen zu lassen.

Wo mit der Lektüre von Lewis zu beginnen wäre – das ist keine Frage, die man kategorisch beantworten kann. Für die einen sind es in jedem Falle die Romane, die unmittelbar ansprechen, vielleicht auch gar nicht als Romane, sondern als Filme – auch das ist ein Weg zu Lewis. Wer sich für die große Literatur der Vergangenheit interessiert, mag sich dem Lewis zuwenden, der John Miltons großes christliches Epos vom „Verlorenen Paradies“ auslegt. Und wen theologische Fragen bedrängen, wird sich seinen Essays über Wunder, über das Gebet oder über die Psalmen zuwenden. Und wer in den kleinen Schriften herumstöbern möchte, der greife zu der schönen Lewis-Anthologie von Norbert Feinendegen („Durchblicke“, 2019).

Viele Wege führen zu Lewis. Wer sich auf ihn einlässt, wird mit Jahren heilsamer und erfrischender Lektüre belohnt. Und mit der Zuversicht, dass auch im 21. Jahrhundert die christliche Sicht auf Gott, Welt und Mensch nicht schlechthin unmöglich geworden ist.

 

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Kommentare

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Kommentar
1
Veritas
Vor 3 Monate

Was für ein grandioser Text, werter Herr Dr. Kinzel, da bekommt man sogleich Lust, ins Bücherregal zu greifen und wieder einmal einen Lewis hervorzukramen. Obgleich ein Nebel übers Land gezogen ist, der Beitrag läßt doch Funken von Hoffnung durchblitzen.

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Michael Böhles
Vor 3 Monate

"Intuition ist die Quelle der Phantasie - wenn sie versiegt, wandelt sie sich um in einen Sumpf, vom Aus-Trocknen bedroht..."
In diesem Sinn ist C.S. Lewis "unbezahlbar", weil er bis zuletzt scharf-sinnig zu sagen wußte: "Wer nach dem Un-Sinn verlangt, wird ihn erleben!" Deshalb bleibt seine "Optik" bis heute und für morgen weiterhin "wegweisend" für alle, die nach der Wahrheit in Jesus Christus suchen!
Michael Böhles, P. Mag.Theol. (CSSp) - Kloster KNECHTSTEDEN (bis 1803 Praemonstratenser-Abtei, gegründet durch Norbert v.X.) * 41540 Dormagen/Rhld.

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Michael Böhles
Vor 3 Monate

"Intuition ist die Quelle der Phantasie - wenn sie versiegt, wandelt sie sich um in einen Sumpf, vom Aus-Trocknen bedroht..."
In diesem Sinn ist C.S. Lewis "unbezahlbar", weil er bis zuletzt scharf-sinnig zu sagen wußte: "Wer nach dem Un-Sinn verlangt, wird ihn erleben!" Deshalb bleibt seine "Optik" bis heute und für morgen weiterhin "wegweisend" für alle, die nach der Wahrheit in Jesus Christus suchen!
Michael Böhles, P. Mag.Theol. (CSSp) - Kloster KNECHTSTEDEN (bis 1803 Praemonstratenser-Abtei, gegründet durch Norbert v.X.) * 41540 Dormagen/Rhld.

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Veritas
Vor 3 Monate

Was für ein grandioser Text, werter Herr Dr. Kinzel, da bekommt man sogleich Lust, ins Bücherregal zu greifen und wieder einmal einen Lewis hervorzukramen. Obgleich ein Nebel übers Land gezogen ist, der Beitrag läßt doch Funken von Hoffnung durchblitzen.