Direkt zum Inhalt
Zentralkomitee der deutschen Katholiken

Das Laienregiment

Zu den bemerkenswertesten Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland zählt das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK). Weltweit ist dieser Zusammenschluss von katholischen Laien einzigartig. Immer wieder schaffen es Präsidentin Irme Stetter-Karp und ihre Organisation in die Schlagzeilen. Dort heißt es dann, das ZdK spreche für „die“ katholischen Laien. Ist das tatsächlich so, und wo liegen die Wurzeln dieser Organisation?

Die Entstehung des ZdK ist den besonderen innerkirchlichen Entwicklungen in Deutschland nach der Säkularisation im Zuge des Endes des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1803/06) zu verdanken, als zahlreiche Bistümer auf Jahrzehnte vakant geworden waren.

Diese Phase in der katholischen Kirchengeschichte gilt als die „Stunde der Laien“, und sie ging einher mit der Entstehung des Bürgertums in Deutschland. Nicht nur mit der Gründung der Piusvereine reagierten Laien unter geistlicher und seelsorgerischer Begleitung von Priestern auf die Herausforderungen der Zeit und begründeten neue geistige Zentren der katholischen Erneuerung.

Bei allen katholischen Vereinsgründungen, selbst bei den Studentenverbindungen, stand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die soziale Frage im Mittelpunkt ihres Wirkens.

Von der Generalversammlung zum Katholikentag

Im Revolutionsjahr 1848 kamen die Vertreter der katholischen Vereine erstmals zu einer „Generalversammlung des katholischen Vereins Deutschlands“ zusammen. Das war zugleich ein Bekenntnis der Katholiken zu einer deutschen Nation, denn sie suchten den Anschluss an die gesellschaftlichen Veränderungen nicht zu verlieren. Zehn Jahre später erfolgte die Umbenennung in „Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands“ und 1872 in „Generalversammlung der Katholiken Deutschlands“.

Die letzte Umbenennung deutet schon darauf hin, dass man das Engagement des Zusammenschlusses nicht nur auf die Vereine konzentrierte. Zwecks Organisation und Durchführung der Generalversammlungen, aus denen die heutigen Katholikentage erwuchsen, wurde im Jahre 1868 das „Central-Komitee der katholischen Vereine Deutschlands“ gegründet.

Diesem Zentralkomitee oblag im Prinzip nur die Organisation der Generalversammlungen. Während des Bismarckschen Kulturkampfes übernahm schon im Jahre 1872 anstelle des Central-Komitees ein „Commissär“ die Verantwortung und Durchführung der jährlichen Generalversammlungen. Erst 1898 wurde unter dem Namen „Central-Komitee für die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands“ das Gremium wieder eingesetzt und in der Namensgebung sogar der eng gefasste Auftrag aufgenommen.

Ein Gremium, das niemals die Interessenvertretung für alle beanspruchte

Mit der in der Weimarer Verfassung von 1919 verankerten Religions- und Versammlungsfreiheit erlangten die Katholikentage eine erhöhte Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Öffentlichkeit. Sie waren im Leben der Kirche in Deutschland ein weithin anerkanntes Gremium, das aber niemals die Interessenvertretung für alle deutschen Katholiken für sich beanspruchte.

Das war stets Aufgabe der Bischöfe, die sich in Deutschland schon in der Kaiserzeit in einer Bayerischen und einer Fuldaer Bischofskonferenz und erst unter dem politischen und kirchenfeindlichen Druck während der nationalsozialistischen Zeit (1933-1945) zur Deutschen Bischofskonferenz zusammenschlossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Westdeutschland zur Wiederbegründung der katholischen Vereine und mit dem formal 1952 wiedererrichteten „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ zu einer stärkeren Bündelung der Vereinsarbeit.

Dem neuen ZdK gehörten nicht mehr nur gewählte Repräsentanten aus dem Verbandskatholizismus an, sondern auch kooptierte katholische Einzelpersönlichkeiten des gesellschaftlichen und politischen Lebens sowie ferner Vertreter aus den Katholikenräten und Leitungsgremien der Diözesen. Die Aufnahme der Diözesanräte bildete die Legitimation für den nun herausgestellten Anspruch, alle Katholiken zu vertreten.

Aufbau und Präsidium

Das ZdK besteht aus der 230 Mitglieder starken Vollversammlung, einem rund alle sechs Wochen tagenden Hauptausschuss, der 35 von der Vollversammlung gewählte Personen umfasst, sowie aus dem Präsidium und dem Präsidenten, der das ZdK vertritt. 2021 wurde die promovierte Soziologin Irme Stetter-Karp für eine Amtszeit von sechs Jahren zur Präsidentin des ZdK gewählt. Im Juli 2022 forderte sie in einem Zeitungsbeitrag, Abtreibungen müssten flächendeckend ermöglicht werden. Daraufhin wurden Rücktrittsforderungen von Seiten konservativer katholischer Vereinigungen laut. Stetter-Karps Stellvertreter sind Wolfgang Klose, Birgit Mock, Claudia Nothelle und Thomas Söding.

Der verlängerte Arm der CDU

Die Einzelpersönlichkeiten im ZdK waren zumeist politisch und eben auch parteipolitisch aktiv und arbeiteten im ZdK als vorpolitischem Raum zunehmend ihre politische Agenda ab. Beispielsweise hatte sich die CDU als überkonfessionelle christliche Partei begründet, da lag es nahe, sich auch im ZdK für die Ökumene starkzumachen, und das eben auch bei fehlender theologischer Expertise.

So entwickelte sich das ZdK zunehmend zu einem verlängerten Arm der CDU; nach der Wiedervereinigung wurden dann auch Grüne und Sozialdemokraten in das ZdK als Einzelpersönlichkeiten eingeworben.

Dieser Vergrößerung des Kreises der Einzelpersönlichkeiten stand ein Rückgang der Vereinsmitgliedschaften gegenüber, so dass das ZdK immer weniger katholische Laien repräsentierte. Parallel zu dieser Entwicklung ging mit zunehmendem Abstand zum Zweiten Weltkrieg die Kirchenbindung bei den Gläubigen dramatisch zurück.

Alleinvertretungsanspruch dank Bischofskonferenz

Ganz im Gegensatz zur schwindenden kirchlichen Verwurzelung baute das Zentralkomitee der deutschen Katholiken im Einvernehmen mit der Deutschen Bischofskonferenz seinen Alleinvertretungsanspruch für die Katholiken in Deutschland ständig aus und wurde auch von den Medien als der Repräsentant „der“ deutschen Katholiken wahrgenommen.

Als offiziell anerkannte Laienorganisation der Deutschen Bischofskonferenz ist das ZdK auch an die Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils gebunden. Das Dekret „Apostolicam actuositatem“ (Über das Laienapostolat), Nr. 26, formuliert hierzu:

„In den Diözesen sollen nach Möglichkeit beratende Gremien eingerichtet werden, die die apostolische Tätigkeit der Kirche im Bereich der Evangelisierung und Heiligung, im caritativen und sozialen Bereich und in anderen Bereichen bei entsprechender Zusammenarbeit von Klerikern und Ordensleuten mit den Laien unterstützen. Unbeschadet des je eigenen Charakters und der Autonomie der verschiedenen Vereinigungen und Werke der Laien werden diese Beratungskörper deren gegenseitiger Koordinierung dienen können.“

Die eigentliche Aufgabe des ZdK

Hieran kommt auch das ZdK nicht vorbei. Die Aufgabe desselben ist eben nicht, politische oder kirchenpolitische Forderungen zu erheben. Es ist auch nicht seine Aufgabe, die Tätigkeit der Päpste und der Bischöfe kritisch zu begleiten oder gar zu konterkarieren, sondern es ist für die Koordination des Apostolates der Laien zuständig.

Doch in jüngster Zeit, so scheint es, haben sich manche Mitglieder und auch Mitgliedervereine des ZdK zu Gegnern der Lehre der Kirche und damit auch des Papstes entwickelt. Die Organisation manövrierte sich ohne Rückkoppelung mit dem Kirchenvolk in die Gegnerschaft zum Lehramt der Päpste hinein, erhob aber weiterhin den Anspruch, „die“ Katholiken Deutschlands zu vertreten.

Papst Johannes Paul II. hatte etwa mit Schreiben vom 3. Juni 1999 von den kirchlichen Beratungsstellen für Ehe und Familie erwartet, dass sie keine Beratungsscheine mehr an Frauen ausstellen, die eine Abtreibung in Erwägung zogen. Dieser Beratungsnachweis ermöglichte es nämlich den Frauen, eine straffreie Abtreibung vorzunehmen. Formaljuristisch beteiligten sich die kirchlichen Beratungsstellen damit aktiv an Abtreibungen.

Das ZdK und „Donum Vitae“

Schwachbesuchter Katholikentag 2022 in Stuttgart: Die Zukunft wird neuen kirchlichen (Laien-)Bewegungen gehören, die Tradition, Liturgie und persönliche Frömmigkeit hochschätzen und die Autorität des päpstlichen Lehramtes hervorheben
Schwachbesuchter Katholikentag 2022 in Stuttgart: Die Zukunft wird neuen kirchlichen (Laien-)Bewegungen gehören, die Tradition, Liturgie und persönliche Frömmigkeit hochschätzen und die Autorität des päpstlichen Lehramtes hervorheben

Der Papst untersagte den deutschen Bischöfen, sich weiter an diesem staatlichen Beratungssystem zu beteiligen. Sie durften zwar beraten, aber keine Bescheinigungen über die erfolgte Beratung ausstellen, die Voraussetzung zur Durchführung einer Abtreibung waren und sind.

Daraufhin gründete sich noch 1999 der Verein „Donum Vitae“. Dessen Zweck war es, die vormals kirchliche Beratung unter Erteilung abtreibungsnotwendiger Beratungsbescheinigungen mit dem Etikett „katholisch“ fortzusetzen. Seine Gründungsmitglieder kamen alle aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Um den offenen Bruch zwischen der Lehre der Kirche und dem ZdK nicht zu verschärfen, unternahmen die deutschen Bischöfe nichts.

Wer Mitglied von „Donum Vitae“ und dem Zentralkomitee war, sah sich also nicht veranlasst, aus dem Zentralkomitee der Katholiken auszutreten, solange die Bischöfe die gleichzeitige Mitgliedschaft bei „Donum Vitae“ duldeten. Im Prinzip fühlte man sich durch das Schweigen der Bischöfe bestätigt.

Darüber hinaus sahen sich die Mitglieder von „Donum Vitae“ als Repräsentanten des deutschen Katholizismus, ohne dass es hierfür jemals eine Abstimmung gegeben hätte, die dieses hätte bestätigen können. Die Mitglieder des ZdK sind keine demokratisch legitimierten Repräsentanten des deutschen Katholizismus, sondern entweder nach dem Prinzip des Rätesystems oder durch Kooptation Mitglied im Zentralkomitee geworden.

Vorsitzende macht sich gebetsmühlenartig für Liberalisierung stark

Nach der klassischen Lehre der Politikwissenschaft ist das Rätesystem eine gesellschaftliche und politische Herrschaftsform, die in sozialistischen Ländern als eine Abwandlung von direkter Demokratie praktiziert wurde. Diese Räte werden nicht direkt gewählt, beanspruchen jedoch für sich, den Gesamtwillen oder Volkswillen zu formen.

Immer nachhaltiger hat sich das ZdK für innerkirchliche Reformen stark gemacht und schon unter seiner Vorsitzenden Rita Waschbusch von 1988 bis 1997 geradezu gebetsmühlenartig die Liberalisierung der Sexualmoral, die Zulassung der Abtreibung, die Abschaffung des Zölibats und die Ordination von Frauen gefordert. Die Arbeit des ZdK wurde auch in der öffentlichen Wahrnehmung stets auf diese Forderungen reduziert.

In diesem Sinne war der 2018 vom Zentralkomitee und der Bischofskonferenz angestoßene und wiederholt von Papst Franziskus kritisierte „Synodale Weg“ die Folge der über 30-jährigen inhaltlichen Arbeit des ZdK. Darüber hinaus wurden die innerkirchlichen Missbrauchsfälle der Vergangenheit – sehr zum Leidwesen der Opfer – instrumentalisiert, um vermeintlich notwendige Reformen durchzusetzen.

Das auch in kirchenfernen Medien konstatierte Scheitern des jüngsten, Stuttgarter, Katholikentags 2022 – schon aufgrund seines Besuchermangels – ist Ausdruck des Scheiterns des ZdK. Das gilt auch für zahlreiche katholische Vereine, die sich in den vergangenen Jahren dem Mainstream derartig angepasst haben, dass ein Unterschied zu profanen Nichtregierungsorganisationen oder politischen Parteien manchmal nicht mehr erkennbar ist.

Es ginge auch anders

In der Kirche der Zukunft wird das zivilgesellschaftliche Engagement spätestens mit dem angestrebten Wegfall des bisherigen Kirchensteuersystems in Deutschland zurückgedrängt werden – und zwar zugunsten neuer kirchlicher (Laien-)Bewegungen, die Tradition, Liturgie und persönliche Frömmigkeit gepaart mit der Autorität des päpstlichen Lehramtes stärker hervorheben werden. Das nennt man innerkirchlich „Neuevangelisierung“!

Einige Gruppen haben sich auch schon konstituiert, und zwar bewusst in Gegnerschaft zu den bestehenden und vom ZdK dominierten Strukturen. Zu denken ist da etwa an den Kongress „Freude am Glauben“ (seit 2001), an das Netzwerk „Generation Benedikt“ (seit 2005, heute Initiative Pontifex)) oder an die Bewegung „Maria 1.0“ (seit 2021).

1947 hoffte der Mainzer Bischof Albert Stohr, dass sich das neue Zentralkomitee zu einem „Laienapostolat“ entwickeln möge und nicht zu einem „Laienregiment“. In Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen scheint aber genau dieses Szenario eingetreten zu sein. Nur dass jetzt auch noch viele Bischöfe das Reformprogramm des ZdK mittragen, in der Hoffnung auf eine stärkere Kirchenbindung der Laien. Doch offensichtlich wird das Gegenteil damit erreicht.

11
2

1
Kommentare

Comment

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
Kommentar
0
P.G.
Vor 6 Monate 1 Woche

Falscher Dominanzanspruch der Dame!

0
P.G.
Vor 6 Monate 1 Woche

Falscher Dominanzanspruch der Dame!