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Kolumne „Mild bis rauchig“

Christus@home

Als ich Mitte der 1980er Jahre in Bonn studierte, der Geburtsstadt Ludwig van Beethovens, war sein Geburtshaus in der Bonngasse 22-24 ein Muss für jeden Besucher des damaligen „Bundeshauptdorfs“. Der berühmte Komponist, den jeder nur im Ansatz klassisch gebildete Musiker kennt, spielt oder durchleidet, hat seine unbestritten große, aber auch elitäre Fangemeinde.

Man begegnete ihm damals in der Regel stets in festlicher Atmosphäre, in gehobener Kleidung und in einer Stimmung, die nicht unbedingt alltäglich ist. Denn man war sich einig, dass, wenn etwas so Klassisches wie Beethoven auf dem Programm steht – also etwas Außergewöhnliches –, es in einer besonderen Atmosphäre stattfinden muss: in Konzerthallen oder Opernhäusern, in jedem Fall an Stätten, an denen die Musik des großen Meisters so genossen werden kann, wie man es damals für angemessen hielt.

Heute ist beim Besuch von Bonn das Geburtshaus des Klassikers keineswegs mehr ein Muss für jeden. Der Grund: Mit den Jahren hat sich die klassische Musik des Komponisten – so wie alles Klassische – mehr und mehr zu etwas sehr Speziellem entwickelt und hat ganze Bevölkerungsschichten abgehangen. Wie so vieles Klassische haben auch Beethoven und seine Musik ihren prägenden und allgemeinbildenden Charakter mehr und mehr verloren.

Deswegen hatte sich die Beethovenstadt Bonn im Jubiläumsjahr 2020 zum 250. Geburtstag des berühmten Komponisten etwas Besonderes einfallen lassen. Es war das Projekt „Beethoven@home“. Damit waren weder Führungen durch das Bonner Beethovenhaus gemeint noch überhaupt eine Begegnung mit dem persönlichen Wohnumfeld des Meisters. Nein, es war umgekehrt. Beethoven ging aus dem Haus und suchte die Heim- oder Wirkungsstätten anderer Menschen auf.

Mit großem Selbstbewusstsein zu den Leuten gehen

So gab es in Bonn und Umgebung Beethovens Musik in Klassenzimmern, Altenheimen, Kindergärten, Schwimmhallen, in dem einen oder anderen Garten und auch auf der Straße. Die Musik sollte sich ihren Weg zu ihren Zuhörern bahnen. Sie sollte sich unters Volk mischen. Man wollte es nicht darauf ankommen lassen, darauf zu warten, dass sie in Konzerthallen aufgesucht wird.

Die Musik sollte dort erklingen, wo die Menschen leben und arbeiten. Und sie tat dies dann auch mit einem großen Selbstbewusstsein, denn man wusste, wer sie ist und was sie zu verkaufen hat. Der Erfolg gab den Beethovenmissionaren Recht. Viele entwickelten ein ungeahntes Interesse an den nie gehörten Klängen.

Großes Sendungsbewusstsein: 700 Ludwig-van-Beethoven-Skulpturen standen anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten auf dem Bonner Münsterplatz vor dem historischen Beethovendenkmal

Wäre man nicht davon überzeugt gewesen, dass Beethovens Musik einen hohen „Marktwert“ hat, wäre dieses Projekt, die klassische Musik so gänzlich ungefragt zwischen die alltäglichen Lebensbezüge zu mischen, sicher nicht gestartet worden. In der Tat: Um so etwas zu rechtfertigen, braucht man das nötige Sendungsbewusstsein und die Überzeugung, dass das, was man feilbietet, dringend gebraucht wird, egal was die breite Öffentlichkeit dazu sagt.

Eine klassische Missionsmethode

Man darf darin eine klassische Missionsmethode entdecken. Die Apostel Jesu Christi haben nach demselben Konzept agiert. Sie wurden von einigermaßen verzagten und verunsicherten Schülern zu „Aposteln“, zu Gesandten, die das, was sie selbst für wertvoll hielten, auf die Straße trugen – und zwar: am Pfingsttag. Sie haben nicht gewartet, bis die Menschen zu ihnen kamen, um sie über ihre Lehre und Überzeugung zu befragen. Sie wussten, dass sie dazu auf die Straße zu gehen hatten. Das hatte ihnen ihr Meister am Tag seiner Himmelfahrt angetragen.

Aber wie sollte es nun damit konkret weitergehen? Wie sollte eine Handvoll größtenteils ungebildeter Männer gegen alle Welt antreten, um das Unglaublichste von allem zu verkünden: dass Gott Mensch geworden war und selbst als Mensch gelebt hatte und gestorben war, dass Er von den Toten auferstanden war, um die Menschheit vom vernichtenden Fluch der Sünde zu befreien und ihr den ewigen Tod von den Schultern zu nehmen. Alles in allem etwas nicht leicht Verdauliches.

Und für diejenigen, die es zu verkaufen haben, ein Hochseilakt sondergleichen: Fischer vom See Genezareth sollen die unfassbare Botschaft von der Rettung durch den Gottessohn Jesus Christus, den doch alle hatten am Kreuz verenden sehen, vor Schriftgelehrte und Händler, griechische Skeptiker und heidnische Philosophen tragen, vor ihre eigenen Familien und Freunde – also vor die in der Regel resistenteste Klientel aller Missionare –, vor Menschen anderer Herkunft, womöglich in ferne Länder mit anderer Sprache und anderen Sitten.

Nicht zuletzt auch vor die römischen Besatzer, die sich durch einen Kaiser die Welt unterjocht hatten, der sich selbst als Göttersohn verstand und der folglich alles, nur eines nicht mochte: einen Sohn Gottes, der er nicht selbst war und der als angezeigte Konkurrenz ihm, dem Cäsaren, jedes gebeugte Knie und jedes Weihrauchkorn verbot.

Zwar ist theoretisch alles klar: man muss seine Überzeugung zeigen, besonders, wenn man ausgesandt wird, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber in der Praxis ist das nicht einfach, denn es gibt schließlich den Widerstand aus Andersdenkenden, Nichtdenkenden und Gleichgültigen, der einem Missionar entgegensteht. Die wenigsten reißen einem die Botschaft aus den Händen. Und es gibt natürlich noch die aggressiv Eingestellten, die in der Botschaft eine Zumutung und in den Botschaftern deswegen auszumerzende Störenfriede entdecken.

Gegen die Übermacht des agnostischen Zynismus

Aktuell kann jeder überzeugte Christ einmal bei sich selbst den Grad der Begeisterung abmessen, mit der er seinen Glauben öffentlich zu bekennen bereit ist, nachdem er die am vergangenen Dienstag erschienene neue Nummer von Spiegel Geschichte gelesen hat, in der 147 Seiten lang Kübel an Halbwahrheiten und Hass über alles Kirchliche gegossen wird. Den meisten werden die Arme sinken bei dem Vorsatz, den eigenen Glauben gegen die Übermacht des agnostischen Zynismus zu verteidigen.

Um alle Fragen nach einen effizienten „Wie“ der Überzeugungsarbeit zu zerstreuen, beantwortet Jesus die Unsicherheit seiner bis dahin seit seiner Himmelfahrt alleingebliebenen Schüler und Getreuen mit einem Motivationsschub der besonderen Art. Er erfüllt die Jünger mit Seinem Heiligen Geist und zeigt ihnen, dass es in Zukunft zwar nach wie vor ihre Aufgabe sein wird, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden und alle Menschen in das Reich Gottes zu berufen, aber das dabei in die Tat umgesetzte Werk im Wesentlichen das Wirken Seines Heiligen Geistes sein wird.

Ganz sinnfällig wird ihnen das vor Augen geführt, indem sie nach dem Pfingstereignis nach draußen auf die Straße gehen und sie selbst erstaunt sein dürfen, wie alle Menschen – auch die Angehörigen fremder Völker und Sprachen – sie verstehen können.

Sie lernen selbst dabei: Es ist der Heilige Geist, der aus ihnen spricht. Er ist der eigentliche Missionar. Er wird auch später der sein, der Erfolg hat. Er wird die Kraft zum Martyrium schenken. Er wird künftig Menschen antreiben, sich aus der Sicherheit ihrer Lebensverhältnisse zu lösen und sich in fremde Länder zu begeben, um dort Apostel zu sein.

Es genügt nicht, nur ein Fanclub zu sein

Sich in den Dienst des Evangeliums nehmen zu lassen, bedeutet, die Frohe Botschaft Jesu Christi nicht nur für wahr zu halten, sondern auch andere mit dieser Wahrheit zu konfrontieren. Und zwar um sie dadurch vor dem Untergang im Meer der Aussichtslosigkeit einer gottlosen Welt zu bewahren.

Diese Lehre hat die Kirche seit ihrer Geburtsstunde am fünfzigsten Tag nach der Auferstehung des Herrn – also am Pfingsttag – nicht vergessen. Zu allen Zeiten hat es sich bewahrheitet, dass die Kirche in erster Linie vom Heiligen Geist lebt und nur in Seiner Kraft handeln kann.

Was für Beethoven gilt, gilt auch für Jesus Christus und Seine Botschaft. Es genügt nicht, nur ein Fanclub zu sein. Es müssen Werkzeuge sein, die es dem Heiligen Geist durch ihre Entschiedenheit möglich machen, der Motor der Kirche zu sein. Jesus von Nazareth gut zu finden, ist zu wenig.

Christus in die Klassenräume, Hörsäle, Wartezimmer, Parlamente und Gasthäuser tragen

Es muss die Bereitschaft bei jedem da sein, im persönlichen Lebensumfeld Menschen für Christus zu gewinnen, für Seine Gnade, die genauso Missionare braucht wie die Musik Ludwig van Beethovens Musiker.

Und so ist es mit der Kirche nicht anders als bei Beethoven@home. Es wird für die Zukunft mit und ohne Strukturwandel nicht darauf ankommen, die restlichen Gläubigen kirchensteuerlich gut ausgepolstert zu verwalten. Es wird darauf ankommen, wie viele sich bereitfinden, dem Heiligen Geist, den sie in der Firmung empfangen haben, auch wirklich Raum zu geben.

Denn getaufte und gefirmte Christen werden nutzlos, wenn sie nicht Christus in die Klassenräume, Hörsäle, Wartezimmer, Bahnhöfe, Stadträte, Parlamente und Gaststätten tragen, so, wie es in Bonn begeisterte Musiker mit der Musik Beethovens taten.

Und auch wenn es am Anfang unwahrscheinlich erscheint, dass eine anspruchsvolle Musik sich leichtfüßig und massenkompatibel an den Mann bringen lässt, so hinterlässt das Musizieren von begeisterten Musikern dann doch im Nachhinein immer eine positive Wirkung in den Herzen der ungeplanten Zuhörer.

Mit der Religion verhält es sich nicht anders. Jeder kann den Test machen, wenn er, bevor er bei McDonalds in seinen Hamburger beißt, ein Kreuzzeichen als Tischsegen macht. Er hat die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Lacher und Erstaunte. Und: nachdenklich gewordene.

Aus einer Handvoll armseliger Fischer ist eine Weltkirche geworden

Die heute nachwachsende Generation, die in ihrer Mehrheit niemals in ihrem Leben zu Hause oder sonst wo betet, die keine heiligen Orte mehr kennt und folglich auch keine mehr aufsucht, die nichts von heiligen Menschen gehört hat und weder gottlose Abgründe noch gottvolle Aussichten für ihre eigene Zukunft im Blick hat, die nichts mehr weiß von ihrer eigenen Herkunft aus der Liebe eines Gottes und die deswegen auch keinerlei Rücksicht auf Seinen Willen mehr nimmt, diese heutige nachwachsende Generation braucht „Christus@home“, Menschen, die ihnen Christus entgegentragen!

Davon gibt es keinen Dispens und keine Entschuldigung – nicht für die Apostel damals und auch nicht für die Christen heute –, vor allem nicht für die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel sind.

Aber es ist ja nicht so, dass es keine Beweise gäbe, dass das gelingen kann, selbst für den, der sich für ungeeignet, zu alt, zu jung, zu unreif, zu beschäftigt, zu arm, zu ungeschickt oder zu kleingläubig hält.

Denn aus einer Handvoll armseliger Fischer vom See Genezareth ist am Ende eine Weltkirche geworden. Was zeigt, dass Christus@home erfolgreich war und immer sein wird, solange sich die Kirche nicht das in mancherlei Hinsicht bedenkliche Motto: „Wir bleiben zu Hause!“ auf die Fahnen schreibt.

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