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Von Respektlosigkeit bis zur Terrorgefahr

„Der Schutz christlicher Gotteshäuser wird immer notwendiger“

Israel liegt von Österreich gesehen nicht gerade vor der Haustür. Trotzdem haben der Überfall der Terrororganisation Hamas im Oktober und Israels Reaktion darauf das Potenzial, auch hier für konkrete Änderungen des gesellschaftlichen Klimas zu sorgen. Seit dem 18. Oktober gilt dementsprechend wieder die Terrorwarnstufe „hoch“ in Österreich – wie zuletzt schon im Nachspiel des islamistischen Terroranschlags am Wiener Schwedenplatz im November 2020.

Die Sicherheitsbehörden sprechen von einer „konkreten Gefährdungslage und erhöhter Anschlagsgefahr“. Dass diese Warnungen keine bloßen Worthülsen sind, bemerken die Mönchen des Stiftes Heiligenkreuz bei Wien am 9.Dezember. Sie erhalten eine islamistische Bombendrohung via Telefon. Kurz darauf durchsuchen Spezialkräfte der Polizei die öffentlich zugänglichen Bereiche des fast 900 Jahre alten Zisterzienserstifts.

Ob die Drohung ernst gemeint ist oder sich jemand bloß einen schlechten Scherz erlaubt hat, ist bisher unklar. Die polizeilichen Ermittlungen sind nach wie vor im Gange. Auf der Facebook-Seite der Zisterzienser-Abtei lassen die Mönche die Öffentlichkeit wissen: „Es macht uns sehr traurig, dass wir Opfer einer feigen, islamistischen Drohung geworden sind. Aber es bestärkt uns noch mehr für Frieden, Heilung und Versöhnung zu beten und zu wirken.“

„Wir wollen diesem feigen Anruf keine Aufmerksamkeit geben“

Corrigenda hat beim Pressesprecher des Stifts Heiligenkreuz nachgefragt: Was hat der Anrufer genau gesagt? Und welche Sicherheitsvorkehrungen müssen jetzt getroffen werden? Aber dazu will sich Pater Johannes Paul Chavanne nicht äußern. „Wir wollen diesem feigen, dummen Anruf keine Aufmerksam geben, gerade nicht vor Weihnachten“, begründet er gegenüber Corrigenda seine Absage. Das Kloster wolle nicht, dass die Menschen das Stift Heiligenkreuz mit einer Bombendrohung in Verbindung bringen.

Just in derselben Woche wird in Oberösterreich ein 16-Jähriger festgenommen, der einen Anschlag in einer Synagoge geplant haben soll. Die Polizei stellt unter anderem das Handy des Österreichers mit türkischem Migrationshintergrund sicher, auf dem sich etliches Propagandamaterial und Videos von Hinrichtungen der islamistischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) befinden sollen. Auch Anleitungen zur Herstellung von Bomben, Waffen und Munition sowie zur Durchführung von Anschlägen seien gefunden worden. Der junge Mann habe sich eine Waffe besorgen wollen. Ziel sei ein Anschlag auf eine unbestimmte Synagoge in Wien gewesen, berichtet Der Standard.

Auch in Deutschland sind Sicherheitsbehörden wieder in Alarmbereitschaft, gerade vor Weihnachten. Experten sprechen von einer erhöhten Bedrohungslage. Jüngst publik gewordene Fälle wie jener um die mutmaßlichen Terroristen Edris D. und Rasul M. sind nur die Spitze des Eisbergs. Die beiden Jugendlichen afghanischer und tschetschenischer Herkunft sind Ende November in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg festgenommen worden. Sie stehen unter dringendem Terrorverdacht.

Laut Welt haben die beiden geplant, einen LKW auf einem Weihnachtsmarkt in Leverkusen zu sprengen. Einer der beiden Islamisten hat in seinem Telegram-Kanal zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen. Die deutschen Ermittler sollen durch den österreichischen Nachrichtendienst auf die Pläne über Hinweise in einer islamistischen Gruppe alarmiert worden sein.

EU möchte 30 Millionen Euro bereitstellen

Nicht erst seit der Terrorattacke der Hamas gegen Israel am 7.Oktober sind Kirchen, Weihnachtsmärkte oder jüdische Gebetshäuser von islamistischen Terrorangriffen bedroht. Deshalb möchte die Europäische Union (EU) 30 Millionen Euro für den Schutz von Gotteshäusern bereitstellen. Der Pressereferent der Österreichischen Bischofskonferenz sieht das Vorhaben der EU als eine Reaktion auf den „signifikant gestiegenen Antisemitismus“. „Es ist daher davon auszugehen, dass die Mittel vor allem zum Schutz von Jüdinnen und Juden sowie ihrer Einrichtungen verwendet werden“, lässt er Corrigenda wissen.

Polizeieinsatz bei einer pro-palästinensischen Demonstration auf dem Wiener Stephansplatz
Polizeieinsatz bei einer pro-palästinensischen Demonstration auf dem Wiener Stephansplatz

Dem Islamismus-Forscher Heiko Heinisch erscheinen 30 Millionen Euro eher zu niedrig angesetzt, „in Anbetracht der Tatsache, dass jüdische Gemeinden in Europa häufig hohe Kosten für ihren Schutz selbst tragen müssen“, meint das Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Dokumentationsstelle Politischer Islam in Österreich gegenüber Corrigenda. Von der Gefahr von Anschlägen seit dem 7.Oktober seien laut Heinisch in erster Linie jüdische Einrichtungen betroffen.

„Gelder sind nur Symptombehandlung“

Doch wie sieht es mit dem Schutz von christlichen Einrichtungen wie Kirchen oder Klöstern aus? Müssten diese nicht auch besser vor terroristischen Angriffen geschützt werden? „Für die katholische beziehungsweise die christlichen Kirchen sind derzeit keine speziellen Schutzmaßnahmen nötig“, meint ein Sprecher der Österreichischen Bischofskonferenz. In Österreich gebe es eine sehr gute Zusammenarbeit der Kirche mit der Exekutive. Diese sei in den letzten Jahren intensiviert worden.

„Sehr viel wurde schon getan, um vor allem Kunstdiebstähle zu vermeiden oder deren Aufklärung zu erleichtern. Gerade in Österreich, wo es den Bischöfen ein großes Anliegen ist, dass die Kirchen tagsüber zum Gebet offen sind, ist das sehr wichtig“, sagt der Pressereferent, der auch Chefredakteur der katholischen, österreichischen Presseagentur Kathpress ist. Auch hinsichtlich einer möglichen Terrorbedrohung gebe es Maßnahmen. Am offensichtlichsten seien diese dann, wenn es eine offizielle Terrorwarnung gebe, verbunden mit sichtbarer Präsenz der Polizei in und um die Kirchen.

Anja Hoffmann – die Geschäftsführerin der Organisation „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe” (OIDAC Europe) – sagt, dass Kirchen und Klöster in Österreich durchschnittlich weniger häufig Zielscheibe von Vandalismus oder ähnlichen Angriffen werden, als in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Deutschland. „Dennoch haben wir in den letzten Jahren einen besorgniserregenden Anstieg an antichristlichen Hassverbrechen in Österreich erlebt. Laut aktuellen Zahlen der OSZE für Österreich waren Christen im Jahr 2022 sogar die von Hassverbrechen am meist betroffene religiöse Gruppe“, teil Hoffmann Corrigenda mit.

Respekt gegenüber Gotteshäusern habe abgenommen

Sie findet EU-Gelder für den Schutz von Gotteshäusern sinnvoll und notwendig. „Allerdings sind solche Maßnahmen Symptombehandlungen, die nicht die Ursachen antichristlicher Hassverbrechen beheben.“ Als Beispiel nennt sie Frankreich: Dort ist ein Budget zum Schutz von Gotteshäusern erst aufgestellt worden, als die Zahl der Hassverbrechen „wahrlich alarmierend“ wurde – also durchschnittlich mehr als zwei Vandalismusakte pro Tag umfasst hat. Dann sei die Situation aber nur mehr schwer in den Griff zu bekommen, meint Hoffmann.

„Leider hat der Respekt gegenüber Orten der Religionsausübung insgesamt abgenommen“. Laut dem Sprecher der Österreichischen Bischofskonferenz sind die meisten Akte von Vandalismus gegen Kirchen in Österreich „Folge dieser Respektlosigkeit“. In vielen Fällen handeln die Täter aber aufgrund psychischer Probleme – auch wenn sie islamistische Gründe angeben, meint er.

Motivlage ist schwer zu erfassen

Die Frage, ob Attacken mit islamistischem Hintergrund auf religiöse Einrichtungen zugenommen haben, kann die Geschäftsführerin von OIDAC Europe nicht beantworten. Der Grund: Die Motivlage hinter Hassverbrechen bleibe meist unbekannt. „Die Motive hinter Hassverbrechen von nichtstaatlicher Seite sind sehr schwer zu dokumentieren“, sagt Hoffmann. Außerdem sei die Polizei äußert vorsichtig bei der Veröffentlichung solcher Daten.

Die Beobachtungsstelle hat im Jahr 2023 drei antichristliche Hassverbrechen mit islamistischer Motivlage in Österreich dokumentiert. Im Juli standen beispielsweise zwei Jugendliche in Leoben (Steiermark) vor Gericht, nachdem ein von ihnen geplanter Terroranschlag auf ihre Klasse aufgedeckt wurde. Laut eigenen Angaben wollten sie „alle Christen in ihrer Klasse erschießen“. Im November ist ein Mann mit syrischem Hintergrund in den Wiener Stephansdom eingedrungen, wo er die Liturgie gestört und das Sicherheitspersonal bedroht hat. „Auch hier wird von einem religiös-motivierten Hintergrund gesprochen, aber die Vernehmungsprotokolle wurden nicht veröffentlicht“, erklärt Hoffmann.

„Auch wenn die Anzahl immer noch deutlich niedriger ist als in anderen Ländern, zeigen die aktuellen Entwicklungen, dass Maßnahmen zum Schutz von christlichen Gotteshäusern immer notwendiger werden“, sagt die Geschäftsführerin von OIDAC Europe.

Der Pressereferent der Österreichischen Bischofskonferenz sorgt sich wegen der gestiegenenZahlen von Brandstiftungen in europäischen Kirchen. „Damit verbunden sind oft Aufrufe und Hassbotschaften im Internet. Hier ist sicher von staatlicher Seite erhöhte Wachsamkeit geboten“, sagt er.

Stillschweigen oder aufmerksam machen?

Doch wie sollen christliche Kirchen mit Hassverbrechen oder geplanten Angriffen umgehen? Sollen sie medial darauf aufmerksam machen, damit ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Gefährdung von Kirchen geschaffen wird? Oder ist Stillschweigen besser, damit etwaige Gefahren nicht unnötig aufgebauscht werden?

Anja Hoffmann hat eine Antwort parat:

Es ist natürlich verständlich, dass Priester oft zu viel Aufmerksamkeit vermeiden wollen, einerseits weil sie andere Prioritäten haben und andererseits die Gesellschaft nicht weiter polarisieren wollen. Die Medien neigen dazu, solche Nachrichten schnell aufgreifen, um emotionale Berichte zu machen, was Menschen noch weiter entfremden kann. Trotzdem empfehlen wir definitiv, alle Hassdelikte umgehend zu melden – direkt an uns als Dokumentationsstelle sowie an die Polizei. Denn diese Fälle sind die Grundlage, auf der politische Entscheidungen wie Präventions- und Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. Dazu ist eine möglichst vollständige Informationslage unerlässlich.“

 

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