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Kolumne „Mild bis rauchig“

Diesseits von Eden

Heute ist es hochgradig politically incorrect. Natürlich! Es gab aber Zeiten, in denen das korpulente Erscheinungsbild eines Menschen nicht so sehr als das Ergebnis einer Essstörung oder Stoffwechselerkrankung, sondern eher als eine Folge gediegenen Lebens betrachtet wurde. Darüber hinaus war es auch etwas typisch Katholisches – jedenfalls, was die katholischen Landstriche des lateinischen Deutschlands, Bayern und die Rheinlande betraf.

Kräftige Pfarrhaushälterinnen und Bauernmädchen, dicke Prälaten und Mönche, Stammtische beleibter Honoratioren, an denen sich Vertreter des öffentlichen Lebens mit denen der Geistlichkeit mischten. Unweit der Kirche, die dem Wirtshaus das Pendant bot.

Und nicht nur das Pendant, sondern auch die Existenzberechtigung. Denn das gemütliche Sitzen bei Wein oder Bier, das gute Essen und die Muße bei all dem war verankert in dem noch unerschütterten Urvertrauen des katholischen Glaubens, der neben seinen Verheißungen für die Ewigkeit durchaus den Gebrauch der irdischen Güter für die Gläubigen bereithielt. Natürlich immer nur, so weit man dadurch die ewigen nicht verlieren mochte.

Gott gab dem Menschen die Fähigkeit, die Schätze der Natur zu veredeln

„Lebenslust“ war ein Stichwort, das die Katholiken geradezu für sich reserviert hatten. Denn sie waren ja der Auffassung, dass der liebe Gott das Leben nicht nur als Wartezimmer für das ewige Leben geschaffen hat, sondern als einen Weg dahin. Deswegen lässt Er auch die Pilger auf diesem Weg nicht verhungern und verdursten, sondern unterstützt sie mit Proviant aller Art. Er schuf die Schätze der Natur und gab dem Menschen die Fähigkeit, sie zu veredeln und aus Korn Brot und aus Trauben Saft zu machen.

Darüber hinaus erlaubte Er auch alles, was als die Kür der Ernährung nicht nur zum Sattmachen dienlich sein sollte, sondern zum Genuss: das Bier, den Wein und das, was man in Brennöfen daraus noch alles machen kann.

Das Heil der Welt, so war es eine einhellige Auffassung in allen katholischen Landen, sind der Himmel als Ziel und die himmlischen Gnaden, die schon jetzt die Dunkelheiten des irdischen Weges erhellen. Wobei das Irdische und das Himmlische immer durch die typisch katholische Formel „et-et“ verknüpft war. „Sowohl als auch!“

Die irdischen Dinge gebrauchen – aber mit einer Maßgabe

Sowohl beten als auch an der Welt arbeiten. Sowohl fasten als auch feiern. Sowohl zum Arzt gehen als auch die Heiligen um ihre Hilfe bitten. Sowohl trauern als auch für die Verstorbenen beten. Sowohl lernen und forschen als auch vor dem Geheimnis das Knie beugen. Sowohl moralisch fest als auch gegenüber den Sünden unverkrampft, denn es gibt ja die Beichte, die die Reue mit Vergebung belohnt.

Sowohl anspruchsvoll als auch schlicht und einfach: So gestaltete sich über Jahrhunderte der Katholizismus als eine Symbiose von Natur und Gnade, die sich bis hinein in die Lebens- und Feiergewohnheiten abbildete. Als erlöster Mensch darf man in dieser Welt die irdischen Dinge gebrauchen – freilich mit der Maßgabe, dass man dadurch die himmlischen nicht verliert.

Die Verbindung von Irdischem und Himmlischen bildet sich nicht zuletzt an der katholischen Liturgie ab. Die sakramentalen Vollzüge durchziehen wie Lebensadern das Katholische und machen es in Kultur, Mentalität, Landschaft sichtbar. Dieser Nachweis lässt sich umgekehrt in Gegenden führen, in denen das protestantische „Sola“ herrscht. Dort arbeitet man sich an einer Welt ab, in der mit Ausnahme der Taufe nichts Sakramentales mehr übriggeblieben ist.

Religion ohne Fleisch auf den Rippen

Wo nur der Glaube nackt und bloß dalag und die Heilige Schrift ihrer Kirchlichkeit entkleidet unter dem Vorwand einer neuen Wertschätzung zur persönlichen Richtschnur degradiert worden war, mutiert das Christentum zu einer Religion ohne Fleisch auf den Rippen: Keine hörbaren Worte Gottes mehr durch erlösende Absolutionen des Priesters als Mittler, keine sanften Berührungen in den Handauflegungen und den Ölungen an den Betten der Kranken, keine Personen mehr, die man – unabhängig von ihrer Persönlichkeit – als Priester wie wandelnde Rettungsinseln zum Verweilen nutzen konnte, um dort Vergebung und göttliche Speisung mit dem Leib und Blut Christi zu empfangen.

Mit anderen Worten: das Spürbare, Körperliche ist aus der Religion verschwunden. Das Heil entbehrt des Sinnlichen, das die Sakramente diesseits von Eden schenken, so wie es Christus offenbar im Sinn hatte, als er sich nicht scheute, mit seinen Jüngern nach seiner Auferstehung zu essen und zu trinken, worauf Petrus später verweist, als es um einen Beweis der Auferstehung geht.

Die greifbare Versöhnung des Himmlischen mit dem Irdischen

Denn schon in der diesseitigen Welt ereignet sich eine greifbare Versöhnung des Himmlischen mit dem Irdischen. Auferstehung und Erlösung spielen sich nicht nur im Kopf ab. Sie sind ebenso in das Hiesige inkarniert wie das Jesuskind in Betlehem. Diese Verbindung gilt nicht nur für die Zeit eines dreiunddreißigjährigen Gastspiels des Gottessohnes in dieser Welt, sondern bis zu seiner Wiederkunft am Ende der Tage!

Der Protestantismus sieht die Sache anders. Er entsteht aus der Weigerung der Reformatoren, die Inkarnation Gottes als etwas zu begreifen, das sich in der Kirche als Ursakrament fortgesetzt hat. Er möchte es individueller haben, persönlicher, weniger institutionell. Er will den Einzelnen durch intellektuelle, vom Menschen selbst gesetzte Akte erlösen, durch eine Veränderung des Geistes, durch ein sonntägliches Coaching von der Kanzel herab, auf der ein bestallter Prediger den Priester ablöst, der bis dahin nicht durch eigene Bildung und Bibelfestigkeit als durch seine Weihe Gott selbst inmitten der Versammlung erscheinen ließ.

Das Sakrament als heilige Handlung, durch die Gott selbst, eingekleidet in menschliche Formen, in Raum und Zeit gegenwärtig wurde, fand im Protestantismus seine Ablösung durch die Überzeugung des Einzelnen. Sie sollte den Menschen retten und ihn umwandeln.

Heilige Wandlung: Die Verbindung von Irdischem und Himmlischen bildet sich nicht zuletzt an der katholischen Liturgie ab

Wenn der Gläubige zum moralischen Vorturner wird

Da wo das Sakrament verschwindet, entsteht der christliche „Wert“ – eine zentrale Erfindung in dem für alles Merkantile anfälligen reformiert-evangelischen Christentum à la Johannes Calvin. Wo die Gnade der Sakramente den Menschen verlässt und nicht mehr heilen darf, da muss der Wert des Glaubens anders beschrieben werden.

Er wird zum Ethos, zur Lebensmaxime, zur sportlichen Leistung angesichts einer Welt, die sich gegen Gott verschworen hat. Der gläubige Mensch wird zum Vorbild und zum moralischen Vorturner. Er darf nicht einfach in der Welt leben. Er muss sie verändern und deswegen mit seinen (Markt-)Werten in den Handel mit ihr eintreten.

Wo vormals schon ein schlichtes „Ora et Labora“ durch die zweckfreie Verknüpfung von Kult und Kultur Großartiges – sozusagen aus Versehen – hervorbrachte, muss auf protestantischer Grundlage nunmehr an der Welt gearbeitet werden. Man darf nicht mehr zuschauen, wie langsam eine Durchdringung der Welt mit Gott geschieht, in der Er immer wieder mystische Gegenwart wird, wo das Opfer Christi gefeiert wird. Man muss nachhelfen.

Sonntags kommt man zusammen, um sich von einem in akademische Kleidung gehüllten Prediger die Folgen des Glaubens für die Arbeit an der Welt erklären zu lassen. Und muss daraufhin in die Woche schreiten. Zur Arbeit. Im Bild gesprochen: Dort, wo zuvor die christliche Kultur wie ein langsam wachsender Stalagmit in der Tropfsteinhöhle wuchs und gedieh, da schaffen nun die allein durch die Schrift Geformten mit Hammer und Meißel Werkstücke, die sich als Werte der Welt anzudienen haben.

Das Christentum verliert in der Reformation seine Nonchalance

Graue Nüchternheit ist das Ergebnis dieser Haltung. Reformierte Gegenden belegen dies mit ihrer traurig-leibfeindlichen Sonntagsruhe, die sich wie eine karsamstägliche Grabesstille über den gottesträchtigen und erleichternden ersten Tag der Woche ausbreitet.

Das Christentum verliert in der Reformation seine Nonchalance. Es wird anstrengend. Nicht weil es einen höheren Anspruch hat. Sondern weil es seinen Anspruch ohne die Hilfsmittel der sakramentalen Gnaden umsetzen muss, die bis zur Entstehung des Protestantismus den Menschen davon entlasteten, alles selbst zu machen. Die typisch katholische Leichtigkeit und eines Lebens mit Leib und Seele, die durch die Sicherheit entsteht, Gott greifbar in seiner Nähe zu haben und jederzeit bei Ihm auftanken und sich reinigen zu können, wird eingetauscht in ein ernstes, der Welt nicht mehr locker und leicht gegenüberstehendes, sondern sie als Arbeitsplatz beackerndes Christentum.

Die Reformation nimmt ihm den Charme, weil sie aus der Kirche, in der sich Christus, in menschliche Kleider gehüllt, durch die Zeit bewegen wollte, eine Lehranstalt macht.

Damit fehlt dem Protestantismus auch die frische Farbe eines durchbluteten Organismus und wird kahl wie die von allem Glanz entrümpelten evangelischen Kirchen. Er will eine ohne Ritual, Symbolik, Opfer, mit anderen Worten ohne Kultus ausgestattete Glaubensgemeinschaft sein.

Priester oder Lehrer

Ohne die Vermittlung durch gnadenhafte Handlungen, ohne das Herzblut des menschgewordenen Gottes will sie Moralanstalt sein, die weniger Vergebung im Blick hat, die den Menschen stets neu macht, sondern nur die Verbesserung der Absichten. Sie zählt nicht mehr die Sünden der Pönitenten, um sie zu vernichten, sondern sie verbucht die Erfolge derer, die es schaffen, besser zu sein.

Sie wechselt die Casel des Priesters, unter der dessen Person verschwindet, um Christus handeln zu lassen, gegen den schwarzen Rock des Lehrers, dessen Person, Bildung und Integrität nun den Menschen unter der Kanzel verändern soll. Er ist der Beamte des Christentums, nicht der Kultdiener der Kirche. Er verwaltet das Wort der Schrift, aber setzt keine wirkmächtigen Zeichen. Er leistet Überzeugungsarbeit statt Heiligung.

Und deswegen bleibt es dabei: Die Lebensfreude eines erlösungsbedürftigen Menschen ist im Katholizismus besser untergebracht. Der Karneval ist das beste Beispiel dafür, der sich üppig in den Ring wirft, bevor das Kreuz mit Asche dem Menschen die Mahnung an seine Vergänglichkeit auf die Stirn zeichnet.

Karneval und Prunk waren lange der ökumenische Lackmustest. Auch heute, wo in Deutschland die katholische Kirche immer mehr zur synodalen Lichtpause des Protestantismus mutiert, lässt sich dieser Test mühelos an den tollen Tagen bei einer Vergleichsreise durch rheinische und hanseatische Gaue machen.

Eine Wegzehrung ins jenseitige Eden

In den Hochburgen des Karneval darf man noch eine Spur davon erahnen, was katholische Lebensfreude begründet: die Vorstellung von einem Erlöser, der sich an die irdischen Dimensionen dieser Welt gebunden hat. Schließlich hat er seinen Leib und sein Blut hiergelassen, damit wir diesseits von Eden eine Wegzehrung haben, um in das jenseitige Eden zu gelangen.

Erst die reformatorische Leugnung dieser Glaubenswahrheit lässt spiritualistische Spaßbremsen bis hin zu deren veganen Kindeskindern entstehen, die als Reaktion auf die Gnadenlosigkeit des Irdischen zum gefrusteten Weltverbesserer werden.

Oder gar zu dessen Zwillingsbruder, dem traumtänzerischen Konstrukteur eines Paradieses auf Erden – einer der schlimmsten Utopien, die dem Menschen weder das geheilte Diesseits, noch den Himmel versprechen kann.

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