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Herz-Jesu-Sonntag in Tirol

Warum wir Feuer auf den Bergen entzünden

Das Herz Jesu muss in dieser bedrohten Lage unser Retter sein, und ich stelle den Antrag, die Vertreter des Landes beschließen einen Bund mit dem Herzen Jesu.

Diese Worte klingen brandaktuell. Und wer sonst außer der Herrgott könnte unser Land, ja alle Länder Europas, in dieser bedrohten Lage noch retten?

Der Eingangssatz stammt vom Prälaten von Stams, Sebastian Stöckl, geäußert am 1. Juli 1796 in Bozen bei einer Zusammenkunft der höchsten Landesvertreter Tirols. Er griff eine Idee von Pfarrer Anton Paufler auf, das Land Tirol dem Heiligsten Herzen zu weihen und Bergfeuer auf den Gipfeln, die bis zu 3.900 Meter hoch sind, zu entzünden. Wenige Tage später einigt man sich darauf, den zweiten Sonntag nach Fronleichnam als hohen Festtag auszuwählen. Am Freitag davor begeht die Kirche alljährlich das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu.

„Wie sehr da der Kongress aus dem Herzen des Volkes gesprochen hatte, zeigt die Tatsache, dass das Fest schon im folgenden Jahr in fast allen Gemeinden Tirols heimisch geworden war“, notierte der Volkskundler Friedrich Haider (mehr über die Geschichte und den Tiroler Herz-Jesu-Brauch lesen Sie hier).

Die Bedrohung im ausgehenden 18. Jahrhundert war eine andere als heute. Damals stand das siegreiche Heer Napoleons südlich von Tirol bereit, seinen Feldzug gen Norden fortzusetzen. Heuten kann der Teufel oft unbemerkt einherschleichen, weil die Glaubensbildung fehlt, ihn wahrzunehmen. Viele Zeitgenossen sind vom christlichen Glauben abgefallen. Vereinzelung, Ich-Sucht, Zerstörung von Ehe und Familie, Verlust von Sitte und Tradition greifen immer mehr um sich.

Doch am Sonntag erneuern die Tiroler, seit Ende des Ersten Weltkriegs getrennt in zwei Staaten, den Schwur auf das Heiligste Herz Jesu erneut. So wie jedes Jahr. Auch während des Zweiten Weltkriegs leuchteten in dieser besonderen Sommernacht trutzig Feuer wie Sterne am Firmament. Es ist ein zutiefst katholischer Brauch, der eint: Jung und Alt, alle sozialen Schichten, Alteingesessene wie Zugezogene, die eine Verbindung zu ihrer neuen Heimat spüren.

Sechs Südtiroler, seit Generationen hier verwurzelt oder zugezogen, erzählen hier exklusiv, warum sie das Herz-Jesu-Fest und den Tiroler Feuer-Brauch so schätzen.

Flurina: Abenteuer, Tradition, Glaubenslust

Was bedeutet das Herz-Jesu-Fest für mich? Als gläubige Christin verspüre ich enorme Dankbarkeit, dass Gott uns dieses Geschenk des Herzens Jesu gemacht hat und dass das Land Tirol, in dem ich wohne, dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht ist. Besonders schön finde ich die Barmherzigkeit Gottes, die durch das Herz Jesu zum Ausdruck gebracht wird.

Und deshalb ist es für mich auch so besonders, das Herz-Jesu-Fest zu feiern, bei der Prozession im Dorf dabei sein zu dürfen, dort die Tracht anzuziehen, die Musikkapelle zu hören, die Fahnen, die festlich getragen werden, zu betrachten. Das Herz-Jesu-Fest vereint Tradition und Glaubensfreude. Da ich mich sehr traditionsverbunden weiß, bedeutet es mir sehr viel, bei der Prozession mitzuwirken, sei es als Sängerin im Kirchenchor oder als Fahnenträgerin.

Der Herz-Jesu-Feuer-Brauch war in meinem Leben schon früh verankert. Als Kinder sind wir öfters mit unseren Cousinen auf den Berg mitgegangen, um ein Herz-Jesu-Feuer zu entzünden. Da stand das Feuermachen, das Abenteuer im Vordergrund. Und als mir dann der Glaube immer wichtiger wurde, hab ich dann wieder, weil ich den Brauch so toll find, ein Feuer organisiert mit Freunden.

Flurina

Wenn man dann am Berg ist und über das Land blickt, auf den Berg gegenüber mit den Feuern der anderen, empfinde ich enorme Dankbarkeit für die Schöpfung, aber auch die Sehnsucht, das mit einem Gebet zu verbinden und diese Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen: in einem Lob- und Dankgebet, aber auch in einem Fürbittgebet, aus dieser Dankbarkeit heraus vor den Schöpfer zu treten und in Fürbitte einzutreten für unser Land, das er uns anvertraut hat, zu beten für unseren Bischof, für unsere Priester, für den Weitergang der Kirche, für Erwachen im Glauben.

Und im nächsten Jahr habe ich einzelne Freunde gefragt, ob wir denn das zusammenmachen und vor allem das Gebet und die Fürbitte in den Mittelpunkt stellen wollen, also den christlichen Aspekt dieser Tradition hervorheben. Anfangs waren wir so drei, vier. Und dann waren es schließlich fünfundzwanzig Leute. Dass sich so viele für das interessieren hätte ich eigentlich nicht erwartet. Aber es hat mich natürlich gefreut. Und es war ein wirklich besonderer Tag. Es wurde auf dem Weg herauf schon Gitarre gespielt. Es gab viel Spaß beim Holzzusammentragen für die Jungs, die lockeren Gespräche der Mädelsrunden, die die Sonne genossen haben, auch das Zusammenarbeiten der Frauen, die das Buffet vorbereitet haben, und dann die Gruppe, die für alle Wasser geholt hat. Und wie sich dann alle vereint haben, um zusammen zu essen, zu beten und dann das Feuer zu entzünden.

Danach bekam ich überaus gute Rückmeldung, obwohl alles nicht perfekt geplant war. Und somit haben wir auch heuer vor, das Herz-Jesu-Feuer wieder zu machen. Es ist auch eine Tür für Leute, die abenteuerlich sind, die Tradition mögen und in den christlichen Glauben hineinschnuppern möchten, vielleicht auch den Wurzeln der Tradition im Christentum näherzukommen. Weil der Gemeinschaftsaspekt doch sehr groß ist, werden viele Interessen angesprochen.

Alexander: Glaube, Heimat und Verantwortung für die Gemeinschaft

Alexander

Das Herz-Jesu-Fest ist für mich kein bloßes Brauchtum und keine reine Folklore. Wenn auf den Bergen die Feuer brennen, sieht man für einen Abend, dass Tirol tief im Glauben verwurzelt ist. Als Mitglied der Schützenkompanie Bozen erlebe ich das jedes Jahr unmittelbar: Wir entzünden auf dem Ritten unser Feuer und blicken hinüber zu den umliegenden Gipfeln. In dieser Kameradschaft spürt man eine tiefe Verbundenheit – über Täler und Generationen hinweg.

Für mich ist das Herz-Jesu-Gelöbnis von 1796 gelebter Glaube, der bis heute Kraft hat. Unsere Vorfahren haben das Land in schwerer Zeit ganz konkret dem Herzen Jesu anvertraut. Diese Verehrung bedeutet für mich, den eigenen Glauben mit der Heimat und der Verantwortung für die Gemeinschaft zu verbinden. Es geht um Haltung, Treue und das Fundament, auf dem wir stehen.

Mich fasziniert, dass dieser Brauch so schlicht und zugleich so gewaltig ist. Ein Feuer auf dem Berg, und doch steckt darin ein starkes christliches und patriotisches Bekenntnis. Gerade in der heutigen, oft orientierungslosen Zeit gibt die Herz-Jesu-Verehrung Halt. Sie erinnert daran, dass Heimat nichts Selbstverständliches ist, sondern ein Geschenk Gottes, das wir pflegen und verteidigen müssen. Das Fest ist für mich ein Moment der Dankbarkeit, der Kameradschaft und der Treue zu unseren christlichen Wurzeln.

Anna: Die Herz-Jesu-Feuer gehören nicht zufällig hierher

Anna

Die Herz-Jesu-Feuer sind einfach beeindruckend und wunderschön. Das Besondere dabei sind die sehr häufig sehr christlichen Motive, die von den Bergen leuchten – ein Kreuz, ein Herz oder anderes. Dadurch wird Christus und der Glaube an ihn sichtbar gemacht. Man fragt sich ganz natürlich, was diese Symbole bedeuten, vielleicht finden Gespräche statt, gerade unter den vielen Touristen, es wird zum Nachdenken über das Christentum und die Geschichte Tirols südlich und nördlich des Brenners angeregt.

Dadurch ist es für mich ein fast noch stärkeres Zeugnis in dieser Zeit als die Fronleichnamsprozession.

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Rein von der Geografie her würden andere Bergregionen so ein Zeugnis auch realisieren können, aber die Herz-Jesu-Feuer gehören nicht zufällig hierher. Dieses Land atmet Geschichte, und das wird sichtbar in diesen starken Traditionen. So beschäftige auch ich mich – gerade als Zugezogene – mit der Geschichte Tirols. Durch die Auseinandersetzung mit dieser Tradition fühle ich mich immer mehr mit meiner neuen Heimat verbunden.

Elias: Sein Herz brennt vor Liebe

Als kleiner Junge war ich begeisterter Ministrant, und das Herz-Jesu-Fest hat mich immer überaus beeindruckt. Immer erwartete ich schon voller Vorfreude das feierliche Hochamt mit bestickten Paramenten und viel Weihrauch, gefolgt von der weihevollen, streng geordneten Prozession.

Elias

Nachdem man mit dem Allerheiligsten unter dem „Himmel“, riesigen Fahnen, Schützenbataillon und Musikkapelle durch Gassen und über sommerliche Fluren gezogen ist, erklingt bis heute brausend die Herz-Jesu-Hymne zur jährlichen Gelöbniserneuerung.

Ich habe viele wunderbare Erinnerungen an dieses Fest, sehe aber mittlerweile einiges differenzierter. Ich sehe, dass auch hier viel Echtheit und Tiefe verlorengegangen ist. Außerdem haben sich die Reihen sichtlich gelichtet. Dennoch bleiben solche traditionellen Feste wichtige Anknüpfungspunkte für den christlichen Glauben und sind von unschätzbarem Wert.

Die Herz-Jesu-Feuer erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit. Unweigerlich erinnern sie an unsere Wurzeln und an unser Erbe, das zutiefst katholisch ist. Sie geben dem Land eine besondere Weihe. In meinem eigenen Leben spielt die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu eine zentrale Rolle. Für mich ist dieses Bild eine wunderbare Veranschaulichung unseres Heilands. Denn er ist keineswegs ein kaltherzig anklagender Richter, sondern das genaue Gegenteil: Sein Herz brennt vor Liebe und Sehnsucht danach, uns zu erlösen.

Paula: Sich dem liebenden Herz anvertrauen – da fühle ich mich zu Hause

Paula

Mein Zugang zum Herzen Jesu ist zuerst ein spiritueller – vor allem genährt durch zahlreiche Wallfahrten in den französischen Wallfahrtsort Paray-le-Monial, wo Jesus der Ordensschwester Margareta Maria Alacoque in drei Visionen sein Herz gezeigt hat. Dass Gott ein menschliches Herz hat, das für uns durchbohrt wurde und mit uns mitfühlt, ist ein starker Aspekt meines Glaubenslebens.

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So hat das Stoßgebet „Jesus, bilde mein Herz nach Deinem Herzen“ mich wesentlich geprägt: Das Mitgefühl und die Zuwendung zu denen, die jemanden an ihrer Seite brauchen, ist zu einem wesentlichen Bestandteil meiner Glaubenspraxis geworden. Seit Jahren fasziniert es mich, dass gerade das Land Tirol sich schon vor vielen Generationen diesem vor Liebe brennenden Herzen Jesu anvertraut hat – und dass dieses Sich-Anvertrauen jedes Jahr wieder bekräftigt wird: „Das geloben wir aufs Neue, Jesu Herz, Dir ewge Treue!“ Die Herz-Jesu-Feuer sind der sichtbare Ausdruck einer Identität, die sich dem liebenden Herzen Gottes anvertraut hat. Da fühle ich mich zu Hause.

Katja: Für das Land beten und Lobpreis singen

Ich war fasziniert von der Schönheit der Lichter auf den Bergketten. Ich ging oft mit meinem Papa eine Runde spazieren, um die Feuer auf den Bergen anzuschauen. Früher war mir der Glaube noch nicht so wichtig, wie er es heute ist, aber ich kann mich erinnern, dass die Herz-Jesu-Feuer eine gewisse Sehnsucht nach Jesus geweckt haben, einfach durch die Schönheit und die Kreativität dieser Feuer und ihre verschiedenen Formen, zum Beispiel ein Herz, ein Kreuz, ein Gesicht – sie waren für mich eine Erinnerung, dass es Gott gibt. Wenn ganz Tirol, wenn so viele Menschen zugleich sich die Mühe machen, ein Fest mit so viel Hingabe darzustellen, muss es etwas Wichtiges sein, dachte ich mir.

Katja

Es muss etwas Bedeutsames sein, ein Land dem Herzen Jesu zu weihen, und ich war erstaunt, dass Jesus so wichtig genommen wird und sich die Menschen nicht dafür schämen, sondern es so offen zeigen. Ich glaube, unbewusst hat mir das auch gezeigt, dass es etwas für mich und uns alle persönlich bedeuten muss. Heute erkenne ich klarer, dass es tatsächlich so ist und dass ich Jesus wichtig bin, dass eigentlich er es ist, der zuerst sein Herz für uns gegeben hat. Und wir geben nur eine Antwort darauf; eine Form davon ist die Herz-Jesu-Verehrung.

Wenn wir dann zur heiligen Messe gingen, sangen wir ein Herz-Jesu-Lied, das viel Einheit und Verbundenheit mit meinem Land vermittelt hat, welche ist sonst nicht so wahrgenommen habe. Aber an diesem Tag ist sie vor allem zum Ausdruck gekommen. Es ist nicht nur eine weltliche Verbundenheit, sondern es ist eine höhere Verbindung, weil es ein Bund mit Gott ist.

Vergangenes Jahr war ich zum ersten Mal selbst beim Entzünden eines Herz-Jesu-Feuers dabei. Wir waren mit einer großen Gruppe junger Christen unterwegs. Es war ein wunderschöner Tag und Abend, der auch viel Einheit und Gemeinschaft geschaffen hat. Wir sind am Nachmittag gestartet, haben gemeinsam Holz gesucht, gepicknickt, zusammengearbeitet, und das Schöne war, dass wir dann zusammen für unser Land gebetet haben und Lobpreis gesungen haben. Es hatte also den tieferen Sinn der Herz-Jesu-Verehrung erfasst, und es war eindeutig das schönste Herz-Jesu-Fest, das ich je gefeiert habe. Es war etwas ganz Besonderes, aktiv daran beteiligt zu sein. Da der Glaube nicht bei allen Gruppen, die ein solches Feuer entzünden, so präsent ist, steht mehr das Brauchtum als der Glaube im Vordergrund. Doch genauso, wie ich als Kind und Jugendliche von den Herz-Jesu-Feuern angezogen war, bin ich sicher, dass alle Menschen, die an der Herz-Jesu-Verehrung teilnehmen – wenn auch „nur“ aus Brauchtumsgründen – etwas von diesem Funken verspüren, den auch ich wahrgenommen habe.

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