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Kolumne „Mild bis rauchig“

Osterhagen

Es ist exakt zehn Jahre her, da erreichte mich die folgende Handreichung aus dem Haus eines deutschen Lebensmitteldiscounters:

„An Ostern feiern Christen auf der ganzen Welt die Auferstehung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. […] Der Jünger Judas verriet dem Hohen Rat, wo sich Jesus aufhielt. Als Belohnung bekam Judas 30 Silbermünzen. Nachdem die Tempelwache Jesus gefangen genommen hatte, wurde er von Pilatus, dem römischen Statthalter und mächtigsten Mann der Gegend, zum Tod am Kreuz verurteilt. Sein schweres Kreuz musste Jesus selbst auf den Berg tragen, auf dem er wenig später gekreuzigt wurde und starb. […]

Später wurde Jesus von seinen Freunden und von seiner Mutter vom Kreuz geholt. Sie wickelten ihn in Tücher und legten seinen Körper in eine Höhle. Den Eingang der Höhle verschlossen sie mit einem großen Felsen. Als einige Frauen am Ostermorgen nach dem Grab schauen wollten, sahen sie, dass der Fels zur Seite gerollt und das Grab leer war. Plötzlich erschien ihnen ein Engel und erzählte von Jesu Auferstehung. Als sich die Apostel am Abend zuhause versammelten, erschien Jesus unter ihnen und sagte, dass er von den Toten auferstanden sei. […] 

Das Osterfest und die Geschichte von Jesu Auferstehung sollen uns verdeutlichen, dass der Tod nicht das Ende ist und es immer Hoffnung auf ein neues Leben gibt. Wie ein neues Leben entsteht, zeigt sich besonders gut, wenn kleines niedliches Küken aus der Eierschale schlüpft.“

Dieses Zitat, das mühelos aus einer handelsüblichen Handreichung zur Unterweisung von Erstkommunikanten stammen könnte, steht in einer 16-seitigen Prospektwerbung der Firma Aldi aus dem Jahre 2016! Auch für damalige Verhältnisse war diese extrem religiöse und noch dazu christliche Dimension in einer ansonsten rein profanen Handelswelt erstaunlich. 

Auch vor zehn Jahren hatte man als Christ ja schon Angst zu husten und nicht weiter in der Gesellschaft zu stören, wurde Christliches bestenfalls als lächerlich empfunden, schlimmstenfalls auch damals schon für gemeingefährlich gehalten, weil es als hinderlich für den Fortschrittsdrang der Menschheit betrachtet wurde. 

Zum Beispiel wurde damals zeitgleich zu der ungeschminkt offenen Bekundung der Osterinhalte des Christentums im Prospekt eines Lebensmitteldiscounters ein unscheinbarer muslimischer Ladenbesitzer in Glasgow erstochen, weil er dem christlichen Land, in dem er lebte, auf Facebook „Frohe Ostern“ gewünscht hatte.

Ostern, kein religiöses Fest mehr?

Mich hat das seinerzeit als Pfarrer dazu geführt, den Umstand in der Osterpredigt zu thematisieren. Denn die unverhoffte katechetische Information aus dem Aldi-Prospekt war keineswegs ein Grund zum Jubeln, sondern rangierte auf dem Hintergrund der schon damals keineswegs hoffnungsfrohen Umfrageergebnisse über das Thema „Ostern“ in der deutschen Bevölkerung. Denen zufolge assoziierten 2016 nur 36 Prozent mit Ostern in erster Linie die Auferstehung Jesu von den Toten, der Rest verband mit Ostern irgendwelche heidnischen Gebräuche oder es fiel ihnen zu dem Thema „nichts Besonderes“ ein.

Heute, zehn Jahre später, haben sich die Zahlen weiter dramatisch nach unten verändert. Aktuell sind aus den 36 Prozent der Befragten, für die Ostern damals noch einen religiösen Charakter hatte, nur noch 11 Prozent übriggeblieben. Für den Rest ist es eine Mischung aus Frühlings- und Kulturfest, oder man macht keine Angaben in den Umfragen.

Kein Wunder, dass nach dem katechetischen Aldi-Wunder von 2016 in diesem Jahr mal gerade der Slogan „Osterfreude für alle. Zum Aldi-Preis“ übriggeblieben ist. Pünktlich zum Fest bewirbt der Discounter seine günstigen Osterprodukte wie zum Beispiel Feinkost zum Osterbrunch, Schokoeier, Geschirr, Gläser und Besteck für das Familien-Osterfrühstück. 

Heute ist kein Platz mehr für Jesus am Kreuz

Heute jedoch ist kein Platz mehr für Jesus und die Auferstehung und erst recht nicht für Sein Kreuz im Marketing des kulinarischen Grundversorgers der Nation. Der ursprüngliche Anlass von Ostern ist dem heutigen Hasen-Familien-Frühlingsfest egal. Wegen der Säkularisierung unseres Landes findet Ostern nur noch dem Namen nach statt. Religion spielt allenfalls als Hintergrund eine Rolle. Und dann auch nur, insofern christliches Ostern und Frühling irgendwie diffus kompatibel erscheinen und sich Ostereier sowohl aus sakralen als auch aus profanen Motiven färben und verzehren lassen. Um Osterfreude zu haben, genügt den meisten eben der „Aldi-Preis“. Jesus ist dazu nicht notwendig. Jedenfalls nicht als ein gekreuzigter Gott. 

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Als Menschenfreund ist er indes stets willkommen. Da spielt übrigens auch die Kirche kräftig mit, wenn sie in den jüngeren Jahren gerne Sonnen- und Regenbogenästhetik in ihrer Gebrauchskunst nach vorne bringt und das Leiden des Herrn am Kreuz verschwinden lässt. Auch in katholischen Kirchen wird der Cruzifixus gerne verschämt vom Holz abmontiert und die nackten Balken in reformatorischer Manier übriggelassen. 

Man werfe nur einmal einen Blick auf das Kreuz, das bei den Tagungen des Synodalen Weges der Deutschen Zentralkomiteekatholiken und ihrer Bischöfe die Messehalle bereichert hat und man merkt erst in zweiter Instanz, dass es sich nicht um einen Gegenstand aus der Produktpalette von Weber-Grill handelt. Auch die handelsüblichen Kataloge der Hersteller von Devotionalien oder Andenken zu kirchlichen Festen belegen: das Kreuz ist zwar noch da. Aber der Gekreuzigte ist selten darauf zu sehen. 

Für Kinder soll das Kreuz nicht mehr so sehr Kreuz sein, als vielmehr eine Trägersubstanz für Fröhlichkeit mit Sonne, Mond und Sternen oder gänzlich botschaftsfreier Farbgebung – in jedem Fall kinderzimmerkompatibel. Wenn Jesus überhaupt darauf zu sehen ist, dann strahlt Er die harmlose Niedlichkeit eines Hummel-Figürchens aus und lässt einen mit Schmerz und Folterinstrumenten weitgehend in Ruhe. 

Diese ästhetische Verflachung in der Verkündigung der christlichen Heilsbotschaft befördert natürlich auch nicht gerade den Wasserstand der Religion in unserem Land. Übrig bleiben diffuse Wahrnehmungen unter weitgehender Auslassung der kernigen und für Verstand und Bürgerlichkeit herausfordernden Paradoxie, dass im Opfertod Jesu das ewige Leben erschlossen wurde und deswegen das Bekenntnis zum Kreuz allesentscheidend ist. Dahin aber bringen es die christlichen Verkündiger in ihrem Drang zu gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit nicht mehr. Kein Wunder, dass die Aldi-Werbung nicht mehr an Gewicht auf die Waage bringen kann, als die landläufigen mageren Kinderkatechesen. 

Der qualvolle Opfertod für die Versagermenschheit

Am Ende bleibt dies: Jesus ist als Ostererfinder durchaus nicht ganz unbeliebt. Man schätzt den Neuaufbruch der Natur im Frühjahr als Symbol für ein Leben nach dem Tod. Ja, okay, warum nicht?! Aber dass eine Auferstehung zuvor mit einem Tod erkauft werden muss, und zwar im Fall Jesu Christi und Seines Ostermysteriums mit einem qualvollen Tod, einem freiwilligen Tod, der ein Opfertod ist und der deswegen notwendig ist, weil die Versagermenschheit sonst nicht vor sich selbst gerettet werden kann, diese Dimension von Ostern mag die Kulturchristenheit nur ungern wahrnehmen. Sie ist in ihrer homöopathisch dosierten Gottesbeziehung damit schlichtweg überfordert. 

Sie beschäftigt sich lieber mit archetypischen Verhaltensmustern und lässt Jesus als in Person auftretende Gottheit mit Ansprüchen und Erwartungen eher unbeachtet. Wer mir nicht glaubt, lasse einmal die spontanen Erstbotschaften beim Betreten eines zeitgenössisch errichteten und ausgestatteten Kirchengebäudes auf sich wirken. Ein Höhepunkt bietet einem diesbezüglich die an Nacktheit und Abstraktionswut bislang unerreichte katholische Propsteikirche in Leipzig. 

Dort hat man sich entschieden, die üblichen Kreuzwegstationen der Passion Jesu weder gegenständlich noch abstrakt zu gestalten, sondern sie einfach nur als Nummern in den Travertin-Boden der Kirche einzulassen. Die Platten, auf denen die Ziffern der Kreuzwegstationen bestehen, entdeckt man erst, wenn man zufällig an ihnen vorübergeht und. 

Kirchenraum der Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig: an Nacktheit und Abstraktionswut bislang unerreicht

Der Rest ist Sache des Besuchers – der Wesenskern des Christentums für den, der’s mag ... Kein Wunder, dass – nachdem Weihnachten vom Fest der Menschwerdung Gottes zum Jahresschlussfest mutiert ist – auch Ostern in ein ebensolches Plagiat ohne jede Bezugnahme auf dessen eigentliche Kernbotschaft für die neopagane Mehrheitsbevölkerung umfrisiert wird. 

Ist es im Winter Geborgenheit, die man herbeizelebriert, ist es an Ostern die Frühlingsnatur oder auch das Leben an sich – je nachdem noch garniert mit Friede, Freude, Eierkuchen. Und wie an Weihnachten das wehrlose Kindlein in der Krippe die Glühweinseligkeit nicht allzu sehr stören darf, muss beim Osterhoppelhasenfest die Schattenseite der Frühlingsfeier außen vor bleiben: dass vor dem Aufbruch des Lebens sein Sterben lag.

Wie so oft, bekommt man in solchen Situationen Schützenhilfe von unerwarteter Seite. In diesem Fall ist es Nina Hagen – die vor kurzem ihren Abtreibungs-Song bereut hat – und ihr im Februar veröffentlichtes Gospel-Album „Highway to Heaven“. Darin findet sich die deutsche Adaption von „Everybody wanna go to heaven“. 

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Im typischen Nina-Hagen-Stil bringt es die „Godmother of Punk“ auf dem Punkt: „Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf den Tod“, singt sie und löst das Problem der Einkürzung der Osterbotschaft auf ihre Weise. Denn in der Tat, wer mag schon den Tod? Wer will schon sterben? Niemand! 

Und doch ist es der unabwendbare Weg zum Leben, dafür einen Tod zu sterben, der zur Rettung vor dem Tod führt. Paradox? Ja – aber Nina Hagen hat es verstanden und sogar persönliche Konsequenzen daraus gezogen, weshalb sie sich 2009 im Alter von 54 Jahren taufen ließ. „Als Jesus hier auf Erden war, erkannte er Gottes Willen“, singt sie weiter. „Er wusste, dass Er am Kreuz sterben musste, um ihn zu erfüllen. Als Judas ihn verraten hat, da fing er an zu weinen. Aber Jesus war stark, ging über den Tod hinaus und rettete die Seinen.“ Bingo! Ja: kein Himmel ohne Tod, keine Sehnsuchtserfüllung ohne den Sehnsuchtserfüller Jesus Christus. 

Ich schlage Nina Hagen für den Alternativen Katechese-Award 2026 vor (den es leider nicht gibt, den man aber mangels profunder Katechesen im Kirchensteuermilieu so langsam mal erfinden müsste.) Denn in ihrem zugegebenermaßen ein wenig antizyklischen Song bringt sie Ostern auf den Punkt. 

Wie in einem Brennglas konzentriert sie darin das, wovon die Aldi-Welt keinen blassen Schimmer hat und das die christlichen Verkünder derzeit gerne unter Bergen von Klimasorgen begraben: Dass Jesus deswegen der Retter ist, weil er den Willen Gottes erfüllte und in Seiner freiwilligen Ohnmacht Seine Stärke gezeigt hat. Dies ist der einzige Grund zur Hoffnung, die wir haben. 

Wir können zwar nicht unbedingt die Waffen zum Schweigen bringen und die Mörder verjagen. Aber wir werden gegen den Schrecken diese Wahrheit sagen: Christus ist am Kreuz gestorben. Und Er ist von den Toten auferstanden. Er hat Sünde, Hass und Tod ihrem Innersten besiegt und ihre zerstörerische Macht gebrochen. Er hat das letzte Wort, denn Er ist das Alpha und das Omega! Und in Ihm ist der Wunsch erfüllt, den Nina Hagen in ihrem Schlusssatz besingt: „Wir woll’n leben, leben, leben, wir wollen leben!“

Das Kreuz Jesu ist der Tod des Todes

Ja, wir wollen leben und nicht in Nichts! Ich wünsche Ihnen, liebe Corrigenda-Gemeinde, dass sie sich diesen Wunsch nicht zur Utopie herunterreden lassen. Ich wünsche Ihnen „gesegnete“ Ostern, ein Ostern, die nicht unter Eierbergen verschwindet, sondern in Ihrem Herzen ein Licht zum Brennen bringt, das niemals erlöschen wird, weil es der Sohn Gottes in seinem Grab angezündet hat. Von dort macht es seit zweitausend Jahren alle hell, die an Ihn glauben – auch in den Krankenhäusern und auf den Folterbänken, in den Bunkern und Schützengräben, in den kleinen Wohnungen unserer trostlosen Städte und in den Werkhallen und Fabriken, selbst an den Sterbebetten und auf den Friedhöfen. 

Denn – in der Tat – „keiner hat Bock auf den Tod“! Alle wollen in den Himmel oder zumindest nicht in die Hölle. Alle wollen Glück und Leben und am liebsten leben ohne Tod. Dazu ist Christus am Kreuz in das Reich des Todes gegangen, um mit Seinem Tod unseren Tod zu besiegen – besser: um das Sterben zu besiegen, das mit dem Tod verbunden ist. 

Er hat den Kampf gegen die Vernichtung und gegen das Böse gewonnen. Er und niemand anders! Christus ist auferstanden, ja Er ist wahrhaft auferstanden! Wer wie Nina Hagen an das Kreuz glaubt und daran, dass es dort eine Rettung zu erkennen gibt, ist klar im Vorteil, was die Sorge um den Tod betrifft, dessen Deklination sich zu Ostern durch Jesus Christus neu betonen lässt. Denn das Kreuz Jesu ist der Tod des Todes und schafft dem Tod den Tod!

Aus diesem Grund: Nein, kein Schreibfehler in der Überschrift zu dieser Kolumne! Sondern nur eine kleine Hommage an Nina Hagen und ihr unbürgerliches und bislang noch nicht entdecktes Bekenntnis zu dem, was Ostern zu Ostern macht.

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