Falte, Fleck und Hoffnung: Warum Ostern auch kleine Katastrophen erträglich macht
Judith hat eine Falte auf der Stirn von da, wo die Nase ansetzt, gräbt sie sich leicht nach rechts oben. Nicht tief, aber da, aber neu. „Judith“, sage ich zu meiner Frau, „mach mal die Falte weg. Es ist doch Ostern.“ Sie grummelt was, von einem geplatzten Job, vom Töchterchen, das ständig am Rockzipfel hängt, von unserem altersschwachen Palazzo an der oberitalienischen Seenplatte und dem Fleck an der Decke im Schlafzimmer, der trotz siebenmaligen Überstreichens hartnäckig immer wieder zum Vorschein gekommen ist.
„Ja“, sage ich „das Leben wartet manchmal mit Widerwärtigkeiten auf.“ Widrigkeiten wollte ich eigentlich sagen, aber mir schien, es sei heute schlimmer.
„Möglicherweise“, so erkläre ich Judith und dem Töchterchen, das sich dazu gesellt, handele es sich bei dem Fleck um ein Spukphänomen, wie einst beim Geist von Canterville, der 300 Jahre im gleichnamigen Schloss herumspukte, nur weil er, als er noch Mensch war, hier einst seine Frau erdolcht hatte.
Ostern ist herrlich
Am Tatort bildete sich jede Nacht aufs Neue ein Blutfleck, den anderntags eine tatkräftige Familie aus Amerika, die das Schloss seit kurzem bewohnte, mit einem Reinigungsmittel auf Basis von Tensiden bekämpft. Vielleicht sei auch unser Fleck die Spur eines Tatorts, sage ich Judith und beobachte die Falte. Sie verändert sich nicht.
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Das Töchterchen ist mit dem Osterkörbchen in den kleinen Händen im Garten verschwunden und sucht Eier. Wir hören sie rufen, wenn sie ein buntes Ei findet, und jammern, wenn sie 30 Sekunden lang nichts gefunden hat. Judith hat sich zum Fest Wäscheleinen an mannshohen Ständern geschenkt, die ich einbetonieren muss. Ich habe mir einen Grill für das Lammkotelett heute Abend geschenkt. Ostern sei herrlich, sage ich.
Das Versprechen, dass es nach dem Abwärts ein Aufwärts gibt
„Ja, mehr Eier“ ruft das Töchterchen von hinter dem Oleander. Ich meinte eher die Wiederauferstehung. Das Versprechen, dass es nach dem Abwärts ein Aufwärts gibt. Dass irgendwo immer der Lichtstreif schimmert. Dass sich in der Pfütze die Sonne spiegelt. Ich sehe, wie sich Judiths Falte nach oben hin verflüchtigt.
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Nur noch wenige Millimeter, denke ich, nehme die Treppe drei Stockwerke im Laufschritt, ignoriere den Fleck an der Decke und greife zu meiner persönlichen Faltencreme auf Basis von Hyaluronsäure. Judith schaut zweifelnd, als ich sie ihr reiche.
Natürlich, räume ich ein, wäre Botox noch ein bisschen besser. Aber für dieses Mal könne sie es noch mit siebenmaligem Überstreichen versuchen. Manchmal hilft’s ja doch, es sei schließlich Ostern.
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