Unsere Städte können schöner sein
Familienbesuch zwischen den Jahren in der schwäbischen Provinz. Positive Kontraste zum Alltag des Stadtlebens gibt es en masse, besonders fällt mir dieses Jahr aber die Abwesenheit jener Hässlichkeiten auf, die in Deutschlands Städten, selbst den einst beschaulichen, in der letzten Zeit zunehmend zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Ich meine die allgegenwärtigen Graffiti-Schmierereien und die Flut an Plakaten und Aufklebern – in der Regel mit linksradikalen bis linksextremen Inhalten. Längst sind in deutschen Städten nicht mehr nur Laternenpfähle und Stromkästen betroffen.
Hammer und Sichel, Antifa-Zahlencodes oder Aufrufe zur Niederwerfung des „Patriarchats“ und ähnliche Propaganda verschandeln inzwischen auch in großer Zahl die Häuserfassaden. Wer in einer Großstadt lebt, wird lange suchen müssen, bis er einen in dieser Hinsicht noch makellosen Straßenzug entdeckt.
Die städtischen Bewohner und Eigentümer scheinen, sofern sie sich daran überhaupt stören, nicht gegen die Verschandelung ihres Lebensmittelpunktes aufzubegehren, sondern sich in die Lage wie in ein unabwendbares Schicksal zu fügen. Das ist gleich doppelt betrüblich: Denn das Äußere ist beim Menschen einerseits Ausdruck des Inneren und wirkt andererseits auch auf dieses zurück.
Ist das Innere des Menschen von Ordnung und Schönheit geprägt, so drückt sich dies auch in Form einer äußeren Ordnung und Schönheit der Lebenswelt aus, die sich Mensch selbst gestaltet. Umgekehrt lässt die äußere Verwahrlosung der Städte auch auf eine innere Verwahrlosung des Stadtmenschen schließen, die auch noch zunehmen dürfte, je länger er sich an den ästhetischen Verfall seiner Heimat gewöhnt, um ihn irgendwann gar nicht mehr als solchen wahrzunehmen.
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Dass man nicht so leben muss, zeigt der Besuch auf dem Land, wo die Häuser und Straßen gepflegt und Sticker, Graffiti und anderer Vandalismus die Ausnahme statt die Regel sind. Die Städter müssen aber nicht aufs Land ziehen, sondern können an Ort und Stelle gegen das Regime der Hässlichkeit aktiv werden, wenn sie denn nur wollen. Die Sehnsucht nach Ordnung, Sauberkeit und Schönheit dürfte jedenfalls auch in ihnen noch präsent sein.
Einer, der was macht
Das zeigt der Erfolg eines italienischen Aktivisten, der nur unter dem Pseudonym Ghost pitùr bekannt ist. In Brescia zieht Ghost pitùr nachts durch die Straßen und filmt sich dabei, wie er Hauswände und Fassaden streicht und sie so von Schmierereien befreit. Fotos und Videos der Arbeit des Antigraffiti-Helden gingen in den sozialen Medien viral und wurden inzwischen auch von der Presse aufgegriffen.
Eigentlich müssten viel mehr Menschen dem Beispiel Ghost pitùrs folgen. Was wäre, wenn alle, die genug haben von dem sie umgebenden Vandalismus, der den Schönheitssinn der Seele stört und vergiftet, anfingen, sich friedlich zur Wehr zu setzen? Aufkleber entfernen, wo man sie sieht; Briefe an den Gemeinderat oder den Hausbesitzer schreiben; eine freundliche Nachfrage beim Nachbarn, ob er sich denn nicht an den Graffiti an seiner Hauswand störe und das Angebot, ihm bei der Beseitigung zu helfen; ein Griff zum passenden Putz- und Lösungsmittel, um die frisch angebrachte Schmiererei gleich wieder zu entfernen.
Die Liste der ästhetischen Wohltaten ließe sich fortsetzen. Wer also noch einen guten Vorsatz für das neue Jahr sucht, darf sich hiervon gern inspirieren lassen.
Kommentare
Kommt alle nach Nordkorea leben. Da gibt es kein Graffiti. Alles ist geordnet.