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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Der Nichtglaubenskrieger

Hugo Stamm ist eigentlich längst im Ruhestand. Er feiert demnächst seinen 75. Geburtstag. Loslassen kann er aber nicht. Er würde auch eine Lücke hinterlassen, jedenfalls bei den Schweizer Medien.

Denn Stamm ist der „Sekten-Hugo“. Er gilt als schreibende Instanz für alles, was mit Religion und Esoterik zu tun hat. Bis heute betreibt er beim Onlinemedium watson.ch seinen „Sektenblog“. Auch auf Corrigenda war Stamm schon ein Thema am Rande.

Groß gemacht haben ihn seine Recherchen zu Scientology. Bereits 1982 legte er sein erstes Buch über die Mischung aus Science-Fiction und Glaubensgemeinschaft vor. Diese Arbeit war durchaus verdienstvoll, denn Hugo Stamm gab Aussteigern, die für Scientology ihr letztes Hemd hergegeben hatten, eine Stimme.

Allerdings nützt sich ein solches Schwerpunktthema früher oder später ab, und aktive Sekten gibt es in der Schweiz nicht wie Sand am Meer. Deshalb wurde das Feld im Lauf der Zeit immer weiter. Homöopathie, Freikirchen, Missbrauch in der katholischen Kirche, Weihnachten zwischen Religion und Konsumexzess, Astrologie: Es ist erstaunlich, was alles unter „Sekten“ fallen kann.

Wo bleibt der „Gottesbeweis“?

Inzwischen scheint die Auswahl von Hugo Stamm immer willkürlicher, und die Mission gegen alles, was mit Religion oder Spiritualität zu tun hat, nimmt selbst sektiererische Züge an. So wirft er in einem Beitrag den Angehörigen von Religionen vor, diese als einzige Wahrheit zu vertreten, aber bis heute den „Gottesbeweis“ schuldig zu bleiben. Nun heißt der Glaube aber nicht ganz ohne Grund so. Wer Beweise hat, muss nicht glauben.

An anderer Stelle gräbt er die sieben Todsünden aus und verkündet schadenfreudig, dass viele Christen dauernd dagegen verstoßen. Nur schon, wenn sie gern und viel essen oder die Sexualität genießen, denn schließlich seien Völlerei und Wollust Todsünden. Das ist eine bewusste Verzerrung einer Liste, die im übrigen nicht in der Bibel zu finden ist, sondern erst im Mittelalter entstand, als noch ganz andere Wertvorstellungen herrschten. Gemeint war immer die maßlose Übertreibung, nicht der gelegentliche Genuss.

Solche Spitzfindigkeiten dienen letztlich dazu, gläubige Menschen abzuwerten oder lächerlich zu machen. Nur dass hier die religiösen Gefühle nicht in Form eines billigen Witzes verletzt werden, sondern unter einem pseudowissenschaftlichen Deckmantel. Vom ursprünglichen Fokus, der Enthüllung krimineller Machenschaften, verpackt in einen Kult, ist Hugo Stamm damit längst abgerückt. Nun will er der Leserschaft klarmachen, dass jeder, der an etwas glaubt, Defizite auf der intellektuellen Ebene haben muss.

„Kampf für die geistige Freiheit“

Leben und leben lassen: Von dieser Philosophie hält der Sektenexperte offenbar nicht viel. Er kann nicht nachvollziehen, was der Glaube vielen Menschen gibt, und spricht diesem deshalb kurzerhand die Daseinsberechtigung ab. Mit etwas Empathie wäre es ihm vielleicht möglich, seine eigenen Bedürfnisse von denen anderer zu unterscheiden.

Woran glaubt der Mann, der sein Leben dem Kampf gegen Sekten (oder was er dafür hält) gewidmet hat, selbst? Was das angeht, schweigt er lieber, was natürlich sein gutes Recht ist. Dafür lässt er laut Wikipedia verlauten, er kämpfe für die „geistige Freiheit des Individuums“, und er setze sich gegen alles ein, was diese einschränke.

Die geistige Freiheit des Individuums beinhaltet allerdings auch das Recht, an einen Gott zu glauben, an viele Götter oder auch an das fliegende Spaghettimonster. Davon auszugehen, dass das immer in Verbindung mit Gehirnwäsche oder begleitet von einer Abzocke geschieht, ist unredlich. Aber das ist der Eindruck, der im „Sektenblog“ vermittelt wird. Wem es guttut, den Zehnten abzuliefern, der sollte das tun dürfen, ohne als Opfer identifiziert zu werden. Ganz abgesehen davon, dass Hugo Stamm für sein wirtschaftliches Überleben selbst auch auf Sekten angewiesen war. Worüber hätte er sonst schreiben können?

Nur den „richtigen“ Autoritäten glauben

In einem Interview sagte der Journalist einmal: „Etwa jeder dritte Schweizer ist sektengefährdet, unser Land ist also eine Hochburg solcher Gruppierungen. (…) Es ist bequemer, ihren Heilsversprechen zu glauben, als sich selbstverantwortlich mit der komplexen Realität auseinanderzusetzen. Man gibt die Verantwortung ab, wird autoritätsgläubig und dadurch leicht manipulierbar.“

Interessanterweise beklagt er sich im selben Gespräch über Verschwörungstheorien in der Coronazeit. Da hätten viele Menschen lieber den Kritikern der Politik geglaubt als den vom Staat definierten Experten. Seltsam, dabei wünscht er sich doch weniger Autoritätsgläubigkeit und Manipulierbarkeit – und hier befürwortet er sie.

Was „Sekten-Hugo“ auch nach über 40 Jahren im Geschäft nicht bewusst ist: Nicht nur gläubige Menschen sind überzeugt von einer einzigen Wahrheit. Wer so entschieden jede Form organisierter Religiosität und Spiritualität ablehnt wie er, ist genauso wahrheitsgläubig. Nur ist es eben bei ihm ausschließlich der Glaube an sich selbst. Jemand sollte ihm bei Gelegenheit sagen, dass auch der Mensch kein unfehlbares Konstrukt ist. Nicht einmal er.

 

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