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Volk ohne Gott

Die AfD und der ungläubige Osten

Unser Land befindet sich in einem Umbruch. Er bringt Mentalitäten zum Vorschein, von denen viele dachten, dass sie sich in den Gedanken, Einstellungen und Handlungen eines universalistisch denkenden und lebenden demokratischen Selbst verflüchtigt hätten. Doch der Erfolg der AfD, insbesondere in Ostdeutschland, zeigt, dass unsere Gesellschaft fragmentierter ist als bislang angenommen. Im Sediment kollektiven Bewusstseins gehen gerade Keime auf, deren Existenz viele verleugnet haben oder unter der Kuscheldecke des Wohlstands erstickt sehen wollten.

Wir sind Zeitgenossen einer historischen Situation, wo politische Eliten sich selbst schwächen und soziale Kohäsionskräfte auf vielen Ebenen abnehmen. Da nimmt es nicht wunder, dass eine Partei wie die AfD die Gunst der Stunde nutzt, um einen pseudoromantischen Zustand des Friedens einer wiederzuerweckenden Nation mit sich selbst zu beschwören, während sie dabei hin und wieder auch auf Erzählungen des Christentums zurückgreift.

Es stellt sich jedoch die Frage, wieso gerade der heutige Osten Deutschlands das geeignete Habitat sein soll, in dem ein Konglomerat aus christlichen, para- und antichristlichen Anschauungen gedeihen kann, das sich in Form einer Partei weltanschaulich und politisch zu konkretisieren und zu legitimieren versucht? Die Antwort führt weit zurück – und sie endet bei einem Vakuum, das die AfD füllen möchte.

Eine lange Vorgeschichte

Das Christentum reüssierte in unseren Breiten erst relativ spät, und das nicht ohne regionale Besonderheiten. Schon vor der lutherischen Reformation und dem protestantischen Preußentum konnte sich die „deutsche Seele“ nur schwer mit der vollständigen Annahme der mediterranen Latinizität des katholischen Glaubens abfinden. Bereits im „Heliand“, dem altsächsischen Epos aus dem 9. Jahrhundert, wurde das römische Christentum germanisch überformt: Christus erscheint als Heerführer, seine Jünger als Krieger (und nicht als arme Fischer). Die Glaubensvorstellungen werden vielfach von heidnischen Schicksalsdeutungen überlagert. Bei Luther bricht sich dieses tief verankerte Ressentiment als offen ausgetragener antirömischer Affekt endgültig Bahn.

Der Schriftsteller Martin Mosebach brachte es schon vor längerer Zeit in der Welt auf den Punkt

„Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther verstärkte. […] Der Protestantismus [hat], so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.“

Damit stellt sich die Frage: Bekommt der ungläubige Osten mit der AfD genau die Partei, die er verdient?

Was die AfD im Osten verspricht

Viele Menschen glauben, in der AfD das wiederzufinden, wofür die DDR einst ein leeres Versprechen gegeben hat: die Einrichtung einer homogenen, entsakralisierten, friedvollen, sicheren und gerechten „Heimat“. Kürzlich hat Hubertus Knabe indes gezeigt, wieviel DDR und Sozialismus letztlich in der AfD stecken. Die „Brandmauer“ ist dabei wie geschaffen, um den Weg für die Rückkehr in „geschlossene Gesellschaften“, die voneinander nichts mehr wissen wollen und können, zu ebnen. Sie schützt nämlich nicht nur die selbsternannten „Parteien der Mitte“, sondern auch die AfD selbst vor unliebsamen Koalitionen. Sie sorgt auch dafür, dass sich eine Partei – „auferstanden aus Ruinen“ – wieder aufmachen darf, im Osten als eine Art Einheitspartei zu regieren.

Die CDU hat es ihrerseits verpasst, sich durch eine „katholischere“, das heißt ganzheitliche, prinzipiengeleitete und gemeinwohlorientierte Politik nachhaltig gegen Annäherungsversuche von links und vor Abwanderungsbewegungen in Richtung AfD zu schützen. Dieses von vielen bewusst in Kauf genommene Versäumnis ist kaum wieder gutzumachen, denn ein Großteil der ostdeutschen Wähler wird einer regierenden AfD – solange die tiefsitzenden Feindbilder wirken und die ideen- bzw. identitätslose Tagespolitik der anderen andauert – ihre Fehler und Unzulänglichkeiten immer wieder verzeihen.

Das (zivil-)religiöse Vakuum

Nirgendwo hat die Säkularisierung tiefere Schneisen geschlagen und dabei das Bild einer kraftlos gewordenen Religion hinterlassen als im Osten. Für die meisten Menschen dort gibt es einfach keine Religion, die sie sich über die „Mühen der Ebene“ (Brecht) erheben lässt und den Alltag durch Feste, Folklore und sakrale Orte raumzeitlich strukturiert. Vielmehr gilt Goethes Wort aus dem „West-östlichen Divan“: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, / sonst bedarf es keiner Offenbarung.“

Ohne den sinngebenden Puffer der Religion bleibt der gemeine Ostdeutsche nicht nur der Willkür des Staates, sondern auch der Willkür seiner eigenen politischen Emotionen ausgeliefert. Ihm fehlen die identitätsstiftenden Ankerpunkte des Christentums, das seine Gefühle sinnvoll ordnen und ihn in ein ambivalentes, aber produktives Verhältnis zur Obrigkeit bringen kann. Robert Spaemann beschreibt dieses Verhältnis wie folgt: „Ihre [der Christen] Verantwortlichkeit für das Gemeinwohl gründet nicht in unbedingter Staatsloyalität, sondern ihre Staatsloyalität in ihrer unbedingten Verantwortlichkeit für das Gemeinwohl.“

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Hinzu kommt das häufige Fehlen von positiven Fremdheitserfahrungen: In der DDR wurden ausländische Vertragsarbeiter massiv segregiert, Reisen ins Ausland wurden streng reglementiert oder zumeist komplett verboten, Menschen zur besseren Überwachung als homogene Einheiten sozialisiert, was letztlich auch zu einer Funktionalisierung und Biologisierung familiärer Rollen geführt hat. Die christliche Religion als kultureller Integrationsfaktor war unerwünscht, wurde systematisch zurückgedrängt und ist bis zum heutigen Tag in weiten Teilen zwischen Elbe und Oder komplett verschwunden. Das musste natürlich ein zivilreligiöses Vakuum erzeugen, deren politisch-moralische Folgen wir gerade spüren.

Zwei Vorstöße aus zwei verschiedenen Richtungen

In dieses Vakuum stoßen aktuell zwei „einheimische“ Initiativen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite steht Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der sachsen-anhaltinischen AfD-Landtagsfraktion, einflussreicher rechtsradikaler Netzwerker, der im Falle eines Kantersiegs der AfD als Bildungsminister eines Kabinetts Ulrich Siegmund in Magdeburg gehandelt wird. Tillschneider arbeitet an der zugegeben recht unglaubwürdigen Erzählung von der AfD als der „mit Abstand christlichsten Partei“.

Auf der anderen Seite ist der evangelische Pastor und Influencer Justus Geilhufe, der in den schrumpfenden Kirchgemeinden des Ostens die letzten Widerstandszellen gegen die Bedrohung von rechts zu erkennen glaubt. Was ist von den beiden Vorstoßen zu halten?

Beide irren zunächst in der Auffassung, was christliche Religion sein kann, da sie Kants fataler Aufspaltung in „Vernunftreligion“ und „statutarische Religion“ aufsitzen. Der durch den Geist Nietzsches geläuterte Tillschneider sieht im Christentum das metaphysische Projekt eines mit neuem Leben zu erfüllenden statutarischen Glaubens; Geilhufe beschwört dagegen einen wehrhaften „bürgerlichen Protestantismus“, dabei verkennend, dass gerade dessen subjektivistische Vernunftreligiosität mitverantwortlich am Niedergang der Religion als objektive kultur- und mentalitätsprägende Kraft ist.

Pfarrer Justus Geilhufe aus Großschirma beim „Hoffnungskulturfest“ der Evangelischen Landeskirche Anhalts auf dem Markt in Dessau-Rosslau

Der Irrtum über die christliche Liebe

Für Tillschneider wiederum ist die von Geilhufe ins Feld geführte Feindesliebe paradigmatischer Ausdruck von Schwäche – mit Nietzsche gesprochen: von „Selbstverlogenheit einer Ohnmacht“, die sich als Verdienst ausgibt.

Nietzsche und sein Interpret Tillschneider verfehlen den Kern der Feindesliebe, die gerade von jeglicher Verdienstlichkeit absieht. Max Scheler hat gezeigt: Echte christliche Liebe (agape) ist das genaue Gegenteil des Ressentiments. Sie ist keine Reaktion auf einen überlegenen Wert, sondern gründet selbst jeden Wert.

Die dadurch aufgebaute „Ordnung der Liebe“ (ordo amoris) ist damit auch nicht auf die Rolle eines politischen Instrumentariums zum Zwecke einer moralischen Triage (zum Beispiel in der Migrationsdebatte) zu reduzieren, sondern sie ist die personale Grundgestalt des Wertnehmens. Sie erschließt eine Struktur gestufter Verantwortlichkeit („Wem schulde ich was zuerst?“) – und gerät damit weder in Reichweite einer rechten Politik, die allein für das Eigene (das heißt die eigene Nation, die eigene Familie) optiert, noch in den Fokus einer linken Unparteilichkeitsethik, der zufolge niemand bevorzugt werden kann, weil alle gleich sind bzw. gleich gemacht werden sollen.

Eine Ordnung der Liebe lässt sich in Politik und Gesellschaft nicht verankern, wenn sie nicht zuvor in die Herzen der Menschen eingeschrieben wurde. Tillschneider ist deshalb entgegenzuhalten: Eine Re-Christianisierung kann nicht mit den Machtinstrumenten autochthoner Kulturpolitik erzwungen werden, sondern allein aus der Religion selbst heraus geschehen. Auch Geilhufe überschätzt seine „Reconquista“-Bemühungen, denn gerade auf dem Land leihen die letzten verbliebenen jungen Menschen doch eher dem AfD-Politiker im Jugendclub ihr Ohr als sich eine Predigt in der „staatstreuen“ Kirche anzuhören, die zum Widerstand gegen die AfD aufruft.

Beide Akteure weisen auf das Fehlen einer christlichen Politik

Zumindest ist beiden zugutezuhalten, dass sie auf das eklatante zivilreligiöse Vakuum im Osten aufmerksam machen – auf das Fehlen einer christlichen Politik, die für das Wohl des irdischen Gemeinwesens arbeitet, weil sie auf das himmlische Jerusalem aus ist. Sie halten damit auch den westdeutschen Verantwortungsträgern in Politik und Gesellschaft, welche sich immer mehr vom christlichen Menschenbild verabschieden, den Spiegel vors Gesicht, indem sie eine plausible Erklärung dafür andeuten, wieso CDU und Co. im Osten so hilflos agieren: Letztere erkennen die soziale und politische Tragweite des Unglaubens und zivilreligiösen Vakuums im Osten nicht, weil sie bereits selbst zu großen Teilen diesem Unglauben verfallen sind.

Ein Blick in den postprotestantischen atheistischen Osten kann also durchaus lehrreich sein, obwohl die gesellschaftliche Realität aus einem spirituell-religiösen Blickwinkel betrachtet ernüchternd ist. So lässt sich bei den meisten Deutschen in den neuen Bundesländern kaum ein Wille zur Kultivierung eines religiösen Selbst erkennen, was sich als mehr oder weniger verdeckter Vulgärmaterialismus, als schwelgerische Ostalgie, unbearbeitetes Revanchismusgefühl oder reflexhafte Xenophobie zu erkennen gibt – letztlich als anerzogener und an die nächste Generation weitergegebener religiöser Analphabetismus.

Daneben steht das berechtigte Bedürfnis vieler Deutscher zwischen Ostsee und Erzgebirge nach Wahrhaftigkeit, Zugehörigkeit, Klarheit und Identität. Viele sind nicht mit den ideologischen Irrungen und Wirrungen des Westens wie Genderismus, Konsumismus, Überakademisierung der Eliten, weltanschaulicher Relativismus etc. aufgewachsen und haben sich ihr Gespür für die negativen Folgen eines von metaphysischem Leichtsinn geleiteten Handelns der demokratischen Verantwortungsträger bewahrt. Diese Gemengelage weiß die AfD geschickt in Wählerstimmen umzumünzen.

Was der ungläubige Osten uns zeigt

Aber was genau können wir aus diesen unvollständig gebliebenen Betrachtungen für die Gegenwart und Zukunft der gar nicht mehr so neuen Bundesländer lernen? Sicherlich nicht zu hoffen, dass im Osten irgendwann ein bürgerlicher Protestantismus wieder fröhliche Urständ feiert. Auch nicht, dass mit Hilfe des Nationalstaates, wenn ihm nur die metaphysischen Weihen verliehen werden, eine patriotische Wende eingeläutet werden könne. Es ist jetzt auch nicht an der Zeit, wie der Magdeburger Bischof Gerhard Feige gegen die AfD, sondern vielmehr für die Bekehrung derjenigen zu beten, die Gott nicht kennen bzw. weiterhin in ihren Klischees über die wahre Bedeutung der christlichen Religion gefangen bleiben.

Dafür, dass sich – contra spem sperare – der aktuelle trostlose Zustand ändert, sind natürlich auch religiöse Bildung und liturgische Formate, die das „ewige und unzerstörbare metaphysische Bedürfnis der Menschennatur“ (Jacob Burckhardt) nach Religion ansprechen, notwendig. Vor allem aber ist die innere Bereitschaft jener Ostdeutschen, deren Unglaube noch nicht militant geworden ist, gefragt. Sie sollten endlich aus ihrem dogmatischen Schlummer erwachen und den Teufelskreis der religionslosen Passivität und Langeweile, welche die Konsumkultur des Westens noch vertieft hat, verlassen.

Zugegebenermaßen erscheint es als recht unwahrscheinlich, dass gerade dort, wo der religiöse Boden derart ausgetrocknet ist, der Keim des Christentums erneut aufgehen soll. Solange in Europa die christliche Religion insgesamt auf dem Rückzug ist, wird auch im Osten die Sonne nicht aufgehen.

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