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Kolumne „Der Philosoph“

Leib, Seele und der Tod

Kurz vor Weihnachten war ein Familienmitglied im Ausland nach langer Krankheit und in hohem Alter verstorben, und so reiste ich zwischen den Jahren zur Beerdigung. Vor der Trauerfeier und der Beisetzung nahmen wir in kleinem Kreis Abschied am offenen Sarg. Zuerst erfüllte mich eine eigenartige Scheu, überhaupt einen Blick auf den Leichnam zu werfen. Als ich es dann doch tat, war ich überrascht. Vermutlich hatte ich instinktiv mit einem grausigen Anblick gerechnet, der von der Realität allerdings nicht bestätigt wurde. Ich blickte stattdessen in ein schönes, friedliches und auch deutlich jüngeres Gesicht, als ich es erwartet hatte.

Zugleich aber schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf: „Das ist er ja gar nicht!“ Nicht, dass ich gedacht hätte, eine Verwechslung hätte stattgefunden, so dass anstelle des Verstorbenen da nun ein anderer läge. Es war vielmehr die Erkenntnis, dass dieser Leib, aus dem das Leben gewichen war, sich von Grund auf verändert hatte. Eine Verwandlung von unendlicher Qualität – jenseits des Materiellen – hatte sich abgespielt. Die Person, die ich gekannt und geliebt hatte, war nicht mehr da.

Dieses Erlebnis machte mir bewusst, wie wirklichkeitsfremd und geradezu lächerlich die heute so weit verbreitete Ansicht ist, es gäbe keine Seele und der Mensch sei nur ein besonders komplexes Stück Materie. Nichts dürfte den Unterschied zwischen einer lebendigen Person, einem beseelten Leib, und einem seelenlosen Körper auf derart eindrückliche Weise fassbar machen wie der unvoreingenommene Blick auf den Leichnam eines geliebten Menschen.

Was geschieht, wenn die Seele den Leib verlässt?

Ich habe mich eigentlich genug mit Aristoteles und dem hl. Thomas von Aquin beschäftigt, um mit dieser Erfahrung zu rechnen, aber Buch- und Erfahrungswissen sind eben nicht dasselbe. Erstaunlich, wie erfahrungsgesättigt die Philosophie dieser beiden Denker doch ist: Für sie ist die Seele nichts Materielles, sondern die Form, die aus einem Körper einen lebendigen Organismus macht. Das heißt konsequenterweise auch, dass alles Lebendige beseelt ist. Das gilt für Pflanze, Tier und Mensch.

Allerdings folgt daraus nicht, dass Seele gleich Seele ist. Die Pflanzenseele, die Tierseele und die Menschenseele sind vielmehr höchst unterschiedlich: Während die Pflanzenseele sich im Nährungs- und Wachstumsvermögen erschöpft, ermöglicht die Seele des Tiers auch dessen Selbstbewegung und Wahrnehmung. Der Mensch allein hat unter den körperlichen Lebewesen eine vernünftige Seele. Die Vernunft ist dabei jedoch nicht nur ein weiteres Vermögen, das zur tierischen Wahrnehmung hinzukäme. Die Wahrnehmung des Menschen ist in Gänze eine andere als die des Tiers: Indem wir denkende Wesen sind, sehen und hören wir die Welt anders als die Tiere.

Der Mensch ist also beides: Seele und Leib, und nur zusammen ist er Mensch. Was also geschieht, wenn die Seele den Leib verlässt und einen leblosen Körper zurücklässt? Nun, Thomas hat hierzu das Wichtigste gesagt: Während die Pflanzen- und Tierseele ganz in ihren leibgebundenen Aktivitäten aufgehen und daher getrennt vom Körper nicht fortbestehen können, können wir davon ausgehen, dass der vernünftigen Seele des Menschen eine eigenständige Existenz zukommt.

Auf die Auferstehung im Fleisch zu hoffen ist vernünftig

Denn offenbar ist sie zu Leistungen fähig, die alles Materielle überschreiten: Sie kann nicht nur unveränderliche, zeitlose Wahrheiten erkennen, sondern ist auch in der Lage, für sich und andere das objektive Gute zu wollen, das heißt mit anderen Worten: sie kann lieben. Daher kann auch die christliche Hoffnung auf die Weiterexistenz der Seele nach dem Tod als philosophisch gut begründet gelten.

Jedoch wird das Prinzip, dass der Mensch nur wirklich Mensch ist, sofern er über Seele und Leib verfügt, dadurch nicht zurückgenommen. So findet sich bei Thomas auch der bedenkenswerte Satz: „Anima mea non est ego“ – „Ich bin nicht meine Seele.“ Jedes Ich ist nämlich ein Zusammengesetztes aus Seele und Leib. Daher ist die vernünftige Erwartung auf den Fortbestand der Seele nach dem Tod zu wenig, um eine Hoffnung auf ein Weiterleben als menschliche Person zu begründen. Wenn nur meine Seele weiterexistiert, existiere nicht ich weiter, denn ich bin eine leibseelische Einheit.

Um vernünftigerweise hoffen zu dürfen, dass der Tod über uns als Menschen nicht das letzte Wort hat, bedarf es der vom Christentum verheißenen Auferstehung des Fleisches. Entsprechend ehrfurchts- und verheißungsvoll können wir dann auch auf den Leichnam unserer Verstorbenen blicken.

 

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Kommentar
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JP Görtz
Vor 1 Monat 2 Wochen

Ganz ausgezeichnet. Dringendes Thema. Grundlegend wichtig. Und eine sehr gute Herleitung. Danke!

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Gerhard
Vor 1 Monat 3 Wochen

Beim Tod trennt sich aber die Seele vom Leib. Erst am Jüngsten Tag wird Gott alle verstorbenen Leiber auferwecken und wieder mit ihren Seelen vereinen.

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Ulrich J.
Vor 1 Monat 2 Wochen

Für das Bild 'Auferstehung des Fleisches' genügt Erhalt der jeweiligen Eigenart.
Falls es ein Ende aller Tage geben sollte, reden wir weiter.

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JP Görtz
Vor 1 Monat 2 Wochen

Ganz ausgezeichnet. Dringendes Thema. Grundlegend wichtig. Und eine sehr gute Herleitung. Danke!

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Gerhard
Vor 1 Monat 3 Wochen

Beim Tod trennt sich aber die Seele vom Leib. Erst am Jüngsten Tag wird Gott alle verstorbenen Leiber auferwecken und wieder mit ihren Seelen vereinen.