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Was ist Tugend?

Anders als der „brave Mann“

Der Begriff Tugend im heutigen Sprachgebrauch verfügt über Patina und ruft Schmunzeln hervor. Vielleicht ist das einst wohlbekannte Wort und der mit ihm verbundene Biedersinn heute auch gänzlich verschwunden. Schulmeisterliche Tugendbolde sind maßlos moralisch und zugleich moralisierende Stützen der Gesellschaft. Gestalten wie diesen gehen wir nur zu gern aus dem Weg.

Bekömmlicher ist es, ihnen in der Literatur zu begegnen. Albert, den Verlobten von Werthers Lotte, nennt Johann Wolfgang von Goethe einen „braven Mann“ – anders gesagt: er war in einer Hinsicht vollkommen, nämlich ganz und gar langweilig, der perfekte Schwiegersohn, den die kluge Lotte zwar kaum begehren und lieben, aber standesgemäß heiraten konnte. Oder musste. War Albert, als etablierter Zeitgenosse, also ein vorzüglich tugendhafter Mensch? Wenn wir den Begriff Tugend altmodisch verstehen möchten, ja, dann war dieser Albert die Tugend in Person.

Der „brave Mann“ heute fügt sich bereitwillig und überzeugt jedem politisch gängigen Mainstream, träumt von einer kostengünstigen Windkraftenergieanlage fürs Eigenheim und besinnt sich nicht nur im Büro, sondern achtet auch zu Hause und unter Freunden ­­– treffender gesagt: Freund:innen oder Freund*innen – auf den amtlich vorgeschriebenen Gebrauch der Gendersprache. Wer anders spricht, wird korrigiert. Lebt aber der „brave Mann“ von heute wirklich tugendhaft – oder ist er nur ein anstrengender Apostel des Zeitgeistes?

Tauglichkeit, Tüchtigkeit, Bestheit

Der Begriff Tugend verfügt über eine lange Geschichte mit vielen Facetten. Ein Blick in die griechische Antike sollte zunächst genügen. Wer sich die Übersetzungen der philosophischen Schriften von Aristoteles anschaut, entdeckt dort oft das heute so angestaubt anmutende Wort „Tugend“. Im Original lesen wir: aretḗ. Es ist keine philologische Todsünde, diesen Begriff mit Tugend zu übersetzen, aber irritierend für die Leser, die nämlich Tugend mit Biederkeit identifizieren. Dabei ist es schön, vernünftig und notwendig, tugendhaft zu leben – orientiert an dem klassischen Verständnis, nicht an späteren Fehlformen und Zerrbildern. Der griechische Begriff verweist auf Tauglichkeit, Tüchtigkeit und – ganz sachlich verstanden – Bestheit.

Wer in diesem Sinne tugendhaft lebt, entfaltet und entwickelt seine Talente, Anlagen und Begabungen. Tugendhaft zu leben bedeutet harte Arbeit an sich selbst, am eigenen Charakter und auch, mit bestehenden Schwächen umzugehen. Tugend erfordert Training. Tauglichkeit und Tüchtigkeit fallen niemandem zu, sie erfordern Anstrengung und Disziplin und schenken zugleich Freude. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, löst sich auf, wenn wir an Musiker denken, die durch lange Schulung und beständige Übung mit ihrem Instrument ihr Spiel perfektionieren.

Von braven Kirchensteuerzahlern und Kulturchristen

Als der berühmte Schriftsteller Gustave Flaubert einmal gebeten wurde, einen Vorschlag für einen in jeder Weise gelungenen Glückwunsch zum Geburtstag zu machen, zog er sich viele Stunden aus der Gesellschaft zurück und grübelte. Flaubert arbeitete an der Bestheit der Formulierung. Schließlich überreichte er, leicht erschöpft, ein Blatt Papier. Er sagte: „So könnte es gehen.“ Auf dem Schriftstück stand geschrieben: „Alles Gute.“

Wir mögen darüber lächeln – oder auch nicht, wenn wir uns doch vergegenwärtigen, dass die richtigen Worte und auch die richtige tugendhafte Handlung auf beste Weise bedacht werden müssen. Das Ergebnis mag mitunter einfach, vielleicht nahezu trivial erscheinen. Und doch ist es eine Frucht reiflicher Überlegung.

Der Begriff Tugend verfügt auch über besondere Dimensionen, die das alltägliche Leben kennzeichnen. Die Tapferkeit ist eine Tugend, durchaus im militärischen Sinne verstanden. Im Räsonnement bewährt sich der moralisierende Tugendbold. Er ist aber nicht besonders tapfer, stattdessen plappert er viel, ja unentwegt und erwartet Zustimmung. Der Tugendbold belehrt gerne und hält sich für schlau. Oder er agiert als postmoderner „braver Mann“ und verschwindet lautlos in den Floskeln des Alltags, zeigt sich etwa auch als Kirchensteuerzahler und weltoffener Kulturchristenmensch von heute politisch alert und kompromissbereit, etwa bei Fragen des Lebensschutzes.

Der Held erregt Anstoß

Der Held aber zeigt seine Tüchtigkeit – und damit Tugendhaftigkeit – in der Tapferkeit, auf den Streitplätzen des Alltags und mitten in dieser Welt. Er steht kompromisslos für den Schutz des Lebens ein, wo andere nur noch unbeteiligt sein möchten oder sich kompromissbereit für medial erwünschte Haltungen zeigen. Der tugendhafte Mensch übt nicht geschmeidige Verhaltensweisen ein, sondern arbeitet an sich, um ein gutes Leben zu führen.

Er passt nicht in vorgefertigte Schablonen oder etablierte Denkschemata, aber er weiß zu unterscheiden – zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Moral und Unmoral, zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens und dem Mord am ungeborenen Leben, oder, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt: verabscheuungswürdigen Verbrechen.

Goethes Albert und viele andere „brave Männer“, ob Langweiler oder Tugendbolde, in Geschichte und Gegenwart, hätten sich bestimmt politisch verbindlich geäußert und verhalten. Sie würden niemals Anstoß erregen, unter gar keinen Umständen. Menschen wie diese werden dann unsichtbar. Wer sich jedoch wirklich an der Tugend orientiert, der glaubt an und steht ein für das Gute. Er hält die Wahrheit nicht für eine beliebige Meinung, sondern für den maßgeblichen Bezugspunkt, für den es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Auch ganz weltlich ist es auf facettenreiche Weise attraktiv, auf diese Weise heute klar und unmissverständlich tugendhaft zu leben, auf die aretḗ hin – jenseits des etablierten Mainstreams und der kunterbunten, zugleich eintönigen Welt der trostlos langweiligen Beliebigkeit.

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