Der heiligen Hedwig gefällt’s
Im Herbst 2025 hingen sie in Warschau und anderen polnischen Städten: Plakate mit der so großen wie simplen Aufschrift „Breslau“. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine subversive Aktion der deutschen Minderheit im östlichen Nachbarland, um auf ihre unter Druck geratenen Rechte aufmerksam zu machen, sondern um eine Werbekampagne für die gleichnamige erste polnische Original-Serie für den Streamingdienst Disney+.
„Breslau“ (deutscher Titel „Die Breslauer Morde“), und eben bewusst nicht „Wrocław“, zeigt die niederschlesische Stadt im Ausnahmezustand kurz vor den Olympischen Spielen 1936. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen, und die nationalsozialistische Führung samt ihrer Propagandamaschinerie kann sich Negativschlagzeilen während des internationalen Sportereignisses nicht erlauben. Der handfeste deutsch-polnische Kriminalkommissar Franz Podolsky, der mit dem NS-Regime wenig anfangen kann, wird mit den Ermittlungen betraut: Noch vor der Eröffnung der Spiele soll er den Täter finden.
Neben dem Katz-und-Maus-Spiel und den Verwicklungen einiger Nazis-Größen steht dabei die Stadt an der Oder im Mittelpunkt und transportiert wie bei der deutschen Erfolgsserie „Babylon Berlin“ eine Ahnung davon, wie das Leben in ihr vor dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben könnte.
Wie deutsche Kleinstädte, aber ohne 2015ff.
Die Serie folgt dabei einem Trend. Seit Jahren steigt das Interesse der Polen an der deutschen Vergangenheit ihrer Heimat. Trotz all der scharfen Töne besonders von PiS-Politikern in Richtung Berlin ist das nur logisch, vergleicht der Betrachter im Alltag die oftmals heruntergekommenen sozialistischen Bauten mit den attraktiver wahrgenommenen Gebäuden der deutschen Zeit. Was war das für eine Epoche, die solche Schmuckstücke hervorgebracht hat? Und wer beispielsweise durch das 14.000-Seelen-Städtchen Frankenstein (heute Ząbkowice Śląskie) in Niederschlesien schlendert, bekommt eine schmerzhafte Vorstellung davon, wie deutsche Kleinstädte ohne Immigration aus Nahost und Ressourcenverschleiß aussehen könnten.
Viele Orte in Polen restaurieren sorgsam ihre Fassaden aus der kaiserlichen Gründerzeit und entdecken darüber hinaus Aufschriften, Inschriften und die kleineren Gegenstände hinter den Mauern. Das Adjektiv „Poniemieckie“ beschreibt in Polen das „ehemals Deutsche“, das von Millionen geflohenen und vertriebenen Deutschen zurückgelassen wurde. Die in Liegnitz geborene Karolina Kuszyk hat sich auf die „Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen“ begeben und ihre Eindrücke in ihrem Buch „In den Häusern der anderen“ verarbeitet, das im Herbst 2022 auf Deutsch erschien.
Den Weg geebnet für die Auseinandersetzung mit der deutschen Prägung weiter Landesteile Polens hat 1997 Stefan Chwin mit seinem Werk „Tod in Danzig“. Die polnischen Eltern des 1949 in Danzig geborenen Literaturhistorikers wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus Litauen gen Westen vertrieben. 2015 legte Chwin, der oft mit dem deutschen Danziger Günter Grass verglichen wird, mit „Ein deutsches Tagebuch“ nach.
Preisgekrönte Krimireihe „Glatz“
Und gerade in der Belletristik erfährt das Sujet zunehmenden Zuspruch, insbesondere in Schlesien. In seiner „Glatz“-Krimireihe versetzt der Autor und Journalist Tomasz Duszyński den Leser in die niederschlesische Hauptstadt der vormaligen Grafschaft Glatz der 1920er Jahre, wobei seine emphatisch kreierten Hauptfiguren Deutsche sind. Der vom Ersten Weltkrieg schwer gezeichnete Militärermittler Wilhelm Klein und seine Kollegen der örtlichen Polizei haben es mit Organisierter Kriminalität, Rotlicht, Mord und Betrügereien genauso zu tun wie mit dem Adel, dem Bürgertum und der Arbeiterschicht. Die Gaststätten sind verraucht, das Essen ist deftig, und das Bier schmeckt.
Im Vordergrund stehen neben den Kriminalfällen die unterschiedlichsten sozialen Milieus der damaligen Zeit und die Straßenzüge der Stadt, die die Polen nach 1945 in Kłodzko umbenannt haben.
Die ganz großen politischen Krisen von Revolution und Putschversuchen über Inflation bis hin zu den Kämpfen der polnischen Schlesischen Aufstände lässt der 1976 geborene Duszyński bewusst weg. Es geht nicht darum, Polen und Deutsche gegeneinander auszuspielen, sondern darum, das vermeintlich normale Leben zu erforschen.
Die vier Bände haben sich in Polen zu preisgekrönten Bestsellern entwickelt und einen kleinen Tourismusboom in der Region ausgelöst, bei dem sich viele Polen auf den Spuren der früheren deutschen Bewohner und ihrer Lebensrealität bewegen.
Wie in der Serie „Breslau“ skizziert Duszyński zwar die Vorzeichen der noch kommenden historischen Katastrophen, doch ein Deutschen-Bashing bleibt aus. Der heiligen Hedwig, die als Patronin über alle Menschen Schlesiens wacht – es leben noch heute sowohl in Glatz wie in ganz Schlesien deutsche Landsleute –, dürfte es gefallen.
Die schlesische Erde erzählt von brutalen Umbrüchen
Weder als Deutschen noch als Polen bezeichnet sich der in Pilchowitz wohnende stolze Oberschlesier Szczepan Twardoch. Die Protagonisten des bekannten 1979 geborenen Schriftstellers besitzen oftmals eine ganz eigene Identität zwischen Polen und Deutschland und versinnbildlichen mit ihren hin- und hergezogenen Lebenslinien in den turbulenten Zeiten des 20. Jahrhunderts die wechselhafte Historie Schlesiens selbst.
Der Roman „Demut“ (hier als Hörbuch) folgt dem von Hause aus Schlonsakisch sprechenden Bürger des Deutschen Reiches Alois Pokora durch die Kindheit an deutschen Schulen, die Schützengräben Frankreichs und die Straßenschlachten im revolutionären Berlin direkt in die Spannungen der Aufstände in Oberschlesien 1919 bis 2021.
In „Drach“ ist es gleich die schlesische Erde, die als Erzählerin von den biografischen, kulturellen, ideologischen und territorialen Umbrüchen erzählt, brutal und sensibel zugleich. Und bei so manchem älterem deutschen Leser dürften dabei die Erinnerungen, Klänge, Geschmäcker und Gerüche der alten Heimat hochkommen.
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Kommentare
Tja, das mit der deutschen Herrlichkeit ist nicht nur in Schlesien schon lange vorbei ...
Wer Polen besucht, stellt ungläubig fest: Polen, die Heimat von Papst JP II., boomt, und selbst in Großstädten ist man nachts auf der Straße sicher, wohingegen Deutschland stagniert ... und verkommt ...
Beim Gedanken an Auschwitz fällt mir dann Exodus Kapitel 20, Vers 5 ein: "... Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation".
Sehr guter Artikel über das Interesse der Polen an der deutschen Geschichte.
Habe ihn gerne auf twitter geteilt: https://x.com/KaiserfrontFan/status/2016059133200404586?s=20
Hoffe viele Leute lesen ihn :-)