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Zum 15. Todestag Hans Graf Huyns

Der Mann, der Moskau durchschaute

Diplomatie, Weltläufigkeit und die Abneigung gegen Totalitarismus waren ihm in die Wiege gelegt. Ein rechtschaffender Wille, den Dingen auf den Grund zu gehen und das Verborgene ins helle Licht der Erkenntnis zu stellen, leitete ihn zeitlebens. Mit Johannes („Hans“) Graf Huyn verstarb vor 15 Jahren ein Vertreter eines katholischen, dabei strikt atlantischen und moskaukritischen Konservatismus.

Auch ein „militanter Anti-Kommunist“, wie der Spiegel 1982 über den CSU-Politiker ätzte? Das Attribut „militant“ ist eine beliebte Kampfvokabel der Linken gegen Konservative mit Bildung und Überzeugungen, und dass man nicht gleichzeitig römischer Katholik und Kommunist sein kann, versteht sich.

Hans Graf Huyn war noch ein Kind, als sein Vater 1941 in Brasilien starb. Er selbst war 1930 in Warschau als Sohn des deutschen Presseattachés zur Welt gekommen. Durch dessen Tätigkeit – 1934 hatte er nach Kritik am NS-Regime in den Dienst Österreichs wechseln müssen; den „Anschluss“ beobachtete er von London aus – war Hans schon früh in verschiedene Gefilde geführt worden. Für das Adelsgeschlecht der Huyn vermutet man einen flämischen Ursprung.

Diplomat und die „Affäre Huyn“

Huyn studierte – NS-Terror und heißer Krieg waren inzwischen vorbei, der „Kalte Krieg“ hingegen in vollem Gange – Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte in München sowie an Universitäten in Frankreich und Südamerika, lernte intensiv Fremdsprachen. Nach dem juristischen Staatsexamen 1954 in München schlug er aber zunächst eine diplomatische Laufbahn im Dienst der jungen Bundesrepublik ein. Er nahm als Sekretär der deutschen Delegation an den EWG-Verhandlungen 1956 in Brüssel teil, war 1963 bis 1965 als Legationsrat im Auswärtigen Amt für den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag verantwortlich.

Andere Stationen führten ihn nach Tunis, Dublin und Manila, mehrere Jahre nach Tokio. Zeit, Kulturen kennenzulernen, Menschen zuzuhören und zu beobachten, Zeit auch für Lektüre und Studien. Ein Zeitfenster auch für Liebe und Familie: Aus der 1959 geschlossenen Ehe gehen vier Kinder hervor.

1965 schied Huyn 35-jährig nach einer an sich nebensächlichen Indiskretion auf eigenen Wunsch aus dem diplomatischen Dienst aus, wohl um einem Disziplinarverfahren zu entgehen; ein Bauernopfer. Es hatte sich um Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des genauen Kurses der Bonner Außenpolitik gehandelt. Die Angelegenheit wuchs sich zur „Affäre Huyn“ aus, die auch noch Jahrzehnte später die Forschung beschäftigt – und den jungen Ex-Diplomaten schlagartig bekannt machte.

Publizist und außenpolitischer Berater von Franz Josef Strauß

Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß holte Huyn umgehend als persönlichen Referenten in sein Büro und stellte ihn bei der Bonner Landesgruppe der CSU an. Strauß und Huyn – da hatten sich endlich die Richtigen gefunden. Die publizistische Tätigkeit des Grafen und dessen Kenntnisse des Sowjetsystems blieben dem Bayern nicht verborgen. Von 1971 bis 1976 war Huyn Strauß’ außenpolitischer Berater. 1976 zog Huyn erstmals als Rosenheimer Wahlkreisabgeordneter selbst in den Bundestag ein und profilierte sich als ausgewiesener Außenpolitiker.

Er reiste nach Moskau und konferierte mit Georgij Arbatow, Mitglied des ZK der KPdSU und des Obersten Sowjets sowie Chefberater Breschnews für westpolitische Fragen; gemeinsam mit Otto von Habsburg und Ostblock-Dissidenten richtete er am 20. Jahrestag des Mauerbaus einen offenen Brief an Erich Honecker, um diesen an die Verpflichtungen aus der Helsinki-Schlussakte zu erinnern.

Der rote Zar beim Statthalter: Leonid Breschnew (4.v.r.) und Erich Honecker (3.v.r.) in Ost-Berlin bei der Ehrenparade aus Anlass des 25. Jahrestags des Bestehens der „DDR“, 7. Oktober 1974

Sein publizistisches Augenmerk richtete Huyn konsequent auf Ziele und Mittel sowjetischer Außenpolitik. 1971 begann dies mit der Herausgabe eines Sammelbandes zur umstrittenen Ostpolitik des sozialliberalen Kabinetts Brandt.

In einem Artikel von 1975 wies Huyn darauf hin, dass der damalige mächtigste Mann in Moskau, Leonid Breschnew, im Herbst 1970 bereits geäußert habe, der wenige Wochen zuvor mit Bonn geschlossene deutsch-sowjetische Vertrag führe zu einer „festeren Durchsetzung der Prinzipien der friedlichen Koexistenz“.

Mit Lenin-Lektüre gegen sowjetische Begriffshülsen

Während dieser Begriff (ebenso wie „Entspannung“) bis heute einen positiven Klang hat, war Huyn klar, dass die Sowjets darunter etwas anderes verstanden als der Westen: einen Beitrag zum weltweiten Klassenkampf, und nicht etwa zu einer Versöhnung der ideologischen Gegensätze. Die Handelsbeziehungen mit dem verachteten Westen seien vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Huyn zitiert Lenin: „Die taubstummen kapitalistischen Hamsterer und ihre Regierungen werden uns Kredite eröffnen (...), und werden mit der Lieferung von Waren aller Art unsere Kriegsproduktion vergrößern und verbessern, die wir für künftige siegreiche Angriffe gegen unsere Lieferanten benötigen.“

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1984 merkte Huyn an („Sieg ohne Krieg. Moskaus Griff nach der Weltherrschaft“), dass Moskau die westliche Anti-Atom-Bewegung zur Stärkung der Abhängigkeit von Erdgaslieferungen nutze. Diesen Befund im Ohr – wie könnten einem da auch um die vierzig Jahre später nicht die Ohren klingeln: Im selben Jahr 2011, in dem Nord Stream 1 in Betrieb geht, verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel abrupt den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie bis 2022, aus Kraftwerken, die preisgünstigen, sicheren und abgasfreien Strom für eine leistungsfähige Industriegesellschaft bereitstellten. Die Vernichtung von Milliardenwerten zu Friedenszeiten. Für einen möglichen kommunistischen Hintergrund der ehemaligen „DDR“-Bürgerin hat der Journalist Hinrich Rohbohm in „Merkels Maske“ eine Fülle von Indizien zusammengetragen und eine kohärente Deutung gefunden.

„Moskaus Ziel heißt Europa“

„Sieg ohne Krieg“ unterdessen ist eine Erweiterung des 1978 erschienenen „Der Angriff. Moskaus Vorstoß zur Weltherrschaft“: Zwischenzeitlich hatten die marxistischen Sandinisten in Nicaragua, Robert Mugabe in Simbabwe und die Mullahs in Persien die Macht ergriffen. Zum fast gleichzeitig erfolgenden sowjetischen Angriff auf Afghanistan gab Huyn eine eigene Broschüre heraus, deren Titel der heutigen „Nicht-unser-Krieg“-Haltung scharf entgegensteht: „Wir alle sind Afghanistan. Moskaus Ziel heißt Europa.“ Die Bücher widmen sich ausgiebig dem, was heute „hybrider Krieg“ genannt wird.

Der „Dritte Weltkrieg“ habe bereits begonnen, nicht als Krieg mit nuklearen oder konventionellen Waffen, sondern mit Subversion, Infiltration, Sabotage und Gelegenheits-Terroranschlägen, mit Spionage und strategischer Desinformazija. Es sei ein Krieg mithilfe von Proxies und Terroristen, ein weltweiter Bürgerkrieg.

So habe das Engagement Moskaus im Mittleren Osten unter anderem den Zweck, den Westen von Energiequellen abzuschneiden, die Beteiligung im südlichen Afrika hingegen das Ziel, ihm andere wichtige Ressourcen vorzuenthalten. Die Ausbreitung in Lateinamerika diene auch dazu, die USA – Hauptgegner Moskaus nach 1945 – zur Verringerung der Truppenpräsenz durch Verlegung an die Südflanke der USA im freien Westeuropa zu verleiten.

„All dies hindert den Kreml nicht daran, immer wieder zu bekräftigen, dass er Frieden wolle. Und das zu Recht! Schon der berühmte Stratege von Clausewitz schrieb, dass der Eroberer immer den Frieden liebt und es tausendmal vorziehen würde, ohne Krieg in unser Land einzumarschieren.“ (Huyn, Vortrag Januar 1988)

An einem offenen Krieg in Europa sei Moskau so lange nicht interessiert, sofern das Ziel der Beherrschung Europas und damit der entscheidende Vorsprung vor den USA anders – eben als „Sieg ohne Krieg“ – erreichbar sei. Die Schwächung der NATO und der Rückzug der Amerikaner aus Europa sind (sowjet-)russische Langzeitziele.

Moskaus Maßnahmen: Wir sind friedlich, was seid ihr?

Jahrzehnte nach Huyns Analysen weitergedacht: Könnte sich der Kreml nützlichere Idioten wünschen als die „Antiimperialisten“ und „Frieden mit Russland“-Rufer hüben wie drüben des Atlantiks? Es war allein die glaubwürdige Abschreckung, die einen konventionellen Krieg verhinderte. Huyn ging es darum aufzuzeigen, dass dies notwendig, aber allein nicht hinreichend war.

Denn zur „friedlichen“ Einflussmehrung bediente sich Moskau verschiedener „Transmissionsriemen“, schuf Vorfeld- oder Frontorganisationen wie die „Christliche Friedenskonferenz“, der Horst Kasner, der Vater Angela Merkels, angehörte, knüpfte Kontakte zu westlichen Sozialdemokraten, zu Bürgerbewegungen vor allem im ökologischen und pazifistischen Bereich, förderte den Widerstand gegen die Wehrpflicht – der von Ost-Berlin finanzierte Kölner Pahl-Rugenstein-Verlag hat ungezählte westdeutsche Männer zur Verweigerung verführt –, nutzte die loyalen kommunistischen Kräfte, unterwanderte Hochschulen und Gewerkschaften, um Einfluss auf Stimmung und Diskurs zu bekommen, fütterte Medien mit Desinformation, den heute so genannten „Fake-News“.

Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 10. Oktober 1981: Erfolgreiche sowjetische Kampagne

Besonders erfolgreich war die „Friedens“kampagne gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa in den frühen 80er Jahren. Es zeugt von Huyns Menschenfreundlichkeit und der Abwesenheit jeglichen Zynismus, dass er den meisten Demonstranten gute Absichten unterstellte; eine Welt „ohne Waffen“ müsse Ziel sein, aber in der einseitigen Fokussierung auf westliche Abrüstung sei die Forderung „diabolisch falsch“.

Die Stalin-Note und Strauß’ Warnung

Das Rüstzeug der Täuschung hat, wie Huyn verschiedentlich darlegte, Moskau bzw. Russland lange vor Lenin bereits besessen – übernommen von den lange über die Moskowiter herrschenden Mongolen und aus Byzanz (auf dessen Nachfolge Moskau Anspruch erhob) entlehnt hätten. Im Hintergrund steht „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tsu aus dem 5. Jh. v. Chr.:

„Auch wenn du etwas durchführen kannst, tue dem Feind gegenüber, als ob du es nicht könntest; (…) bist du nahe, tue, als ob du ferne seiest; bist du ferne, tue, als ob du nahe seiest; (…) verfügt der Gegner über frische Kräfte, ermüde ihn; sind seine Kräfte einig, so zersetze sie; überfalle ihn, wenn er nicht in Bereitschaft ist; erscheine dort, wo er es nicht erwartet.“

Franz Josef Strauß, damals Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, hatte 1952 in der Bundestagsdebatte um eine von Stalin vorgeschlagene, vermeintlich „neutrale“ Wiedervereinigung Deutschlands geäußert, dass die Russen langfristig ihre Ziele verfolgten – das Ziel sei jedenfalls die Beherrschung Europas, dessen nationalistische Spaltung Moskau ausnutze, und dessen Schutz durch die USA die Sowjets zu schwächen suchten. Diesen Grundgedanken folgte Huyn, der immer wieder vor einer Entfremdung zwischen USA und dem freien Europa warnte; eine Warnung, wie sie gegenwärtig nicht aktueller sein könnte.

Gramsci und der Kampf gegen die Kirche

Den Ansatz des sardischen Kommunisten Antonio Gramsci hat Huyn in „Sieg ohne Krieg“ ausführlich behandelt. Gramsci lehnte früh den – für die Sache des Kommunismus unattraktiv wirkenden – Stalinismus ab und empfahl anstelle der bloßen Machtpolitik und der Beherrschung durch Einheitsparteien eine längerfristige Umwertung der Werte. An der Regression der einst blühenden und ganz christlich grundierten westlichen Gesellschaften lässt sich erahnen, wie erfolgreich dieser Ansatz Gramscis aus kommunistischer Sicht war: Die Zersetzung richtet sich selbstverständlich auf den „Klassenfeind“, nicht gegen das eigene Lager.

In einem Buchbeitrag von 1995 (in „Le phénix rouge“, herausgegeben von Brian Cozier) fasst Huyn diese Strategie zusammen: „Zunächst gilt es, den ideologischen Überbau der Gesellschaft zu verändern. Der Kampf muss sich insbesondere gegen die transzendentalen Werte der Kirche richten.“

Moskau sei bestrebt, führte Huyn 1988 aus, „die Weltreligionen subversiv zu unterwandern und ihre Institutionen und Persönlichkeiten zu vereinnahmen, um sie für die politischen Ziele der UdSSR zu instrumentalisieren“ (Vortrag an der Universidad de Chile, Santiago, Januar 1988). Dazu gehören Versuche, „ins Herz der katholischen Kirche im Vatikan vorzudringen“. Und so kam es auch zu dem von Huyn geschilderten Fall eines Theologieprofessors, der „1936 auf Anordnung der Italienischen Kommunistischen Partei zum Priester geweiht“ wurde und als Spion für Moskau arbeitete. Einer wurde entdeckt – laufen neun andere unter dem Radar?

Bevor nun jemand „Verschwörungstheorie!“ ruft, beachte man die Aussagen des New Yorker Ex-Kommunisten Manning Johnson 1953 vor dem Committee on Un-American Activities, einem Gremium beim Repräsentantenhaus, das kommunistische Aktivitäten untersuchte: Johnson berichtete ausführlich davon, wie die KP der USA bereits in den 1930er Jahren in die Glaubensgemeinschaften, namentlich die Priesterseminare und kirchliche Bildungseinrichtungen, kommunistische Zellen einschleuste und diese „durch den Einsatz beträchtlicher Kräfte“ infiltrierte und in Moskaus Sinne kontrollierte und umgestaltete (Perestroika heißt Umgestaltung, nicht Liberalisierung!). Der Plan, „den antikommunistischen Charakter der Kirche zu neutralisieren und auch die Geistlichen als Speerspitze für wichtige kommunistische Projekte zu nutzen“, sei nach Johnson „sogar über die Erwartungen der Kommunisten hinaus erfolgreich“ gewesen.

Die Perestroika des Leninisten Gorbatschow: eine „Peredyschka“

Teil der Subversion gegen die Kirche war die auf das katholische Lateinamerika mit seinem sozialpolitischen Zündstoff zielende „Theologie der Befreiung“, „eine marxistische Auslegung des Christentums, die Jesus Christus faktisch zu einem Propheten und Vorläufer von Marx stilisiert“. Huyn zitiert mit Leonardo Boff einen Hauptvertreter dieser Richtung: „Was wir vorschlagen, ist nicht Theologie innerhalb des Marxismus, sondern Marxismus innerhalb der Theologie.“

KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow, 1986

Für all dies verantwortlich war der langjährige KGB-Chef (1967-1982) Jurij Andropow, den Huyn 1989 in „Die Doppelfalle“, einer ausführlichen Untersuchung von „Perestroika“ und „Glasnost“, als eigentlichen Ziehvater des neuen starken Mannes in Moskau, Michail Gorbatschow vorstellte. In Gorbatschows „Reformen“ sah er das Bemühen um eine Anpassung der sowjetischen Mechanismen angesichts der Unmöglichkeit, mit dem wirtschaftlich stärkeren und wehrwilligen Westen der 1980er Jahre Schritt zu halten.

Huyn deutete die „Perestroika“ als Anlehnung an Lenins „Neue Ökonomische Politik“ (NEP), die ebenfalls eine vermeintliche Abkehr vom Sozialismus impliziert hatte. Wie diese diene auch die Perestroika der „Peredyschka“, einer Atempause. Der Klassenkampf werde zurückgestellt beziehungsweise hinter „gemeinsamen Menschheitsinteressen“ verborgen – wie etwa der Abrüstung, der Entwicklungszusammenarbeit, dem globalen Umweltschutz (Rio-Prozess).

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In dieselbe Zeit fällt das Erstarken großrussisch-nationalistischer und eurasischer Strömungen – offensichtlich mit Duldung durch die Mächtigen. Der angebliche russische „Rechtsradikale“ Alexander Dugin als ein Exponent dieser Strömungen ist Sohn eines GRU-Generals, entstammt also der sowjetischen Geheimdienst-Nomenklatura.

Das „gemeinsame Haus Europa“: Kontinuität von Gorbatschow bis Putin

In seinem letzten größeren Schriftwerk, „Die deutsche Karte. Moskaus neue Strategie“ (1991) beleuchtete Huyn die Rolle Moskaus bei den Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa und der deutschen Wiedervereinigung; in alledem erblickte er weniger einen Sieg des Westens als den erfolgreichen Versuch Moskaus, sich diesem als Partner darzubieten, um ihn letztlich – man denke wieder an Lenins Worte über die „kapitalistischen Hamsterer“ – für sich zu nutzen und dem „gemeinsamen europäischen Haus“, von dem Gorbatschow so oft sprach, unter eigener Führung näherzukommen – dem, was heute als „Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok“ bekannt ist, aber dasselbe meint.

Michail Gorbatschow mit Wladimir Putin in Moskau, September 2000: „Moskau hatte die entscheidende Phase seiner Langzeitstrategie erfolgreich durchgeführt“

Wenn der gelernte KGBler Wladimir Putin, für diesmal im Gewand des russischen Ministerpräsidenten, in einer deutschen Tageszeitung einen Gastbeitrag platziert, in der er einer „Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok“ das Wort redet, eine gemeinsame Industriepolitik der EU und Russland und „eventuell auch eine Freihandelszone“ mit „Gas-Pipelines durch die Ostsee“ ins Spiel bringt, dann handelt es sich um bewusst gesetzte Köder. „Neue Rechte“, die in ihrer Naivität leicht auf jedermann hereinfallen, sobald der nur konservative Geräusche von sich gibt, zeigen sich daher bald, der Gang vieler AfD-Politiker belegt es, als Moskaus „nützliche Idioten“, gar als „Russenstusser“; einen derben Begriff wie diesen hätte Graf Huyn indessen nie gebraucht, dazu war er ein viel zu feiner Mann und außerdem Diplomat.

„Moskau hatte die entscheidende Phase seiner Langzeitstrategie erfolgreich durchgeführt. Durch den scheinbaren Wegfall des politischen Pols Moskau („Es gibt nur noch eine Weltmacht!“) ist zugleich ein entscheidender Föderator für den westlichen Zusammenhalt weggefallen“, schrieb Huyn in einem Artikel 1996. Dabei schloss sich Huyn an Jean-François Deniau an, der 1990 die Absichten Moskaus in Ostmitteleuropa mit „Partir pour rester“ umschrieben hatte: Die Sowjets haben die militärisch besetzten Gebiete nie verlassen, sondern nach dem offiziellen Abzug ihrer Truppen genügend Agenten und Kollaborateure zurückgelassen, um ihre Präsenz zu verbergen, so dass sie in Wirklichkeit „gehen, um zu bleiben“.

Hans Graf Huyn als Vorsitzender von Kirche in Not/Ostpriesterhilfe Deutschland e. V.

Zwischen 1988 und 2005 war Huyn Vorsitzender des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe Deutschland“, für das der bekennende Katholik sich langjährig und ausdauernd engagierte. Das scheint folgerichtig, kümmerte sich das Hilfswerk seit jeher um die verfolgte Kirche hinter dem Eisernen Vorhang. Jetzt galt es, unter günstigeren Voraussetzungen wieder aufzubauen.

Huyns Schriften spannend und faszinierend wie vor 40 Jahren

Huyn musste 1990 aus dem Bundestag ausscheiden. Wegen des Umbruchs im Ostblock, der deutschen Wiedervereinigung und dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges schienen Huyns Deutungen und Warnungen obsolet: Nach und nach sonderten öffentliche Leihbüchereien, Bildungsstätten und Bundeswehr-Bibliotheken seine Bücher aus. Der Westen verlor seine Wachsamkeit und genoss die Friedensdividende. Huyn publizierte weiter, unter anderem in Criticón.

Umstände und konkrete Vorkommnisse sind selbstverständlich andere als vor dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren – doch Huyns Bücher lesen sich heute, vor dem Hintergrund des russischen Wütens in der Ukraine und der sich intensivierenden hybriden Kriegsführung gegen den Westen, so aktuell und spannend, als hätten sie heute dessen Schreibtisch verlassen.

Nach dem Tod seiner Frau 2004 hatte der Weinkenner die letzten Jahre zurückgezogen in seiner Südtiroler Wahlheimat gelebt. Vor 15 Jahren, am 22. Januar 2011, starb er nach schwerer Krankheit, die er ausweislich seiner Todesanzeige mit großer Geduld ertrug, auf dem Ritten oberhalb von Bozen.

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