Wo wir zu Hause sind
Ich habe meiner Frau Judith immer erklärt, dass ich in einem Haus leben möchte, in dem die Dielen knarren. Wo es einen Fleck an der Wand gibt und auch einen Riss. Risse sind wie Narben des Lebens. Du kannst sie zuschmieren. Du kannst sie kitten. Du kannst sie verschwinden lassen, aber die Erfahrung ihres Ursprungs kannst du nicht ungeschehen machen.
Ich wollte immer in einem Haus leben, sage ich zu ihr, in dem schon Generationen vor mir gelebt haben, und wo ich nur einer bin, der weitergibt. Eines, in dem gezeugt und gestorben wurde. Eines für Hochzeiten und Todesfälle. Ich glaube, Geschichte gibt Geborgenheit, weil sie die Gewissheit in sich trägt, dass es Morgen weitergeht.
16 Fenster nach vorne, Geschichte im Tresor
In genauso ein Haus sind wir eingezogen. Ein riesiger, rechteckiger Kasten mit blassgelber Fassade. Von den Außenwänden blättert der Putz, die grünen Fensterläden hängen schief in den Angeln. 16 Fenster hat es allein nach vorne raus, von jedem lässt sich, wenn gegen fünf Uhr im Sommer der Morgen graut, der verzweigte See tief unten betrachten, der sich wie ein Ypsilon in die Lombardei hineingegraben hat.
Als wir es das erste Mal gründlich durchstöberten, haben wir einen als Ofenklappe getarnten Tresor und sogar den passenden Schlüssel entdeckt, der an einem rostigen Ring neben anderen hing. In dem Metallkästchen lagen eine handschriftliche Stromrechnung aus dem Jahr 1915, einige Aktien einer verschwundenen Maschinenfirma und der Ausweis der Mussolini-Faschisten. Wir fanden ein Kriegstagebuch aus dem ersten Weltkrieg und ein Offizierspatent.
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Im linken Teil des alten Hauses lebte damals ein hochbetagtes Paar, Enrica und Sandro hießen sie. Sandro war ein Pianospieler aus Venedig. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch heute die Klänge seines Klaviers durch die alten Mauern ziehen. Seine kleine zierliche Frau ist nach ihm im gleichen Jahr gestorben. Sie liegen auf dem Friedhof vor der Kirche, die ich von der Terrasse aus sehe.
Wir lassen die Dielen knarren bis fünf Uhr am Morgen
Judith und ich haben die Terrasse vor der Küche zu unserer Hochzeit errichten lassen, damit die Gäste alle einen Stehplatz finden und der Kinderwagen vom Töchterchen auf einem waagerechten Fleckchen unter der Sonne parken kann. Tage, bevor wir das Haus kauften, hatte mir Judith gesagt, dass sie schwanger sei und ich hatte geantwortet, es sei ein bisschen besser, wir unterschrieben jetzt erst den Kaufvertrag, bevor wir uns mit dem anderen Thema beschäftigen.
Das Töchterchen haben wir dann in der Kirche neben dem Friedhof getauft und ihr einen Namen gegeben, der fast so klingt, wie das Dorf, in dem die Kirche und unser Haus stehen.
Wenn sie 20 Jahre alt ist, wird sie vielleicht ein Fest auf der Terrasse feiern. Wenn sie dann die Dielen knarren hört, werden das Judith und ich sein, die vor ihr ins Bett gehen wollen. Wir haben ihr allerdings versprochen, dass das nicht vor fünf Uhr am Morgen sein wird.
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