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Interview mit Hans-Thomas Tillschneider

„Wir sind mit Abstand die christlichste Partei“

Seitdem sich die AfD etabliert hat, beschäftigt eine Frage intensiv sowohl AfD- wie christliche Funktionäre: Ist die AfD eine christliche Partei? Je nachdem, wen man fragt, erhält man höchst unterschiedliche Antworten. Die katholische wie die evangelische Amtskirche in Deutschland warnen größtenteils vor der Partei. Manche Geistliche sehen dies hingegen differenzierter, teils auch nur hinter vorgehaltener Hand. In der AfD wiederum gibt es in jedem Landesverband gläubige Christen, die sich parteipolitisch engagieren. Andere wiederum sagen, die AfD sei keine christliche Partei. Bekannt ist der entsprechende Ausspruch des ehemaligen Parteichefs Alexander Gauland.

Der Kampf um christliche Wähler einerseits und die Frage nach einer wählbaren Partei für Christen andererseits sind jedenfalls virulenter denn je. Da sorgte ein Antrag zum Landesparteitag der AfD in Sachsen-Anhalt im April für entsprechend Aufregerstoff, der bis heute für Debatten sorgt. Michael Kremer, ein Mitglied im Kreisverband Magdeburg, stellte die Forderung auf, christliche Feiertage durch heidnische zu ersetzen. Ferner stünden viele christliche Werte denen der AfD entgegen. Obwohl der Antrag abgelehnt wurde, sorgt er bis heute für Aufregung. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Superillu behauptet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos), die AfD sei sich „auch nicht zu schade, Versatzstücke des germanischen und völkischen Denkens zu aktivieren. Sie hatten auf dem letzten Parteitag der AfD diesen Antrag vom AfD-Kreisverband Magdeburg, also aus der Landeshauptstadt, dass man christliche Feiertage abschafft und dafür germanische Feiertage einführt. Sie schlagen ernsthaft vor, stattdessen das Julfest und die Wintersonnenwende zu feiern“. Einige Wochen zuvor sagte er dem Spiegel über den abgelehnten AfD-Antrag:

„Wenn die in Sachsen-Anhalt jetzt ernsthaft germanische Feiertage wie das Julfest einführen und dafür christliche Feiertage abschaffen will, fahre ich da hin und werde Weihnachten verteidigen. Die führen einen Kulturkampf gegen die zentralen Werte dieser Republik, und da darf man sich nicht wegducken, sondern muss diesen Kulturkampf annehmen. Und ihn führen.“

Nicht nur den Staatsminister, auch einfache Wähler vor allem von AfD und CDU beschäftigt der entsprechende Antrag in sozialen Medien immer wieder. Der Zeitpunkt ist pikant, denn am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt, und die AfD schickt sich nicht nur an, stärkste Partei zu werden, sondern die absolute Mehrheit der Sitze zu erringen.

Wir haben deshalb zu dem Antrag und seinen Folgen recherchiert und dabei auch den kulturpolitischen Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt angefragt. Hans-Thomas Tillschneider ist auch stellvertretender Landesvorsitzender der Partei. Seine Antworten haben wir um weitere Nachfragen ergänzt und zu einem Interview ausgebaut.

Ausschnitt aus Antrag für AfD-Parteitag für heidnische Feiertage

„Das Christentum steht uns historisch näher als das längst vergangene Heidentum“

Herr Tillschneider, auf dem Landesparteitag der AfD in Sachsen-Anhalt im April hat ein Antrag gefordert, christliche Feiertage zugunsten heidnischer abzuschaffen. Wie stehen Sie dazu? Hatten Sie den Antrag befürwortet?

Der Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit nahezu einstimmig zurückgewiesen. Es gab nur ganz vereinzelte Enthaltungen und Dafür-Stimmen. Ich glaube, es war sogar nur eine Stimme dafür. Ich selbst habe mich dagegen ausgesprochen, weil ich es für falsch halte, die heidnische Tradition gegen das Christentum in Stellung zu bringen. Beides hat uns geprägt, wobei uns das Christentum historisch nähersteht als das längst vergangene Heidentum. Über das Verhältnis von Heidentum und Christentum ist deshalb versöhnlich zu sprechen. Das Christentum selbst hat von der Benennung des Osterfestes über den Weihnachtsbaum bis hin zur Terminierung der großen Feste viel heidnisches Erbe in sich aufgenommen. So ist ein deutsches Christentum entstanden, das die Gestalt unseres Weges zu Gott bildet. Und nein, wenn ich von deutschem Christentum spreche, meine ich nicht die „deutschen Christen“ der NS-Zeit und spiele auch nicht darauf an. Das sei nur prophylaktisch gesagt.

Warum wollen Teile Ihres Landesverbandes das Christentum zurückdrängen?

Es ist kein Teil, sondern eine ganz isolierte, völlig irrelevante Einzelmeinung ohne Unterstützung im Landesverband.

Der Delegiertenantrag sah unter anderem vor, „Kultur und Brauchtum“ zu fördern. Gehören in Sachsen-Anhalt, einem Kernland der christlichen Reformation, Sommersonnen- und Wintersonnenwende zum Brauchtum?

Im Sinne einer neopaganen Naturreligiosität können Sommer- und Wintersonnenwenden durchaus als Teil des Brauchtums betrachtet werden.

Können Sie nachvollziehen, dass viele Bürger bei Festen wie „Sonnenwend-/Mittsommerfest“, der „Tag- und Nachtgleiche“ oder dem „Julfest inklusive der Wintersonnenwende“ ein Déjà-vu aus der Hitlerzeit haben?

Wenn man sich ständig mit der Hitlerzeit beschäftigt, als wäre sie nicht vergangen, sieht man natürlich überall Nazis und NS-Bezüge. Diese Feste wurden lange vor den Nationalsozialisten gefeiert und sind durch den Missbrauch in der NS-Ideologie keinesfalls für alle Zukunft umgeprägt und diskreditiert. Es gibt zahlreiche Vereinigungen für neugermanisches Heidentum, die mit dem NS nichts zu tun haben. Es wäre eine Aufgabe der Medien, im Sinne sachlicher Information ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass jemand, der solche Feste feiert, deshalb kein Nationalsozialist sein muss.

„Es gibt keinen inhaltlichen Gegensatz zwischen Christentum und AfD, im Gegenteil“

Der Antrag aus dem Kreisverband Magdeburg behauptet: „Jeder AfD-Vertreter würde sich schwertun, eine Unterstützung des Christentums trotz des inhaltlichen Gegensatzes zwischen Christentum und AfD zu erklären.“ Tut sich jeder AfDler in Ihrem Landesverband damit schwer?

Nein. Ich kenne niemanden, der sich damit schwertut. Es gibt keinen inhaltlichen Gegensatz zwischen Christentum und AfD, im Gegenteil. Die AfD ist die christlichste Partei, die wir haben.

Auch nicht in der Migrations- und Flüchtlingspolitik?

Das christliche Gebot der Nächstenliebe verpflichtet uns nicht, Einwanderer aus aller Herren Länder aufzunehmen, die nur zu uns kommen, um unser Sozialsystem auszunutzen. Wer die Nächstenliebe heranzieht, um diese selbstzerstörerische Politik zu rechtfertigen und als christlich geboten auszugeben, betreibt Schindluder mit dem Christentum. Das ist keine Nächstenliebe, die Selbstliebe voraussetzt, sondern eine eigentümliche Mischung aus Selbsthass und Fernstenliebe.

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Was bedeutet dann Nächstenliebe?

Die Nächstenliebe ist konkret und authentisch. Sie bezieht sich auf Menschen, die mir begegnen, wobei sie gebietet, die Perspektive des anderen einzunehmen und nicht rücksichtslos die eigenen Interessen durchzusetzen. Die Fernstenliebe ist abstrakt und manipulativ. Sie beruht darauf, dass wir uns ein schlechtes Gewissen angesichts des fernsten Leides einreden lassen, und bietet uns sogleich Entlastung an, indem sie uns nahelegt, beispielsweise Grüne zu wählen, gegen Abschiebungen zu demonstrieren oder für Flüchtlingsrettung im Mittelmeer zu spenden. Das ist eine Art moderner Ablasshandel. Die gleiche Struktur liegt übrigens auch der Klimapolitik zugrunde. Kirchen, die den Glauben nutzen, um die Bürger auf solche Weise im Sinne einer politischen Agenda zu manipulieren, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, vom Christentum abgekommen zu sein.

Der Kreisverband Magdeburg ist der größte in Sachsen-Anhalt. Welches Gewicht messen Sie dem Geist hinter dem Antrag bei?

Gar kein Gewicht. Wie bereits gesagt: Es ist eine isolierte Einzelmeinung, auch im KV Magdeburg selbst.

Der Antrag rühmt, dass sich die „klügsten Geistesgrößen unseres Volkes (…) gegen das Christentum gestellt“ hätten. In einer Reihe mit Namen wie Goethe, Schiller, Mozart und Kant findet sich auch der NS-Schriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer. Wie beurteilen Sie als kulturpolitischer Sprecher Ihrer Fraktion die Würdigung dieses Namens?

Der Name Erwin Guido Kolbenheyer sagt mir nichts. Es kann also kein besonders bedeutender Autor gewesen sein. Mir ist meine Zeit zu schade, jetzt zu recherchieren, wer das war. Dieser Antrag ist – ich sage es zum dritten Mal – eine isolierte und meiner Einschätzung nach auch etwas abstruse Einzelmeinung.

„Wir wollen eine Renaissance des Christentums“

Justus Geilhufe, evangelischer Pfarrer im mittelsächsischen Großschirma, sagte vor kurzem in der Tagespost, das Landeswahlprogramm in Sachsen-Anhalt sei für ihn „ein großes Geschenk: Die Maske ist gefallen. Die Erzählung, die AfD sei der eigentliche Hort des Christentums und die Kirche nur eine rot-grüne Vorfeldorganisation, trägt nicht mehr.“ Er fühle sich an die DDR der fünfziger Jahre erinnert, als eine Partei nach der absoluten Hegemonie unter Verdrängung der Kirchen strebte. Will die AfD Sachsen-Anhalt ein atheistisches Land?

Nein. Wir wollen eine Renaissance des Christentums. Wir sind nicht kirchenkritisch, weil wir vom Christentum abgefallen wären, im Gegenteil. Wir kritisieren die Regenbogenkirchen, weil wir Christen sind und bleiben wollen. Gelobt sei Jesus Christus!

Es gibt in der AfD einige prominente Politiker, die das Christentum betonen und die AfD als einzig wählbare Partei für Christen loben. Ist die AfD eine christliche Partei?

Ja. Und mehr noch. Wir sind mit Abstand die christlichste Partei.

Zur Person Hans-Thomas Tillschneider

Dr. Hans-Thomas Tillschneider (1978 in Timișoara/Temeschburg, Rumänien geboren) ist stellvertretender Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt und im dortigen Landtag Vize-Fraktionschef sowie kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. Als Angehöriger der Banater Schwaben kam er als Kleinkind nach Deutschland und wuchs im württembergischen Freudenstadt auf. Nach dem Abitur 1997 studierte er Islamwissenschaft, Arabistik, Philosophie und Germanistik in Freiburg, Leipzig und Damaskus. 2004 beendete er sein Studium als Magister Artium. 2009 promovierte er an der Universität Freiburg, bis 2016 lehrte er als Akademischer Rat an der Universität Bayreuth, 2018 habilitierte er sich dort. 1996 war er kurzzeitig FDP-Mitglied. 2013 trat er der AfD bei. 2015 zog er nach Sachsen-Anhalt. Seit März 2016 ist er Landtagsabgeordneter. Der Verfassungsschutz beobachtet ihn seit 2020 auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Er ist konfessionslos, ledig, hat ein Kind und lebt in Querfurt.

In Ihrem Regierungsprogramm finden sich die Themen Familie und Kinder an erster Stelle. „Wir werden die Familie, bestehend aus Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern, wieder in den Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns stellen“, heißt es dort. Liegt der Kindermangel wirklich an der aktuellen Politik oder haben die Menschen, auch in Sachsen-Anhalt, dem nach Durchschnittsalter ältesten Bundesland, heute schlicht andere Werte und Lebensziele, wo Kinder weniger oder keinen Platz haben?

Die Ursachen sind komplex und wenig erforscht, weshalb wir planen, einen Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft einzurichten, der insbesondere die Ursachen des Bevölkerungsrückgangs näher beleuchten soll. Im Regierungsprogramm sehen wir eine finanzielle Entlastung von Familien vor, weil das etwas ist, was in der Macht der Politik steht. Außerdem werden wir dafür sorgen, dass Kindern in der Schule die normale Familie aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen, wieder als Ideal der Lebensgestaltung präsentiert wird. Etwas, was wir noch nicht angesprochen haben, was aber mit Sicherheit zu den Ursachen des Geburtenrückgangs gehört, ist die abnehmende Bindungsfähigkeit der Menschen und die strukturelle Benachteiligung von Männern im Unterhaltsrecht und Sorgerecht. Wie schaffen wir es, dass die Trennungsrate zurückgeht? Eine christliche Religiosität kann hierbei helfen und sollte deshalb staatlicherseits gefördert werden.

Die AfD stand bislang nicht in Regierungsverantwortung. Ihr aktueller Umfragerekord in vielen Bundesländern und im Bund hängt auch damit zusammen, dass sie die Unzufriedenen des Landes hinter sich versammeln kann. Haben Sie auch ein Stück weit Angst zu regieren, weil man nicht alle Wahlkampfversprechen wird einlösen können?

Nein. Wir sehen dieser Aufgabe mit Respekt und dem gebotenen Ernst entgegen, haben aber keine Angst. Angst haben wir davor, dass die Altparteien wieder fünf Jahre lang ihre schlechte Politik verfolgen können. Unsere Wahlversprechen sind nicht so utopisch, dass sie nicht durchsetzbar wären. Sehr viel ist bei der richtigen Prioritätensetzung möglich. Die Altparteien marschieren Richtung Untergang. Das Entscheidende ist, dass eine Kraft regiert, die in die andere Richtung geht. Keiner weiß, wie weit wir damit kommen, aber sicher ist, dass wir die Richtung wechseln werden.

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