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G8-Polizeigroßeinsatz in Heiligendamm

Ein Engel geboren, ein Kollege gestorben

Der Großeinsatz G8-Gipfel Heiligendamm ist in vollem Gange. Jeden Morgen mit der Gruppe das gleiche Ritual, fast zwei Wochen schon: Um vier Uhr aufstehen, dann die circa einstündige Fahrt von unserer Unterkunft, dem Ferienpark, in den „Einsatzraum“, wie es polizeisprachlich heißt, hin zu unserer „Stammbäckerei“, die um Punkt sechs Uhr aufmacht, und endlich – Kaffee holen! Heißer, fein duftender Bohnenkaffee ist eines der wichtigsten Genussmittel in solchen Einsätzen und nicht zu verachten.

Unser Bäcker liegt am Hafen des kleinen Örtchens, welches nun für drei Tage die Blicke der Welt auf sich zieht. Dann bestreifen wir kontinuierlich „unseren“ Strandabschnitt, den wir aufmerksam bewachen. Mal wieder ein toller Morgen mit dem Postkarten-Motiv des weißen Sandstrandes der Ostsee und etwas unpassend: wir in unseren Uniformen. Mehrere hundert Meter kein Mensch außer uns. Diese malerische Urlaubskulisse genießen wir nun schon zwölf Tage jeden Morgen.

Zehntausend Demonstranten stürmen auf uns zu

Nun ist der Hauptgipfeltag gekommen. Die Medien berichten ausgiebig, und auch die „Gipfelgegner“ sind bestens vorbereitet. Wir schreiben den 7. Juni 2007. Zusätzlich zu der angespannten Lage verspürt der ein oder andere Kollege auch langsam erste Heimwehgefühle. Der Fokus liegt aber trotzdem gänzlich in der Lagebewältigung dieses besonderen Großeinsatzes. Eine weitere Besonderheit trifft meinen Lieblingskollegen zusätzlich sehr schwer: seine hochschwangere Frau erwartet zu Hause das erste Kind, und die Entbindung ist für den August ausgerechnet.

Der Vormittag heute ist anders als die anderen zwölf davor. Man spürt: Es liegt etwas in der Luft. Schnell wird klar, dass dies kein ruhiger Tag für uns werden wird. In einem Wald nahe der Sicherheitszone für die Gipfelteilnehmer werden Personen gesichtet. Diese sind vermutlich dem linken Spektrum zuzuordnen und somit wohl nicht darauf bedacht, uns den Arbeitstag angenehm zu gestalten oder gar mit uns zu picknicken.

Wasserwerfer der Polizei gehen in Heiligendamm gegen G8-Gegendemonstranten vor, 7. Juni 2007: Angriffe abgewehrt und standgehalten
Wasserwerfer der Polizei gehen in Heiligendamm gegen G8-Gegendemonstranten vor, 7. Juni 2007: Angriffe abgewehrt und standgehalten

Wenige Augenblicke später sehen wir uns etwa 10.000 Personen gegenüber, die uns überlaufen und in die Sicherheitszone rennen wollen. Im Nu wird die Lage heiß und dramatisch. Mit vereinten Kräften bis zum Abend hin und auch mittels Unterstützung mehrerer Wasserwerfer gelingt es uns, die Angriffe abzuwehren und standzuhalten.

Ein Mann von Wasserwerfer schwer verletzt

Niemals vergessen werde ich, wie während dieser massiven Angriffe plötzlich einer der Angreifer vor mir stand und sein Augapfel aus der Augenhöhle hing. Später stellte sich heraus, dass dieser vom Wasserwerfer getroffen wurde und es so zu der geschilderten Verletzung kam. Da ich während dieser Wahrnehmung, ebenso wie meine weiteren Kameraden, weiterhin und kontinuierlich den feindlichen Angriffen der zahlreichen Störer ausgesetzt war, konnte ich dem verletzten Mann nicht so helfen, wie ich es mir gewünscht hätte. Es gelang mir allerdings, ihn mit einem Rettungshelfer der Polizei „zu verheiraten“, so dass ihm schnellstmöglich angemessen Erste Hilfe gewährt werden konnte und ich wieder ganz für meinen taktischen Auftrag da war.

Ein Blick auf die Uhr: Es ist circa 20 Uhr. Mein Lieblingskollege und ich greifen endlich zu unseren Mobiltelefonen und rufen mal schnell zu Hause an, damit dort alle Bescheid wissen, dass es uns gut geht. Mein Kollege allerdings erreicht seine schwangere Frau nicht. Nach mehrfachen Versuchen ist es nun schon halb neun, und uns überkommt ein ungutes Gefühl. Er erreicht dann doch seine Mutter, und diese sagt, dass sein Vater und seine Schwiegermutter schon unterwegs seien, um nachzuschauen.

Gegen Einsatzende ein nachdenklicher Moment allein: Der Kollege erreicht seine schwangere Frau nicht. Nach mehrfachen Versuchen ist es nun schon halb neun, uns überkommt ein ungutes Gefühl
Gegen Einsatzende ein nachdenklicher Moment allein: Der Kollege erreicht seine schwangere Frau nicht. Nach mehrfachen Versuchen ist es nun schon halb neun, uns überkommt ein ungutes Gefühl

Mein Kollege wird immer unruhiger. Auf der Fahrt in die Unterkunft dann die große Überraschung. Die Mutter meines Kollegen sagt durchs Telefon: „Wir haben sie gefunden.“ Seine Frau hat bewusstlos im Bad gelegen und ist jetzt auf dem Weg ins Klinikum. Die Worte gehen mir durch meinen Körper. Wir überlegen Sekunden, was nun zu tun sei. Wir erreichen unser Ferienhaus, und nach kurzer Zeit ein erneuter Anruf der Mutter. Notoperation, Kind wird geholt, zehn Wochen zu früh, es besteht für beide Lebensgefahr – eine Schwangerschaftsvergiftung. Das darf doch nicht wahr sein!

Stockdunkle Nacht, und nur ein paar Tropfen Benzin im Tank

Wir rufen unseren Vorgesetzten an, teilen ihm die Lage mit und brauchen ein Fahrzeug, damit mein Kollege sofort nach Hause fahren kann. Er organisiert daraufhin eins und teilt uns mit, dass der Lieblingskollege aus Fürsorgegründen erst morgen nach dem Frühstück fahren darf; die Ruhezeit war arg zu kurz, und er soll besser ausgeschlafen auf die Rückreise gehen. Doch schnell noch gemeinsam an das besagte Fahrzeug, um den Tankzustand und andere für Kraftfahrer wichtige Parameter aufzuklären. Motor gestartet – aber die Tanknadel regt sich nicht.

Zwischen Warten auf den nächsten Anruf und der Sorge, morgen nicht schnell genug wegzukommen, entschließen wir uns noch jetzt, eine Tankstelle aufzusuchen. Unser Vorgesetzter ist mit dem einzigen Navigationsgerät weit und breit bewaffnet, setzt sich auf die Hinterbank und begleitet uns im Schlafanzug!

Die Fahrt führt über eine Landstraße durch Wälder, keinerlei Straßenbeleuchtung. Es ist dunkel und der Tank fast leer
Die Fahrt führt über eine Landstraße durch Wälder, keinerlei Straßenbeleuchtung. Es ist dunkel und der Tank fast leer

Die Fahrt geht los. Ziel Tankstelle vielleicht 30 Kilometer entfernt. Wir hoffen, dass noch genug Benzin im Tank beziehungsweise in den Schläuchen ist, um dort überhaupt anzukommen. Mittlerweile geht der Uhrzeiger auf knapp halb elf, und die Fahrt führt über eine Landstraße durch Wälder, keinerlei Straßenbeleuchtung. Es ist dunkel. Die Sorge, dass das Benzin nicht ausreicht und wir mitten in diesem finsteren Wald stehenbleiben, steigt kontinuierlich, und die Wahrscheinlichkeit wird auch immer größer. Die Menschen in der Umgebung, das hat der Tag gezeigt, sind uns nicht wirklich gut gesonnen.

Vater geworden! Jetzt erst mal tanken!

Plötzlich klingelt das Telefon meines Kollegen. „Beide leben! Herzlichen Glückwunsch, du bist Vater!“ Ich konnte jedes Wort mithören und mitfühlen. Es ist ein Mädchen. Uns schießen die Tränen in die Augen. Ich drücke die Bremse durch, so fest es geht, mit quietschenden Reifen halten wir in dieser dunklen Gegend im Nordosten der Republik an. Wir steigen alle drei aus. Fallen uns in die Arme, Tränen fließen, tief durchatmen, Freude kommt auf! Gott sei Dank!

Jetzt noch das Spritproblem bewältigen. Die Tankstelle ist in Sicht, allerdings verfügen wir nicht über die richtige Tankkarte für diese Tankstelle. Das viel größere Problem nun war, dass niemand von uns daran gedacht hatte, seine Geldbörse einzustecken …

Nachts eine einsame Tankstelle im Nirgendwo: Sekunden vor Toresschluss fahren wir an die Zapfsäule – Punktlandung, puh, Glück gehabt!
Nachts eine einsame Tankstelle im Nirgendwo: Sekunden vor Toresschluss fahren wir an die Zapfsäule – Punktlandung, puh, Glück gehabt!

Der Tankwart gibt uns eine Adresse zur passenden Tankstelle für unsere Tankkarte. Ob wir dafür noch ausreichend Sprit im Tank haben? Mittlerweile ist es 22:53 Uhr, und die andere Tankstelle schließt in sieben Minuten. Noch zwölf Kilometer sind zu überwinden, und die Tanknadel kann nicht tiefer sinken.

Ankunft Tankstelle um 22:59 Uhr, man lässt uns noch tanken. Punktlandung, puh, Glück gehabt! Von den 60 Litern, die in diesen Tank passen, füllen wir exakt 59,98 Liter Benzin hinein.

Zurück in der Unterkunft, hat sich unsere Aktion teilweise herumgesprochen, und wir sitzen mit zehn Personen im Wohnzimmer unseres Ferienhauses und stoßen auf die Geburt der Tochter meines Kollegen angemessen an.

Und dann noch der tragische Tod eines jungen Kollegen

An Schlaf ist für meinen Kollegen allerdings nicht wirklich zu denken, aber gegen drei Uhr morgens gehen wir für eineinhalb Stunden ins Bett. Um fünf machen wir uns auf den Weg in den großen Frühstücksraum, der mit circa zweitausend Kameraden besetzt ist. Als wir die Türschwelle zum Frühstücksraum überschreiten, stehen alle Kollegen auf und applaudieren. Gänsehaut!

Als habe dieser Einsatz und die Erlebnisse nicht bereits heftigste Geschehnisse und Schicksale zu verantworten, hören wir während des Frühstücks am Folgetag auch noch von einem maximal tragischen, tödlichen Unfall eines Kameraden (27 Jahre alt). Dieser sei nach Einsatzende aus dem etwa 20 Stundenkilometer schnellen Polizeiauto, ohne sich halten zu können, gefallen und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt geschlagen, ohne abgestützt zu sein. Die genauen Hintergründe dieses tragischen Unfalls haben sich leider nie aufklären lassen. Unfassbar!

Innerhalb von 24 Stunden wird ein Engel geboren und ein Kollege verunglückt tödlich …

 

P.S.: Das Frühchen von damals hat sich prächtig entwickelt. Die heute 16-Jährige ist eine sehr fleißige und belesene Schülerin, besucht das Gymnasium und freut sich, bald endlich den Führerschein machen zu können. Später möchte sie gerne Ärztin werden. Die Ehe der Eltern hat aber leider keinen Bestand mehr.

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Kommentar
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Veritas
Vor 6 Monate 2 Wochen

Was! Für! Ein! Text! Mir kommen fast die Tränen – als Mann.

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Minu Nikpay
Vor 6 Monate 2 Wochen

Danke für diesen ausführlich und sehr einfühlsam beschriebenen Bericht. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Gott beschütze Euch alle, gut, dass es Euch gibt♥️🙏🏼♥️

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Werner S
Vor 6 Monate 2 Wochen

Mehr als 😥😥👍🥲🥲🥲🥲🥲👏 braucht es nicht.

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Manu
Vor 6 Monate 2 Wochen

Mal ein Blick hinter die Kulissen. Vielen Dank dafür. Nicht alles ist Gold, was glänzt. Der Polizeiberuf mag toll sein, hat aber auch, wie man sieht, seine Schattenseiten. Sehr einfühlsam geschrieben. Ich wünsche es keinem, beruflich so weit weg von Zuhause zu sein, wenn ein solches Unglück passiert. Gott sei Dank ist es gut gegangen.
Das mit dem jungen Kollegen ist furchtbar. So jung sollte kein Mensch sterben.

3
In Dubio
Vor 6 Monate 2 Wochen

Das geht unter die Haut.

4
Jörg Schulte
Vor 6 Monate 2 Wochen

Ein sehr packender und guter Bericht über die harte Arbeit der Einsatzkräfte bei Einsätzen unter Ausnahmezuständen! Leider wird auch immer wieder über die massive linke Gewalt u. Strafbereitschaft viel zu wenig berichtet bzw. diese entsprechend verfolgt!!!

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Axel W
Vor 6 Monate 2 Wochen

Geht einem sehr nahe.
Gut auch, dass solche Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

4
Karin Wahn-Schneider
Vor 6 Monate 2 Wochen

(… ich sagte es Dir an anderer Stelle); .. am 07.07.2007 war ich in Heiligendamm, habe Deinen jetzigen so tollen Bericht! (mit viel, viel mehr Aggressionen/Ohnmacht gegen den Pöbel dort) mitbekommen, gelähmt von dem, was ich dort mitbekam. Ich bin froh, Deine - interne! - Sichtweise hier zu lesen! (Ich empfand es damals als noch viel schrecklicher, da unverständlich.)

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Julia Wloka
Vor 6 Monate 2 Wochen

Oh man ….. ich erinnere mich 😣♥️

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Minu Nikpay
Vor 6 Monate 2 Wochen

Danke für diesen ausführlich und sehr einfühlsam beschriebenen Bericht. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Gott beschütze Euch alle, gut, dass es Euch gibt♥️🙏🏼♥️

6
Veritas
Vor 6 Monate 2 Wochen

Was! Für! Ein! Text! Mir kommen fast die Tränen – als Mann.

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Dieter Kopf
Vor 6 Monate 2 Wochen

Bin dankbar, dass es solche Personen gibt