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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Queer bis zum Beweis des Gegenteils

Die Definition hat Unterhaltungswert und lautet so: „Du bist so lange queer, bis du dich als straight outest.“ Vereinfacht und vor allem in deutscher Sprache: Wir müssen bei jedem Gegenüber davon ausgehen, dass es homosexuell, bisexuell oder sonst eine Spielart aus dem Portfolio ist. Solange, bis dieses Gegenüber klar festhält, heterosexuell zu sein. Unter einem Outing verstand man früher genau das Gegenteil.

Das originelle Motto gilt aber zunächst nicht für die gesamte Gesellschaft, sondern wird bei den Mitgliedern der Schweizer Jungsozialisten, kurz Juso, gelebt. Nicola Siegrist, bis vor kurzem Präsident der jugendlichen Ausgabe der Sozialdemokratischen Partei (SP), hat unlängst stolz verlauten lassen, bei den Jusos sei eine Mehrheit „queer“, und Heterosexuelle seien die Ausnahme.

Für ihn selbst als Mann, der offenbar auch nichts anderes sein möchte, war das eher ungünstig. Siegrist erfüllte das Mehrheitsprofil nicht, aber inzwischen ist er ohnehin abgetreten. Für die meisten in der Jungpartei war schnell klar, dass auf ihn kein weiteres Geschöpf mit einem X- und einem Y-Chromosom folgen darf. Es musste eine Frau oder eine nonbinäre Person sein. Und wenn eine Frau, dann keine, die nur Männer liebt. So kam es auch: Am Wochenende wurde mit Mirjam Hostetmann eine Frau gewählt, die sich als bisexuell bezeichnet.

Denn eben: Heterosexuelle sind bei den Jungsozialisten eine geduldete Randgruppe und mit Sicherheit kein Führungsmaterial.

Diskriminierung andersherum

Das ist alles absolut ernst gemeint und ein Schulbuchbeispiel dafür, wie beim Versuch, eine Minderheit von Diskriminierung zu befreien, eine Mehrheit diskriminiert wird. Man kann sich bildhaft vorstellen, wie sich ein junger Heteromann fühlt, der gern eine jungsozialistische Politkarriere einschlagen möchte. Er steht in der Pflicht, seine offenbar völlig widernatürliche Anziehung zu Frauen sehr gut zu begründen oder vielleicht gleich abzulegen. Ansonsten kann er sich die politische Laufbahn abschminken.

Bis 1942 waren in der Schweiz homosexuelle Handlungen verboten. Die Einführung des Strafgesetzbuchs setzte dem ein Ende. Das war gut so. Es ist keine Frage, dass Schwule und Lesben in früheren Zeiten Opfer von Diskriminierung waren, weil sie ihre Sexualität verstecken mussten.

Aber exakt das möchten die Jungsozialisten in ihrem Queer-Wahn nun offenbar den Heterosexuellen nach und nach angedeihen lassen: dass sie sich schämen für das, was sie sind. Sagen tun sie das natürlich nicht so. Aber wer definiert, dass jeder bis zum Beweis des Gegenteils als „queer“ anzusehen sei, macht deutlich: Ab sofort gilt eine neue „Normalität“, und was von der abweicht, wird schräg beäugt.

Merkt man bei der Jungpartei wirklich nicht, dass sie hier die Praktiken von früher anwendet, einfach in umgekehrter Form? Dass ihr angeblicher Einsatz für eine tolerante Gesellschaft neue Formen der Intoleranz heraufbeschwört? Und dass sie selbst zum Monster wird, das sie bekämpfen wollte?

Strategischer Schachzug?

Vielleicht merkt sie es durchaus, und das, was an Realsatire grenzt, ist reines Kalkül. Die Jungsozialisten sind praktisch nur in urbanen, ausgeprägt linken Gegenden vertreten. Dort ist der Druck auf die Jugend, auf keinen Fall binär, heterosexuell oder einfach „wie früher“ zu sein, besonders groß. Hier ist die heranwachsende Generation auch überdurchschnittlich offen für Botschaften wie „Heteros sind die Ausnahme“. Damit punktet die Jungpartei bei ihrer Zielgruppe und gewinnt neue Mitglieder.

Entsprechend stimmt es vermutlich sogar, dass eine Mehrheit der aktiven Parteimitglieder „queer“ ist. Denn erstens zieht sie vor allem diese Leute an, und zweitens traut sich der Rest kaum, das Gegenteil zuzugeben. Das Ergebnis ist eine astreine Blase, die allerdings nicht in sich geschlossen bleiben will, sondern auf Expansionskurs ist. Die Jungsozialisten werden nicht ruhen, bis in der gesamten Gesellschaft gilt: „Du bist so lange queer, bis du dich als straight outest.“

Binäre Uhr über dem Südost-Eingang des Hauptbahnhofs St. Gallen: Symbolisch zertrümmert, um das „Ende der Binarität“ einzuläuten

In normalen Zeiten könnte man das als wahnhafte Vision abtun. Nur leben wir bekanntlich nicht in normalen Zeiten. Das zeigte sich kürzlich, als sich ein Grüppchen der Jusos am Bahnhof der Stadt St. Gallen im Osten der Schweiz formierte. Dort ist in Form eines großflächigen Kunstwerks eine Uhr installiert, welche die Zeit binär anzeigt. Die Aktivisten zertrümmerten direkt davor eine Miniaturausgabe dieser binären Uhr, um das Ende der Binarität einzuläuten.

Achtung, liebe Mathematiker: Eure Disziplin ist als nächste dran. Ihr solltet schon mal an einer nicht binär aufgearbeiteten Mathematik arbeiten.

 

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Kommentare

Comment

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Kommentar
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Andreas Graf
Vor 1 Woche 5 Tage

Das Schlimme daran ist, die meinen das Ernst. Das ist sozialistische Dummheit in Reinkultur. Das ficht einen Katholiken nicht an.

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Isis Alina Klinken
Vor 1 Woche 5 Tage

Dagegen müssen wir uns aber wehren. Wir dürfen uns nicht zurückziehen, denn harmlos ist das nicht.

5
Eine Leserin
Vor 1 Woche 5 Tage

So verstörend und realitätsfremd - und genau dieses Programm wird sich vermutlich viel, viel weiter ausbreiten. Genauso wird Ideologie zu Diktatur.

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Reto
Vor 1 Woche 4 Tage

Ich bin schwul und verheiratet mit einem Mann. Aber dieses woke Getue geht mir gehörig auf die Nerven. Ich gehe seit Jahren nicht mehr an den CSD, da auch dort Dinge geschehen die ich nicht mehr unterstützen kann. Wir haben für unsere Recht gekämpft und sie bekommen. Nun sollte Schluss damit sein. Aber nein die linken machen einfach immer weiter, bis es wieder ins andere extrem schwappt. Einfach nur dumm!

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Jürg Rückert
Vor 1 Woche 5 Tage

Wer nicht widerspricht, sein Outing unterlässt, ist Organspender. Passt doch.

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Eine Leserin
Vor 1 Woche 5 Tage

So verstörend und realitätsfremd - und genau dieses Programm wird sich vermutlich viel, viel weiter ausbreiten. Genauso wird Ideologie zu Diktatur.

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Andreas Graf
Vor 1 Woche 5 Tage

Das Schlimme daran ist, die meinen das Ernst. Das ist sozialistische Dummheit in Reinkultur. Das ficht einen Katholiken nicht an.

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Isis Alina Klinken
Vor 1 Woche 5 Tage

Dagegen müssen wir uns aber wehren. Wir dürfen uns nicht zurückziehen, denn harmlos ist das nicht.

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Alluskewitz
Vor 1 Woche 5 Tage

Das denke ich nicht. Diese Menschen sind keine Bedrohung. Sie haben vielmehr unser Mitleid verdient, denn sie sind in der Regel schwer gestört, sofern es sich nicht um neomarxistische Ideologen handelt, die nur auf dem queren Trittbrett mitfahren: Sie können sich nicht so annehmen wie sie sind und externalisieren ihre Selbstablehnung. Eigentlich bräuchten sie eine Therapie oder eine gute seelsorgerische Betreuung. Eine sozialistische Partei und Blase ist aber denkbar ungeeignet, wenn man an sich arbeiten will.