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Kolumne „Kaffeehaus“

Der Seiltanz des Mutterseins

Mit der Mutterschaft muss das eigene Leben einer Frau nicht enden, im Gegenteil: sie kann es erst richtig genießen. Es ist nicht wahr, dass die Hingabe an die eigene Familie ein qualvolles Opfer sein muss, wie Frauen heute oft suggeriert wird. Jeder, der liebt, opfert auch etwas – bei den eigenen Kindern erst recht.

Aber mit Kreativität und etwas Unterstützung lassen sich Wege finden, um Hingabe und Selbstbestimmung auszubalancieren. Und dabei sogar eine Menge Spaß haben. Wie bei einem Seiltanz. Eine Anweisung dazu gibt es nicht. Man übt es lange und darf vor allem keine Angst haben.

Mit ein paar Freundinnen verbrachte ich kürzlich ein erlebnisreiches, kulturell-kulinarisches Wochenende in der französischen Region Champagne. Spaziergänge von kleinen Bistros zu berühmten Champagner-Häusern und deren kilometerlangen Kellereien, Austern und Käse beim Samstagsmarkt der Stadt Reims, Besuch der berühmten Kathedrale, wo über Jahrhunderte französische Könige gekrönt wurden.

Fruchtbare Auszeit

Einige von uns sind Mütter, mit kleinen und bereits erwachsenen Kindern. Die paar Tage verbrachten wir zwar ohne sie, erzählten uns aber gegenseitig von ihnen und freuten uns, sie wieder zu sehen. Für eine Mutter, die jeden Tag ein Pausenbrot, frische Sachen und ein Abendessen vorbereitet, ist es empfehlenswert, ja vielleicht sogar nötig, wieder einmal auf andere Gedanken zu kommen und den Horizont zu erweitern.

Sich mit Freundinnen eine Auszeit zu gönnen, nachts über Frauenthemen zu diskutieren, Museen und Kathedralen zu bewundern: das wirkt sich nicht nur aufs Wohlbefinden einer Frau, sondern auch auf das ganze Familienleben aus. Dann freut man sich auch auf den einfachen Alltag mit den Kindern wieder, die Spielplätze, Kindergeburtstage und das Vorlesen von Abendgeschichten.

Wie so vieles, ist das Glücksempfinden im Leben eine Frage der Haltung
Wie so vieles, ist das Glücksempfinden im Leben eine Frage der Haltung

Es gibt zahlreiche Studien, Strömungen und Trends, die das Mutterdasein als krampfhaft und qualvoll darstellen. 2015 veröffentlichte die israelische Soziologin Orna Donath eine Studie, in der sie viele Frauen zu Wort kommen ließ, die es bereuen, Mütter geworden zu sein und ihre Rolle als Mutter negativ erleben. „Regretting Motherhood“ schlug in Deutschland hohe Wellen und sorgte für Diskussionen.

Die Studie zielte darauf ab, die Mutterschaft als etwas darzustellen, wozu die Gesellschaft Frauen treibe und sie dann allein stehenließe. Wenn man sich aber die Situation der Frauen in verschiedenen Ländern ansieht, kommen der Staat und die Gesellschaft gerade in Deutschland und Mitteleuropa den Frauen in vielen Bereichen entgegen.

Aber wie die Autorin der Studie selbst zugibt: Um die äußeren Rahmenbedingungen des Mutterdaseins ging es nicht, sondern nur um ein subjektives Gefühl der jeweiligen Mutter. Natürlich können sich Faktoren wie sozialer Druck, Einsamkeit oder Urteile anderer negativ auf die Wahrnehmung der eigenen Mutterschaft auswirken.

Von französischen Müttern inspirieren lassen

Ungern wird aber zugegeben, dass der Grund für diese Einordnung des Mutterseins auch der eigene Egoismus und Mangel an echter Hingabe sein kann. Wer permanent mit dem eigenen Glücksempfinden beschäftigt ist, kann schwer „aus sich selbst herauskommen“ und sein Herz öffnen. Letztendlich sind diese Analysen und Selbstmitleid der erste Schritt zum Unglück. Wie so vieles, ist das Glücksempfinden im Leben eine Frage der Haltung.

Wenn es um Mutterschaft und Lässigkeit geht, kann man sich gerade von der Haltung der französischen Mütter inspirieren lassen. Auch sie machen nicht alles perfekt. Aber wenn ich sehe, wie sie bei einem Markt gemeinsam mit ihren Kindern einen langsamen Brunch genießen und dabei mit ihrem Mann mit einem Champagner anstoßen, scheinen sie sehr viel richtig zu machen.

Mutterschaft und Hingabe erfordern auch Auszeit, Genuss und Lebensfreude – sonst werden sie ungenießbar.

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