Ein bisschen „Fuck it“
Ein „Dry January“ ist bei uns mit Rücksicht auf den örtlichen Weinhändler nicht drin. Der könnte sonst auswandern, und wohin will man im Januar schon auswandern? Überhaupt Vorsätze. Ich habe meiner Frau Judith den Ratschlag gegeben, statt Jahres- doch besser Monatsvorsätze zu fassen. Aber sie hat abgewunken und gesagt, die drei unordentlichen Schubladen im Haus könne sie auch gleich aufräumen, dazu brauche es wirklich keinen Monatsvorsatz. Ich musste ihr beipflichten und habe darauf hingewiesen, dass ich mit dem täglichen Striegeln der ansonsten haarigen Hündin auch jetzt gleich ohne besonderen Vorsatz beginnen könne.
Wir haben uns dann sehr eingehend über Vorsätze unterhalten. Fitnessstudios sollen in diesen ersten Tagen des Jahres proppevoll sein, sagt Judith. Wozu ich schweige, weil mir dazu wirklich jede Expertise fehlt. Psychologisch – so bringe ich mein Fachwissen ein – habe der Jahreswechsel den Effekt, dass er etwas Neues darstelle und dass dann das, was man sich vornehme, größere Chancen auf Verwirklichung in einem selbst trage.
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Einen ziemlich guten Vorschlag hat neulich ein bekannter Psychologe in die Runde geworfen: Statt einer Bucket-List sollten wir doch eine Fuck-it-List fürs noch junge Jahr entwerfen. Judith ist Feuer und Flamme: „Ich streiche alle kleinkarierten Lösungen“, sagt sie. Sie erinnert an Kolumbus, der auch nicht nach Gran Canaria segeln wollte, sondern nach Indien, und so immerhin bis Amerika gekommen sei. Ich ahne, dass es ein teures Jahr wird. Sie werde sich im Übrigen nicht verbiegen lassen, fügt sie hinzu. Ich kenne keinen aufrechteren Menschen als Judith und frage mich, wann sie sich jemals hat verbiegen lassen, ohne dass es ihr einer ansah.
Ich glaube, eine Fuck-it-List funktioniert auch nur, wenn sie wehtut. Da hat sie etwas mit der Bucket-List gemeinsam. Wahrscheinlich ist es ein bisschen besser, das Jahr völlig bar jeder Vorsätze zu beginnen, leer wie ein See in der Wintersonne, ohne Boote, ohne Wellen, aber bereit für alles, was da kommt. „Wir sind ein Paar ohne Vorsätze“, verkünde ich und finde, das ist der beste Vorsatz des Jahres. Bisher. Ich habe jedenfalls über all das Grübeln vergessen, die Hündin zu striegeln. Die Schubladen sind auch noch im Ursprungszustand. Die können warten, beruhige ich Judith. Allerdings mache der Weinhändler gleich zu.
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