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Kolumne „Kaffeehaus“

Vom Kult der Hässlichkeit in der Mode

Hässlich ist „in“, schön ist fad: So scheint das Motto vieler Modeschauen der letzten Jahre zu sein. Hässliche Sneaker, hässliche Pullover, hässliche Frisuren. Der „Ugly Chic“ findet nicht nur in alternativen Vierteln Berlins, sondern auch in der Modewelt statt. Altehrwürdige Modehäuser wie Gucci, Prada oder Balenciaga übertreffen sich Saison für Saison darin, wer hässlichere Schuhe oder Models auf den Laufsteg schickt.

Ohne Zweifel: Mode muss spielerisch sein, Mode muss auch innovativ und provokant sein. Sie sollte jedoch eine Vision vermitteln, die den objektiven Schönheitsattributen nicht widerspricht. Sie sollte an dem Ideal der Weiblichkeit und Schönheit festhalten, anstatt um jeden Preis divers und skandalös sein zu wollen.

Elegante Frisuren, zartes Make-up, Hosen, Mäntel und Kleider in schlichten Farben, die die Körper dezent, aber bewusst akzentuieren. Selbstbewusste und feminine Models, die in schwarzen Pumps anmutig auf dem Laufsteg spazieren. So sah die Herbst-Winter-Kollektion des Hauses Gucci unter der Leitung Tom Fords 1998 aus. Welch ein Unterschied zu der „Freak-Show“, die zwanzig Jahre danach von Gucci vorgeführt wurde: ein kunterbunter Mix voller geschlechtsloser Gestalten und blasser Gesichter vor einer OP-Saal-Kulisse.

Zombies und Drogenabhängige im Schlamm

Die Modemarke Balenciaga machte es in den vergangenen Jahren sogar zu ihrem Wesenskern, Hässlichkeit und Luxus zu verbinden. Ein Stil, der an Subkulturen osteuropäischer Städte erinnert, schien dem Couture-Haus eine mutige, aber zumutbare Fortsetzung dessen Linie zu sein. So umstritten der im sowjetischen Georgien geborene Balenciaga-Chefdesigner Demna Gvasalia auch ist: Haute Couture, also die französische Art der gehobenen Schneiderei, beherrscht er auch.

Es ändert jedoch nichts daran, dass seine Shows und Kampagnen zunehmend düster, nihilistisch und bisweilen diabolisch wirken. Die neueste Modeshow erinnert an eine postapokalyptische Welt, wo Zombies und Drogenabhängige durch den Schlamm marschieren.

Als die Marke im Dezember eine Weihnachtsgeschenke-Kampagne gelauncht hatte, überschritt die Provokation alle Grenzen: Auf den Fotos waren Kinder im Vorschulalter abgebildet, die Teddybären mit BDSM-Ausstattung hielten. Eben jene Bären mit Nietengürteln, Ketten und Netzhemden, die im apokalyptischen Schlamm-Setting beklatscht wurden. Die Kampagne wurde zurückgezogen, Balenciaga erlitt einen Imageschaden. Vielleicht war dies nur eine logische Konsequenz der hässlichen Entwicklung.

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Schöne Kleider an schönen Frauen

Es besteht ja noch Hoffnung, dass die hässliche Mode nur zyklisch und sporadisch in der Modewelt auftaucht, sich aber dauerhaft nicht durchsetzen kann. Am Ende wird das verkauft, was gern getragen und angeschaut wird. Und das sind nach wie vor schöne Kleider an schönen Frauen.

Wie die aktuellen Couture-Shows der Häuser Dior, Chanel oder Armani zeigen: die aktuelle Mode kann auch atemberaubend schön und feminin sein. Hässlichkeit, Zweckmäßigkeit und Schlabberkleider haben ein Ablaufdatum. Anders sieht es jedoch mit der Diversität aus. In Zeiten von 60 Geschlechtern werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass die Mode auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklungen ist.

Der Gegenentwurf zum geschlechtslosen Piercing-Wesen in „Dad-Sneakern“ und einem transparenten Glitzer-Top kann deshalb nur eine feminine Frau sein, die ihre Weiblichkeit nicht versteckt, sondern mit Eleganz und Würde demonstriert. Sie ist kein Relikt vergangener Zeiten, sondern kann mit der Gegenwart und Zukunft mithalten. Ebenso Männer, die ihre Männlichkeit bewusst und stilvoll zum Ausdruck bringen.

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