Eltern schlagen Alarm, Rom weist zurecht – trotzdem geschieht nichts
Mit Beginn des Schuljahres 2026/27 soll an den 15 katholischen Schulstandorten in Hamburg das Rahmenkonzept „Männlich, weiblich, divers“ umgesetzt werden. Dieses Konzept steht in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche. Das vatikanische Dikasterium für Kultur und Bildung hat gegenüber einer Elterninitiative bekräftigt, welcher Maßstab für die Sexualerziehung an katholischen Schulen gilt.
Maßgeblich bleibe das römische Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ von 2019, heißt es in einem Schreiben der römischen Kurie an die Initiative „Elternnetzwerk Kinderschutz und Prävention“. In zentralen Aussagen über die Geschlechtlichkeit des Menschen, zu Familie und Elternrecht stehe das Konzept des Erzbistums Hamburg dem römischen Lehrdokument entgegen.
Das Elternnetzwerk Kinderschutz und Prävention fordert deshalb von Erzbischof Stefan Heße die Rücknahme des umstrittenen Konzepts. Das Schreiben aus Rom ist auf den 6. Juli 2026 datiert. Unterzeichnet hat es der Untersekretär des Dikasteriums, Monsignore Matthias Ambros. Die Behörde bestätigt darin den Eingang einer Eingabe, die die Sprecherin des Elternnetzwerks, Varinia Arauco Vera, im Namen von Eltern katholischer Schulen eingereicht hatte. Nach „gebührender Kenntnisnahme“ stellt das Dikasterium fest, dass seine Position zu Leitlinien der Sexualerziehung weiterhin in dem Dokument von 2019 enthalten sei. Zugleich dankt es den Eltern für ihren „Einsatz im Dienst der katholischen Erziehung“.
Die knappe Antwort entspricht der zurückhaltenden Sprache vatikanischer Behörden. Sie eröffnet jedoch keinen neuen Abwägungsprozess. Das Dikasterium verweist nicht auf den Stand theologischer Debatten oder auf örtliche Gestaltungsspielräume. Nach Prüfung der Eingabe bestätigt es schlicht und klar den bestehenden römischen Maßstab als gültig und verbindlich. Damit kann der Erzbischof von Hamburg nur das Rahmenkonzept zurückziehen oder in Kauf nehmen, sich in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche zu befinden.
Mann und Frau und der gegebene Leib
Das vatikanische Dokument richtet sich ausdrücklich an katholische Schulen, Eltern, Schulleitungen, Lehrkräfte, Bischöfe und Priester. Es unterscheidet zwischen wissenschaftlichen Untersuchungen zu Gender und einer Gender-Ideologie. Über Studien zur kulturellen Ausprägung der Geschlechterrollen sei ein Dialog möglich. Zurückgewiesen wird dagegen die Trennung des sozialen vom biologischen Geschlecht. Der Text bezeichnet den Menschen als Einheit von Leib und Seele. Mann und Frau seien die beiden Weisen, in denen sich die menschliche Person verwirkliche. Der Leib sei keine beliebig veränderbare Ausgangsmasse. Der Mensch habe eine Natur, „die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“.
Auch beim Begriff der Geschlechtsidentität lässt das römische Dokument keinen offenen dritten Raum. Die persönliche Identität könne nicht von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau gelöst werden. Die Vorstellung eines neutralen oder dritten Geschlechts verdunkle die männliche und weibliche Identität. Das gelte ebenso für Konzepte, nach denen eine Person ihr Geschlecht allein aufgrund des eigenen Empfindens wählen könne. Daraus folgt der Maßstab für die Sexualerziehung. Kinder und Jugendliche sollen lernen, den eigenen Körper in seiner Männlichkeit oder Weiblichkeit anzunehmen.
Die sexuelle Differenz von Mann und Frau bildet nach dem Dokument die Grundlage von Ehe und Familie. Die Familie sei der natürliche Ort, an dem die Gemeinschaft von Mann und Frau ihre volle Verwirklichung finde. Zugleich fordert Rom den Schutz jedes Menschen vor Mobbing, Gewalt und Diskriminierung. Respekt vor Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen hebt die anthropologische Norm jedoch nicht auf.
Erzbistum Hamburg ignoriert überlieferte Lehre
Das Hamburger Rahmenkonzept erklärt dagegen, das biologische Geschlecht müsse nicht mit der sozialen Identität übereinstimmen. Es nennt männliche, weibliche, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und non-binäre Identitäten. Homosexualität und Transidentität sollen sichtbar gemacht und als Teil der tatsächlichen Lebenswirklichkeit anerkannt werden.
Das Erzbistum tritt nach eigener Darstellung nicht nur für Toleranz ein. Es verlangt Akzeptanz für die Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten. Die traditionellen Formen von Ehe und Familie würden hochgeschätzt; zugleich sollen unterschiedliche Lebensformen und Lebensentwürfe bewusst und wertschätzend vermittelt werden.
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Generalvikar Pater Sascha-Philipp Geißler erklärte bei der Vorstellung, das Konzept enthalte keine neue Theologie. Es stehe für eine beziehungsethische Sicht auf Liebe, Partnerschaft, Ehe, Familie und Sexualität. Die Kirche müsse ihre Einstellung zur Sexualität ständig weiterentwickeln.
Rom setzt hier eine deutliche Grenze. Die zuständige vatikanische Behörde hält ausdrücklich an der Dualität von Mann und Frau als Teil der Schöpfungsordnung fest. Ein katholisches Schulcurriculum kann deshalb nicht zugleich die Loslösung der Geschlechtsidentität vom biologischen Geschlecht als gleichrangige Norm vermitteln.
Elternrecht ist unveräußerlich
Ein weiterer Gegensatz betrifft die Rolle der Eltern. Das römische Dokument nennt die Familie den primären Ort der Erziehung. Das Recht und die Pflicht der Eltern seien ursprünglich, unersetzlich und unveräußerlich. Andere Beteiligte könnten nur im Namen der Eltern, mit ihrer Zustimmung und in gewissem Umfang in ihrem Auftrag tätig werden. Die Schule wirke subsidiär mit.
Das Hamburger Konzept sieht dagegen eine Schulung von Lehrkräften für Gespräche mit Eltern vor, die bestimmte Inhalte einer „zeitgemäßen Sexualpädagogik“ ablehnen. Bei einem Wertekonflikt könne es Aufgabe der Schule sein, auf der Seite der Kinder zu stehen und sie zu einer eigenen Entscheidung zu ermutigen. Zwar bezeichnet auch das Erzbistum die schulische Sexualerziehung als Ergänzung des elterlichen Erziehungsauftrags. Die konkrete Konfliktregel verschiebt die Entscheidung jedoch unzulässig stark von den Eltern in die Schule. Der römische Text schließt eine solche Umkehrung eindeutig aus.
Elternnetzwerk verlangt Rücknahme
Das Elternnetzwerk hat beide Papiere in einer 25-seitigen Dokumentation gegenübergestellt und 20 Widersprüche aufgeführt. Sie betreffen das Menschenbild, die Sexualmoral, Ehe und Familie, das Elternrecht sowie den Auftrag einer katholischen Schule. Nach der Antwort aus dem Vatikan verlangte das Netzwerk am 14. August von Erzbischof Heße, das Rahmenkonzept unverzüglich zurückzunehmen. Es solle durch Richtlinien ersetzt werden, die mit der katholischen Sexuallehre und den Vorgaben des Heiligen Stuhls übereinstimmen. Die bis zum 17. August erbetene Antwort blieb aus.
Am 18. August veröffentlichte das Netzwerk einen Aufruf an die deutschen Katholiken. Darin fordert es die Gläubigen auf, beide Texte selbst zu vergleichen und die Bischöfe mit den Widersprüchen zu konfrontieren. Für Sprecherin Varinia Arauco ist die Bedeutung des Schreibens klar. „Die Antwort des Dikasteriums“, sagte sie gegenüber Corrigenda, „bestätigt gerade das, was wir von Anfang an vertreten haben, dass die kirchliche Sexualmoral weiterhin Gültigkeit besitzt und dass das, was unseren Kindern an einer katholischen Schule vermittelt wird, mit ihr übereinstimmen muss.“
Das Elternnetzwerk sieht dringenden Handlungsbedarf.
„Am 20. August hat dennoch die Umsetzung dieses Rahmenkonzepts gegen den ausdrücklichen Willen vieler Eltern und trotz des Schreibens des Dikasteriums begonnen. Das ist für uns Eltern sehr schmerzlich. Dennoch verlieren wir weder den Glauben noch die Hoffnung, dass eine Korrektur noch möglich ist.“
Das Erzbistum hatte im März erklärt, es stehe in regelmäßigem Austausch mit Eltern und Elternvertretungen. Das Konzept habe bei seiner Inkraftsetzung große Zustimmung der Gesamtelternvertretung, der Schulleitungen und der Beauftragten für Schulpastoral erhalten.
Zu einer Stellungnahme zur aktuellen Antwort aus dem Vatikan war das Erzbistum Hamburg auch auf mehrfache Nachfrage von Corrigenda nicht bereit.
Römische Antwort reicht weit über Hamburg hinaus
Die römische Antwort reicht indes weit über Hamburg hinaus. Die Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte im Oktober 2025 das Papier „Geschaffen, erlöst und geliebt“. Es greift zwei Handlungstexte des umstrittenen Synodalen Weges auf. Das Papier fordert die „unbedingte Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten“. Es empfiehlt, die Selbstzuordnung und Namensverwendung „queerer“ Schüler zu respektieren. Von Schulträgern verlangt es eine Sexualpädagogik, die Geschlechterrollen „im Sinne von Vielfalt und Akzeptanz erweitert“.
Eine sexualmoralische Beurteilung nimmt es nach eigener Aussage nicht vor. Das Kommissionspapier erwähnt „Als Mann und Frau schuf er sie“ nicht. Die vatikanische Antwort bestätigt jedoch gerade diesen römischen Text als fortgeltende Position für Leitlinien der Sexualerziehung. Damit steht auch das Kommissionspapier wie das Hamburger Konzept in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche. Eine Kommission der Deutschen Bischofskonferenz kann die von der zuständigen römischen Behörde bestätigte Norm weder ersetzen noch außer Kraft setzen.
Auch hier besteht dringender Handlungsbedarf. Das unter den deutschen Bischöfen umstrittene Kommissionspapier war zunächst vom Ständigen Rat abgelehnt worden. Danach kam es als Wiedergänger durch die Hintertür der Schulkommission zu der zweifelhaften Ehre eines offiziellen Dokuments der Deutschen Bischofskonferenz. Auch dieses Papier wäre schleunigst aus dem Verkehr zu ziehen.
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Kommentare
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
bitte kämpft weiter! Ihr tut das nicht nur für euch und Hamburg. Wir alle blicken auf euch und stehen euch bei im Gebet. 🙏
Genau, die Anhänger der „sexuellen Vielfalt“ wollen nicht bloß Respekt, sondern Akzeptanz: Sie wollen nicht nur einen Duft von Weihrauch, nur ein Körnchen, sie wollen, dass man ihrem Geist offen Weihrauch spendet. Toleranz wird schon gar nicht toleriert. Ein Fingerhakeln geht schief. Die Kirche wird mit immer neuen Forderungen konfrontiert werden.