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Kirche und Transsexuelle

Zeit der Verwirrung

Die Kirche ist eine große Liebe meines Lebens. Die Kirche, wie sie mich unter Johannes Paul II. geprägt und unter Benedikt XVI. fasziniert hat. Sie ist relevant für mich, jene Stimme, der ich am aufmerksamsten zuhöre, weil ich glaube, dass sie mich ans Ziel meines Lebens führen kann. Doch seit einigen Jahren mischt sich zunehmend Schmerz in diese Liebe und ich empfinde die Stimme der Kirche als undeutlich und verwirrend.

Ein Beispiel: Vor zehn Tagen hat die oberste Glaubensbehörde ein Dokument veröffentlicht zur Frage des Einsatzes und der Möglichkeiten von Transgender und Homosexuellen in Bezug auf die Sakramente der Taufe und der Eheschließung. Die Antworten des Glaubenspräfekten Kardinal Victor Manuel Fernández beziehen sich auf sechs Fragen des brasilianischen Bischofs José Negri. Das zweieinhalb Seiten lange Schreiben trägt die Unterschrift von Kardinal Fernández und Papst Franziskus und ist auf der Website www.vatican.va in italienischer Sprache verfügbar.

Die wichtigsten Aussagen: Transgender können getauft werden; mit gewissen Einschränkungen ist es auch möglich für sie, als Taufpate zu fungieren. In Bezug auf Homosexuelle wird erklärt, dass ein Kind, das durch eine Leihmutter ausgetragen wurde, getauft werden kann. Die Übernahme eines Patenamtes durch Homosexuelle wird nicht grundsätzlich ausgeschlossen, wenngleich mögliche Spannungen, bedingt durch eine von der kirchlichen Vorgabe abweichende Lebensweise angeführt werden. Trauzeugen bei kirchlichen Eheschließungen können sowohl Transgender als auch Homosexuelle werden.

Woher die weiche Linie gegenüber der LGBTQ-Agenda?

Wie schon oft, nehme ich auch in besagtem Schreiben die unter dem jetzigen Pontifikat auffallend softe Line gegenüber der LGBTQ-Agenda war. Dezidiert ausgeschlossen wird nichts, es wird höchstens problematisiert, dabei bleibt aber immer ein Interpretationsspielraum in Richtung einer liberalen Handhabung. Sätze wie „sofern kein Skandal und keine Verwirrung der Gläubigen damit verbunden sind“ erscheinen eher als Füllsel und formale Absicherung, da „Skandal“ und „Verwirrung“ ja per se nicht plan- und absehbar sind.

Früher hat mich angezogen, dass die kirchliche Lehre zu allen möglichen Fragestellungen aus der erkannten Wahrheit über den Menschen abgeleitet wurde, was eine eigene hohe Kultur des Denkens und der Darstellung bedeutete. Mein Eindruck ist, dass die Frage der Wahrheit nicht mehr der Punkt ist, von dem man jetzt ausgeht. Eher scheint es um politisches Agieren in und gegenüber der Welt zu gehen. Die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, meinte die Dichterin Ingeborg Bachmann. Hat die Kirche dieses Vertrauen in den Menschen verloren? Oder aber ist die Wahrheit der Kirche über den Menschen eine andere geworden?

Oder ist es einfach die kalte Angst vor einer mächtigen Lobby? Johannes Paul II. hatte sein Pontifikat mit dem Ruf „Habt keine Angst! Öffnet die Türen für Christus!“ begonnen, und seine Angstlosigkeit hat wahrlich viele Dinge in Kirche und Welt in Bewegung gesetzt. Nun scheint die Angst übermächtig zu werden und treibt schrille Blüten. Das bezeugt den großen Paradigmenwechsel, der stattgefunden hat: früher war die Kirche der Fixstern, hat ihre unverrückbare Position definiert (in „definieren“ steckt „fines“ = Grenze), und die anderen, Parteien, Bewegungen, Menschen, haben sich ihr gegenüber positioniert. Heute positioniert sich die Kirche.

Eine Antwort ohne Verweis auf die Schöpfungsordnung

Was die inhaltliche Ebene der Fernández-Antworten betrifft, so verwirrt mich noch etwas anderes: nämlich, dass der biblische Satz „… als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,28) keine Rolle mehr zu spielen scheint. Keine Bezugnahme darauf – natürlich auch keine direkte Absage an die zwei Geschlechter der Bibel –, aber doch ein stillschweigendes, ja selbstverständliches Hinnehmen des LGBTQ-Rahmens. – Dass es Homosexualität und Transgender faktisch gibt, ist eine Sache, aber den Verweis auf die Schöpfungsordnung schlicht wegzulassen, weil er (natürlich) stören würde, irritiert mich mehr als alles andere.

Als Resonanz auf die pastoralen Fragen des brasilianischen Bischofs hätte ich ein Durchdenken und In-Bezug-Setzen zur christlichen Anthropologie und zur Dogmatik erwartet. Natürlich kann man einwenden, Antworten seien immer so gut wie die Fragen. Aber: Wenn schon die Fragen hochpragmatisch ansetzen, wäre es nicht gerade dann Aufgabe des Antwortenden, zumal als „oberster Glaubenshüter“, das Ganze zu heben, es grundsätzlicher und subtiler zu behandeln?

Wenn sich stattdessen das Niveau der Fragen, die schon im Ansatz an der Komplexität der Thematik vorbeigehen, in der Antwort spiegelt, versteht sich das Glaubensdikasterium offenbar nicht mehr als Hüterin einer kostbaren Lehre, die auf den konkreten Fall angewendet werden muss, sondern als innovative Instanz – freilich auf gefährlichem Gelände … und mit einer Argumentation, die reichlich Einwände herausfordert. So schrieb Kardinal Müller in einem Kommentar dazu: „Es ist verwirrend und schädlich, wenn sich das Lehramt auf die Terminologie einer nihilistischen und atheistischen Anthropologie einlässt und damit deren wahrheitswidrigen Inhalten den Status einer legitimen theologischen Meinung in der Kirche zu verleihen scheint.“

Brauchen den Fels, der kantig, fest, herausfordernd ist

Ich selbst frage mich, ob die Kirche tatsächlich kein anderes Konzept (mehr) zu bieten hat als jenes einer immer weitergehenden „Affirmation“ in Richtung LGBTQ? Wenn dem so ist, wäre sie gut beraten, den neuerschienenen Band des Entwicklungspsychologen Markus Hoffmann, „Weil ich es will. Homosexualität. Wandlungen. Identität“ (Fontis-Verlag 2023), zu studieren, in dem 39 Lebensberichte Betroffener die simplen Schablonen bloßer Akzeptanz massiv in Frage stellen.

Ich lausche sehr aufmerksam auf die Stimme der Kirche und wünsche mir ihre Klarheit und ihre Stärke zurück. Der Papst ist der Nachfolger des Petrus. „Petrus“ heißt Fels. Wir brauchen diesen Fels, der kantig, fest und herausfordernd ist und an dem man sich manchmal auch schmerzhaft stößt. Wir brauchen jenen Fels, der eine klare Kontur hat, Halt gibt und Widerstand bietet. Denn wachsen kann man nur an dem, was widersteht.

 

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Kommentare

Comment

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Kommentar
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Rudolf Födermayr
Vor 7 Monate

"Offenbar gibt es Päpste, die eine Strafe Gottes sind, auch wenn sie die besten Absichten haben", las man vor kurzem in der "Tagespost". Es ging in dem Beitrag um Papst Clemens VII.-

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Stiller Leser
Vor 7 Monate

Ich bin erst sehr spät zum Katholizismus gekommen, doch das Faszinierendste war genau das, was Frau Dr. Trausmuth nun vermisst. Es macht mich regelrecht traurig. Die Hoffnung verliere ich aber nicht.

2
Dr. Elisabeth …
Vor 6 Monate 4 Wochen

Meine Reaktion:
Gebet für den Heiligen Vater und für die Kirche
Orientierung am Katechismus der Katholischen Kirche und Vertreten seiner Lehren, privat und öffentlich
Verbreitung der Glaubensinhalte im privatenm familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld auf natürliche und unaufdringliche Weise, mir Argumenten, ohne Polemik...
Pflege und Förderung der Anbetung der Eucharistie
Rosenkranzgebet

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Christine Wiesmüller
Vor 6 Monate 4 Wochen

Sowohl Papst Benedikt XVI. sowie sein Vorgänger der Hl. Papst Johannes Paul II. haben wie viele andere vor der Diktatur des Relativismus gewarnt, nun zieht dieser schleichend unter dem Deckmantel der „Menschlichkeit“ in die Kirche ein und höhlt die Wahrheit aus. Dr. Trausmuth bringt es auf den Punkt.

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Mirjam Schmidt
Vor 7 Monate

Großartig!

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Stiller Leser
Vor 7 Monate

Ich bin erst sehr spät zum Katholizismus gekommen, doch das Faszinierendste war genau das, was Frau Dr. Trausmuth nun vermisst. Es macht mich regelrecht traurig. Die Hoffnung verliere ich aber nicht.

3
Rudolf Födermayr
Vor 7 Monate

"Offenbar gibt es Päpste, die eine Strafe Gottes sind, auch wenn sie die besten Absichten haben", las man vor kurzem in der "Tagespost". Es ging in dem Beitrag um Papst Clemens VII.-