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Familienkolumne „Ein bisschen besser“

Angriff auf die Selbstständigkeit

Macht euch selbstständig. Es sind diese eher hingehauchten Worte, die ich neulich morgens äußerte, nachdem die Nacht lang und auch feucht gewesen war, der Kopf dröhnte und der Magen sich drehte. Ich hatte darüber nachgedacht, wie ich meiner Frau Judith sagen sollte, dass ich heute Morgen lieber als Einzelgänger durch die Welt gehen wollte, dass ich zumindest für ein paar Stunden lieber verlottern wollte, als mich adrett herauszuputzen, dass ich auch nichts zu irgendwelchen Unterhaltungen beitragen wollte, und diese drei Worte kamen eben dabei heraus: „Macht euch selbstständig.“

Als erprobte Führungspersönlichkeit hatte ich es positiv formuliert. Ich hatte an etwas angeknüpft, das Judith sehr wichtig ist: ihre Selbstständigkeit. Gerade erst hatten wir im Auto einen Wortwechsel darüber geführt, dass unsere Familienministerin ans Elterngeld heranwill, was ich mit dem Satz quittierte, dass zum Kinderkriegen sowieso andere Dinge deutlich wichtiger als Geld seien.

Ich hatte dazu mein andeutungsvolles Gesicht aufgesetzt, was normalerweise gut ankommt. Judith war dennoch steil gegangen und hatte behauptet, dass sie ohne Aussicht auf Elterngeld das Töchterchen nicht auf die Welt gebracht, weil sie sich sonst von mir abhängig gefühlt hätte. „Das werde ich dem Töchterchen später einmal sagen“, war ich zum Angriff übergegangen. Im Laufe des Disputs fielen noch Wörter wie erstens: „Machokacke“, zweitens: „Korsettlogik“, drittens: „Chauvi“, bis ich dachte, dass es jetzt besser sei, das Autoradio aufzudrehen.

Besser eigenes Leid schweigend ertragen

Doch während ich beim Elterngeld womöglich provozieren wollte, schwöre ich, dass ich beim morgendlichen Angebot der Selbstständigkeit nichts dergleichen im Schilde führte. Ich brauchte nur strenge Bettruhe und das länger als sonst. Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, da wünschte ich schon, sie wie in einem Messangerdienst wieder zurückholen zu können.

„Diese Nachricht wurde gelöscht“, hätte als Tattoo auf meiner Stirn aufleuchten sollen, aber Worte lassen sich wie abgeschossene Gewehrkugeln natürlich nicht zurückholen. Sie waren von diesem Kaliber, das sich zwischen dem Mund des Sprechers und dem Ohr des Hörers ändert. Aus „Macht euch selbstständig“ wurde wahrscheinlich, während es durch die Atmosphäre glitt, eine Art: „Leck mich“.

Anders jedenfalls kann ich mir Judiths türenknallende Reaktion nicht erklären. Immerhin weiß ich seither, dass es ein bisschen besser ist, eigenes Leid schweigend zu ertragen. Besonders als Führungspersönlichkeit.

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