Direkt zum Inhalt
Kolumne „Mild bis rauchig“

Abserviert

Dass Heilige keine Säulenheiligen sind, wird stets in Predigten betont. Und das ist auch richtig. Heilige sind wichtige Figuren in der Kirche. Und zwar nicht aus Gips oder Holz, sondern aus Fleisch und Blut. Ein Heiliger war zur Zeit seines Lebens ein irdischer und lebendiger Christ und Glaubenszeuge. Ein Heiliger war umgeben von allen Merkmalen des Menschseins – Stärken und Schwächen, Sünden und Liebe – und dennoch ein tapferer Kämpfer gegen das Böse in sich selbst, weshalb man davon sprechen kann, dass ein Heiliger auch jetzt noch – nach seinem Tod – lebendig ist und auch bleibt. Er lebt zum Lohn für sein konsequentes und gottergebenes Leben nun ganz bei Gott und tritt für alle, die ihn um Fürsprache bitten, vor Gottes Angesicht ein. Soweit die katholische Vorstellung.

Nun wurden wir allerdings kürzlich darüber belehrt, dass dies offenbar keine unbestrittene Haltung in der Kirche ist. So lasen wir Ende Februar in der Presse über den Diözesanverband der KJG Münster – das ist ein katholischer Jugendverband, die „Katholische Junge Gemeinde“ –, dass dieser mit seinem Patron, dem heiligen Thomas Morus, nicht mehr länger einverstanden ist und sich vielmehr von ihm distanziert.

Thomas Morus verurteilte den Ehebruch des Königs

Der Grund ist ein historischer. Thomas Morus, der im 16. Jahrhundert Lordkanzler von König Heinrich VIII. in England war – also der zweite Mann im Staat –, kam in Konflikt mit seinem Chef, weil er den offiziellen Ehebruch des Königs und seinen Wunsch, neu zu heiraten, vor seinem Gewissen nicht gutheißen konnte. Ebenso wenig war er davon begeistert, dass der willensstarke König die Kirche seines Landes im Zuge dieses Konfliktes vom Papst trennte und eine Nationalkirche errichtete. 

Thomas Morus verhielt sich unbeugsam und stimmte weder dem einen noch dem anderen zu. Das Ergebnis: Er wurde im Tower von London auf Befehl Heinrichs VIII. enthauptet. Seither wird er in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt, als Märtyrer des Gewissens und als Bekenner der Unauflöslichkeit des Ehesakramentes, in dem Frau und Mann miteinander und mit Gott eins und deswegen untrennbar verbunden sind.

Vorbild aller Kämpfer gegen den Ehebruch und das Auswechseln von Partnern war übrigens schon zur Zeit Jesu dessen Cousin, der heilige Johannes der Täufer, der ebenfalls seinen Kopf verlor, weil er König Herodes Antipas Vorhaltungen wegen dessen zweiter Heirat mit der Frau seines Halbbruders Herodes Boethos gemacht hatte. Herodias, die dem Bruder ausgespannte Zweitfrau, war darüber sauer und sorgte dafür, dass der Täufer Johannes enthauptet wurde.

Beide Heilige sind Vorbilder mutiger Konsequenz und Treue zu Gott

In der Kirche galten beide Heilige – Johannes der Täufer und Thomas Morus – bislang als Vorbilder mutiger Konsequenz und Treue zu Gottes Gebot. Niemand zweifelte bislang an, dass die beiden Männer, die dem Unmut zweier ehebrecherischer Könige zum Opfer gefallen waren, Heilige und damit von Gott eben wegen ihrer Unbeugsamkeit mit dem ewigen Leben Belohnte sind. Trotz des zeitlichen Abstands von 1500 Jahren stand stets fest, dass sie eine überzeitliche Bedeutung haben, allein, weil die Wahrheit, für die sie einstanden, nicht zeitgebunden, sondern wegen ihres göttlichen Ursprungs – „Du sollst nicht die Ehe brechen!“ – unwandelbar und ewig ist.

Exakt an dieser Stelle hat die KJG Münster nun ein Problem. Denn die Zeit ist offenbar über Gestalten wie Johannes den Täufer und Thomas Morus hinweggeschritten. Und zwar, weil die Wahrheit, die sie vertraten, heute vom berufskatholischen Mainstream als disponibel betrachtet wird.

Die synodal-deutsche Kirche plädiert für alternative Lebensformen

Die jungen Leute haben ganz offensichtlich erfolgreich aus der augenblicklichen Verkündigung der deutschen Kirche gelernt, dass die Ehe keinesfalls etwas ist, das man anstreben muss, wenn man als Mann und Frau zusammenleben will, und das nicht auch gebrochen oder ausgetauscht werden könnte. Die Jugendlichen haben gut zugehört, wie auf den diversen synodalen Veranstaltungen darüber abgestimmt wurde, dass man die bisherige Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe faktisch durch die Segnung ihres Resets verabschieden darf und auch alternative Lebensformen gleichberechtigt an ihre Stelle setzen kann. 

Und sie haben sicherlich auch aus dem Mund einer ganzen Reihe von Bischöfen vernommen, dass sich die Kirche gar schuldig macht, wenn sie dasjenige weiterhin verkündet, wofür der hl. Johannes der Täufer durch König Herodes und der hl. Thomas Morus durch den König von England ihren Kopf verloren haben: Dass nämlich ein absolutistisches Verständnis von der Unauflöslichkeit der Ehe wie das der beiden Heiligen heute den Menschen und ihrem Drang zu Selbstbestimmung nicht mehr zugemutet werden könne. So ändern sich die Zeiten.

Thomas Morus stünde für die „alten Werte“

Als Folge dieser empfundenen Zumutung haben die Mitglieder der Diözesanleitung der KJG Münster recht konsequent entschieden, sich von ihrem Patron, dem hl. Thomas Morus, offiziell zu distanzieren. Denn die Haltung des Heiligen, so die offizielle Begründung, kollidiere mit den Werten der KJG. „Auf der Bildungsfahrt der KJG nach London im Oktober 2022“, so liest man auf der Homepage der münsterländischen Jugendverbandler, „hat sich die Gruppe intensiver mit Thomas Morus und seinem Leben auseinandergesetzt.“ Als Zusammenfassung der zu cancelnden Makel des Heiligen, die die Distanzierung von ihm begründen, heißt es am Ende: „Er ist für die alten Werte der katholischen Kirche eingestanden.“ 

Als Konklusion der Kollision der „Werte“ der KJG mit dem Vermächtnis eines Heiligen steht der Beschluss der Diözesankonferenz in Oer-Erkenschwick vom Februar 2024: „In der gesamten Arbeit des Diözesanverbandes wird Thomas Morus in Zukunft nicht mehr als Verbandspatron hervorgehoben. Der derzeitige Thomas-Morus-Preis, der an KJGler*innen und Gruppen verliehen wird, die sich durch besonderes Engagement auszeichnen, wird in Seelenbohrer-Preis umbenannt.“ Von 44 Delegierten stimmten daraufhin 42 dafür, den hl. Thomas Morus mitsamt seiner Botschaft abzuservieren.

Was sagt Jesus?

An diesem aktuellen Beispiel mag man ablesen, in welchem inneren Zustand sich die deutsch-katholische Kirche derzeit befindet. Man kann ihn beklatschen ob der Entledigung unveränderbarer Wahrheiten, die nicht länger als Spaßbremse den Fortschritt hemmen, oder man kann den Zustand bedauern, weil man fürchtet, dass sich die Kirche vollständig unsichtbar machen wird, wenn sie das Evangelium derart umschreibt, so dass man es als Anhang eines grünen Parteiprogramms abheften kann.

Passend zu dieser aktuellen Berichterstattung servierte die Liturgie der katholischen Kirche allerdings eine nachdenklich stimmende Antwort – just am Sonntag nach der zweiten Dekapitation des hl. Thomas Morus, der – nachdem man ihm in London den Kopf abgeschlagen hatte – in Münster auch noch als Patron abgesägt wurde. Diese Antwort waren die Schrifttexte des dritten Fastensonntags. 

Die erste Lesung aus dem Buch Exodus berichtet von der Übermittlung der zehn Gebote an das auserwählte Volk Israel (vgl. Ex 20, 1–17). Das Evangelium berichtet von Jesu Vertreibung der Händler aus dem Tempel zu Jerusalem (vgl. Joh 2, 13–25). Der Messias ist erbost, weil man begonnen hatte, Gott aus Seinem Haus zu verdrängen und dort Geschäften nachzugehen.

Kein Dauerlächler

Angesichts diese Passage aus dem Neuen Testament ist man versucht, die Dinge aus dem Münsterland aus dem Blickwinkel des zornigen Jesus zu betrachten, der hier keinesfalls als Dauerlächler präsentiert wird, der im Stil heutiger Kirchenfunktionäre Störendes aus dem Pool der ewigen Wahrheiten im Paradigmenwechsel schreddert. Nein, ganz im Gegenteil. Er stellt im Tempel die Möbel wieder gerade, indem er die Tische der Geldwechsler umstößt und die Tauben, Schafe und Rinder der Händler mit einer Geißel aus Stricken verjagt.

Vielleicht kann der heilige Zorn, der Jesus dort ergreift, vermuten lassen, wie Er heute darüber denkt und fühlt, wenn in Seinem Haus über Seine Gebote verhandelt wird und sie zu Schleuderpreisen ausverkauft werden, wenn Seine Wahrheit von denen, die sie verkündigen sollen, vergessen oder ausgetauscht wird gegen den Lifestyle und seine Produkte.

Der Glaube wird durch Gottvergessenheit bedroht

In jedem Fall wird man durch die Heftigkeit der Attacke Jesu gegen die auch schon damals bestehende Bedrohung der Religion durch Gottvergessenheit nachdenklich werden müssen. Darüber, ob nicht die Heiligen doch richtig lagen mit ihrer unbeugsamen Treue zu dem, was von Gott kommt und ob nicht die zeitgeistlichen Werte deswegen besser an ihrem Vorbild gemessen werden sollten, statt ihr Vorbild an den Moden der Gegenwart zu nehmen. Denn sonst wird es am Ende Gott sein, von dem man sich distanziert, weil Er nicht mehr in unsere Welt passt.

Die zornige Warnung Jesu, den Tempel nicht zu einer Markthalle zu machen, indem man die Welt Gottes ausverkauft, sollte im genannten Fall aber eigentlich nicht nur auf die Jugendlichen der KJG bezogen werden, sondern eher auf deren Influencer aus dem Kreis der synodalen und episkopalen Paradigmenwechsler, die schon seit langem mit ihren Konferenztischen in das Innere der Kirche eingedrungen sind, um sie „anschlussfähig“ zu machen, wie es stets heißt. Es stellt sich die Frage, an welchen Zug.

 

Kennen Sie schon unseren Telegram- und WhatsApp-Kanal?

87
8

6
Kommentare

Comment

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
Kommentar
4
Peter Schafranek
Vor 1 Monat

Wieder mal sehr treffend.
M.E. ist unsere Kirche leider stramm auf dem Marsch in die linksgrüne Sekte. Der Heilige Geist hat sehr viel zu tun!

4
Andreas Graf
Vor 1 Monat

Das Evangelium und die katholischen Wahrheiten sind nicht verhandelbar. Wer diesen nicht zustimmen möchte, der kann gehen und sollte dann auch ehrlicherweise auf die üppige Apanage verzichten. Das Martyrium des hl. Thomas Morus ist noch milde im Vergleich zu dem, was die queeren Delegierten der KJG Münster erwartet, wenn sich einst Gott von ihnen distanzieren wird. Hat die KJG etwa Angst? Die bequemen Zeiten sind langsam vorbei. Jetzt, wo ein Bekennermut wie der eines Thomas Morus geboten wäre, fliehen sie. Tut Buße und bekehrt Euch! Leistet Wiedergutmachung! Die Zeiten ändern sich. Die jetzige Fastenzeit, die die katholische Kirche begeht, könnte die letzte Chance sein.

0
Gernot Schmidt
Vor 1 Monat

Daß heutzutage die Haltung zu Ehebruch, Scheidung und Wiederheirat eine andere sein kann, dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, daß die Unerbittlichkeit der kirchlischen Strafen, etwa bei Scheidung Menschen und ihre Existenz zerstört hat. Dabei stellt sich aber die Frage, ob die Kirche berechtigt ist, sich anzumaßen, diese Strafen vor dem Jüngsten Gericht und für Gott ausprechen zu dürfen.

0
Isis Alina Klinken
Vor 1 Monat

Die Kirche hat nie etwas gegen Anullierung gesagt. Wenn ein Partner sexuellen oder emotionalen Missbrauch begeht, ist die Ehe nichtig, da er falsche Tatsachen beim Ehegelöbnis vorgetäuscht hat. Was heute zwar nicht mehr gilt, aber vom Trienter Konzil beschlossen und bis zum II. Vaticanum glaube ich in Kraft war, ist Exkommunikation bei Ehebruch, wenn dieser nach wiederholter kirchlicher Ermahnung nicht bereut wurde. Das ist Beschluss des Nachfolgers Petri in Gemeinschaft mit dem Apostelkollegium und damit wahr und berechtigt. Der Stellvertreter Christi hat die Vollmacht der Exekutive des göttlichen Gesetzes. Ob einem diese Maßnahmen gefallen haben oder nicht, spielt keine Rolle.

0
Und der Oscar …
Vor 1 Monat
4
Peter Schafranek
Vor 1 Monat

Wieder mal sehr treffend.
M.E. ist unsere Kirche leider stramm auf dem Marsch in die linksgrüne Sekte. Der Heilige Geist hat sehr viel zu tun!

4
Andreas Graf
Vor 1 Monat

Das Evangelium und die katholischen Wahrheiten sind nicht verhandelbar. Wer diesen nicht zustimmen möchte, der kann gehen und sollte dann auch ehrlicherweise auf die üppige Apanage verzichten. Das Martyrium des hl. Thomas Morus ist noch milde im Vergleich zu dem, was die queeren Delegierten der KJG Münster erwartet, wenn sich einst Gott von ihnen distanzieren wird. Hat die KJG etwa Angst? Die bequemen Zeiten sind langsam vorbei. Jetzt, wo ein Bekennermut wie der eines Thomas Morus geboten wäre, fliehen sie. Tut Buße und bekehrt Euch! Leistet Wiedergutmachung! Die Zeiten ändern sich. Die jetzige Fastenzeit, die die katholische Kirche begeht, könnte die letzte Chance sein.

0
Firestar
Vor 1 Monat

Sehr gut!!! Umkehr ist jetzt! Ich selber bin schwer krank (myelodysplastisches Syndrom) und opfere meine Leiden auf zur Bekehrung der Schuldigen. Das ist Ehrensache für mich.