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Kolumne „Der Philosoph“

Philosophische Wetterschau

Der Mensch ist immer auf irgendeine Weise gestimmt. Die Tatsache, dass wir beispielsweise heiter, traurig, nüchtern, besorgt oder hoffnungsvoll sind, darf dabei nicht als rein emotionaler Zustand, als bloß psychisches Phänomen verstanden werden. Denn unser Gestimmtsein – unsere „Befindlichkeit“, wie Martin Heidegger sie nannte – formt und bestimmt, wie uns die Welt in ihrer Gesamtheit entgegentritt.

Unsere Befindlichkeit erschließt uns die Welt, weshalb eine Differenz in der Stimmung auch einen Unterschied ums Ganze bedeutet: Die Welt des Verliebten ist in toto eine andere als die des Trauernden – selbst wenn alle äußerlichen Fakten dieselben sind.

Das bringt mich zu meinem eigentlichen Thema: dem Wetter. Zu banal für eine philosophische Kolumne? Von wegen! Das Wetter steht nämlich in geheimnisvoller und tiefgreifender Beziehung zur Gestimmtheit des Menschen und damit zu seiner Existenz. Das ist mit ein Grund, warum ein jeder, selbst wenn es sonst nichts zu bereden gibt, immer und überall über das Wetter sprechen kann. Wie genau aber ist das Verhältnis zwischen dem Wetter und unserer welterschließenden Gestimmtheit?

„Denn schuld daran ist nur die SPD“

Das ist einmal der offensichtliche Einfluss der Witterung auf unser Gemüt. Grauer Himmel und Regen im Juli können einem die Vorfreude auf den anstehenden Sommerurlaub vermiesen, ebenso wie ein herrlicher Sonnentag im Spätherbst in der Lage ist, ein beharrliches Gefühl der Trostlosigkeit hinwegzufegen. Freilich ist dies kein strenger Determinismus, sondern nur Ausdruck von Tendenzen.

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Schließlich gibt es auch bei der Bewertung des Wetters gewichtige subjektive Unterschiede. Während mancher Minister den akuten Hitzetod fürchtet, ertappte ich mich heute dabei, wie ich angesichts des trüben Augustbeginns sehsüchtig mit Rudi Carrell vor mich hin summte:   

„Und was wir da für Hitzewellen hatten,
Pulloverfabrikanten gingen ein.
Da gab es bis zu 40 Grad im Schatten,
wir mussten mit dem Wasser sparsam sein.“

Was sich rechnerisch nicht ermitteln lässt, kann es ja gar nicht geben!

Weitaus interessanter noch als der kausale Einfluss des Wetters sind die Phänomene, die auf eine untergründige Harmonie zwischen Wetter- und Seelengeschehen hindeuten. Der Schriftsteller F. C. Delius ist in seiner Doktorarbeit „Der Held und sein Wetter“ (1971) einer solchen Koinzidenz für den Roman des bürgerlichen Realismus nachgegangen.

Aber gibt es nicht über die literarische Fiktion hinaus Momente im echten Leben, in denen das Wetter auf unerklärliche Weise einen Stimmungsumschwung ankündigt oder begleitet? Wenn etwa die Sonne just in jenem Moment den bedrückenden Wolkenvorhang zerreißt, in dem uns per Geistesblitz die Lösung für ein uns lange quälendes Problem vor Augen tritt.

Sicher, solche Erlebnisse lassen sich mit quantitativen Methoden nicht beweisen; von außen betrachtet lässt sich derartiges immer als bloßer Zufall abtun. Das jedoch zeigt in erster Linie, wie verbreitet der moderne Aberglaube ist, dass es etwas, was sich rechnerisch nicht ermitteln und technisch nicht bändigen lässt, gar nicht geben kann.

Jesu Macht oder unsere Hybris

Eine solche rein instrumentelle Einstellung verkennt, was unseren Vorfahren eine Selbstverständlichkeit war: Ob Schicksal oder göttlicher Wille – im Wetter manifestieren sich höhere Mächte als die der Menschheit. Exemplarisch mag dafür eine Szene aus dem Neuen Testament stehen. Als die Jünger auf dem See von einem Sturm überrascht werden, wecken sie voller Panik den seelenruhig schlafenden Jesus. Dieser steht auf und droht Wind und Wellen, woraufhin sich die Wetterlage sofort beruhigt.

Interessant ist die Reaktion der Jünger: Sie sind, wie bei Lukas 8,25 zu lesen ist, „voll Schrecken und Staunen“ und fragen sich: „Was ist das für ein Mensch, dass sogar die Winde und das Wasser seinem Befehl gehorchen?“ Man versteht den Schrecken und die Verwunderung der Jünger allerdings erst vor dem Hintergrund, dass in der damaligen Zeit für Juden wie Heiden gleichermaßen das Wetter allein in göttlicher Hand lag. Durch seine Herrschaft über Wind und Wetter offenbarte Jesus also letztlich seine eigene Göttlichkeit.

Das Verhalten der Jünger macht auf jeden Fall deutlich, welcher Hybris jene verfallen sind, die glauben, sie könnten das Wetter kontrollieren oder gar beherrschen. In der Konfrontation mit der unbändigen Macht des Wetters liegt die Chance zur ebenso demütigenden wie heilsamen Einsicht, dass es Dinge gibt, die sich menschlichen Machbarkeitsphantasien entziehen.

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P.Dornfeld
Vor 6 Monate 4 Wochen

Vielleicht reden wir besser von "anderen" als von "höheren Mächten als die der Menschheit"? Man könnte sogar, zumindest beim Wetter, die "Macht" ganz außen vor lassen. Interessant ist, dass der Nobelpreisträger John F. Clauser gerade die Existenz einer "Klimakrise" hinterfragt. Anstatt von Wetter-Mächten und sinnlosen Kämpfen dagegen sollte vielleicht endlich ein anderes Narrativ gepflegt werden, das vom schlichten Sich-aufs-Wetter-Einstellen.
https://weltwoche.ch/daily/ich-kann-getrost-sagen-dass-es-keine-echte-k…

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P.Dornfeld
Vor 6 Monate 4 Wochen

Vielleicht reden wir besser von "anderen" als von "höheren Mächten als die der Menschheit"? Man könnte sogar, zumindest beim Wetter, die "Macht" ganz außen vor lassen. Interessant ist, dass der Nobelpreisträger John F. Clauser gerade die Existenz einer "Klimakrise" hinterfragt. Anstatt von Wetter-Mächten und sinnlosen Kämpfen dagegen sollte vielleicht endlich ein anderes Narrativ gepflegt werden, das vom schlichten Sich-aufs-Wetter-Einstellen.
https://weltwoche.ch/daily/ich-kann-getrost-sagen-dass-es-keine-echte-k…