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Männer-Bashing

Liebe Männer, schön, dass es euch gibt

Eine Krankenschwester hält ihren Lieblingsautor gefangen. Sie isoliert ihn in ihrem Haus, sie malträtiert ihn, sie macht ihn von schmerzstillenden Medikamenten abhängig. Damit er nicht fliehen kann, bricht sie ihm mit einem Vorschlaghammer beide Fußgelenke. So zu sehen in der Verfilmung des Stephen-King-Romans „Misery“.

Die Frau als Täterin zeigt auch Alexander Dierbach in seinem 2019 veröffentlichten Filmdrama „Weil du mir gehörst“. Hier ist es eine hochmanipulative Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann alles daransetzt, die gemeinsame Tochter von ihm zu entfremden. Eine seelische Grausamkeit folgt auf die andere. Ihr Vorgehen ist eiskalt, berechnend und herzlos. Sowohl der Mann als auch die Tochter leiden Höllenqualen und stehen schließlich tatsächlich wie Fremde voreinander.

„Ein Weib ist viel mehr als der Mann darauf erpicht, Bosheiten auszuhecken“

Wie aber kann es sein, dass Frauen so ganz und gar ohne Heiligenschein dargestellt werden? Zeitgemäß ist das nicht. Auf einen Shitstorm von Feministinnen müsste sich auch der griechische Philosoph Demokrit gefasst machen, der in seinen überlieferten Fragmenten schrieb: „Ein Weib ist viel mehr als der Mann darauf erpicht, Bosheiten auszuhecken“. Um Himmels Willen, lieber Demokrit! Heutzutage ist es nicht erlaubt, auch nur annähernd so zu denken.

Stattdessen gilt die Devise „Fürchtet den Mann“, und zwar umso mehr, wenn er ein sogenannter „alter weißer Mann“ ist. Das ist zwar eine sexistische, rassistische und altersdiskriminierende Verunglimpfung, aber daran stört sich keiner, denn alles, was sich gegen Männer richtet, ist legitim. Je wilder drauflosdiskriminiert wird, desto besser. Zumindest gilt das in woken und feministischen Kreisen, die sich für die Speerspitze in Sachen progressive Menschlichkeit halten.

Die britische Feministin Laurie Penny denkt gern darüber nach, wie „furchterregend und aggressiv Männlichkeit in ihrer modernen Form“ eigentlich sei. Unersättlich in der Gier nach „Bier, Blowjobs und Büffelfleisch, möglichst aus dem galoppierenden Tier gerissen und in Testosteron frittiert“. Anderswo ist viel die Rede vom „toxischen Mann“; zig Frauenmagazine und Youtube-Formate widmen sich der besonders drängenden Frage, wie denn mit ihm umzugehen sei. Im September 2020 betitelte die SRF-Reihe „Sternstunde Philosophie“ eine Sendung mit „Der gekränkte Mann als Gefahr“. Man konstatierte einen eindeutigen Männerüberhang bei Gewalt, Alkoholismus, Suizid.

Die Hoax-These vom gliedgesteuerten Klimawandel

Und just der Penis soll daran schuld sein, dass die Menschheit auf die Apokalypse zusteuert. Denn: Der menschengemachte Klimawandel – sofern man an ihn glaubt – soll die Konsequenz von Hypermaskulinität sein. Diese These publizierten der Philosoph Peter Boghossian und der Mathematiker James Lindsay im Mai 2017 in einem Aufsatz im Fachjournal Cogent Social Sciences. Demnach sei das männliche Glied die „konzeptionelle treibende Kraft hinter großen Teilen des Klimawandels“.

Der frei erfundene und mit postmodernen Phrasen sinnlos zusammengestellte Text hatte vor allem ein Ziel: Er sollte den Nachweis erbringen, dass wissenschaftliche Forschung durch ideologische, fast religiös anmutende Strömungen gefährdet ist und also bisweilen auch blanker Unsinn ohne Bedenken durchgeht, solange er nur dem eigenen Glaubensbekenntnis dient. Übrigens, der Aufsatz durchlief vorab einen klassischen Peer-Review-Prozess, durch den eigentlich sichergestellt werden sollte, dass gewisse Qualitätsstandards nicht unterschritten werden.

Weil alles Übel der Welt auf Männer abgewälzt werden kann, hatten die Publizisten natürlich ein umso leichteres Spiel. Doch wie lange soll das noch so gehen? Was soll die gnadenlos geführte Fehde gegen Männer bringen, außer weiter gesellschaftlichen Unfrieden zu stiften? Es gehört zu den wohl traurigsten Kapiteln der modernen Gesellschaft, dass Männlichkeit automatisch als etwas Gefährliches und Gewalttätiges eingeordnet wird.

Welche guten Geschichten über Männer können wir einander erzählen?

Ein Freund merkte in einem unserer Gespräche an, er habe genug davon; er sei nicht automatisch schuldig, nur weil er als Mann geboren sei. Er sei kein genetisch verurteilter Gewalttäter, der nur auf die richtige Gelegenheit wartet, um über die passende Frau im passenden Fahrstuhl oder geeigneten Hotelzimmer herzufallen. Er habe all diese Verdächtigungen satt. Verständlich.

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Zugleich ist es freilich mitnichten so, dass Männer immer kurz vor der Heiligsprechung stehen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren sie auffallend oft für Gräueltaten verantwortlich – und sind es bis heute. Auch in vielen Partnerschaften und Familien herrscht männliche Gewalt. Doch das berechtigt nicht, um gegen alles in die Schlacht zu ziehen, was nur ansatzweise daran erinnert, dass die Erde mit Lebewesen besiedelt ist, die mit einem xy-Chromosom ausgestattet sind. Männer beständig als gefährlich und gewalttätig zu brandmarken wird ihnen schlichtweg nicht gerecht.

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Daher: Schluss mit dem Männer-Bashing. Über sie lässt sich schließlich sehr viel Schönes sagen. Und es tut not, das zu tun. In Bezug auf gesellschaftliche Streicheleinheiten sind Männer derart ins Hintertreffen geraten, dass wir uns nicht zurückhalten sollten nachzuholen, was sie gewiss schmerzlich vermissen. Warum also bereichern sie uns? Welche guten Geschichten über Männer können wir einander erzählen? Mir fallen jede Menge ein. Und daher kommt hier mein ganz persönlicher Blick, ein – freilich – weiblicher Blick.

Leben gerettet, Auto in Gang gebracht, Koffer getragen, Appetit gemacht

So ist es dank der Hilfe von Männern im Alltag oft leichter. Manchmal gibt es Wasserflaschen oder Marmeladengläser, die sich nicht öffnen lassen, ohne die Verstauchung meiner Handgelenke zu riskieren. Reiche ich sie einem Mann, dreht er sie ohne mit der Wimper zu zucken auf. Ich genieße es, dass Männer mir die Tür aufhalten, mir aus dem Mantel helfen und meinen Koffer tragen, weil es zeigt, dass sie bereit sind, mir Last und Anstrengungen abzunehmen, damit ich es angenehmer habe.

Ihnen Bekundungen zu verwehren, in denen sie sich zugewandt und freundlich zeigen können, halte ich für eine der fatalsten feministischen Verirrungen. Ein reflexhaftes „Das kann ich selbst“ mag zwar stimmen, aber es verhindert eben Gelegenheiten, in denen Männer ihre Zugewandtheit und Unterstützung ausleben können. Warum muss man sie dauernd frustrieren und signalisieren, sie würden nicht gebraucht? Warum es sich schwerer machen, wenn man es doch gemeinsam viel weniger anstrengend haben könnte?

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Es gibt genug Gründe, Männern dankbar zu sein. Im Kleinen wie im Großen. Ich hatte zwei Not-OPs – es waren Männer, die mein Leben gerettet haben. Ich war herzschmerzbetrübt und hatte wochenlang kaum mehr Lust, etwas zu essen – es war ein Mann, der mir ein fantasievolles Fünf-Gänge-Menü kreiert und damit wieder Appetit gemacht hat. Ich stand mit einem Auto, das nicht mehr fortzubewegen war, auf der Landstraße, bei strömendem Regen – es war ein Mann, der stehenblieb und das Auto wieder in Gang brachte.

Ich sammelte, in den ersten Jahren als Journalistin, alle Zeitungsartikel, die ich geschrieben hatte, und bewahrte sie lose auf – es war mein Vater, der mir extra große Ordner dafür bastelte. Er war es auch, der das allererste Bett baute, in dem ich geschlafen habe. Und der mir Schwimmen und Radfahren beibrachte. Und dass es egal ist, was andere von mir denken.

Pathos, Zärtlichkeit, Verehrung – alles das ist männlich

Ein guter Freund aus Österreich kümmert sich gerne um Pflanzen, und ich mag die Hingabe, mit der er das tut. Ein anderer Freund liebt schöne alte Bücher und pflegt seine Bibliophilie leidenschaftlich. Ohnehin ist die Geschichte der Männer auch eine Geschichte über die große Bereitschaft, sich hinzugeben. Man denke an Albert Einstein, der sich an die Ergründung physikalischer Phänomene verlor. Oder an Friedrich Nietzsche, der sich mit Inbrunst dem Geistigen verschrieb. Oder an Goethe, der sich in seinem jungen „Werther“ abbildete, einen leidenschaftlich Liebenden.

Literaten und Musiker bekennen sich seit Jahrhunderten dazu, der Frau die Welt zu Füßen legen zu wollen. Die Dokumente ihrer Verehrung sind unzählig. Ich selbst habe welche erhalten und sie in mehreren Kisten aufbewahrt; dereinst, als ich Jugendliche war, wurden amouröse Bekenntnisse noch mit der Hand geschrieben.

Pathos, auch das ist also männlich. Und Zärtlichkeit. Und Verletzlichkeit. Die Liste fortzuführen, überlasse ich nun Ihnen, lieber Leserin, lieber Leser. Sammeln wir das, was aus der Dämonisierung des Mannes herausführt. Werfen wir das in die Waagschale, was uns uns gegenseitig mit wohlwollenden, ja leuchtenden Augen ansehen lässt. Und lassen wir von den Geschichten ab, die Männer oder wen auch immer kleinhalten wollen.

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