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Feminismus

Eva im Exil

Die Grundlage jeder kulturellen Problemdiagnose ist die sorgfältige Analyse von Symptomen und möglichen Gründen eines Phänomens. Es gilt dabei die Daumenregel: Je vielseitiger (und umfangreicher) die Analyse, desto größer ist die Chance, das Problem wirklichkeitsgetreu zu benennen – und damit auch dessen Lösung. Doch gerade in der Debatte um den Feminismus ist von Vielseitigkeit keine Rede – weder in linkspolitischen Kreisen, die nur eine einzige Antwort kennen, noch in rechtspolitischen, die nicht anerkennen wollen, dass es ein Problem gibt.

Das gängige Narrativ der Frau als vom allgegenwärtigen Patriarchat unterdrücktes Wesen, deren Befreiung letztendlich nur durch absolute Gleichheit erreicht werde, ist der Versuch einer solchen Problemdiagnose. Wer aber meint, man müsse sich nicht mit den „ohnehin unsinnigen Argumenten“ der Feministinnen auseinandersetzen, entzieht sich der Debatte.

Es ist also wenig verwunderlich, dass an diesem Narrativ mittlerweile ganze Karrieren hängen und es zunehmend schwieriger wird, die Diskussion mitzugestalten oder in eine andere Richtung zu lenken. Hinzu kommt, dass der Bürger einer seelisch verkümmernden Gesellschaft wenigstens irgendeine „Wahrheit“ liebgewinnen muss, um den Geist über Wasser zu halten; und gerade diese „Wahrheiten“ opfert der Mensch besonders ungern.

Die Frau und der wirtschaftliche Umbruch

Aus konservativer Sicht sind die feministischen Bewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts Ursache allerlei gesellschaftlichen Übels. Diese Kritik ist in vielen Punkten gerechtfertigt – die Klage der Feministinnen hingegen auch. Das, was wir heute als „Feminismus“ bezeichnen, ist durch eine Geschichte wirtschaftlicher Umbrüche gekennzeichnet.

Die britische Journalistin Mary Harrington schreibt in ihrem Essay The Sexual Revolution Killed Feminism

„Genauer gesagt ist er (der Feminismus, Anm.) die Geschichte darüber, wie Männer und Frauen ihr gemeinsames Leben neu aushandelten; zunächst als Reaktion auf den Eintritt in das Industriezeitalter und später auf die marktwirtschaftliche Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.“

In den vorindustriellen, landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften war die durchschnittliche Frau Teil eines Produktionshaushalts: Sie verarbeitete die Lebensmittel und Rohstoffe, die von den Männern in diesem Haushalt erwirtschaftet wurden, zu Mahlzeiten, Kleidung und anderen Gebrauchsgegenständen. Gleichzeitig kümmerte sie sich oftmals um eine Vielzahl von Kindern.

Frau verlor ihre Aufgaben

Im Zuge der Industrialisierung wurden die Familien kleiner und die Arbeit fand „außerhalb des Hauses statt, was eine schärfere Trennung der Geschlechterrollen provozierte“, schreibt Harrington. Die Haupttätigkeiten der Frau waren nun die Kindeserziehung, die Verwaltung von Dienstboten und der Konsum von Waren, die anderswo produziert wurden. Dieses neue Leben war in vielerlei Hinsicht materiell komfortabler. Gleichzeitig nahm die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann zu, denn die Handlungsfähigkeit, die die Frau im agrarischen Produktionshaushalt innehatte und verlor, wurde durch keine andere ersetzt. Wirtschaftliche und politische Hilflosigkeit machten sich breit. Dieses „Ungleichgewicht war die Triebfeder der ersten feministischen Kampagnen“, unter anderem für Eigentumsrechte

Der zunehmende Verlust dieser Handlungskompetenzen mag außerdem erklären, weshalb die Wortführerinnen oftmals aus materiell besser gestellten Schichten stammten. Führt man Harringtons Argument fort, erlitten die wirtschaftlich besser gestellten Frauen nämlich den größten Verlust an Handlungskompetenzen – denn ihre häuslichen Tätigkeiten bestanden vor allem aus reinen Verwaltungsakten und schufen damit keinen eigenen wirtschaftlichen Wert. Damit waren sie wirtschaftlich abhängiger vom Mann als Frauen der Arbeiterklasse.

Übrig bleibt der Arbeitsplatz

Heutzutage wird jede Hausarbeit durch eine Maschine ersetzt. Auch für Beziehungsarbeit – das Knüpfen und die Pflege gemeinschaftlicher, langfristiger Bindungen – gibt es in einer zunehmend atomisierten Städtegesellschaft scheinbar keinen Bedarf mehr. Wo kann Frau noch Kompetenzen wahrnehmen? Am Arbeitsplatz. Sich unter gleichmachenden Bedingungen (zum Beispiel mittels einer Frauenquote) in den männlichen Kompetenzbereich integrieren zu wollen, erscheint weitaus logischer, wenn man bedenkt, dass Frau ihren eigenen im Zuge der wirtschaftlichen Umbrüche der letzten Jahrhunderte verlor.

Gleichzeitig bleibt diese Integration nicht ohne Folgen. Das Familienleben bricht auseinander und jede Form der Fürsorgearbeit wird an den Wohlfahrtsstaat ausgelagert. Wer aber meint, Frau solle einfach ihre alten Pflichten wieder wahrnehmen, verkennt die Realität. Wie viele jungen Paare können es sich heute noch leisten, auf ein Gehalt zu verzichten?

Wenn Frauen zu den Männern werden, die sie verabscheuen

Auch die Vermännlichung von Sexualität und Intimität ist eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung. Statt eine reife, gesunde Form der Interdependenz – der wechselseitigen Abhängigkeit – anzustreben, scheint Sex in vielen Kreisen zur „lustigen Freizeitbeschäftigung“ verkommen zu sein, die lediglich durch einen vertragstheoretischen Ansatz gesteuert werden müsse, damit beide Seiten zufrieden sind.

Ist ein Vertrag nicht auch eine Form wechselseitiger Abhängigkeit? Das ist richtig, und doch wieder nicht. Ein Vertrag regelt die Ansprüche einer Partei gegenüber einer anderen und diese Ansprüche können bei einer Vertragsverletzung eingeklagt werden. Beim Fahrradkauf oder der Wohnungsmiete mag das angebracht sein, nicht aber in einer Beziehung zwischen zwei Menschen.

Wenn ich im Kontext von Sexualität von Vermännlichung spreche, meine ich insbesondere die Konsequenzlosigkeit von Sex, die in erster Linie Männern vorbehalten ist. Historisch betrachtet ist das männliche Sexualverhalten von relativer Promiskuität geprägt. Das ist wenig verwunderlich, denn Männer tragen die Konsequenz einer Schwangerschaft niemals selbst.

Die sexuelle Revolution der 60er und 70er Jahre fand auf diese Diskrepanz folgende Antwort: Um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herzustellen, müsse Frau sich so promiskuitiv verhalten wie der Mann. Diese Idee steht im krassen Gegensatz zur sogenannten „ersten sexuellen Revolution“, wie Professor Kyle Harper von der Universität Oklahoma den Umbruch des Sexualverhaltens im alten Rom bezeichnet. Mit dem Einzug des Christentums war es nicht die Frau, die ihr Sexualverhalten dem Mann anpassen musste. Es war der Mann, der so keusch leben sollte, wie er es von der Frau erwartete.

Entsprechend musste der Mann bei der Entscheidung für oder gegen einen Sexualpartner nicht wählerisch sein. Dieses Verhalten wurde in den meisten Zivilisationen sozial akzeptiert und nicht selten als normal und gesund gepriesen. Von Frauen hingegen erwartete man Keuschheit, nicht zuletzt, um die Integrität der familiären Abstammung zu wahren.

In unserer heutigen Gesellschaft äußert sich der Wunsch nach Vermännlichung nicht zuletzt im radikalen Bestreben, die Frau und ihre körperlichen Gegebenheiten gänzlich voneinander zu trennen. Die Forderung nach einer totalen Legalisierung der Abtreibung ist der logische Gipfel dieses Bestrebens.

Keine Gerechtigkeit ohne Unterschiede

Es ist kein Geheimnis, dass sowohl Frauen als auch Männer unter den aktuellen Umständen zu leiden haben. Harrington schreibt in ihrem Essay:

Für beide Geschlechter entsteht eine zwischenmenschliche Landschaft, die von Pornografie durchdrungen ist, die Intimität aktiv ablehnt und vom falschen Glauben beherrscht wird, dass männliche und weibliche Sexualität ein und dasselbe sind. In diesem Umfeld wird das Streben nach Vergnügen zu einer entwürdigenden Suche nach Nervenkitzel, die beide Geschlechter abgestumpft und vernarbt zurücklässt."

Erst wenn wir anerkennen, dass es sich bei Frauen und Männern um zwei unterschiedliche Wesen handelt, werden wir eine Gesellschaft errichten können, die beiden Geschlechtern gleichsam dienlich ist. Wir brauchen den Mut, unsere Unterschiede und ihre Daseinsberechtigung geltend zu machen, ohne dass sie durch das andere Geschlecht gefährdet werden. Ziel ist nicht der Sieg des einen Geschlechts über das andere, sei es nun der Sieg der Frau über den Mann oder der des Mannes über die Frau. Ziel ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir auf dieser Welt zusammenleben können.

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Helmut Kusterer
Vor 6 Monate 2 Wochen

Im letzten Absatz des Kapitels "Wenn Frauen zu den Männern werden, die sie verabscheuen", beim letzten Wort, ist Ihnen ein verblüffender, Wahrheit durchscheinen lassender Tippfehler gelungen, eine richtige Freudsche Fehlleistung, die Sie vielleicht doch korrigieren sollten.

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Vor 6 Monate 2 Wochen

Tatsächlich, wir haben das korrigiert (auch wenn man es, wie Sie richtig sagen, als Durchscheinen der Wahrheit gelten lassen könnte). Danke sehr für den Hinweis.

Die Redaktion

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Helmut Kusterer
Vor 6 Monate 2 Wochen

Im letzten Absatz des Kapitels "Wenn Frauen zu den Männern werden, die sie verabscheuen", beim letzten Wort, ist Ihnen ein verblüffender, Wahrheit durchscheinen lassender Tippfehler gelungen, eine richtige Freudsche Fehlleistung, die Sie vielleicht doch korrigieren sollten.

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Vor 6 Monate 2 Wochen

Tatsächlich, wir haben das korrigiert (auch wenn man es, wie Sie richtig sagen, als Durchscheinen der Wahrheit gelten lassen könnte). Danke sehr für den Hinweis.

Die Redaktion