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Christliche Ehe- und Familienberatung

Nimm dir Zeit für die Liebe

Du bist 20, liegst im Studentenwohnheim neben deiner ersten „richtigen“ Freundin, deren Mitbewohnerin ist verreist, es gibt Raum für ungestörte Zweisamkeit, du bist verknallt wie Hulle. Die Liebste hört dein Herz schlagen. Und dann fängt sie plötzlich an: Bei dem Daniel hat es so stark geschlagen, so lub-dub, lub-dub, immer so … Mit der Hand macht sie kurz dieses Herzklopfen nach, das von dem Daniel. Aha. Du sagst zwar nichts, aber irgendwie bist du doch irritiert und ganz leicht angefressen. Der Hinweis hätte jetzt nicht sein müssen, dass es die Situation schon mal mit jemand anderem gab. Nicht jetzt.

Ein paar Wochen später macht sie Schluss, so, wie man eine lästige Fliege wegscheucht, zu anstrengend, passen nicht zusammen. Aus. Tagelang hängst du zwischen Leben und Tod.

Nach einiger Zeit, du kriegst das über den Flurfunk an der Uni mit, da kam dann Freund Nr. 3. Später heiratet sie, bekommt zwei Kinder, und als die Liebe irgendwann vorbei war, setzt sie ihren Mann vor die Tür, da sind die Kinder noch klein. Nach noch nicht mal zehn Jahren die Scheidung, danach eine Affäre, die Geschichte hält nicht lang.

Mit dir selbst sieht es kein Stück besser aus. Es ist alles das heute Übliche, es sind Dutzendschicksale. Und mit diesen Dutzendschicksalen im Hinterkopf rufst du beim Institut für Ehe und Familie (IEF) an, um bei den Wienern zu erfragen, wie man das eigentlich richtig macht, das mit Ehe und Familie.

Kannst du wenigstens für die Corrigenda-Leser was erfragen, was nützlich sein könnte für weite Kreise? Gibt’s da Rezepte? Denn für alles und jedes gibt es doch Kurse, Anleitungen, Prüfungen, Bescheinigungen. Berufsausbildung, Studium, Fahrerlaubnis, Angelschein … Für das fachgerechte Hantieren mit Sprengstoff braucht man eine Unbedenklichkeitsbescheinigung nach Paragraf soundso von Verordnung soundso. Aber was den Sprengstoff in unseren Ehen und Beziehungen angeht, da stolpern wir ahnungslos auf vermintes Gelände.

„Investieren Sie Zeit in Ihre Beziehung!“

„Viele wachsen ja schon in verletzten Beziehungen auf, viele erleben nicht mehr das traditionelle Familienbild, sondern kommen aus Scheidungsfamilien“, fasst Brigitte Schmid den Stand der Dinge zusammen. Oft sei es so, dass man schon am Anfang nicht sauber in die Ehe gehe, nicht alles ausgesprochen wurde. Schmid leitet beim IEF den Beratungsdienst für Ehe-, Familien- und Lebensfragen. Vor dem Hintergrund eines veränderten gesellschaftlichen Kontextes hätten Beziehungen heute eine andere Qualität als früher.

„Leider haben die jungen Menschen, die ohne kirchliches ‘Setting’ aufwachsen, ganz wenig Orientierungshilfe. Auch das große Geschenk der Sexualität wird viel zu früh gelebt.“ Begriffe, Haltungen wie Opferbereitschaft, Aushaltenkönnen, die Bedürfnisse des anderen zu bejahen, besonders auch die der Kinder, hätten die Paare heute meist gar nicht mehr auf dem Schirm. Schnell rein ins Bett, schnell wieder raus – war’s das jetzt?

„Es gibt weniger Stressresilienz“, sagt Schmid. „Es ist so, dass man heute schneller die Dinge hinschmeißt. Wir sehen eine Tendenz, sich selbst ins Zentrum der Welt zu stellen, dass es darum geht, ‘Hauptsache, mir selbst geht es gut’.“

Die studierte Soziologin und Diplomsozialarbeiterin hat gleich zu Anfang schon etwas, das sie loswerden, das sie mit auf den Weg geben will: „Investieren Sie Zeit in Ihre Beziehung! Eine Beziehung, eine Partnerschaft ist kein Selbstläufer! Das haben viele nach unseren Beobachtungen noch zu wenig im Bewusstsein. Denn später wird es dann schwieriger miteinander, viele verlieren sich, wenn das Verliebtsein aufhört.“ Dass die Verliebtheitsphase etwas anderes ist als Liebe, das könnten viele Menschen nicht richtig einordnen.

Kommunikation, immer wieder Kommunikation

Eine launige Bemerkung, eine leichte Kritik, ein unzufriedenes Murren, ein Necken, das den anderen doch verletzt hat, eine enttäuschte Erwartung, weil der andere sich anders verhalten hat, als man es dachte: Bei so alleralltäglichsten Misshelligkeiten im Zusammenleben sei es an erster Stelle wichtig, „immer im Gespräch zu bleiben und immer in die Versöhnung zu gehen“, legt Frau Schmid uns ans Herz. „Haben Sie den Mut, immer neu anzufangen, bemühen Sie sich um eine ehrliche und tiefe Begegnung!“

Vorschau Diplomsozialarbeiterin Mag. Brigitte Schmid
Brigitte Schmid, Leiterin des IEF-Beratungsdienstes für Ehe-, Familien- und Lebensfragen

Beraterin Schmid weiß natürlich, dass jeder aus anderen Zusammenhängen kommt, durch verschiedene Elternhäuser verschieden geprägt ist; ein jeder hat andere Gewohnheiten, pflegt andere Traditionen und Bräuche („bei uns haben wir das aber immer so gemacht“); auch vermeintliche Kleinigkeiten wie der Umgang mit Geld oder ob und wie man Weihnachten feiert, was der Sonntag für einen bedeutet oder auf welche Art und Weise im Bad die berühmte Zahnpastatube ausgedrückt wird – von hinten, von vorn, aus der Mitte – da können große Themen draus werden.

„Jeder bringt einen anderen Rucksack mit. In der einen Familie wurde alles offen besprochen, in der anderen bevorzugt geschwiegen und es unter den Teppich gekehrt.“ Aber auch an dieser Stelle noch einmal: „Sprechen Sie miteinander! Sorgen Sie sich um eine Atmosphäre, in der sich jeder gehört fühlt. Was waren das für Prägungen, was ist meine Herkunftsfamilie, aber auch: Was habe ich für Visionen?“ Es gelte, sich das miteinander in aller Behutsamkeit bewusst zu machen.

Wenn die Kinder ausziehen

Gemeinsame Visionen entwickeln, etwas, was über den Alltag mit Wäsche waschen und Kindererziehung weit hinausgeht. Denn die Kinder werden flügge werden, das Haus verlassen. Das Paar bleibt allein, auf sich zurückgeworfen. Übergänge sind immer schwierige Phasen für die Paarbeziehung – nach der Unverbindlichkeit von Treffen das Zusammenziehen, ein Hausbau, ein Wohnortwechsel, Wiedereinstieg in den Beruf, ein definitiv unerfüllt bleibender Kinderwunsch, plötzliche schwere Krankheit, Tod von Angehörigen, die eine emotional verbindende Position einnahmen („Der Opa war immer das Zentrum“).

„Entwickeln Sie eine gemeinsame Vision“, empfiehlt Schmid. „Überlegen Sie, welche Fußspuren Sie zusammen auf der Welt hinterlassen wollen. Gehen Sie gemeinsame Aufgaben an, zusammen mit Ihrem Partner.“

Der wissbegierige Redakteur fragt nach Rezepten, nach Punkten zum Aufschreiben. „Die Paare kommen oft auch viel zu spät, wenn nichts mehr einzufangen ist und man nur noch Schadensbegrenzung betreiben kann.“ Aber die erfahrene Beraterin und Mutter von fünf Kindern hat drei Punkte – und holt etwas aus.

Vorschau Glückliche Familie mit zwei Kindern in einem Park, Mutter mit dem dritten Kind schwanger (Symbolbild)
Glückliche Familie mit Kindern: „Welche Fußspuren wollen Sie zusammen auf der Welt hinterlassen?“

Wie denn überhaupt über der Beratungsarbeit für Ehepaare und Familien noch eine andere Dimension steht, ein hoher Himmelsbogen gleichsam: unser Leben miteinander vor Gottes Angesicht. Das Institut für Ehe und Familie ist eine Einrichtung der katholischen Kirche Österreichs, die Mitarbeiter haben einen christlichen Hintergrund. 

Doch die Angebote zu Gespräch und Hilfe in Krisen- und Überforderungszeiten sind offen für alle. „Wir freuen uns über Paare, die ohne religiöses ‘Setting’ sind“, macht Frau Schmid deutlich: „Viele sind ganz erstaunt, Kirche noch einmal ganz neu von anderer Seite zu erleben!“ Also die drei Punkte:

1. Nicht unversöhnt schlafen gehen

„Wir sind Menschen, die immer wieder fallen. Es gehört zu unseren menschlichen Schwächen, dass wir nicht mehr aneinander arbeiten. Oft hören man, wie Paare sagen: ‘Wir haben uns verloren’, und dann stellt sich heraus, dass sie lange schon gar nicht mehr Zeit miteinander verbracht haben. Ich meine, das sind vertrocknete Chancen. Darum: Sprechen Sie am Abend vor dem Zubettgehen noch mal über den Tag, gerade auch über das, was nicht so gut war, über ein Problem, über den Streit. Sagen Sie dem anderen in Frieden: ‘Du, wir haben jetzt keine Lösung dafür gefunden, aber wir reden morgen noch mal darüber.’“ Nicht unversöhnt ins Bett gehen, auch, wenn die Probleme noch vorhanden sind, auf jeden Fall friedvoll schlafen gehen.

2. Regelmäßig einen Abend nur zu zweit

Regelmäßig einmal in der Woche einen Abend füreinander reservieren, nur zu zweit. „Wir brauchen diese Tankstelle füreinander! Schaufeln Sie sich diesen Raum bewusst frei und schaffen Sie aber auch eine echte Begegnung, zeigen Sie echtes Interesse am Partner.“ Ohne Smartphone, ohne Medien, ohne die Kinder. Das hilft zu erfahren, wie sich der Partner fühlt, wie es ihm geht. Ganz wichtig auch: Gut zuhören und doppelt so große Ohren haben wie den Mund.

3. Schauen wir in dieselbe Richtung?

Gespräch und Verständigung: Es geht darum, immer wieder zu gucken, ob man in dieselbe Richtung schaut, ob man diese schon angesprochenen gemeinsamen Visionen hat, ob es da Einigkeit gibt. „Haben wir Dinge, die uns gemeinsam verbinden, stützt uns ein gemeinsames Wertesystem?“ Das könnte eine gemeinsam gelebte Spiritualität sein, gemeinsame Aktivitäten, Projekte – „Projekte, die bindend wirken. Und man kann auch gemeinsam fruchtbar werden für andere Menschen.“

Ehepartner könnten sich fragen: „Von was träumst du denn, was ist denn dein Traum? Dass man das immer so im Gespräch miteinander abgleicht. Träume und Visionen, Fußabdrücke, die ich hinterlassen will – „es kann sich in den verschiedenen Lebensphasen auch auseinanderentwickeln“. Die Träume und Visionen werden im Alter von 22 Jahren andere sein als mit 44 oder 66. „Es geht darum“, so Frau Schmid, „dass ich vom anderen Bescheid weiß, so dass man sich nicht verliert. Wichtig ist, dann auch ins Tun zu kommen, dass Sie gemeinsam etwas Verbindendes unternehmen“, etwa einem Hobby nachgehen, Sport treiben, Kultur, Theater, Besuchsdienste für Kranke in der Gemeinde versehen oder was auch immer.

Miteinander wachsen

Mit diesem Rüstzeug soll es wohl besser gelingen, den Sprengstoff in unseren Ehen und Beziehungen rechtzeitig zu entschärfen und die Schwächen und Charakterfehler des Partners mit dem Mantel der Liebe zu bedecken.

Das Wesentliche, so wird im Gespräch mit der Beratungsteamleiterin vom Institut für Ehe und Familie deutlich: Es geht um gemeinsames Wachstum in der Paarbeziehung. Damit die Dutzendschicksale abnehmen und es immer mehr und mehr Hunderte und Tausende gemeinsam alt gewordene, aneinander gewachsene Ehepaare gibt.

 

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Paula
Vor 3 Wochen 1 Tag

Ein sehr schöner ermutigender Artikel mit Klassikern und neuen Ideen. Zum Weiterleiten!

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Auswanderer
Vor 3 Wochen 1 Tag

Wertvolle Tipps, die Sie hier abliefern, Frau Schmid. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiss ich: Sie sind schwerer zu befolgen als sie klingen.

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Auswanderer
Vor 3 Wochen 1 Tag

Wertvolle Tipps, die Sie hier abliefern, Frau Schmid. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiss ich: Sie sind schwerer zu befolgen als sie klingen.

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Paula
Vor 3 Wochen 1 Tag

Ein sehr schöner ermutigender Artikel mit Klassikern und neuen Ideen. Zum Weiterleiten!