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Verfrühter Sex, zerbrochene Beziehungen und Bindungsunfähigkeit

Sex ohne Ehe hat nicht glücklicher gemacht

Es beginnt mit einem Kribbeln oder auch mit den berühmten Schmetterlingen im Bauch: Wenn Jugendliche geschlechtsreif werden und die Anziehungskraft des anderen Geschlechts spüren, beginnen heute für die meisten jungen Menschen die ersten sexuellen Erfahrungen. Dem „ersten Kuss“ folgen Berührungen „underneath your clothes“ (Shakira) – und es geht weiter über Petting und andere sexuelle Praktiken bis zum „ersten Mal“.

Kaum ist das Teenager-Alter verlassen, beginnen viele dieser Mädchen und Jungen zusammenzuziehen, teilen „Bett und Tisch“, leben also in „wilder Ehe“, wie man früher sagte, zusammen. Schneller als vorher gehofft, brechen solche Lebensgemeinschaften wieder auseinander, enden nicht selten hässlich und nicht mit dem Versprechen einer zukünftigen Freundschaft.

Nach etlichen schmerzlichen Trennungserfahrungen und verletzten Herzen, darunter auch Abtreibungen unerwünschter ungeborener Kinder, kommen sie unversehens in die 30er-Jahre ihres Lebens – und haben nicht den ersehnten treuen Partner für eine Familiengründung gefunden.

Die Freiheit lockte, Pfarrer schwiegen

Als Ende der 1960er Jahre die Studenten in Deutschland auf die Straße gingen und die antiautoritäre Kulturrevolution nach marxistischen Maximen propagierten, wurde gleichzeitig auch die Sexuelle Revolution („freie Liebe“) eingeläutet. Vermeintlich alte moralische Vorstellungen sollten abgeschüttelt werden; die versprochene Freiheit lockte. Eltern und Erzieher sahen sich gegenüber dieser Welle „neuer Werte“ machtlos und ließen ihre Kinder gewähren.

Als der „Kuppelei-Paragraph“, der unverheirateten Paaren das Mieten eines Doppelzimmers in einem Hotel bei Strafe verbot, aufgehoben wurde, war die „wilde Ehe“ zu einem Allgemeingut geworden. Regten sich in den siebziger Jahren in der katholischen Kirche noch Widerstände gegen die „Sittenlosigkeit“ der jungen Menschen, war dies spätestens in den achtziger Jahren vorbei.

Obwohl die „freie Liebe“ fundamental allem widersprach, was die Bibel und der Katholische Katechismus lehrte, trauten sich Pfarrer, Pastoren oder andere kirchlich Verantwortliche nicht mehr, gegen den Sittenverfall zu predigen oder davor zu warnen.

Die prophetischen Warnungen des Papstes verhallten

Papst Paul VI. muss man es heute hoch anrechnen, dass er mit dem Lehrschreiben „Humanae Vitae“ von 1968, der sogenannten „Pillen-Enzyklika“, die Anwendung künstlicher Verhütungsmittel für katholische Christen weltweit verbot. Er warnte in der sieben Jahre später folgenden Erklärung „Persona Humana“ vor den gravierenden Folgen einer außerhalb einer gültigen Ehe praktizierten Sexualität. Sie würde die Persönlichkeit der Menschen tiefgreifend verändern.

So nahmen die Dinge ihren Lauf. Unter katholisch getauften und gefirmten Jugendlichen gehen heute weit weniger als zehn Prozent als „Jungfrau“ oder „Jungmann“ in die sakramental gespendete Ehe.

Was also tun? Entweder man passt die Moral an die (sündigen) Zustände des Sittenverfalls an oder die Kirche lehrt Menschen, das allezeit gültige und göttliche Sittengesetz zu halten beziehungsweise zum lebendigen Gott umzukehren.

Die Herzen sind durch Trennungs- und zu frühe sexuelle Erfahrungen oftmals tief verletzt

Auf Symposien des „Synodalen Weges“ versucht man offenbar den ersten Weg der Anpassung der katholischen Sexualmoral an den Zeitgeist. Die vielleicht gutgemeinten Vorschläge der selbsternannten Reformer übersehen dabei, in welche Lage die Kirche selbst (sexueller Missbrauch) durch die Annahme der „Werte“ der Sexuellen Revolution gekommen ist. Die Scheidungszahlen, auch unter katholischen Ehepaaren, sind hoch, und Millionen suchen in Portalen wie „Parship“, „Tinder“ oder „LoveScout“ noch immer (oder auch wieder) nach dem Partner fürs Leben.

Ein Ausweg aus den Teufelskreisen der freien Liebe scheint auf diese Weise nicht erkennbar. Denn die jungen Leute von heute haben genau die Erfahrungen gemacht, vor denen Papst Paul VI. einst gewarnt hatte. Die Herzen und Seelen von Männern wie Frauen sind durch Trennungs- und zu frühe sexuelle Erfahrungen oftmals tief verwundet und verletzt worden.

Schützenhilfe aus unerwarteter Richtung: Max Horkheimer

Für den Neomarxisten Max Horkheimer (18951973), Vater der Neuen Linken und einflussreichen Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, galt Gott durch die tatsächliche Geschichte und die modernen Naturwissenschaften widerlegt, das Christentum als eine Lüge. Die „Kritische Theorie“ der philosophischen Schule der „Frankfurter“, die das theoretische Rüstzeug für die Kulturrevolution von 1968ff. lieferte, setzt ganz auf „emanzipatorische“ Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft und übt prinzipielle, verneinende Kritik an allem Bestehenden und Überlieferten.

Seine Einstellung zur Ehe war ambivalent: als Objekt soziologischer Untersuchung sah er Bedeutung und Bindekraft der Ehe im Schwinden begriffen, persönlich hingegen war Horkheimer glücklich verheiratet. „Diese Erfahrung (einer guten Ehe, Anm. d. Red.)“, äußerte er einmal in einem 1970 veröffentlichten Interview mit Helmut Gumnior, „ist auch der Grund, warum ich so kritisch über die an sich notwendige Auflösung der erotischen Liebe in der Gegenwart denke.“

Und fährt fort, das in „Humanae Vitae“ ausgesprochene päpstliche Verbot künstlicher empfängnisverhütender Mittel zu verteidigen: „Die Pille müssen wir mit dem Tod der erotischen Liebe bezahlen.“ Denn Liebe gründe in der Sehnsucht nach der geliebten Person. „Sie ist nicht frei vom Geschlechtlichen. Je größer die Sehnsucht nach Vereinigung mit dem geliebten Menschen ist, umso größer ist die Liebe. Hebt man nun dieses Tabu des Geschlechtlichen auf, fällt die Schranke, die Sehnsucht weitgehend erzeugt, dann verliert die Liebe ihre Basis.“

Die Pille mache Romeo und Julia „zu einem Museumsstück (…) Heute würde Julia ihrem Romeo erklären, dass sie nur noch schnell die Pille nehmen wolle und dann zu ihm komme.“ Horkheimer halte es für seine Pflicht, „den Menschen klarzumachen, dass wir für diesen Fortschritt einen Preis bezahlen müssen, und dieser Preis ist die Beschleunigung des Verlustes der Sehnsucht, letztendlich der Tod der Liebe“.

Wenn bei Frauen ab dem 30. Lebensjahr die biologische Uhr lauter zu ticken beginnt, bei beiden Geschlechtern angesichts hoher beruflicher Belastung die Furcht vor nächtlichem Kindergeschrei und Einschränkungen der bisherigen Urlaubsplanung wächst, befinden sich die in „wilder Ehe“ lebenden Paare in einer verzwickten Lage. Wer will dann noch dem Kinderwunsch folgen und eine Familie gründen? Ist es nicht klüger, dem bisherigen, freien Lebensstil weiter zu folgen, wohl ahnend, dass die ersehnte Treue des Ehepartners nicht ohne Opfer im Lebensstil und nicht ohne finanzielle Einbußen zu haben ist?

Die menschliche Liebe läßt den bloßen Versuch nicht zu

Ich habe kürzlich mit einem evangelischen Pfarrer gesprochen, der seit mehr als 30 Jahren unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeitet. Er bestätigte die hier beschriebene Lage. Heute zeige sich durchgehend eine Bindungsunfähigkeit bei jungen Menschen, die wohl auch auf die zu früh eingegangenen sexuellen Kontakte zurückzuführen sei.

Explizit mahnt der Katholische Weltkatechismus (KKK 2391), dass es kein „Versuchsrecht“ zwischen zwei Partnern geben könne. Eine echte und wahre Liebe lasse den bloßen „Versuch“ nicht zu; sie verlange „eine endgültige und ganze gegenseitige Hingabe der beiden Partner“ (vgl. KKK 2364).

Der Ausdruck freie Liebe ist trügerisch: Was kann ein Liebesverhältnis bedeuten, bei dem die beiden Partner keine gegenseitigen Verpflichtungen eingehen und damit bezeugen, dass sie weder auf den Partner noch auf sich selbst noch auf die Zukunft genügend vertrauen?“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Abschnitt 2390)

Selbst wenn der Wille zur Heirat feststehe, würden „verfrühte geschlechtliche Beziehungen keineswegs die Aufrichtigkeit und die Treue der zwischenmenschlichen Beziehungen von Mann und Frau gewährleisten noch sie vor allem gegen Laune und Begierlichkeit zu schützen vermögen“, heißt es in der Erklärung „Persona Humana“ von Papst Paul VI. Die leibliche Vereinigung sei nur dann moralisch zu rechtfertigen, wenn zwischen dem Mann und der Frau eine „endgültige Lebensgemeinschaft gegründet worden ist“.

Der letzte Hoffnungsanker

Für katholische Frauen wie Männer, die diesen Rat weitgehend in den Wind geschlagen haben, ist Hilfe wahrscheinlich schwer zu finden. In den Jahren nach dem Empfang der Firmung haben sie sich oftmals von der Kirche und dem Besuch der Heiligen Messe am Sonntag entfernt. Warum sie sich dann dennoch zur „kirchlichen Trauung“ und auch zur katholischen Ehevorbereitung anmeldeten, ist daher eine interessante Frage.

Eine Studie der Universitäten Regensburg und Eichstätt unter 1.500 Männern und Frauen, die an der katholischen Ehevorbereitung in drei bayerischen Bistümern teilnahmen, zeigt, dass die katholische Kirche so etwas wie ein letzter Hoffnungsanker, ein letzter Hafen für die nicht zu stillende Sehnsucht nach echter Liebe und Treue ist.

Der Regensburger Moraltheologe Rupert Scheule wies in Bezug auf die Studie darauf hin, dass ein Viertel der Paare „schon ein oder sogar mehrere Kinder“ hatte. Rund 80 Prozent hätten sich als religiös und als katholisch bezeichnet, mehr als die Hälfte aber ging „nie oder nur selten“ in die Kirche.

Eine Ehevorbereitung „light“ nutzt nichts

Die Chancen und Möglichkeiten, die sich der Kirche durch die immer noch gesuchte katholische Ehevorbereitung bieten, erscheinen hoffnungsvoll. Wo Menschen erkennen, auf welche Irrwege sie durch die Sexuelle Revolution geführt wurden, welche Verführungen ihnen ein böser Zeitgeist vermittelt hat, sind sie vielleicht schon dabei, „umzukehren“ in ein besseres und hoffnungsvolles Morgen?

Das würde voraussetzen, dass die katholische Lehre über Ehe und Familie in den Ehevorbereitungsseminaren tatsächlich vermittelt wird. Moraltheologe Scheule betonte aber, dass die Studie herausfand, dass genau dies nicht geschieht. Themen wie die natürliche Familienplanung (Verzicht auf künstliche Verhütungsmittel), Sexualität oder das christliche Eheverständnis blieben weitgehend außen vor, so die Studie. Die kurios anmutende Begründung dafür lautete: Viele der Paare hätten „ja auch schon Kinder“, so Scheule, weswegen die Seminarleiter die heißen Themen vorsorglich ausklammerten.

Dass eine solche Version „light“ einer Ehevorbereitung, wo dann hauptsächlich psychologische Fragen der Kommunikation zwischen den Partnern behandelt werden, kein tragfähiges Fundament für eine lebenslange katholische Ehe begründen kann, dürfte sich von selbst verstehen.

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