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„Aufrecht unter Hammer und Sichel“ – Teil 1

Unter dem Regime der tausend kleinen Demütigungen

Peko Baxant wirkt nicht wie ein typischer Politiker. Er spricht auch nicht wie einer. Smalltalk mag er nicht, sagt er. Begegnet man ihm auf der Straße, würde man ihn wohl eher für einen Künstler halten. Und tatsächlich: Als Jugendlicher war Baxant Sänger einer Heavy-Metal-Band. Für ein Jahr studierte er Elektroakustische und Experimentelle Musik an der Musikuniversität in Wien. Verheiratet ist er mit einem „Kunst- und Kulturmenschen“ aus der Türkei. Die Schauspielerin und Autorin Melike Yagiz Baxant kam erst vor zwölf Jahren nach Österreich. Peko Baxant, als er sieben Jahre alt war – als Flüchtling aus der damaligen Tschechoslowakei.

Noch etwas ist untypisch für den sozialdemokratischen Wiener Landtagsabgeordneten: Er ist bekennender Katholik, sein Lieblingspapst ist nicht Franziskus, wie man bei einem SPÖler annehmen könnte, sondern Benedikt XVI.

Religion ist tief in der Familie des Politikers verankert. „Der Glaube wurde meinem Vater von seiner Mutter vermittelt, die ein sehr schweres Leben hatte. Sie hatte sechs Kinder, keine gute Ehe mit dem Mann – der Glaube war für sie ein Rettungsanker“, erzählt Baxant bei dem Gespräch mit Corrigenda in einem Wiener Kaffeehaus. Das Vorbild der Mutter fiel auf guten Boden: Von den Kindern wurden zwei Priester und eins geweihte Jungfrau. Baxants Vater Petr war in seiner Heimatstadt Karlsbad ehrenamtlich als Messner tätig, Peko selbst stand schon als kleiner Junge von drei Jahren als Ministrant neben dem Priester.

Der gelebte katholische Glaube und dass die Eltern die Charta 77 unterzeichneten, die am 1. Januar 1977 veröffentlichte Petition gegen Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes in der ČSSR, wurde der Familie zum Verhängnis.

Zu Regimegegnern gemacht

Dabei waren Petr und Eva-Marianna Baxant ursprünglich keine aktiven Gegner des kommunistischen Regimes. „Meine Eltern waren keine geborenen Widerstandskämpfer, sie wurden dazu gemacht“, sagt Baxant. Die Politisierung des Vaters erfolgte 1968 durch ein Erlebnis während des Prager Frühlings. Als Hobbyfotograf fotografierte Petr vor Ort, wurde aber von der Polizei angehalten und über Nacht eingesperrt. Der Film wurde ihm weggenommen. Die Repressalien hätten viele Menschen zum Verstummen gebracht. „Einige haben sie aber zum Nachdenken gebracht. Mein Vater hat begonnen, sich mehr Fragen zu stellen“, erzählt der Politiker.

Nachdem die Kommunisten erfahren hatten, dass die Eltern die Charta 77 unterschrieben hatten, musste sein Vater jeden dritten Tag zum Verhör. Fast tägliche Einschüchterungsversuche begannen. Dazu gehörte, dass die Kommunisten den Hund des Onkels erschossen – grundlos. Eine Aussage der Kommunisten gegenüber seinem Vater Petr habe sich tief in Baxants Seele eingegraben: „Eines können Sie vergessen: Ihre Kinder werden nie auf eine höhere Schule gehen, nie ins Gymnasium, nie studieren. Alle ihre Kinder werden Hilfsarbeiter sein.“

Die Familie mit den fünf Kindern wurde sichtbar beschattet. „Damit wollte das Regime vermitteln: ‘Du wirst beobachtet’“, erklärt Baxant. Es wollte seine Gegner aus dem Land ekeln. Teil dieses Unrechtsregimes waren ständige kleine Demütigungen.

Bürokratie als Repressionsmittel

Dazu erzählt Peko Baxant folgende Begebenheiten: Über den Priester-Onkel war es der Familie möglich, eine Woche Urlaub auf einem verlassenen Pfarrhof in einer unbewohnten Ortschaft zu verbringen. „Für uns war es einer der schönsten Orte, weil es absolute Freiheit war, da hat uns niemand beobachtet“, erinnert sich Baxant. Sein Bruder fand in der aufgelassenen Kirche eine Kuh aus einer alten Krippe und nahm sie kurzerhand mit ins Auto nach Karlsbad. Bei einer Autokontrolle wurde die Holzkuh dem Bruder grundlos weggenommen.

Ein anderes Mal machte Familie Baxant einen Ausflug in die DDR. „Dort konnte man Dinge kaufen, die es bei uns nicht gegeben hat, zum Beispiel bunte, bedruckte Kinderhausschuhe. Wir haben uns so gefreut!“, erzählt der Politiker. Bei der Rückreise in die Tschechoslowakei musste man an der Grenze stundenlang anstehen. Bei der Grenzkontrolle wurde jeder Koffer der Familie geöffnet. Der Vater musste erklären, warum sie die Kinderhausschuhe gekauft hätten. Letztendlich wurde ihnen verboten, diese einzuführen. „Wir haben geweint wie die Wahnsinnigen“, weiß Baxant noch. Er vermutet, dass die Grenzbeamten vernetzt waren und wussten, dass die Eltern Regimegegner sind.

Petr und Eva-Marianna Baxant entschlossen sich dazu, einen Ausreiseantrag zu stellen. Dieser wurde allerdings über Jahre „bearbeitet“. Bürokratie als Mittel der Repression. Deshalb schmiedete die Familie Pläne, über das damalige Jugoslawien nach Österreich zu flüchten. Ein Auto mit präpariertem Kofferraum, der als Versteck dienen sollte, stand bereit. „Meine Eltern haben sich im letzten Moment dagegen entschieden. Mein jüngster Bruder war gerade ein Jahr alt, und niemand hätte gewusst, ob er an der Grenze nicht anfängt zu weinen“, erklärt der Politiker. Flöge die Flucht auf, würde der Vater ins Gefängnis müssen. „Dann wäre alles aus“, denkt Baxant.

Glaube galt als „absolute Dummheit“

Neben der Unterzeichnung der Charta 77 war es der christliche Glaube der Familie Baxant, welcher dem Regime ein Dorn im Auge war. Religion und Glaube waren zwar offiziell nicht verboten, doch die Kommunisten bekämpften beides.

„Ein Kirchgänger war wie ein Stempel, wie ein ordentlicher Minuspunkt. Alle im Kindergarten und in der Schule haben gewusst: ‘Das ist das Kind der Kirchgänger’. In der Arbeit hat mein Vater sich dafür rechtfertigen müssen. Alle haben gewusst: Das sind die, die Christen sind, die merkwürdig sind“, erinnert sich der Wiener Landtagsabgeordnete. Das Christentum wurde als der „Todfeind des Kommunismus“ und als „absolute Dummheit“ angesehen, da es bedeutete, an etwas zu glauben, das nicht materialistisch ist.

Peko Baxant ministrierte schon als Dreijähriger an der Seite seines Vaters in der Karlsbader Heimatpfarrei
Peko Baxant ministrierte schon als Dreijähriger an der Seite seines Vaters in der Karlsbader Heimatpfarrei

Jeder katholischen Messe wohnte ein Geheimagent bei, der protokollierte, was der Priester predigte. Auch kirchliches Personal wurde beobachtet und musste sich immer wieder Verhören unterziehen. Dies traf auch auf Petr Baxant zu, der als Messner diente.

Die Auswirkungen der atheistischen Ideologie drückten sich auch im täglichen Umgang der Mitmenschen aus. „Die Leute haben sich ständig Schlechtes angetan“, meint Baxant. Er führt dies darauf zurück, dass Mitmenschlichkeit, Liebenswürdigkeit, Rücksicht nicht belohnt wurden. Die Menschen im Kommunismus wurden eher dazu erzogen, sich gegenseitig zu beobachten, zu verdächtigen, zu belauschen. Zeigte sich eine mitleidige, hilfsbereite oder freundliche Regung in einem Mitmenschen, wurde man eher misstrauisch: „Ist er Christ? Humanist? Tun ihm Menschen leid?“

Berufe wurden planwirtschaftlich zugeteilt

Vier Jahre mussten die Baxants warten, bis ihr Ausreiseantrag endlich genehmigt wurde. Sie entschieden sich, nach Österreich zu gehen, denn sie wussten, dass tschechoslowakische Flüchtlinge dort sofort Asyl und Unterkunft erhielten. So kam die siebenköpfige Familie mit ein paar Koffern in der Hand und 500 DM in der Tasche per Reisebus vor dem Gebäude der Hauptuniversität in Wien an. Das war am 15. Februar 1984, Peko Baxant war damals sieben Jahre alt. Sofort erhielten sie eine Wohnung im 20. Bezirk, und schon am zweiten Tag der Ankunft bekam Vater Petr, der damals 33 Jahre alt war, einen Job am Bau.

Später, als die Kinder älter waren, erfüllte sich Eva-Marianna Baxant ihren lang gehegten Wunsch, Geschichte zu studieren. Dieser wurde ihr in ihrer alten Heimat verwehrt. Dort musste sie Hygienefachfrau werden, denn Ausbildung und Berufe wurden größtenteils staatlich zugeteilt – die Realität eines planwirtschaftlich organisierten Staates.

Den Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Europa ab Ende 1989 bekamen die Baxants vor allem vor dem Fernseher mit. Die Eltern schwankten zwischen Hoffnung und Angst, erzählt Peko Baxant. Angst davor, dass die Freiheitsbewegung doch noch vom Regime unterdrückt werden könnte. Silvester 1989/90 erlebten sie dann endlich in einem freien Tschechien. Es sei sein schönstes Silvester gewesen, meint Baxant. „Man hat die Freiheit praktisch auf der Straße gespürt.“

„Sozialismus mit menschlichem Antlitz“

Doch wie kommt es, dass jemand, der das kommunistische Regime am eigenen Leib erfahren hat, sozialdemokratischer Politiker wird? Peko Baxant ist, wie viele der damaligen Unterstützer des Prager Frühlings oder der Charta 77, ein Verfechter des sogenannten „Dritten Weges“. Dieser steht ein für die Demokratie sowie für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Der Politiker bezeichnet ihn als Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

Erste Kontakte mit der Sozialdemokratie hatte er während seines Politikstudiums an der Universität Wien, wo er während eines Seminars an einer Diskussion über Marxismus teilnahm. Dort las er den „bürgerlichen Kindern, die vom Marxismus träumten“, die Leviten, und wurde im Anschluss von Mitgliedern der Sozialistischen Jugend (SJ), einer linken Jugendorganisation, die der SPÖ nahesteht, angesprochen.

Aussagen Baxants wie „Für mich ist Abtreibung ein Problem“, „Das Wahlalter sollte auf 21 erhöht werden“ und „Die schönste Kindheit ist in der Familie bei den Eltern“ passen nicht so recht ins Bild eines klassischen Sozialdemokraten. Bei der Abtreibungsfrage nimmt er eine Spannung zwischen der Selbstbestimmung der Frau und dem ungeborenen Leben wahr. „Die Fristenlösung ist die beste Lösung angesichts dieses Dilemmas“, findet der SPÖler.

Zwischen dem Glauben und der Sozialdemokratie sieht der Katholik Parallelen. „Ich sage immer, ein Sozialstaat ist die institutionalisierte Nächstenliebe“, lässt er wissen. Gleichzeitig steht für Peko Baxant außer Frage, dass das marxistische System „entwürdigend, menschenfeindlich und unkreativ“ ist. Seine Parteigenossen haben sich damit abgefunden, dass Baxant aus der Reihe tanzt, damit, dass er anders denkt als ein „marxistisch-materialistischer SJler“.

Das Anecken wurde ihm vermutlich in die Wiege gelegt. Er erinnert sich an eine Szene aus seiner Kindergartenzeit in der damaligen Tschechoslowakei, als er seinen Stuhl über dem Kopf in einen anderen Raum wegtrug – anders als die anderen Kinder, die sie seitlich transportierten. Dafür erntete Baxant einen „Tritt in den Allerwertesten“ von der Kindergartenpädagogin. „Sei wie alle anderen“, gab sie ihm zu verstehen. Gegen das kommunistische „Wie alle anderen sein“ rebelliert Peko Baxant bis heute.

 

Dieses Porträt ist Teil der Reihe „Aufrecht unter Hammer und Sichel“. Hier werden Menschen vorgestellt, die im kommunistischen Ostblock aufwuchsen und dort Schikanen, Demütigungen und Denunziation erfuhren. Die Dissidenten, Andersdenkenden und bekennenden Christen haben, oft im Kleinen, dem Regime getrotzt und sich ihren Glauben bewahrt.

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Peregrinus Tyß
Vor 7 Monate 1 Woche

Sehr geehrte Frau Sutter, ganz herzlichen Dank für Ihren überaus aufschlussreichen Bericht über Herrn Baxant. Ohne Relativierung: Er reiht sich bei mir ein in eine ›erlauchte Reihe‹ ähnlicher christlicher Schicksalsberichte.

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Peter Cejnar
Vor 7 Monate 2 Wochen

Sehr gut recherchiert. Und gut präsentiert.

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Peregrinus Tyß
Vor 7 Monate 1 Woche

Sehr geehrte Frau Sutter, ganz herzlichen Dank für Ihren überaus aufschlussreichen Bericht über Herrn Baxant. Ohne Relativierung: Er reiht sich bei mir ein in eine ›erlauchte Reihe‹ ähnlicher christlicher Schicksalsberichte.

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Peter Cejnar
Vor 7 Monate 2 Wochen

Sehr gut recherchiert. Und gut präsentiert.