Das Gehirn der 68er
Der neomarxistische Philosoph Herbert Marcuse (1898-1979) gehörte zu den geistigen Vätern der 1968er-Bewegung. Er hegte große Sympathien für den Aufruhr, der im Zuge der studentischen Proteste besonders Deutschland und Frankreich heimsuchte – anders als seine neomarxistischen Gesinnungsfreunde am Frankfurter Institut für Sozialforschung, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Die Vordenker der „Kritischen Theorie“ wahrten Distanz.
In Paris plakatierten Studenten im Mai 1968 auf Demonstrationen „Marx, Mao, Marcuse!“ Der Aufstand der Studenten, deren Kampf gegen das sogenannte Establishment, gegen die Ordinarienuniversität hatte im Jahr zuvor begonnen – unter anderem mit einem Protestbanner, das am 9. November 1967 bei einer Feierstunde an der Universität Hamburg von zwei Studenten der Rechtswissenschaft entrollt wurde: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“, in Anspielung auf die Verstrickungen von Professoren in der NS-Zeit.
Statt als sachlich berechtigte Kritik vorgebracht, wurde rebellischer Furor zur Initialzündung einer Bewegung, die zu wüsten Straßenschlachten führte und den RAF-Terror mit entfachte. Herbert Marcuse trat als Visionär eines gesellschaftlichen Umsturzes auf. Sein Gedankengut, in philosophischen und sozialwissenschaftlichen Arbeiten dargelegt, enthält Impulse für die Revolte.
Gewalt als legitimes politisches Mittel
Wenige Jahre vor den Unruhen hatte Marcuse einen Essay mit dem Titel „Repressive Toleranz“ publiziert. 1965 rechtfertigte er die Gewalt von Aufständischen. Das galt zunächst für die Proteste von Schwarzen, war zugleich als Apologie tauglich für alle, die sich gegen Kolonialmächte erhoben, ob in Lateinamerika, Afrika oder Asien.
Gewalt in jeder Form erklärte Marcuse zu einem legitimen Mittel der politischen Auseinandersetzung. Er wollte den Bruch mit dem herrschenden System, ja den Systemwechsel, faktisch also die Abschaffung der nach seiner Überzeugung kapitalistisch bestimmten Demokratie und ihrer Institutionen. Die Gesellschaft seiner Zeit kennzeichnete er in dem Werk „Der eindimensionale Mensch“ als autoritär, als „Wohlfahrts- und ‘Warfare’-Staat“ und attestierte dem politischen System „totalitäre Züge“. Gegen die „Tyrannei der Mehrheit“ solle der Intellektuelle das Bewusstsein für die Utopie wachhalten.
Marcuse beklagt in einer „repressiven Gesellschaft“ die Empörung über eine wachsende Jugendkriminalität, zugleich aber die Indifferenz „über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben“, die er als das „reif gewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation“ – damit meinte er den Vietnamkrieg – bezeichnet. Ein wählender Bürger oder Demonstrant, der „von vornherein auf Gegengewalt verzichtet“, stärkt die „Gesellschaft totaler Verwaltung“, die noch das „Vorhandensein demokratischer Freiheiten bezeugt, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt geändert und ihre Wirksamkeit verloren haben“. Wer also politische Parteien im herrschenden System wählt, unterstütze die Ordnung der kapitalistischen Welt.
Marcuse wollte die Meinungsfreiheit abschaffen
Marcuses zivilgesellschaftlicher Opponent opponiert also nicht, sondern stabilisiert das herrschende System, die Institutionen, die den Menschen versklaven und damit die Macht der Unterdrücker sichern. Das Volk dulde damit eine Regierung, die Opposition dulde – „im Rahmen der verfassungsmäßigen Behörden“. Die Struktur der Gesellschaft bleibe unangetastet, somit müsse Freiheit selbst in den „freiesten der bestehenden Gesellschaften“ noch hergestellt werden. Toleranz dürfe allein in „harmlosen Debatten“, etwa an der Universität oder bei Religion, gelten:
„Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Glück selbst auf dem Spiel stehen: Hier können bestimmte Dinge nicht gesagt, bestimmte Ideen nicht ausgedrückt, bestimmte politische Maßnahmen nicht vorgeschlagen, ein bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne dass man Toleranz zu einem Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht.“
Herbert Marcuse fordert nichts weniger als die Abschaffung aller Verfassungen in demokratischen Rechtsstaaten, die die Meinungsfreiheit als unverfügbares Menschenrecht garantieren. Die „manipulierten Individuen“ würden nur die „Meinung ihrer Herren als ihre eigene nachplappern“. Der Philosoph möchte diese Meinungsfreiheit eingeschränkt wissen, denn sie beruht für ihn auf einer Voraussetzung, „nämlich: dass das Volk fähig sein muss, auf der Basis von Erkenntnis etwas zu erwägen und auszuwählen, dass ihm wahrhafte Information zugänglich sein und deren Bewertung autonomem Denken entspringen muss“.
Der „Fortschritt der Zivilisation“ war das Ziel
In der Demokratie herrsche eine „totalitäre Organisation“ ohne Diktator: „Faktisch ist die Entscheidung zwischen gegensätzlichen Ansichten schon vollzogen, ehe es dazu kommt, sie vorzutragen und zu erörtern – vollzogen nicht durch eine Verschwörung, einen Führer oder Propagandisten, nicht durch irgendeine Diktatur, sondern vielmehr durch den ‘normalen Gang der Ereignisse’, der der Gang verwalteter Ereignisse ist, sowie durch die darin geformte Mentalität.“
Die „Tyrannei der öffentlichen Meinung“ gelte es zu brechen. Marcuse fordert, den Aufstand der Unterdrückten zu fördern, um den „Fortschritt der Zivilisation“ zu begünstigen. Anders gesagt: Gewalt wird für ihn zu einem legitimen und auch notwendigen Mittel des politischen Handelns. Er nennt als erfolgreiche Beispiele historische Massaker wie die Französische Revolution oder die Kubanische Revolution durch Fidel Castro und seine Getreuen.
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Marcuses Verständnis von „befreiender Toleranz“ beruht auf konsequent praktizierter Intoleranz: „Befreiende Toleranz würde mithin Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links.“ Die „demokratische Toleranz“, so behauptet er, habe gerade den Weg in den Nationalsozialismus begünstigt und befördert.
Konservative waren dem Neomarxisten ein Dorn im Auge
Der Neomarxist Marcuse steht energisch ein für ein Ende der Toleranz gegenüber Konservativen:
„Dass rückschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden können, dass Intoleranz auch gegenüber dem Denken, der Meinung und dem Wort geübt wird (Intoleranz vor allem gegenüber den Konservativen und der politischen Rechten) – diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tatsächlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis für allseitige Toleranz zerstört hat. Die Bedingungen, unter denen Toleranz wieder eine befreiende und humanisierende Kraft werden kann, sind erst herzustellen.“
Für Marcuse ist die konsequent praktizierte Intoleranz das Gebot der Stunde. Als hilfreich dafür sieht er eine „Vorzensur“ an, die „sich offen gegen die mehr oder weniger verkappte Zensur richtet, welche die Massenmedien durchdringt“.
Zur Etablierung der „befreienden Toleranz“ fordert er ein besonderes Widerstandsrecht, und zwar „ein ‘Widerstandsrecht’, das bis zum Umsturz geht“:
„Es gibt kein derartiges Recht für irgendeine Gruppe oder ein Individuum gegen eine verfassungsmäßige Regierung, die von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, und es kann ein solches Recht auch nicht geben. Aber ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ‘Naturrecht’ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen; es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen – nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen.“
Der Philosoph forderte einen neuen Menschen
Richtschnur für den Einsatz von Gewalt ist das fluide Gewissen der Akteure. Jeder, der unterdrückt wird oder sich unterdrückt fühlt – denn wer mag solche Nuancen schon seriös entscheiden? –, hat also nach Maßgabe seiner bestimmenden Meinung, die er Gewissen nennen kann, das Recht auf Widerstand. Herbert Marcuse formuliert: „Wenn sie [die Unterdrückten; TP] Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte.“
Der Philosoph spricht in „Repressive Toleranz“ aggressive Rebellen für jedes Vergehen kategorisch frei. Wer, wie in Berlin bei den Studentenunruhen von 1968, Fensterscheiben von Geschäften einschlägt, Autos demoliert oder Polizisten attackiert, kann sich auf Marcuse berufen und sein Tun zur subjektiven Gewissensentscheidung erklären. So wird der Barrikadenkämpfer, der Molotow-Cocktails schleudert, zur Heldenfigur. Solange das Strafrecht allerdings noch Bestand hat, bleibt der Straftäter stets Straftäter.
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Der Philosoph plädierte für eine radikale Veränderung des demokratischen Rechtsstaates und forderte am 23. Mai 1968 in den USA bei einem öffentlichen Vortrag eine neue „sozialistische Gesellschaft“ mit einem neuen Typus Mensch, neuen Institutionen, einer neuen Kultur, neuen Werten und einer neuen Moral. Die Studentenbewegung verstand er als eine „internationale Bewegung“, die wirksam international Widerstand gegen die bestehende Ordnung leiste.
Marcuses Ideen wurden zerstörerische Praxis
Herbert Marcuse forderte vor seiner Hörerschaft rigoros und energisch die Einschränkung der Meinungsfreiheit: „Ich habe explizit gesagt, dass diejenigen, die den Vietnamkrieg verteidigen und propagieren, in einer wirklich demokratischen Gesellschaft nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung genießen sollten.“
Damit trat Marcuse ungeniert als Freund eines totalitären Systems, einer Diktatur auf, in der Sprech- und Denkverbote Realität wären und Verstöße gegen die Art, wie zu denken sei, sanktioniert würden. Wer eine abweichende Meinung verträte – damals über den Vietnamkrieg, heute vielleicht über den Krieg am Persischen Golf –, hätte sein Recht auf freie Meinungsäußerung verwirkt.
Herbert Marcuse war ein erklärter Feind der offenen Gesellschaft. Sein gefährliches Denken spiegelt die bestimmende Gesinnung und den zerstörerischen Ungeist der 1968er-Bewegung anschaulich. Der linke Philosoph schleuderte geistige Brandsätze gegen den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Aus seiner neomarxistischen Theorie wurde 1968 und in der Folgezeit zerstörerische Praxis.
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