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Pro & Contra Ideologie

Warum ich Ideologe bin – und warum nicht

Pro: Ich bin Katholik. Deswegen bin ich Ideologe

Eine Ideologie, definiert der Duden, ist eine „an eine soziale Gruppe, eine Kultur o. Ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“; eine Theorie, um Ziele zu erreichen oder eine weltfremde Theorie. Ein Ideologe ist entsprechend ein Vertreter einer Ideologie. Die beiden Begriffe werden im deutschen Sprachraum, aber vor allem auch im angelsächsischen Raum, fast ausschließlich pejorativ verwendet. Dieser oder jener sei ein Ideologe, heißt es. Oder: Das ist nichts als Ideologie! Oder: Die argumentieren rein ideologisch! Und so fort.

In der jüngeren Vergangenheit äußerten den Ideologievorwurf häufig jene, die sich in der politischen Mitte oder etwas rechts davon verorten. Gerade Liberal-Konservative verwenden das Argument häufig und glauben, damit zu punkten. Beispielhaft sei ein Artikel von Tichys Einblick genannt, in dem der vorwurfsvoll verwendete Begriff „ideologisch“ gleich achtmal vorkommt. Dabei ist eben jener Artikel ein gutes Beispiel dafür, dass eine kohärente, innerlich nicht widersprüchliche Ideologie, man könnte auch von einer zusammenhängenden, geordneten Weltanschauung sprechen, Voraussetzung für eine nachhaltige Herrschaft ist. Viel mehr noch, als es der Sitz an den Schalthebeln staatlicher Gewalt ist.

Denn insbesondere die Grünen haben, verglichen mit der Union, kaum je regiert. Und trotzdem bestimmen sie maßgeblich ganze Politikfelder, den Kultur- und Universitätsbetrieb sowie den Journalismus. Und selbst in Teilen der Wirtschaft sind die Grünen, obgleich ihrer wirtschaftsfeindlichen Ziele, beliebt.

Konrad Adenauer war kein Ideologe, zumindest nicht nach außen hin. Er hatte zwar weitestgehend hochvernünftige Ansichten – und angesichts eines Friedrich Merz wünschte man sich ihn mit seiner breiten katholischen Grundierung sofort zurück –, aber er hatte ein großes Manko. Obwohl er eine klare Vorstellung vom guten, gottgewollten Leben hatte, fokussierte er sich als Politiker, wie er später selbst einräumte, zu sehr darauf, die Mägen des Volkes und dessen Scheunen zu füllen. Der geistige und geistliche Wiederaufbau nach der verheerenden Zeit nach den beiden Weltkriegen blieb zurück.

Seit der Aufarbeitung der NS-Herrschaft ist der Begriff Weltanschauung und der sie ersetzende Begriff Ideologie aber als irgendwie fanatisch und menschenfeindlich konnotiert. Zu Unrecht, denn Ideologie sagt erst einmal nichts über ihre Güte oder ihren Inhalt aus. Ihre generelle Ablehnung führt aber dazu, dass der inhaltliche Gegenspieler mit Ideologie gewinnt. Der US-amerikanische konservative Publizist Irving Kirstol hatte das früh erkannt und schrieb bereits 1980 der Republikanischen Partei ins Stammbuch: „Ideologien kann man nicht mit Nichtideologien bekämpfen!“ Nur mit „gesundem Menschenverstand“ oder mit reaktivem Nein-Sagen gewinne man nicht. Der geniale Denker Erik von Kuehnelt-Leddihn erklärte später, warum das so ist:

„Nur für eine wohlprofilierte, umfassende, an Herz und Hirn gleichzeitig appellierende Ideologie mit einer zugkräftigen Symbolik wird man sich enthusiastisch einsetzen. Nur sie könnte das globale marxistische Ideologiemonopol brechen. Nur sie kann vom Westen her auch exportierbar sein und nur so kann die Herrschaft der Sozialismen abgebaut werden. Man stirbt nicht für das demokratische Rahmengebilde, man stirbt schon gar nicht für das, was man als höflichen Zweifel bezeichnet. Man stirbt für ein Rufezeichen, nicht aber für ein Fragezeichen.“

Das Christentum sei zwar keine Ideologie, aber es diene als ideologische Basis. So wie jede Ideologie eine religiöse bzw. ersatzreligiöse Wurzel habe. Nehmen wir die Heiligen: Aus heutiger Mainstreamsicht sind sie alle hochgradig „ideologieverdächtig“ (Karl Mannheim). Der heilige Dominikus Savio lebte nach dem Motto „Lieber sterben als sündigen“; der aus adligem Hause stammende Aloisius von Gonzaga verzichtete auf seine Privilegien und kam durch seine Hilfe für Kranke ums Leben; die ebenfalls adlige Elisabeth von Thüringen lehnte den höfischen Prunk ab, verschenkte ihr Hab und Gut und ging ins Kloster; der heilige Ignatius von Loyola befand: Wir müssen, um in allem sicher zu gehen, stets festhalten:

„Was meinen Augen weiß erscheint, halte ich für schwarz, wenn die hierarchische Kirche so entscheidet, im festen Glauben, dass in Christus, unserm Herrn, dem Bräutigam, und in der Kirche, seiner Braut, derselbe Geist wohnt, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt.“

Häufig missverstanden, sagt der heilige Ignatius damit nicht, man solle einer Lüge glauben, wenn es die Autorität verlangt. Das Zitat besagt vielmehr, dass der Mensch anfällig ist für Täuschung und der Institution gewordenen Ideologie glaubt, wenn es um den rechten Weg geht. Aus Sicht eines Liberal-Konservativen stehen die christlichen Heiligen und die konsequenten Grünen auf einer Stufte: Beide handeln vermeintlich irrational, gegen die Vernunft.

Allerdings meint er nicht Vernunft im christlichen Sinne, sondern weltliche Berechnung. Denn dem Weg zu folgen, den Gott vorbereitet hat, kann nicht unvernünftig sein. Was aber hat das nun mit Ideologie zu tun? Wer partout kein Ideologe sein will, der muss diesen Weg zwangsläufig verleugnen oder wird ihn gar verlassen. Der Ideologe möchte, dass die religiöse Basis in die politische Realität übersetzt wird. Der katholische Ideologe tut das aber nicht aus Machtbesessenheit, sondern aus Barmherzigkeit.

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Contra: Ich bin Katholik. Deswegen bin ich kein Ideologe

Feuer muss mit Feuer bekämpft werden, davon sind nicht wenige im Angesicht des Kulturkampfes gegen die woke Transformation unserer Gesellschaft überzeugt. Doch konservative Ideologiekritiker hätten sich aus diesem Wettstreit zurückgezogen und würden das Feld ohne Not dem linken Mainstream überlassen. Aber dieser Vorwurf verrät ein möglicherweise verkürztes Bild dessen, was „konservativ“ eigentlich bedeutet.

Wenn eine rechte Ideologie lediglich den Zweck hat, eine linke Ideologie zu bekämpfen, dann ist sie reaktiv und nicht sachorientiert. Das führt meist nicht zu einer Rückkehr zur Vernunft, sondern zu einer Konfliktspirale, gefangen im selben Denkmuster: Beide Seiten arbeiten mit Absolutheitsansprüchen, vereinfachten Menschenbildern und einem hohen moralischen Sendungsbewusstsein.

Konservatismus im ursprünglichen, nicht im parteipolitischen Sinn ist nicht anti-modern, sondern anti-utopisch. Er misstraut ideologischen Gesamterklärungen und politischen Heilsversprechen, dagegen betont er Erfahrung, Kontinuität und gewachsene Ordnung. Er fragt: „Was hat sich bewährt?“ und nicht: „Was müsste idealerweise gelten?“ Der Anspruch, sich an der Sache oder der Realität zu orientieren, ist der Versuch, Politik und Recht in der konkreten menschlichen Erfahrung zu verankern, nicht in theoretischen Konstrukten.

Dieser Unterschied wird deutlicher, wenn man die Begriffe Naturrecht und positives, also gesetztes Recht gegenüberstellt. Das Naturrecht versteht sich als überpositive Ordnung: eine aus Vernunft und menschlicher Natur ableitbare Gerechtigkeit, die Würde und Freiheit voraussetzt. Der Mensch erscheint hier nicht als formbares Kollektivwesen, sondern als real existierendes Subjekt mit unveräußerlichen Rechten.

Das positive Recht dagegen ist gesetzt, es ist menschengemacht, veränderlich und anfällig für ideologische Instrumentalisierung. Ideologische Systeme, gleich welcher Farbe, neigen dazu, staatliches Recht zu einem Werkzeug ihrer Weltbilder zu machen. In solchen Systemen ist das Recht nicht mehr Ausdruck der Gerechtigkeit, sondern Werkzeug der Macht. Sie schreiben dem Staat oder der Gesellschaft eine „Mission“ zu, die über das einzelne Individuum hinausgeht.

Der konservative Ansatz hingegen versucht, das positive Recht an das Naturrecht rückzubinden, also an eine Ordnung, die sich aus menschlicher Vernunft, Geschichte und Erfahrung ergibt. Das hat den Vorteil einer größeren Nähe zur Realität und zum Menschen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Ordnung nicht konstruiert, sondern gewachsen ist, und dass jeder Versuch, sie ideologisch zu erzwingen, den Menschen deformiert.

Aber gilt dieser Anspruch auch für konservative Christen, insbesondere für Katholiken? Stehen sie nicht selbst im Verdacht, einem ideologischen Absolutismus anzuhängen? Immerhin ist das Christentum in seiner Geschichte oft der theokratischen Versuchung erlegen. Aber das Christentum ist eine geschichtliche Religion, und Geschichte ermöglicht Korrektur. Das gilt auch für die schon in der Heiligen Schrift angelegte Trennung zwischen Kirche und Staat („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, Mt 22,21). Das ermöglicht es, die Spannung zwischen dem Bekenntnis zu einer absoluten Wahrheit (Gott, Schöpfung, Offenbarung) und der Ablehnung ideologischen Denkens oder Handelns aufzulösen.

Der Glaube anerkennt, dass das Absolute nicht vom Menschen gemacht ist. Christen glauben an eine objektive Wahrheit, aber sie beanspruchen nicht, sie zu besitzen oder durchsetzen zu können. Ein konservativer Christ wird also keine politische Theokratie anstreben, sondern eine Ordnung, die dem Menschen gerecht wird, gerade weil sie seine Schwächen berücksichtigt. Er weiß, dass kein politisches System das Reich Gottes ersetzen kann, und dass jede Versuchung, es doch zu tun, geradewegs in den Totalitarismus führt.

Das Naturrecht ist der Punkt, an dem sich Glaube und säkulare Vernunft begegnen. Es sagt: Der Mensch erfindet die objektive Ordnung nicht, er entdeckt sie. Für den Christen ist das die göttliche Schöpfungsordnung, für den Nichtgläubigen ist es die vernunftgemäße Einsicht in die menschliche Natur. Der konservative Christ steht nicht in der Auseinandersetzung zwischen zwei Absolutismen, sondern außerhalb von ihnen. Wahrheit ist nicht gesetzt, sondern wird empfangen.

Hier setzt auch Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) an. In seinem Werk nimmt die Frage nach der Beziehung zwischen Glaube, Vernunft, Wahrheit, Politik und Ideologie eine wichtige Rolle ein. Für Ratzinger ist der christliche Glaube keine Ideologie, weil er nicht aus menschlicher Erfindung, sondern aus Offenbarung und Vernunft kommt. In seiner Regensburger Rede (2006) zitiert er den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos: „Nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

Damit grenzt er den Glauben klar von jeder Form des Fanatismus und daraus resultierender Gewalt ab. Ratzinger betont immer wieder: Der Christ macht die Wahrheit nicht, er empfängt sie. So steht er im direkten Gegensatz zu modernen Ideologien, die Wahrheit als Produkt von Macht oder Diskurs begreifen. Der gläubige Mensch steht in Beziehung zur Wahrheit, nicht im Besitz derselben.

Und genau das schützt den Christen vor ideologischem Denken, es befreit ihn davon: Er weiß, dass er nicht der Schöpfer der Wahrheit ist, sondern sie sucht und ihr dient.

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