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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Sieg unter dem Regenbogen

„Ich musste daran denken, wie es auf der Welt sein könnte, wenn jeder so sein dürfte, wie er ist.“

 

Es war ein emotionaler Auftritt vor den versammelten Medien kurz nach dem zweiten Halbfinale des „Eurovision Song Contests“, kurz ESC. Nemo hatte noch kurz zuvor Freudentränen vergossen. Nun bot sich ihm die Gelegenheit, an der Pressekonferenz mit obenstehenden Worten eine Botschaft zu verbreiten, die ihm wichtig war.

Zwei Tage später wurde das noch übertroffen. Nemo gewann das große Finale und doppelte tüchtig nach. Zurück in der Schweiz wolle er am liebsten mit einem der sieben Bundesräte zusammensitzen und ein ernstes Gespräch mit ihm führen. Nämlich darüber, dass es hierzulande immer noch nicht möglich sei, ein drittes Geschlecht eintragen zu lassen.

Man rieb sich die Augen und fragte sich: War es nicht gerade noch um Musik gegangen? Nemo augenscheinlich weniger. Und vermutlich auch vielen der Menschen nicht, die ihm mit ihrer Stimme zum Sieg verholfen hatten. Der ESC will laut Eigendefinition unpolitisch sein – und war noch nie politischer.

Der Wunsch ist schon Realität

Denn Nemo Mettler, einst mit männlichen Merkmalen zur Welt gekommen und heute laut eigener Definition eine nonbinäre Person, macht sich Sorgen, und als Sieger darf er sie laut vortragen. Es ist eine intolerante Welt, die keinen einfach leben lässt, findet er. Nemo selbst hatte allerdings Glück. Seine Eltern haben ihm einen lateinischen Namen gegeben, der übersetzt „Niemand“ bedeutet. Er war also nicht vorbelastet durch gesellschaftliche Klischees. Oder gar banale wissenschaftliche Tatsachen.

Eine Welt, in der genau wie er jeder so sein darf, wie er ist: Das ist Nemos Wunsch. Dabei hatte er zu jenem Zeitpunkt gerade an einem Anlass teilgenommen, der mehr als jeder andere klar signalisiert: Es darf bereits heute jeder sein, wie er will. Oder was er will. Wenn gewünscht, sogar täglich wechselnd. Nemo kann aufatmen. Was er möchte, ist längst Realität, und spätestens an jenem Abend im schwedischen Malmö hätte er es bemerken müssen.

Der ESC ist nur noch theoretisch ein musikalischer Wettbewerb. Wer die Töne trifft, für welchen Stil sich ein Interpret entscheidet, das alles ist zweitrangig. Was die Medien und offensichtlich auch das Publikum viel mehr interessiert: Wie viel aktueller Zeitgeist steckt in den Künstlern? Wen lieben sie, mit welchem Geschlecht teilen sie das Bett? Und wenn die Antwort von dem abweicht, was vor einigen Jahrzehnten als Norm galt, regnet es ausnahmslos positive Schlagzeilen.

Immer mehr LGBTQ-Künstler

Nemo war diesbezüglich nicht allein in Malmö. Drei der insgesamt 37 Kandidaten dieses Jahres bezeichneten sich als nicht dem binären Geschlechtssystem zugehörig. Weitere fünf rechnen sich anderweitig der LGBTQ-Gruppe zu: homosexuell, bisexuell oder queer. Acht von 37: keine schlechte Ausbeute. Und dann stammte auch noch der Sieger aus diesem Kreis.

Wikipedia führt eine akribische Liste darüber, welche ESC-Teilnehmer einen LGBTQ-Hintergrund haben. Sie ist sehr aufschlussreich. Nemo muss sich wirklich keine Sorgen machen. Der größte Musikwettbewerb der Welt ist seit der ersten Ausgabe divers, als eine lesbische Frau Frankreich vertrat. Das war 1956, und sie wurde auch schon damals nicht mit Tomaten beworfen. Inzwischen ist die Liste sehr umfangreich geworden.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Es gibt aber sogar noch weitere Spielarten. Für Irland beispielsweise ging eine nonbinäre Person auf die Bühne, die sich unschwer als Frau „lesen“ lässt, wie es heutzutage heißt, und die gleichzeitig noch dem Hexenkult frönte. Sie, er, es nennt sich Bambie Thug, was so viel wie „Kleiner Gangster“ heißt, und schaffte genau wie Nemo und noch zwei weitere LGBTQ-Abgesandte den Einzug ins Finale. Vier von acht: Das ist keine schlechte Quote und kaum ein Hinweis auf eine generelle Diskriminierung durch das wählende Publikum.

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Auf eine solche weist auch die restliche Geschichte des ESC nicht hin. 31 der 50 Länder, die bisher teilnahmen, wurden mindestens einmal von einem Künstler vertreten, der laut Nemos Angst nicht so sein darf, wie er ist. Gar 23 Länder taten das mehrfach. Zehn Mal holte sich einer dieser Vertreter den Sieg. Die Regenbogenfahne scheint also kein Hindernis auf dem Weg zum Erfolg zu sein. Inzwischen vielleicht sogar das Gegenteil.

Seit 2000 lückenlos vertreten

Denn die Siegeschancen unter der Regenbogenfahne steigen rein rechnerisch laufend. 68 Mal fand der Eurovision Song Contest bisher statt. 36 Mal war mindestens ein LGBTQ-Künstler dabei. Aber die Statistik wird schon bald besser aussehen, nicht nur dank Nemos Triumph. Seit der Jahrtausendwende gab es keinen einzigen ESC mehr ohne einen Vertreter dieser Gruppe. Dieses Mal war es bereits ein Viertel aller Kandidaten.

25 Prozent: Dieser Wert dürfte weit über der tatsächlichen LGBTQ-Quote in der Gesellschaft liegen. Wieso sollte man sich also Gedanken machen, dass nicht jeder sein darf, wie er will, wenn es sogar für eine überdurchschnittliche Repräsentation reicht? Eigentlich, könnte man einwenden, sollte das alles gar keine Rolle spielen – Sexualität, Geschlecht. Aber thematisiert wird es von den Betreffenden selbst. Sie machen es zum Thema.

Wichtig ist demnach, dass Nemo nach seinem Auftritt beim Frühstück im Hotel richtig adressiert wurde. Nämlich auf keinen Fall als „er“ oder „sie“. Am liebsten hätte er es, erklärte er einst einer Zeitung, wenn man einfach seinen Namen nehmen würde. „Nemo ist zum Frühstück gekommen“, könne das beispielsweise heißen. Das Schweizer Radio und Fernsehen hält sich sklavisch daran.

Was ziemlich seltsam klingt für unsere Ohren. Denn für Nichtschweizer: Unsere Sprache lässt das eigentlich gar nicht zu. Wir setzen bei Namen nämlich im Unterschied zu Deutschen immer den Artikel davor. „Dä Nemo“ für männlich oder „D’Nemo“ für weiblich. „Nemo isch zum Zmorge cho“, „Gwunne hät Nemo“ mag politisch korrekt sein, aber für Schweizer Hörgewohnheiten fehlt da etwas Entscheidendes.

Aber das spielt auch keine Rolle mehr. Den Kampf um die Sprache haben wir ja auch längst aufgegeben.

 

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Kommentare

Comment

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Kommentar
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Michael K. Hageböck
Vor 2 Wochen 2 Tage

Interessantes Detail: Nemo trug beim Auftritt als Halskette einen Kreisel und zwar eben jenes Modell, welches auch in dem Film „Inception“ (2010, Nolan) verwendet wird, wo es als Metapher für die Frage steht, ob das Leben nicht nur ein Traum sei. Wenn alles nur eine Illusion ist, dann kann es auch kein Naturrecht mehr geben, keine festen Gebote – dann ist alles queer. Exakt dafür steht Nemo und all jene, die ihn wählten …

3
Andreas Graf
Vor 2 Wochen 1 Tag

Nach dem Sieg wurde Nemo nicht nur die Trophäe überreicht (die Nemo später zerbrach), sondern auch eine Dornen-Krone aufgesetzt. Die Krone wurde Nemo nicht vom Eurovision Song Contest überreicht, sondern von Irland-Star Bambie Thug. Bambie und Nemo sind während dem ESC Freunde geworden. Der non-binäre Irland-Star sieht sich selbst als «dunkle Hexe». Der Slogan des Songs: «Crown the Witch» («krönt die Hexe»). Backstage trug Bambie eine Dornen-Krone mit sich rum und eben diese Krone setzte Thug dann Nemo auf. Auf Social Media kursieren Bilder, die zeigen, wie Bambie Thug unter Freudentränen Nemo die Krone auf den Kopf setzt. Die beiden fallen sich in die Arme. Die Krone, ein Zeichen ihrer Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung. Kommen einem bei der Dornenkrone nicht noch ganz andere Assoziationen in den Sinn? Das ist für einen Christen ein nicht unwesentliches Detail des ESC, falls das überhaupt jemandem aufgefallen ist.

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Marc
Vor 1 Woche 6 Tage

"Eine Welt, in der genau wie er jeder so sein darf, wie er ist: Das ist Nemos Wunsch." Dann wird das im Text aber macht der Autor einen unfairen Kunstgriff, damit seine Argumentation aufgeht: Er tut so, als ob der ESC "die Welt" wäre, und argumentiert, dass dort ja alle Menschen sein könnten, was sie wollen. Wer so was aber mal auf dem Land (z. B. hier bei uns in Franken) versucht, dem werden schnell die Grenzen aufgezeigt. In der anonymen Großstadt oder auf einem internationalen Festival kannst du sein, wer du willst, aber das ist sicher nicht die Welt.

Und dann spricht er Nemo konsequent mit männlichen Pronomen an, was noch einmal aufzeigt, dass ihm nicht daran gelegen ist, dass Nemo genau so sein darf, wie Nemo sein will, nämlich non-binär. Kann man so oder so finden, aber entlarvend ist das schon.

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Andreas Graf
Vor 2 Wochen 1 Tag

Nach dem Sieg wurde Nemo nicht nur die Trophäe überreicht (die Nemo später zerbrach), sondern auch eine Dornen-Krone aufgesetzt. Die Krone wurde Nemo nicht vom Eurovision Song Contest überreicht, sondern von Irland-Star Bambie Thug. Bambie und Nemo sind während dem ESC Freunde geworden. Der non-binäre Irland-Star sieht sich selbst als «dunkle Hexe». Der Slogan des Songs: «Crown the Witch» («krönt die Hexe»). Backstage trug Bambie eine Dornen-Krone mit sich rum und eben diese Krone setzte Thug dann Nemo auf. Auf Social Media kursieren Bilder, die zeigen, wie Bambie Thug unter Freudentränen Nemo die Krone auf den Kopf setzt. Die beiden fallen sich in die Arme. Die Krone, ein Zeichen ihrer Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung. Kommen einem bei der Dornenkrone nicht noch ganz andere Assoziationen in den Sinn? Das ist für einen Christen ein nicht unwesentliches Detail des ESC, falls das überhaupt jemandem aufgefallen ist.

8
Michael K. Hageböck
Vor 2 Wochen 2 Tage

Interessantes Detail: Nemo trug beim Auftritt als Halskette einen Kreisel und zwar eben jenes Modell, welches auch in dem Film „Inception“ (2010, Nolan) verwendet wird, wo es als Metapher für die Frage steht, ob das Leben nicht nur ein Traum sei. Wenn alles nur eine Illusion ist, dann kann es auch kein Naturrecht mehr geben, keine festen Gebote – dann ist alles queer. Exakt dafür steht Nemo und all jene, die ihn wählten …