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Einmal Schweden und zurück: Erfahrungsbericht einer polnischen Auswandererfamilie

„Sie haben ihr Land kaputt gemacht“

Dass die Verhältnisse in Schweden kippten, war schleichend. Es war nicht wie der Traum, der wie eine Seifenblase auf einmal zerplatzt. Nicht wie der Feind, der nachts die Grenzen überschreitet, und die Überfallenen wachen am Morgen durch das Quietschen von Panzerketten auf. Eher wie das zerbrochene Fenster am leerstehenden Altbau – wird es nicht umgehend repariert, ist bald eine weitere Scheibe eingeworfen, dann wird die Fassade beschmiert, Müll abgeladen, im Vorgarten erleichtern sich Passanten, jemand legt Feuer an der Eingangstür, das Quartiersmanagement sieht nichts, hört nichts, sagt nichts, und übers Jahr ist aus dem einstigen Schmuckstück ein Abrisshaus geworden.

Für Agnieszka K. (Name geändert) war Schweden eine Verheißung. 2004 packte sie in der polnischen Hafenstadt Gdingen (Gdynia) die Koffer und wanderte gemeinsam mit ihrem Mann ins gut 500 Kilometer nördlich gelegene Stockholm aus. Sie waren jung, Mitte zwanzig, die Tochter noch ein Kleinkind, die Perspektiven im Großraum Danzig trist, die Arbeitslosigkeit im Lande hoch, die Gehälter schlecht, Besserung kaum in Sicht.

Der Übersiedlung nach Schweden hingegen standen nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union am 1. Mai desselben Jahres keine rechtlichen Hürden mehr entgegen, Schweden öffnete zusammen mit Großbritannien und Irland seinen Arbeitsmarkt sofort.

„Wir haben uns wohl und sicher gefühlt“

Tausende polnische Landsleute machten es so wie Agnieszkas Familie: Lebten Ende 2002 erst 6.000 Polen in Schweden, schoss die Zahl im Jahr des EU-Beitritts bereits auf 11.000 hoch. Ende 2005 waren bereits 17.000 Polen in Schweden ansässig, Ende 2008 schon 29.000, schätzte das polnische Statistische Hauptamt (GUS) in Warschau 2009.

„In Schweden habe ich mich sofort verliebt, ein wunderschönes Land, in dem wir uns gleich wohlgefühlt haben“, berichtet Agnieszka für Corrigenda von ihren damaligen Gefühlen. Doch es sei nicht nur landschaftlich schön gewesen: „Was uns besonders gut gefallen hat, war eigentlich, dass dieses Land sehr offen war, vor allem auch gegenüber uns Migranten sehr tolerant. Und die Menschen waren freundlich. Deswegen haben wir uns als Migranten auch wohl und sicher gefühlt.“ Eine Zeile aus der schwedischen Nationalhymne gibt gut ihre Stimmung kurz nach der Ankunft wieder: „Ich grüße dich, lieblichstes Land der Erde!“

In der neuen Heimat fassen sie schnell Fuß. Agnieszka lernt in drei Monaten Schwedisch, ihr Mann findet Anstellung in einer Computerfirma. Bald bekommt die Älteste ein Geschwisterchen. In Stockholm gibt es wie in vielen anderen Städten Gottesdienste in polnischer Sprache.

Als Schweden beschloss, eine große Zahl von Migranten aufzunehmen

Die Wohnung der Familie liegt im südwestlichen Stockholmer Vorort Huddinge unweit des Mälaren-Sees, eines beliebten Naherholungsgebiets, wo die Hauptstädter ihre Wochenendhäuser haben. Wanderwege, Joggingstrecken, Segelboote, bezaubernde Sonnenuntergänge an den lauschigen Buchten des drittgrößten Sees des Landes. Ein Naturparadies.

„Ich war früher gerne mit dem Hund nachts spazieren, am See. Wir sind sommers sogar oft schwimmen gegangen. Ich hatte nie ein Problem damit, keinerlei Befürchtungen“, beschreibt Agnieszka rückblickend die Idylle. „Überall konnte man hinfahren, überall allein hingehen. Ich habe mich einfach sicher gefühlt. Es war immer gut.“

Und dann trat etwas ein, was die Mutter zweier Töchter so erklärt:

„Es war schön bis zu einem gewissen Zeitpunkt, als meiner Meinung nach so eine Art Tag null für Schweden geschah. Zumindest habe ich das so empfunden. Und zwar damals, als die Schweden beschlossen haben, eine ganze Menge Flüchtlinge aufzunehmen.“

Plötzlich habe sich einfach alles verändert. „Es kam zwar nicht von einem Tag auf den anderen, aber es wurde immer schlimmer.“

Es fing damit an, dass man nicht mehr allein baden gehen konnte

Es fing damit an, dass man besser nicht mehr ohne männliche Begleitung zum Baden an den Mälaren-See ging. Es sind dies die Jahre, in denen nicht nur Polen in größerer Zahl nach Schweden ziehen. Bald nach der EU-Erweiterungsrunde setzte eine Entwicklung ein, die die Wikipedia in die nüchternen Worte fasst: „Ab 2008 gab es eine langfristige Verschiebung bei den Herkunftsländern, mit einem größeren Anteil von Migranten mit niedriger Bildung aus außereuropäischen Ländern.“

Ein beliebter Badestrand am Mälaren-See in Stockholm vor der Flüchtlingskrise: Es fing damit an, dass Frauen und Mädchen besser nicht mehr ohne männliche Begleitung baden gingen
Ein beliebter Badestrand am Mälaren-See in Stockholm vor der Flüchtlingskrise: Es fing damit an, dass Frauen und Mädchen besser nicht mehr ohne männliche Begleitung baden gingen

2009 kamen über 102.000 Migranten nach Schweden, das ist der bis dahin höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1871. Die Zahl der Asylbewerber stieg von 2009 auf 2010 um ein Viertel, auch hier einer der höchsten Werte für Schweden seit den Balkankriegen ab 1992. Innerhalb der EU-Länder hatte Schweden die viertgrößte Zahl von Asylanträgen zu bewältigen. Das war die höchste Zahl pro Kopf der Bevölkerung nach Zypern und Malta.

2010 waren 1,3 Millionen Einwohner Schwedens im Ausland geboren. Das waren 14,3 Prozent der Bevölkerung, die damals 9,3 Millionen betrug. Von diesen im Ausland geborenen waren nur 477.000 (35,4 Prozent) in einem anderen EU-Land geboren, knapp 860.000 (64,6 Prozent) jedoch außerhalb der EU, berechnete das Statistische Amt der Europäischen Union Eurostat in Luxemburg 2011.

Von aufdringlichen Flüchtlingen belästigt

In Agnieszkas Alltagsleben stellten sich alsbald vorher nie gekannte Veränderungen ein. Sehr unangenehme Veränderungen. „Ich bin mit meiner Nachbarin gerne spazieren gegangen. Wir haben das häufig und regelmäßig gemacht. Es kam aber irgendwann ein Moment, da konnten wir das nicht mehr tun. Zumindest nicht ohne Mann“, erzählt Agnieszka.

„Wir wurden immer wieder von ganzen Männergruppen von Flüchtlingen belästigt. Sie waren zudringlich, übergriffig, haben dir aufdringlich ins Dekolleté reingeguckt, haben dich an den Armen gepackt und gezerrt. Nachts Baden gehen hat dann natürlich auch nicht mehr geklappt, das war nicht mehr möglich. Allgemein an den See baden zu gehen ohne männliche Begleitung war nicht mehr vorstellbar.“

Die Veränderungen, die, wie Agnieszka betont, schon vor 2010 eintraten und damit lange vor der Migrationskrise ab 2015, zeigten sich noch in anderen Situationen. „Zum Beispiel mit meinen Töchtern, die waren damals noch klein. Wir sind häufig sehr gern in die Schwimmbäder gegangen. Aber langsam mussten wir damit aufhören, denn plötzlich waren sie furchtbar schmutzig und verdreckt. Flüchtlinge sind mit ihren Familien dorthin gekommen und haben Müll und Dreck hinterlassen. Spaß und Erholung waren dann nicht mehr gegeben.“

Deswegen beschlossen sie, kein Schwimmbad mehr zu besuchen. „Das war ein Zeitpunkt, an dem wir auch festgestellt haben, dass sich irgendetwas verändert, dass es anders ist und dass es auch sehr unangenehm werden kann, obwohl wir als Migranten selbst eigentlich tolerant sein wollten.“

Ein Vorfall in der Schule …

Wie die einheimischen Schweden, besonders die Autoritäten, mit den Veränderungen in ihrer Heimat umgehen, schockt die Polin besonders. Ein Beispiel erscheint symptomatisch. Sie erinnert sich gegenüber Corrigenda:

„Junge Männer mit Migrationshintergrund, wie man sagt, drangen eines Tages in die Schule meiner älteren Tochter Wanda ein. Sie zerrten deren Freundin Irena in die Toilette. Wanda bekam Panik, wollte aber schnell ihrer Freundin helfen und ist zum Schuldirektor gelaufen, um ihm den Vorfall zu melden. Meiner Meinung nach hatte sie sich genau richtig verhalten.“

An jenem Abend erhielt Agnieszka einen Anruf vom Büro des Schuldirektors und wurde zum Gespräch gebeten.

… und die Drohung des Direktors

„Als in dem Moment stolze Mutter habe ich gedacht, dass ich jetzt wohl gelobt werde dafür, dass sich meine Tochter richtig verhalten hat.“ Doch weit gefehlt:

„Wir nahmen am Tisch Platz, und ich wartete darauf, dass er loslegt und Wanda lobt. Es kam aber ganz anders. Der Direktor sagte zu mir rundheraus, ich solle meiner Tochter keinen Rassismus beibringen, sonst werde sie keine Zukunft in Schweden haben. Da war so ein Impuls, ich dachte: ,Oh mein Gott, das kann doch nicht euer Ernst sein.’ Wie kann es sein, dass wir so eine absurde Situation haben! Der Direktor spricht hier von Rassismus. Aber was ist mit dem Mädchen, das auf die Toilette gezerrt wurde? Was, wenn ihr etwas passiert wäre? Sie war vielleicht 14 oder 15. Was, wenn sie verletzt, was, wenn sie vergewaltigt worden wäre? Das Mädchen hätte ein lebenslanges Trauma. Und der Direktor spricht von Rassismus!“

Ein anderer Vorfall ging noch weiter, war extremer. Er betraf abermals die ältere Tochter der Familie, die damals schon in der Pubertät war. Eines Tages ging sie in einem Stockholmer Supermarkt einkaufen. „Da wurde Wanda von einem Angestellten belästigt. Er hat ihr an die Brust gegrapscht. Das ist auch auf den Aufnahmen der Überwachungskameras dokumentiert.“

Eine weitere Erfahrung von Täter-Opfer-Umkehr

Die Familie erstattete Anzeige bei der Polizei. Aus dem Bericht, den Agnieszka gibt, ist auch nach Jahren noch die Empörung, die Fassungslosigkeit zu spüren über die Reaktion schwedischer Stellen, von denen man etwas anderes erwartet hätte. Die Mutter erzählt es so:

„Der Angestellte des Supermarkts wurde weder von der Polizei richtig verhört noch gab es irgendwelche Konsequenzen für ihn. Wir stattdessen wurden immer wieder zu verschiedenen Psychologen und zur Polizei bestellt und dort befragt. Es wurden von den Psychologen Verhaltensanalysen von uns erstellt.“

Ihre Tochter sei nach diesem Erlebnis lange verwirrt gewesen, verängstigt, unruhig und im Nachgang schockiert darüber, dass der Angestellte des Geschäfts, der, wie man es in Deutschland verhüllend sagt, „südländischer Herkunft“ war, für seine Straftat offensichtlich nicht belangt wurde.

Die Rekord-Masseneinwanderung aus dem Nahen Osten hält an

Das verletzte Sicherheits- und Gerechtigkeitsgefühl nagt. „Wir waren einfach total verwirrt und verzweifelt, was eigentlich in dem Land, in das wir ausgewandert sind, passiert. Wir mussten unseren Töchtern verbieten, nach Gröna Lund, den Vergnügungspark, zu gehen, denn dort kam es zu Vergewaltigungen. Und nicht nur wir, sondern auch viele andere schwedische Eltern mieden diesen Park.“

Unterdessen setzte sich der Zuzug nach Schweden ungebremst fort. 2013 war ein weiteres Rekordjahr, 115.845 Personen wanderten nach Schweden ein. Nach Abzug von Wegzügen und Sterbefällen blieb ein Migrationssaldo von plus 88.971 Personen. Die De-facto-Einwanderer, eigentlich Flüchtlinge oder Asylbewerber, strömen vor allem aus dem Nahen und Fernen Osten, aber auch aus Nordafrika herein und greifen Platz.

Sie zieht es in die schwedischen Großstädte Malmö, Göteborg, Uppsala, Helsingborg und deren Vororte, wo sie zumeist schon Landsleute vorfinden. Diese Städte weisen neben Stockholm die höchsten Anteile an Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund auf. In den ländlichen Gebieten und näher an den nördlichen Breitengraden leben verhältnismäßig wenig Migranten.

Das gefährlichste Land der EU …

Die Kriminalität schwillt stark an – Sozialleistungsbetrug, Raub, Drogenhandel. Gangs mit Mitgliedern meist aus der migrantischen Gemeinde markieren ihre Reviere mit Gewalttaten, Schießereien, Autobränden. Mit der Konsequenz, dass das einstige Musterland zum gefährlichsten Ort der Europäischen Union wird.

Im Advent 2010 zündet ein islamistischer Attentäter in der Stockholmer Innenstadt eine Autobombe, die zwei Passanten verletzt. Ebenfalls in der Hauptstadt rast im April 2017 ein usbekischer Terrorist mit einem LKW durch eine belebte Fußgängerzone. Fünf Menschen sterben, 15 werden verletzt. Der Asylantrag des späteren Täters war von der Einwanderungsbehörde abgelehnt worden, der 39-Jährige tauchte daraufhin unter.

Gedenken der geschockten Einwohner am Tag nach dem islamistischen Terroranschlag vom 7. April 2017 mitten in Stockholm
Gedenken der geschockten Einwohner am Tag nach dem islamistischen Terroranschlag vom 7. April 2017 mitten in Stockholm

2020 lag die Zahl der Opfer von Tötungsdelikten in Schweden bei zwölf Personen pro einer Million Einwohnern, im Rest der EU kostet tödliche Gewalt dagegen durchschnittlich acht Personen auf eine Million das Leben. Noch deutlicher fällt der Vergleich aus, wenn man nur die Opfer von Schusswaffen in den Blick nimmt: Kamen in Schweden 2020 vier Menschen auf eine Million Einwohner durch Schüsse ums Leben, waren es im Durchschnitt der anderen EU-Staaten 1,6 Personen pro eine Million. Die Daten lieferte eine Untersuchung des Brottsførebyggande rådet (BRÅ), des Ausschusses zur Vorbeugung von Kriminalität.

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… und das Schweigen der Schweden

Die dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage im Land müsse doch auch den Einheimischen auffallen, müsse doch ein Thema sein, über das man im Alltag spricht, das die Leute umtreibt, denkt Agnieszka. Die Polin kann den Mantel des Schweigens nicht verstehen, den die schwedische Wohlfühlgesellschaft über alles deckt, was mit den hässlichen Konsequenzen der Masseneinwanderung zu tun hat.

In Politik und Medien herrscht, ganz ähnlich wie in Deutschland, ein Tabu, bei den Morden, Vergewaltigungen, Überfällen und Einbrüchen, deren Zahl rasant ansteigt, über die Täterseite zu sprechen.

„Ich habe auch mal ein paar schwedische Freunde gefragt, warum sie denn schwiegen“, erinnert sich Agnieszka. „Warum sie denn einfach weitermachen und immer noch sagen, dass Flüchtlinge aufzunehmen gut sei, warum sie denn davon nicht abkommen?“ Zur Antwort habe sie erhalten: Wir wollen einfach immer die Besten sein, wir wollen ein gutes Image haben, wir wollen nicht schlecht dastehen, wir können nicht Nein sagen. Agnieszkas Resümee dieser Haltung lautet kühl und knapp: „Nun, aber sie haben ihr Land kaputt gemacht.“

„Lauf schnell weg, bring dich in Sicherheit!“

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, weshalb die vierköpfige Familie letztendlich wieder den Umzugswagen bestellte und 2018 zurück in die Heimat ging, war das, was Kriminologen nüchtern ein „Tötungsdelikt“ nennen.

Gegenüber Corrigenda schildert Agnieszka es so: Die größere der beiden Töchter war mit Adam, einem etwas älteren, katholischen Jungen aus Schwarzafrika, befreundet. In einem Jugendzentrum brachte er den Kindern Gitarre spielen bei. Dort hatten sie sich auch kennengelernt. Oft spielten sie Tischtennis zusammen und verbrachten gemeinsam die Zeit.

„Eines Tages waren sie nach dem Gitarrenunterricht auf dem Weg nach Hause. Und plötzlich auf der Straße trat aus einer Gruppe junger Flüchtlinge ein einzelner auf sie zu und begann, das Mädchen zu belästigen: Er stellte sich dicht vor sie, hinderte sie am Weitergehen, fasste sie an, griff ihr an die Jacke, schubste sie.“

Wandas guter Bekannter ging dazwischen und stellte sich schützend vor sie. Geistesgegenwärtig schickte er das Mädchen fort: „Geh, lauf schnell weg, bring dich in Sicherheit!“ Das machte sie. Sie konnte nicht wissen, dass der Freund nur noch wenige Sekunden zu leben hatte.

„Mama, ich gehe zurück nach Polen“

„Das Schlimmste, was passiert ist und was ich immer noch nicht verkraften kann, ist, dass sie ihn umgebracht haben. Und ich als Mutter konnte ihm niemals mehr danke dafür sagen, dass er meine Tochter nach Hause geschickt hat. Das war am 23. Dezember. Weihnachten war natürlich total im Eimer. Und das war das Ende.

Meine Tochter sagte zu uns: ,Mama, Papa, ich gehe zurück nach Polen. Und wenn ihr nicht mitkommt, dann ziehe ich eben zu Oma. Aber ich halt das nicht mehr aus, ich will weg.’ So haben wir es dann auch gemacht. Einfach aus Sicherheitsgründen, weil unsere Töchter in einem normalen Umfeld aufwachsen sollten.“

Freunde, die die Familie in jener Zeit besuchten, haben dann jedes Mal schon Sachen mit nach Polen zurückgenommen. Das war zu Jahresanfang 2018.

Dann explodiert auch noch eine Bombe an der U-Bahn

Im Januar des Jahres explodierte am U-Bahnhof Vårby Gård eine Bombe. Ein Mann kam ums Leben, eine Frau wurde verletzt. „An dieser Station ist normalerweise meine Tochter ausgestiegen. Das war ein Moment, in dem ich als Mutter natürlich total Panik hatte.“ Glücklicherweise passierte der Tochter nichts, da sie früher gefahren war und schon nicht mehr in der Nähe jener Station war.

„Trotzdem war das ein Schock. Wieder so ein Moment, wo wir feststellten: So kann es nicht mehr weitergehen. Es war totales Chaos damals, eine Zeit voller Angst.“ In Stockholm kommen in jenem Jahr elf Menschen bei Schießereien ums Leben. Im ganzen Land gab es 306 Schießereien und 162 Explosionen.

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Bevölkerungszahl schnellt um mehr als zehn Prozent nach oben

Heute stellen Syrer die größte Bevölkerungsgruppe in Schweden, die keine schwedische Staatsangehörigkeit hat. Im Laufe von zwölf Jahren ist die Einwohnerzahl um 1,2 Millionen auf mittlerweile 10,5 Millionen Einwohner nach oben geschnellt, so die jüngsten Zahlen von August 2022. Die mit Abstand größte Ausländergruppe für 2021 waren Syrer mit 95.080 Personen. Polen folgen in großem Anstand und nehmen mit fast 54.000 den zweiten Platz ein.

Die Plätze 3 und 5 halten Afghanen (48.478) und Eritreer (43.455). Da Schweden das liberalste Einbürgerungsrecht der EU hat und nicht einmal den Nachweis von Sprachkenntnissen verlangt, sind seit dem Jahr 2000 über eine Million Einwanderer zu Pass-Schweden geworden.

Die Probleme mit der grassierenden Bandenkriminalität zwangen im September vergangenen Jahres den glücklosen damaligen Premier Stefan Löfven dazu einzuräumen: „Wenn man eine Einwanderung hat mit einer Größenordnung, die eine Integration erschwert, so führt dies zu sozialen Spannungen“. Dessen Sozialdemokraten waren im Laufe der letzten zwanzig Jahre in der Wählergunst von knapp 40 Prozent auf bloß noch gut 30 Prozent abgerutscht.

In Polen ist es aufwärts gegangen

Aus den jüngsten Wahlen zum schwedischen Reichstag im September gingen sie zwar als Sieger hervor, zum Regieren reichte es allerdings nicht mehr: Die konservative Opposition errang die Mehrheit der Mandate, und die rechtsgerichteten Schwedendemokraten sind faktisch an der neuen Regierung beteiligt. Für das traditionell sozialdemokratische Schweden ein Novum, aber mehr noch ein Indikator dafür, wie sehr die Befindlichkeit im einst hyggeligen Ikea- und Fjällräven-Land im Umbruch ist.

Für Agnieszka und Familie ist der schwedische Traum jedenfalls aus: Seit viereinhalb Jahren fühlen sie sich wieder in Gdingen wohl. Neunzig Prozent ihrer Freunde aus Schweden, sagt Agnieszka, seien inzwischen ebenfalls wieder in der Heimat. Die Zahl der im Ausland lebenden Polen ging in diesem selben Jahr 2018 erstmals zurück, sie sank um 85.000 Personen, ermittelten die Statistiker des GUS in Warschau.

Blick auf Gdingen mit dem Hafen, im Vordergrund der Steinberg (Kamienna Góra) mit dem weithin sichtbaren Kreuz: Die Sicherheitslage ist mit schwedischen Verhältnissen nicht zu vergleichen
Blick auf Gdingen mit dem Hafen, im Vordergrund der Steinberg (Kamienna Góra) mit dem weithin sichtbaren Kreuz: Die Sicherheitslage ist mit schwedischen Verhältnissen nicht zu vergleichen

Das Polen heute ist ein anderes als zu Beginn des Jahrhunderts. Es ist sichtbar aufwärts gegangen. Die Rückkehrer fielen nicht ins Nichts. 2018 legte die polnische Wirtschaft um mehr als fünf Prozent zu, im Jahr darauf um gut vier Prozent. Ob im Städteverbund Danzig-Zoppot-Gdingen, ob in Stettin, Krakau oder Warschau – Bürotürme sind wie Pilze aus dem Boden geschossen und attraktive Arbeitsplätze entstanden.

Warschau setzt Anreize für Mehrkindfamilien

Die 2015 siegreichen Nationalkonservativen der Kaczyński-Partei PiS führten im April 2016 ein Kindergeld in Höhe von 500 Złoty (aktuell ca. 107 Euro) ab dem zweiten Kind ein mit dem erklärten Ziel, die Geburtenzahl zu erhöhen. Dazu fördert ein öffentliches Programm den Wohnungsbau. Inzwischen gibt es das Kindergeld schon ab dem ersten Kind.

Vor allem aber: Die Sicherheitslage und das Sicherheitsgefühl sind mit schwedischen Verhältnissen nicht zu vergleichen. Kämpfe krimineller Einwanderer-Banden, die ganze Stadtteile terrorisieren, sind in Polen unbekannt. An den Kliffs in Gdingen, oben auf der Steilküste oder am Strand der Ostsee, kann man joggen oder spazieren gehen, ohne von „Südländern“ bedrängt zu werden.

Auch Schweden sind nach Polen übergesiedelt

„Man spricht die eigene Sprache, und besser bescheidener leben, aber bei sich“, fasst Agnieszka gegenüber Corrigenda die Vorzüge eines Lebens in der Heimat zusammen. „Ja, und anders als in Schweden hat der Begriff Patriotismus hier einfach einen guten Klang.“

Agnieszkas Mann konnte als Computerfachmann in Danzig leicht wieder Anschluss finden. Sie selbst betreibt ein Café. Die Familie wohnt im eigenen Haus, pflegt ein intensives kirchliches Leben. Die ältere der beiden Töchter hat vor kurzem geheiratet.

„Interessanterweise haben auch viele Schweden ihr Land verlassen, haben in Polen Häuser gekauft und leben jetzt hier und sind auch sehr zufrieden damit.“ Was Googles Autovervollständigung indirekt bestätigt: Gibt man bei der Suchmaschine den Begriff „Schweden in“ auf Polnisch ein, ergänzt die Autovervollständigung … „Warschau, Krakau, Thorn, Konin“. Die Nachfrage nach Polen ist also groß.

 

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Piet Grawe
Vor 5 Monate

Dennoch ist die deutsche Presse von SPIEGEL bis ZEIT und SZ und besonders auch der ÖR von DLF bis ZdF redlich bemüht, den "Rechtspopulisten" Jarosław Kaczyński zu verunglimpfen, der eine "faschistische Sprache des Hasses" benutze. Dagegen betreibt man Wahlkampfhilfe für den "liberal-konservativen" friedfertigen Donald Tusk, der zwar die deutsche Sanktionspolitik eine »Schande« nannte und auch schon mal mit 107 km/h durch ein Dorf bretterte und dafür seinen Führerschein verlor, aber hochgejubelt wird. Man mischt per Schuldzuweisungen fröhlich mit, obwohl vor der eigenen Haustür genug zu kehren wäre, z.B. die Besetzung von Richtern mit genehmen Leuten, eine regierungsnahe Presse, die ihre Kontrollfunktion aufgibt, und die Einmischung in eine Wahl, die, weil im Ergebnis nicht genehm, "wiederholt" werden musste.

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Piet Grawe
Vor 5 Monate

Dennoch ist die deutsche Presse von SPIEGEL bis ZEIT und SZ und besonders auch der ÖR von DLF bis ZdF redlich bemüht, den "Rechtspopulisten" Jarosław Kaczyński zu verunglimpfen, der eine "faschistische Sprache des Hasses" benutze. Dagegen betreibt man Wahlkampfhilfe für den "liberal-konservativen" friedfertigen Donald Tusk, der zwar die deutsche Sanktionspolitik eine »Schande« nannte und auch schon mal mit 107 km/h durch ein Dorf bretterte und dafür seinen Führerschein verlor, aber hochgejubelt wird. Man mischt per Schuldzuweisungen fröhlich mit, obwohl vor der eigenen Haustür genug zu kehren wäre, z.B. die Besetzung von Richtern mit genehmen Leuten, eine regierungsnahe Presse, die ihre Kontrollfunktion aufgibt, und die Einmischung in eine Wahl, die, weil im Ergebnis nicht genehm, "wiederholt" werden musste.