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Deutsch-polnische Wunder

Wenn die Not am größten ist

Eine Begegnung auf einem Chorwochenende im tiefverschneiten, klirrend kalten Ostpolen. Unmittelbar vor Mariä Lichtmess: letzte Gelegenheit, die so volkstümlichen polnischen Weihnachtslieder zu singen. Vom Jesulein, dem Kindelein im Krippelein, vor Kälte zitternd auf Heulein und Strohlein, gewiegt von seinem Mütterlein, besungen von den Engelein … Alles zärtlich, bäuerlich, rustikal-ländlich, Zeugnis tiefen und selbstverständlichen katholischen Glaubens.

Jemand erzählt mir bei Tee und Keksen, wie er vor zwanzig Jahren mal einige Wochen als freiberuflicher Musiker in Stuttgart zu tun hatte. Und dort ein Wunder erlebte. So ein richtiges, ohne Verniedlichungssuffix.

Seine Frau war in anderen Umständen, und weil sie Sehnsucht hatte, kam sie ihren Mann besuchen, der großen Entfernung zum Trotz. Es waren erst zwei Drittel der Schwangerschaft herum, also konnte sie noch ohne Weiteres reisen. Freude über die gemeinsame Zeit zwischen Wald und Reben, mit netten Kollegen, intensiven Proben. Die Zeit der Niederkunft war noch lange hin.

Bangen und beten: Wird das Baby durchkommen?

Nach ein paar Tagen ein Schock: Seine Frau fühlt sich unwohl, starke Bauchschmerzen. Plötzlich läuft Wasser aus, die Geburt des ersten Kindes kündigt sich an – aber viel, viel zu früh! Ein entsetzlicher Schreck. Der Notarzt bringt die Schwangere so schnell es nur geht ins Krankenhaus auf die Frühchenstation. Das Babychen wird vorsichtig geholt, Gottlob lebt es! –, aber es wiegt nur 800 Gramm! Es ist ein Junge, so zart, so fein, beinahe durchscheinend. Es kommt in den Brutkasten, wird „verkabelt“ – „die Kanülen steckten überall“, erinnert sich der Vater noch, als wäre es gestern gewesen.

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Bange Tage, bange Wochen. Wird der Sohn durchkommen? Gegen alle Wahrscheinlichkeit? Viele Tränen, viel beten. Die Ärzte auf der Neonatologie kümmern sich rührend um das winzige Geschöpf. Sie widmen sich ihrer Aufgabe, Leben zu retten, mit allem, was sie haben, mit aller Kunst und allem Können, mit aller Aufmerksamkeit. Jetzt, noch Jahrzehnte später erzählt der Vater mit glitzernden Augen, wie die Chefärztin und ihre Mitarbeiter das überfrühe Frühchen im Inkubator Tag und Nacht nicht aus den Augen ließen, aber auch seine Mutter mit großer Freundlichkeit und Verständnis umsorgten. Am Krankenhaus bekamen die Eltern ein Angehörigenzimmer gestellt, um immer in der Nähe ihres Sohnes sein zu können.

Und plötzlich hohe Schulden

Der Vater holt das Smartphone hervor und zeigt ein Urlaubsfoto seiner Familie. Drei hochgewachsene Kinder, in der Mitte der älteste Sohn, keck, in der Blüte seiner Jugend. Das ist der, der es nicht abwarten konnte, auf der Erde dem lieben Gott Gelegenheit zu Seiner Verherrlichung zu geben. Der Vater hebt die Hände, schaut zur Decke Richtung Himmel: „Halleluja, dank sei Dir, Herr, für alle deine Gnaden!“ Denn wäre die Frühgeburt am Wohnort des Ehepaares in Polen geschehen, wäre das Baby verloren gewesen: Es gab dort in den Krankenhäusern nicht die entsprechende Ausstattung wie auf der Neonatologie in Stuttgart, man hätte ein Kind mit so geringem Geburtsgewicht nicht retten können.

„Weißt du, ich erzähl’ dir noch was. Das war nicht das einzige Wunder in Stuttgart.“ Die Geschichte geht noch weiter. Denn die beiden waren ja nur vorübergehend in Deutschland – und hatten bloß eine Reisekrankenversicherung. Aber die kommt für solche Fälle nicht auf: Im Kleingedruckten ist die Behandlung von Schwangerschaftskomplikationen ausgeschlossen.

Jetzt steht die Arztrechnung über eine hohe fünfstellige Summe an. In Euro, nicht in Złoty. Zweieinhalb Monate musste das Frühchen im Krankenhaus aufgepäppelt werden, jeder Tag verschlingt tausend Euro. Die Ärzte genieren sich zwar, und, natürlich, es stimmt: der Mensch lebt nicht vom Brot allein; aber eben doch auch vom Brot. Nun ist guter Rat teuer.

Eine große Spendenaktion macht Hoffnung

Der Vater fasst sich ein Herz und spricht auf dem Sozialamt in Stuttgart vor. „Sie waren wirklich sehr, sehr nett dort, sehr bemüht und gutwillig.“ Aber nach Durchsicht der einschlägigen Gesetze, der Prüfung selbst entlegenster Paragrafen – für eine Kostenübernahme gibt es keine Handhabe. Die Familie wird die Rechnung privat bezahlen müssen. Der Vater ist damals ein junger Musiker mit unregelmäßigem Einkommen. Woher eine solch unfassbare Summe nehmen? An einen Kredit ist gar nicht zu denken. Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte. Schulden! Wie soll das nur werden? Matko Boska! Maria, Mutter vom Guten Rat, hilf!

In der polnischen Heimat spricht die junge Familie Freunde an. Jemand hat die Idee mit einer Spendenaktion: für die wunderbare Frühchenrettung, Frühchen-Errettung in Deutschland, des einzigen Kindes! Damit das Krankenhaus ausbezahlt wird. Die finanzielle Mega-Bredouille der jungen Familie spricht sich herum in polnischen Musikerkreisen und Kirchengemeinden. Viele rührt die Geschichte an, so mancher zwackt sich etwas ab, gibt freimütig. Am Ende sollten achttausend Euro zusammenkommen. Nicht mal ein Achtel des offenen Rechnungsbetrags, aber ein Anfang.

Der Vater nimmt das Geld und fährt abermals nach Stuttgart, zu dem Krankenhaus, wo sein Sohn gleich zweimal das Leben geschenkt bekam: einmal in der Geburt, einmal durch großes Bemühen der Säuglingsärzte. Er geht zur Chefärztin, klopft an die wohlbekannte Tür ihres Sprechzimmers. Er zieht die prallgefüllte Brieftasche hervor, will wenigstens einen Teil der Schuld begleichen, in jedem Fall aber guten Willen zeigen.

Die Familie bekommt eine Aufgabe

Die Chefärztin nimmt ihn beiseite. Und eröffnet ihm, dass sich das Krankenhaus zwischenzeitlich mit dem Sozialamt ins Benehmen setzen konnte. Oder umgekehrt: das Amt doch einen Weg für das Krankenhaus auftun konnte, an sein Geld zu kommen und den jungen Vater aus dem Schuldturm freizukriegen, im übertragenen Sinne. „Sie konnte es selbst nicht bis ins Letzte begreifen, auf welcher gesetzlichen Grundlage das eigentlich geschah, Deutschland ist doch schließlich ein Rechtsstaat; sie versuchte, es mir zu erklären, ich habe auch nicht alles verstanden. Aber ich bin den Deutschen so, so dankbar für alles, was sie hochherzig für uns getan haben! Sie waren dazu nicht verpflichtet!“

Jetzt sind da die achttausend Euro, eine zweckgebundene Spende. Die polnische Familie kann sie natürlich nicht behalten. Was wird nun damit? Die Ärztin hat einen Wunsch.

Krankenhaus in Oberschlesien im Jahr 2008: Fähige Ärzte, aber Mangel an Ausrüstung und Ausstattung

Wie es der Zufall so will – wenn der liebe Gott uns Aufgaben hinstellt, pflegen wir blinden Menschen von „Zufall“ zu sprechen –, kennt sie Kollegen an einem Krankenhaus in der Heimatstadt des glücklichen Vaters. Die Not in der dortigen Neonatologie ist groß: Fähige Kollegen, aber es mangelt an Ausstattung, Ausrüstung, an Technik. Polen ist erst vor kurzem Mitglied der EU geworden, und gerade im staatlichen Gesundheitswesen fehlt es an allen Ecken und Enden. Und weil es dort auf der Station zu wenig Brutkästen gibt, müssen die Kinderärzte ständig eine schreckliche Auswahl treffen: Um dieses Frühchen kümmern wir uns, um jenes nicht.

Dein Erbarmen, o Herr, will ich in Ewigkeit preisen

Die in Stuttgart auf wundersame Weise nicht mehr gebrauchte Spende wird in Polen in den Kauf eines Inkubators investiert. „Die haben dann an dem Brutkasten eine Plakette angebracht, auf der stellvertretend für viele auch unser Name geschrieben steht. Dadurch, dass sie den Inkubator haben, können viele Frühchen mehr gerettet werden! Noch ein drittes Wunder! Halleluja, halleluja!“

Ich bin erstaunt und gerührt ob solcher Wunder. Was haben wir für einen lieben Vater im Himmel. Die Erzählung des heute landesweit bekannten Musikers habe ich auf der Rückfahrt im Eurocity aufgeschrieben, als sie noch frisch im Gedächtnis war.

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