Direkt zum Inhalt
Kolumne „Mild bis rauchig“

Mutter-Kind-Gruppe

Es ist die wohl denkwürdigste Mutter-Kind-Gruppe der Weltgeschichte! Da sind nicht zwei Mütter, die mit ihren neugeborenen Kindern spielen und sie beim Krabbeln behüten. Es sind zwei schwangere Frauen, die ihre noch ungeborenen Kinder miteinbeziehen in die Freude ihrer Begegnung: Maria und ihre Cousine Elisabeth.

Wer das ist? Maria ist die Mutter von Jesus, von dem sie vernommen hat, Er sei der Sohn Gottes. Denn Er stammt nicht von einem leiblichen Vater. Und Elisabeth, ihre Cousine, ist die Mutter von Johannes, dem Vetter Jesu, den man später den Täufer nennen wird, weil er sein Volk durch eine Wassertaufe am Jordan auf das nahe Auftreten des lang ersehnten Messias vorbereitet.

Beide Frauen sind guter Hoffnung. Elisabeth ist ein wenig weiter als Maria, weshalb die Bibel berichtet, dass Maria als diejenige, deren Geburtswehen noch ein bisschen länger auf sich warten lassen, ihrer Verwandten beistehen möchte. Also bricht sie im Norden Israels, in Galiläa, auf und geht nach Ein Karem südwestlich von Jerusalem, um dort zur Stelle zu sein, wenn Elisabeths Kind geboren wird.

„Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib“

Das Lukasevangelium beschreibt die oben geschilderte Szene der Begegnung mit einem wichtigen Detail. Denn es gibt da nicht nur eine freudige Umarmung oder einen Händedruck. Es regt sich sogar der kleine Johannes unter dem Herzen Elisabeths. „Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib, als ich hörte, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt!“

Das Bemerkenswerte an dieser Szene ist, dass sich Johannes, der einmal der Vorläufer Christi werden soll, offenbar mehr über den Besuch seiner Tante Maria freut, als über den, den sie unter ihrem Herzen trägt und den er einmal am Jordan seinem Volk als das Lamm Gottes ankündigen wird. Er, der an der Grenze vom Alten zum Neuen Testament steht, ist in diesem Moment des Besuchs Mariens bei seiner Mutter Elisabeth zunächst ganz hingerissen von der, die – wie Elisabeth sagt – „geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“.

Die „Mutter meines Herrn“, wie Elisabeth sie nennt, ist der Grund der Freude. Jahrhunderte später wird sie eine Anrufung der Lauretanischen Litanei so bezeichnen, Causa nostrae laetitiae, Ursache unsrer Freude.

Eine Stunde der Gottesmutter

Damit ist die Begegnung Mariens mit Elisabeth eindeutig eine Stunde der Gottesmutter. Sie soll in den Mittelpunkt gerückt werden. Sie ist diejenige, die es zugelassen hat, dass in ihr der Gottmensch Jesus Christus heranwächst. Denn dieses Wunder ist nicht ohne ihre Einwilligung geschehen. Der Heilige Geist nimmt nicht automatisch von ihr Besitz. Ihr „Ja“ war notwendig. Und ihr Glaube, wie es Elisabeth formuliert, „dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“.

Wenn sich Elisabeth und mit ihr das Kind in ihrem Leib freuen, dann über diese Frau, die es durch ihren Glauben und ihr Vertrauen auf Gott möglich gemacht hat, dass die Erlösung endlich da ist.

Gemälde der Gottesmutter Maria und der heiligen Elisabeth in der Besuchskirche in Ein Karem

In Ein Karem wird der Fokus auf die Mütter gelegt. Aber nicht nur, weil hier die Mutter Jesu einen Besuch bei einer anderen Mutter gemacht hat. Sondern weil hier eine Begegnung stattfindet, die zeigt, wer Maria ist und wie sie Mutter ist. Sie ist diejenige, ohne deren Glauben, ohne deren Mut, ohne deren Vertrauen und ohne deren Entschiedenheit sich Gott nicht auf diese Weise in die Welt begeben hätte. Daher hat sie auch das Recht, über sich selbst zu jubeln. 

Das Lied, das sie nach der Begrüßung durch Elisabeth anstimmt, wird von Lukas erwähnt. Es ist das Magnifikat, in dem sie sagt: „Der Mächtige hat Großes an mir getan“ und „auf die Niedrigkeit Seiner Magd hat Er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!“ 

Das vermeintliche Eigenlob ist letztlich der Lobpreis Gottes, der durch die Auserwählung Mariens die Welt in ihrem Inneren verändert hat.

Das, was Elisabeth spürt und Johannes unter ihrem Herzen, ist das, was später auf die ganze Kirche übergeht. Es ist Freude über die Mutter Jesu und ihre Verehrung als eine unendlich wichtige und zentrale Figur. Sie ist keineswegs das kleine Mädchen aus Nazareth, das in seiner jugendlichen Harmlosigkeit irgendetwas sozialrevolutionär Umstößlerisches in Form des Magnifikat formuliert. Sie ist die zentrale Pforte, durch die Christus in die Welt kommt, sie ist die „Morgenröte unserer Erlösung“.

Kein Christ wird die Mutter links liegenlassen können

In Ein Karem lernt man die Mutter Jesu von ihrem Wesen her begreifen und schätzen. Niemand, der ernsthaft Christus folgen will, wird sie links liegen lassen können. Im Gegenteil, Maria ist ein wesentlicher Bestandteil des Glaubensbekenntnisses. Nicht, weil man an sie glaubt, sondern weil man an einen Gott glaubt, der durch Maria – von ihr jungfräulich empfangen und geboren – Mensch wurde. 

Die Hymne dieses wunderbaren Geschehens ist das Magnifikat, das Maria im Haus der Elisabeth singt. Sie preist darin die Größe Gottes und sieht in Ihm den Retter. Und sie bezieht das Große, das Er an ihr getan hat, auf die Rettung aller Menschen, wenn sie Abstand von allem Hochmut nehmen und sich Gott anempfehlen, in dessen Macht es steht, die Mächtigen vom Thron zu stürzen und die Niedrigen zu erhöhen. Und schließlich preist das Magnifikat auch die Mutter und ihr „Ja“ zu ihrem Kind, aus dem einmal Großes werden wird, das sie nur bestaunen kann.

 

> Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge.

 

Auf der Bühne von Ein Karem spielen deswegen nicht nur die beiden Frauen mit ihren Gesprächen und ihrer Freude eine Rolle, sondern ganz bewusst auch die ungeborenen Kinder. Sie sind bereits Menschen, die sich regen können, wenngleich sie auch noch nicht geboren sind. Damit wird der Blick darauf gelenkt, dass das Leben nicht erst dort beginnt, wo es in diese Welt sichtbar eintritt, sondern dort, wo es nach der Zeugung heranwächst und gedeiht, im Schoß der Mutter. 

Und es ist eine klare Absage erteilt, in welcher Weise auch immer darüber nachzudenken, inwieweit man sich dieses Leben eventuell gefügig machen könnte. Man darf die Aussicht auf die Strafe für diese Anmaßung ebenfalls im Magnifikat erblicken. Auch die Bemächtigungsversuche an ungeborenem Leben sind in das eingeschlossen, was am Ende vom Thron gestürzt wird. Denn unter dem Herzen der Mutter lebt ein Mensch und nicht ein Ding.

Die Verteidigung des ungeborenen Lebens

Die Schilderung des Besuches Mariens bei Elisabeth fordert deswegen von allen, die glauben, die Verteidigung des ungeborenen Lebens. Die Heilige Schrift scheut sich nicht, den Tanz der Ungeborenen zu beschreiben, die im Schoß ihrer Mütter eine erste Begegnung miteinander erfahren. Nichts darf zu viel sein, um in der persönlichen Umgebung, manchmal sogar in der eigenen Familie, für die Heiligkeit des Lebens vor der Geburt einzutreten, das niemals und unter keinen Umständen irgendetwas anderem nachgeordnet werden darf. 

Dass sich genau das in den vergangenen Jahren eingespielt hat, ist die Frucht der Anmaßung eines Lebens ohne den Blick auf den, der es geschaffen hat. Wenn dieser Blick verlorengeht, wenn das Leben dem Menschen untertan ist und nicht mehr Gott, wird es disponibel und schutzlos. Dann darf man es künstlich erzeugen oder klonen, abtreiben oder am Ende dem Tod nachhelfen, wenn es zu teuer wird. 

Es ist eine erschreckende Gewöhnung an diese Übergriffe eingetreten. Selbst katholische Firmlinge und evangelische Konfirmanden wissen heute nicht automatisch, dass eine Abtreibung ein Mord ist oder ein assistierter Suizid eine himmelschreiende Sünde.

In der kommenden Woche, am 2. Juli, setzt ein bedeutendes Fest dem die Wahrheit Gottes entgegen. Denn dann blicken die katholischen Christen am Fest Mariä Heimsuchung auf den kleinen Ort Ein Karem, wo sich die Begegnung der Ungeborenen und ihrer Mütter abgespielt hat. Es wird dann in den Messfeiern weltweit der Bericht aus dem Lukasevangelium vorgelesen und an die Kinder erinnert, die schon in den Leibern ihrer Mütter ihr Recht bekunden, bedeutsam zu sein.

 

› Treten Sie dem Corrigenda-Telegram- oder WhatsApp-Kanal bei und verpassen Sie keinen Artikel mehr!

32
4

4
Kommentare

Comment

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
Kommentar
3
Flores
Vor 1 Woche 6 Tage

Besonders schön ist das dargestellt in der Passauer Heimsuchung, die es im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen gibt. Dort sieht man, wie durch Ausschnitte in den Kleidern der beiden Mütter, die beiden Kinder Johannes und Jesus als vollständige und lebendige Menschen, die sich gleichsam zu grüßen scheinen. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Heimsuchung_Mariae_…

2
Andreas Graf
Vor 2 Wochen

"Causa nostrae laetitiae". Maria ist die Ursache unserer Freude. Wer Maria begegnet, wer sie im Herzen empfängt, der empfindet Freude. Diese Freude ist ein sehr intimer Moment, den Maria zunächst nur mit ihrer Cousine teilt. Wer Maria begegnet, begegnet zugleich dem Herrn. "Lobpreiset meine Seele den Herrn". Interessant ist, dass Maria diesen Moment zunächst nur mit ihrer Cousine Elisabeth teilt, und nicht mit dem hl. Josef. Er wird auf die Probe gestellt. Die Ehe steht auf dem Spiel. Er trägt heimlichen Groll und Scheidungsgedanken im Herzen. Auch das Vertrauen Marias wird erprobt, die ihr Geheimnis auf Geheiß des Himmels dem hl. Josef noch nicht anvertrauen darf. Später wird sich das anbahnende Ungemach in Wohlgefallen auflösen. Der Blick auf diese nicht unbedeutende Szene im Evangelium ist schlicht verloren gegangen. Viele Probleme sind nach menschlichem Gutdünken nicht lösbar, sondern nur im Glauben, im Vertrauen, in der Geduld und schließlich im Blick auf Maria, Elisabeth und Josef. Wie viele Mütter könnten dann in Freude frohlocken: „Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib.“

0
Peter Schafranek
Vor 1 Woche 6 Tage

Wieder eine Freude, diesen schönen und wichtigen Text zu lesen. Zwei Höhepunkte dieser modern formulierten, konkreten Erzählung eines biblischen Geschehens: "sie sind bereits Menschen" und "preist das Magnifikat auch die Mutter und ihr Kind, das sie nur bestaunen kann". Neben der erklärenden Vorbereitung auf das Fest der Mariä Heimsuchung vor allem eine geschickte und überzeugende Darstellung der Notwendigkeit des Schutzes des ungeborenen Lebens. Danke Herr Pastor.

3
Flores
Vor 1 Woche 6 Tage

Besonders schön ist das dargestellt in der Passauer Heimsuchung, die es im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen gibt. Dort sieht man, wie durch Ausschnitte in den Kleidern der beiden Mütter, die beiden Kinder Johannes und Jesus als vollständige und lebendige Menschen, die sich gleichsam zu grüßen scheinen. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Heimsuchung_Mariae_…

1
Cyprinus
Vor 2 Wochen

„Und es ist eine klare Absage erteilt, ... Denn unter dem Herzen der Mutter lebt ein Mensch und nicht ein Ding.“

« Chapeau ! » für diese „die Sache“ (ich fass es nicht!) treffenden Worte von einem unserer vielfältig überbelasteten, mit Sicherheit oft alleine gelassenen Seelsorger von vielen quasi verwaisten Pfarren. Würde ich dergleichen doch gerne von unseren Mitren tragenden und den Hirtenstab haltenden deutschen Bischöfen in dieser Klarheit hören!

Ich erlaube mir, hierzu noch auf die profunde philosophische Argumentation von Robert Spaemann hinzuweisen: „Personen: Versuche über den Unterschied zwischen »etwas« und »jemand«“, Stuttgart 2019.

2
Andreas Graf
Vor 2 Wochen

"Causa nostrae laetitiae". Maria ist die Ursache unserer Freude. Wer Maria begegnet, wer sie im Herzen empfängt, der empfindet Freude. Diese Freude ist ein sehr intimer Moment, den Maria zunächst nur mit ihrer Cousine teilt. Wer Maria begegnet, begegnet zugleich dem Herrn. "Lobpreiset meine Seele den Herrn". Interessant ist, dass Maria diesen Moment zunächst nur mit ihrer Cousine Elisabeth teilt, und nicht mit dem hl. Josef. Er wird auf die Probe gestellt. Die Ehe steht auf dem Spiel. Er trägt heimlichen Groll und Scheidungsgedanken im Herzen. Auch das Vertrauen Marias wird erprobt, die ihr Geheimnis auf Geheiß des Himmels dem hl. Josef noch nicht anvertrauen darf. Später wird sich das anbahnende Ungemach in Wohlgefallen auflösen. Der Blick auf diese nicht unbedeutende Szene im Evangelium ist schlicht verloren gegangen. Viele Probleme sind nach menschlichem Gutdünken nicht lösbar, sondern nur im Glauben, im Vertrauen, in der Geduld und schließlich im Blick auf Maria, Elisabeth und Josef. Wie viele Mütter könnten dann in Freude frohlocken: „Das Kind hüpfte vor Freude in meinem Leib.“