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Sinn im Leiden finden

Mein Herz an einen Stern binden

Von Leonardo da Vinci soll der Satz stammen: „Binde deinen Karren an einen Stern.“ Elisabeth Lukas, Schülerin von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, nahm den Ausspruch zum Thema und Titel eines ihrer Bücher. Es geht darin um einen der Grundsätze der Logotherapie: dass sich alles verändert, wenn ein Mensch einen Sinn in seinem Leben findet. Indem er diesen im Blick behält, kann ein Mensch Großes erreichen.

Dabei gibt es keine Lebenssituation, die so aussichtslos wäre, dass dem jeweiligen Menschen nicht zumindest ein letzter Rest an Freiheit bleiben würde, um einen Sinn in seinem Leben zu finden – und sei es „nur“ der, das eigene Leiden heroisch zu ertragen. Auch, wenn ein Mensch scheinbar nichts mehr zu geben hat, kann er sich selbst verschenken und sich dadurch gewinnen.

Doch was bedeutet das für mich: meinen Lebenskarren, mein Herz, an einen Stern binden? Inwiefern kann das mein Leben formen?

Was wir verändern können – und was nicht

Jeder Mensch sieht sich in seinem Leben in bestimmte Umstände hineingestellt oder hineingeworfen. Einige davon sind veränderbar oder man kann ihnen entfliehen. Durch Engagement und Fleiß vermögen wir so manche Situation zu unserem Besseren zu wenden.

Und dann gibt es die Umstände, denen ein Mensch unausweichlich begegnen muss. Die nicht in seiner Hand liegen. Es gibt Situationen im Leben eines jeden von uns – große, herausfordernde oder ganz alltägliche –, die uns alles abverlangen und denen wir uns doch stellen müssen.

Die Last des Lebens

Da ist die Mutter, die das Gefühl hat, zwischen schlaflosen Nächten in Wäschebergen, Windeln wechseln und den tausend anderen Aufgaben ihres Alltags zu ertrinken. Die alles gibt, um liebevoll und geduldig ihren Alltag zu bewältigen und doch wieder und wieder an ihre Grenzen kommt. Dabei scheint keiner zu sehen, was sie jeden Tag leistet.

Oder die Frau, die bald ihren 35. Geburtstag feiern wird und die angesichts ihrer bislang erfolglosen Partnersuche Gefahr läuft, zu verbittern und sich selbst aufzugeben. Alles, was sie sich für ihr Leben erträumt hatte, bleibt ihr scheinbar verschlossen.

Da ist auch das Ehepaar, das seit Jahren vergeblich auf ein Kind wartet. Egal, was sie versucht haben: Ihr sehnlicher Wunsch bleibt unerfüllt. Sie verspüren Einsamkeit und ihnen fehlt die Perspektive.

Es gibt unzählige solcher Schicksale – von Menschen, die in Kriegsgebieten leben, in Gefangenschaft sind; von denen, die unter Armut und Hunger leiden, ganz zu schweigen. Jede dieser Personen hätte doch allen Grund, am eigenen Leben und dessen widrigen Umständen zu verzweifeln. Oder?

Den Blick erheben …

Die Größe des Menschen ist jedoch stärker als jedes noch so schwierige Schicksal. Denn der Mensch hat jeden Tag neu die Wahl, angesichts der Last auf seinen Schultern zu resignieren – oder gerade aus seinem Leid eine Chance werden zu lassen. Es geht darum, den Sinn im eigenen Leiden zu erkennen.

Der Begründer der Logotherapie Viktor E. Frankl in einer Aufnahme von 1965: „Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod“

Was wäre, wenn die überlastete Mutter sich entscheiden würde, jeden einzelnen Tag und jeden Handgriff, der auf sie wartet, aus reiner Liebe zu ihrer Familie zu leben? Wenn sich in ihrem Herzen die stille Gewissheit ausbreiten würde, dass das Ertragen all dieser Widrigkeiten letztlich dazu dient, ihren Kindern eine Heimat zu bieten? Dass in ihren Kindern durch ihre liebende Hingabe die Sicherheit verankert wird, bedingungslos geliebt zu sein?

Das unerschütterliche Wissen, eine Person zu haben, die stets mit einem warmen Herzen und offenen Armen für sie da ist. Einen Ort zu haben, an dem sie Wurzeln und Flügel geschenkt bekommen. Würde diese Frau dadurch nicht all ihren Aufgaben einen unendlich großen Wert verleihen? Obwohl sich nach außen hin nichts verändern würde, wäre für sie selbst doch alles anders.

… und Licht in die Welt bringen

Was wäre, wenn die alleinstehende Frau die mutige Entscheidung treffen würde, ihren Blick von ihrem eigenen Schmerz weg und hin zu den Menschen in ihrem Umfeld zu wenden? Wenn sie sich entscheiden würde, sich selbst an diejenigen zu verschenken, die in ihr Leben gestellt sind? Wenn sie ihre Schwester oder Freundin unterstützen würde – jene übernächtigte Mutter zum Beispiel –, wenn sie andere aufbauen würde und für sie da wäre, sich engagieren würde? Sie würde zu einer Bereicherung und Stütze im Leben von vielen werden. Zu einer Person, die durch ihre großzügige Liebe Licht und Freude in die Welt bringt.

Was wäre, wenn das kinderlose Ehepaar seine große Liebe zu Kindern dazu verwenden würde, regelmäßig die Kinder im benachbarten Kinderheim zu besuchen und ihnen Trost und Liebe zu schenken? Wenn die beiden ihre Herzen und Türen für die Kollegen, Freunde und Bekannten öffnen würden, die sich nach Zuspruch oder einem väterlichen Freund sehnen? Sie würden auf solche und ähnliche Weise die Chance ergreifen, jene Liebe, die sie so gern an eigene Kinder verschenken würden, anderen Menschen zu schenken.

Wieviel Erfüllung könnten sie erlangen, wieviel menschliche Nähe und Zuneigung empfangen und verschenken? Es wäre eine Art, die ersehnte Mutterschaft und Vaterschaft zu erleben, selbst wenn der Kinderwunsch für immer unerfüllt bleibt.

Was würde also passieren, wenn ich selbst mich aufrichte, mir Schweiß und Tränen aus den Augen wische und meinen Blick zu einem hellen Stern erhebe? Dem Stern, der für Ideale, für Wertvorstellungen und Lebensaufgaben steht, die weit über mich selbst hinausgehen.

Alles verlieren …

Die Entscheidung, das eigene Herz und das eigene Leben an einen solchen Stern zu binden, hat auf den ersten Blick einen unendlich hohen Preis. Denn mich selbst hohen Idealen, dem Dienst an anderen Menschen und Aufgaben zu verschreiben, bedeutet, viel mehr von mir selbst zu erwarten. Sogar sehr viel. Es kostet mich meine Bequemlichkeit. Es kostet mich die Ausrede, ich könne nichts Großes leisten, ich könne mich selbst nicht verschenken, weil ich verletzt wurde und mich um mich selbst kümmern muss.

Ich beginne dadurch, mich aus der Verhaftung mit einem alten Schmerz zu lösen – selbst, wenn dieser Schmerz mir vertraut oder irgendwie sogar liebgeworden ist, wenn er mir womöglich als Schutzschild gedient hat. Ich verschreibe mich damit der Herausforderung, auch scheinbar unbedeutende Aufgaben so gut wie möglich und in einer Haltung liebenden Dienens zu erledigen. Denn dadurch gewinnen sie an Wert und Sinn.

Mein Herz an einen Stern zu binden bedeutet, Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Wenn ich diesen Schritt gehe, gibt es kein Zurück mehr. Dann entscheide ich mich dazu, immer besser zu werden und mein altes Ich sterben zu lassen. Auch und gerade dann, wenn ich immer wieder daran scheitere.

… alles gewinnen

Was jedoch eigentlich geschieht, wenn ich mich dazu entscheide, mein Herz an einen Stern zu binden, ist eine der paradoxen und doch so einfachen Wahrheiten menschlichen Lebens. In diesem Moment, in dem ich alles aufgebe und mich einer höheren Sache verschreibe; in dem Moment, in dem ich von mir selbst weg und zu anderen hinschaue; in dem Moment, in dem ich mein eigenes Leid vergesse und beginne, das große Ganze zu sehen, ja, in diesem Moment gewinne ich mein eigenes Glück.

Mein Herz an einen Stern zu binden, das ist der entscheidende Augenblick, in dem ich aufhöre, um die Frage zu kreisen, was ich selbst von meinem Leben erwarte. Sondern in dem ich damit beginne, zu fragen, was das Leben von mir erwartet. Aus welchem Grund ich in die Situation gestellt bin, in der ich mich wiederfinde und an die Seite gerade der Menschen, die mich herausfordern.

An welchen Stern bindest du dein Herz?

Nichts schenkt so viel Zufriedenheit wie der Einsatz für eine Sache, die über mich selbst hinausgeht.

Was würde passieren, wenn du heute deinen Blick nach oben richtest und dein Herz an einen Stern bindest? Wofür steht dieser Stern, an den du deinen Lebenskarren, dein Ein und Alles binden möchtest? Was würde passieren, wenn du nicht mehr enttäuscht danach fragen würdest, was das Leben dir eigentlich hätte bieten sollen?

Sondern wenn du damit beginnen würdest, zu fragen: Was erwartet das Leben heute von mir?

 

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Kommentar
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Yobo
Vor 1 Monat

Vielen Dank, liebe Maria, für diesen HERAUSRAGENDEN Artikel - wirklich sehr beeindruckend. Danke für diese wahren und zu Herzen gehenden Worte und für diese mutigen und ermutigenden Zeilen. In etwas Größerem aufzugehen als man selbst ist, ist wahrlich das Schönste und Erfüllendste, was ein Mensch tun kann, ganz gleich wie die äußeren Umstände sind. Mögen viele Menschen durch diesen Artikel inspiriert und ermutigt werden, ihr Herz an einen Stern zu binden ;-) Jeder, der das tut, verändert nicht nur sein eigenes Leben, sondern die ganze Welt 💫

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Andreas Graf
Vor 1 Monat

Im Menschen sind gegensätzliche konträre Kräfte vorhanden, gute und böse Kräfte, die an der Seele zerren. Das ist ein ständiger Widerstreit. Böses kann nur Gutes besiegen, wohlwissend, dass die guten Kräfte immer stärker sind als die bösen Kräfte. Kann aber denn das Gute siegen, wenn nicht der bemüht wird, der die Liebe selbst ist, der die Seele letztlich trägt und stützt? Das scheint mir das große Übel unserer Zeit zu sein, nämlich die Gottvergessenheit. Wo die Liebe, das immanent Gute, nicht ist, da machen sich vielfältige Ängste und Seelenüberforderungen breit. Wenn wir die Metapher des Sterns mit Gott ersetzen, dann wird die Last erst leicht, dann verändert das den Blick. Der Blick nach oben verändert alles. "Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen." (Mt. 11, 28-29) Die positiv lebensbejahende gestimmte Psychologie von Victor E. Frankl und die Theologie können wunderbar harmonieren. Das ergibt die perfekte Seelsorge, bzw. Profemina-Beratung.

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Stiller Leser
Vor 1 Monat

Ein wunderschöner Artikel, der subtil wichtige Botschaften vermittelt, ohne sie den Lesern direkt vor die Nase zu setzen. Den Artikel werde ich meinen weniger gläubigen Freunden schicken!

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Andreas Graf
Vor 1 Monat

Im Menschen sind gegensätzliche konträre Kräfte vorhanden, gute und böse Kräfte, die an der Seele zerren. Das ist ein ständiger Widerstreit. Böses kann nur Gutes besiegen, wohlwissend, dass die guten Kräfte immer stärker sind als die bösen Kräfte. Kann aber denn das Gute siegen, wenn nicht der bemüht wird, der die Liebe selbst ist, der die Seele letztlich trägt und stützt? Das scheint mir das große Übel unserer Zeit zu sein, nämlich die Gottvergessenheit. Wo die Liebe, das immanent Gute, nicht ist, da machen sich vielfältige Ängste und Seelenüberforderungen breit. Wenn wir die Metapher des Sterns mit Gott ersetzen, dann wird die Last erst leicht, dann verändert das den Blick. Der Blick nach oben verändert alles. "Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen." (Mt. 11, 28-29) Die positiv lebensbejahende gestimmte Psychologie von Victor E. Frankl und die Theologie können wunderbar harmonieren. Das ergibt die perfekte Seelsorge, bzw. Profemina-Beratung.

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Yobo
Vor 1 Monat

Vielen Dank, liebe Maria, für diesen HERAUSRAGENDEN Artikel - wirklich sehr beeindruckend. Danke für diese wahren und zu Herzen gehenden Worte und für diese mutigen und ermutigenden Zeilen. In etwas Größerem aufzugehen als man selbst ist, ist wahrlich das Schönste und Erfüllendste, was ein Mensch tun kann, ganz gleich wie die äußeren Umstände sind. Mögen viele Menschen durch diesen Artikel inspiriert und ermutigt werden, ihr Herz an einen Stern zu binden ;-) Jeder, der das tut, verändert nicht nur sein eigenes Leben, sondern die ganze Welt 💫