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Kolumne „Ein bisschen besser“

Immerwährendes Schaumbad

In diesen Nächten des nicht enden wollenden Winters, in denen der Regen gegen die schrägen Dachfenster unserer Großstadtwohnung tropft, geben wir zu, dass wir nicht jeden Abend bei Rotwein und Kaminfeuer das Leben hochleben lassen.

Sondern manches Mal auf der ewigen Suche nach Ablenkung vom Sein oder Nichtsein, im niemals triumphalen Kampf gegen die überrollende Müdigkeit und in der stets enttäuschten Annahme, etwas wirklich Originelles zu entdecken, unsere Handys von oben nach unten und von links nach rechts durchwischen.

Als das jetzt wieder so war, hat meine Frau Judith mir die verwirrende Frage gestellt, ob ich eigentlich die Kontakte jener lösche, die zweifelsfrei gestorben seien. Sie tue es nicht, weil sie das Gefühl habe, jenen, die schon im Jenseits weilten, dann zusätzlich noch einen Tritt in den Hintern zu geben.

Also so direkt hat sie es nicht gesagt, aber es lief darauf hinaus, und ich halte es genauso. Ich lösche die auch nicht.

Das kleine Maschinchen in unseren Händen ist kein Zauberkasten

Dabei wissen wir: Dieses kleine Maschinchen in unseren Händen ist natürlich kein Zauberkasten mit direkter 5G-Verbindung ins Jenseitige. Vermutlich arbeiten sie bei der Telekom und Co. nicht einmal an so einem Projekt, aber wenn der Durchbruch doch überraschend kommen sollte und wir erreichen unsere Lieben im von hier so gesehenen Abseits – was wäre das für eine Begegnung!

Die einen räkeln sich vielleicht in Wolke sieben und sind etwas unwirsch, morgens gegen halb elf geweckt zu werden. Ich kenne das von Judith an den Sonntagen und nehme selbstverständlich auf ihre Wolke-sieben-Stimmung Rücksicht.

Andere befinden sich vielleicht in einem immerwährenden Schaumbad oder beim Zuhören der jauchzenden himmlischen Heere und haben ihren Klingelton ausgeschaltet.

Ins ewige Funkloch aufsteigen

Und wenn tatsächlich die Telekom das Projekt durchzieht, sind garantiert auch im Himmel Funklöcher, und wir landen auf dem Band: „Ich bin gerade gestorben und höre meine Nachrichten nur unregelmäßig ab.“

Ja, so male ich mir das Leben da oben aus, wobei ich zu der Generation gehöre, die manchmal nicht so sicher ist, ob es nicht ein bisschen besser wäre, dort oben einfach keinen Empfang zu haben. Sozusagen, wenn es soweit ist, ins ewige Funkloch aufzusteigen. Denn, wenn wir nicht mehr auf Empfang sind, könnten wir eben doch die Rotweinflasche öffnen, das Feuer entfachen, und solche Winterabende dürften getrost eine kleine Ewigkeit dauern.

Komm Judith, schalt aus für heute.

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